mini|hochkant=1.5|Blechdose „100 Stück Kugelzündhütchen Georg Egestorff Linden vor Hannover“ mit dem Logo eines Ankers und den Initialen G. E., der französischsprachige Hinweis „Marque G. E. No. 60“, darunter „6 Milimtr.;“ im Zentrum eine Gebirgslandschaft und eine eichenumrankte Zielscheibe mit Pistolen und Projektilen; 19. Jahrhundert

Die Egestorffsche ZündhütchenfabrikWaldemar R. Röhrbein: Egestorff – Georg E. Salzwerke, in: Stadtlexikon Hannover, S. 145f., hier: Abschnitt Zündhütchenfabrik, S. 146. (auch: Lindener Zündhütchen- und TonwarenfabrikPaul Hirschfeld: Die Lindener Zündhütchen- und Thonwaarenfabrik… (siehe Literatur) oder Zündhütchenfabrik Georg EgestorffAndreas-Andrew Bornemann: auf seiner Seite postkarten-archiv.de, zuletzt abgerufen am 9. November 2014) war ein zur Zeit des Königreichs Hannover von dem Industriellen Georg Egestorff gegründetes Unternehmen zur Produktion von Tontauben und Zündhütchen für Munition verschiedener Waffen und für Sprengstoff. Der Standort des Unternehmens lag an den heutigen Straßen Am Ihlpohl sowie an der damaligen Bornumer Straße am Fuß des Lindener BergesKarte der Stadt und Feldmark Linden, im Anschluss an die Königlich Preussische Landesaufnahme von 1887 bis 1891 aufgenommen von dem Stadtbauamt Linden, Linden im Gebiet der heute hannoverschen Stadtteile Linden-Mitte, Bornum und Badenstedt. Sowohl die Stadtkarte Linden von 1892 als auch der Pharus-Plan von 1907 zeigen zwei Standorte: einen kleineren ca. 200 m südlich des heutigen Sees am Ihlpohl () und einen größeren ca. 400 m südöstlich des Lindener Berges (nahe am heutigen Hornbach Markt, ).

Geschichte

mini|links|Reklamemarke mit einem Auerhahn als Erkennungszeichen für die nun als vormals Georg Egestorff bezeichnete Firma

mini|Reklame für Patronen der Marke Auerhahn der „Lindener Zündhütchen- und Thonwaaren-Fabrik, vorm. Georg Egestorff“ in Linden vor Hannover, „Abteilung Zündhütchen und Patronen-Fabrik“, 1910

mini|links|Stadtplan Hannover und Linden von 1901 (Ausschnitt) mit der Umrisszeichnung der „Zündhütchen und Thonwaren Fabrik“ am Südhang des Lindener Berges

Nach der Gründung der Saline Egestorffshall 1831/32, der Angliederung einer Chemischen Fabrik 1839 und 1856 seiner Ultramarinfabrik gründete Georg Egestorff 1861 nun auch eine Zündhütchenfabrik am Lindener Berg.Davon abweichend nennt die Stadt Ronnenberg auf Webseite Empelde als Standort der Zündhütchenfabrik im Jahr 1861; vergleiche Stephanie Harms (Verantw.): Empelde auf der Seite ronnenberg.de, zuletzt abgerufen am 4. September 2018 Da er jedoch durch die zu den Egestorffschen Ziegeleien in Empelde gehörenden Gruben genügend Ton zur Verfügung hatte, begann sein Unternehmen anfangs zunächst mit der Produktion von Tontauben, um diese nach Großbritannien für das dort gepflegte Tontaubenschießen zu exportieren.

Erst später begann Egestorff in seiner Fabrik, der nahe dem damaligen Ort Bornum auch ein Laboratorium angeschlossen war, mit der Produktion von für das Tontaubenschießen ebenfalls benötigten Zündkapseln. Hierfür konnte er Produkte weiterverarbeiten, die in den anderen Egestorffschen Werken anfielen. Die Qualität seiner Zündhütchen stellte er unter anderem mit Werkzeugmaschinen sicher, denen eine mathematische Genauigkeit testiert wurde. In den „mustergültig angelegten Werkstätten“ wurden jährlich rund 300 Millionen Zündhütchen und Metall-Patronen hergestellt, Flobert-Munition sowie Messing-Hülsen für Jagd- und Sportgewehre sowie für Gewehre des Militärs aller Systeme.

Bald wurde die Produktpalette um Zündsätze erweitert für den Gebrauch in Steinbrüchen und zum Bau von Eisenbahnlinien. Egestorffs für Dynamit, Schießbaumwolle oder andere Sprengstoffe verwendbare Zünder wurden „nach allen Weltteilen ausgesandt.“

Nach dem Tod Georg Egestorffs 1868,Franz Rudolf Zankl: Saline Egestorffshall bei Badenstedt. Gouache. Um 1835. In: Hannover Archiv, Bd. 6: Die Bürgerstadt, Blatt B7 ordneten die Erben seine Betriebe neu. Die Egestorffsche Zündhütchen- und Tonwarenfabrik wurde dadurch Eigentümer von Steinkohlebergwerken und Berechtsamen im Deister bei Wennigsen.deisterbergbau.de: , abgerufen am 4. September 2018

In der Egestorffschen Zündhütchenfabrik kam es im April 1877 im Ladehaus zu einer Explosion von mehr als 60.000 mit Knallquecksilber gefüllter Zündhütchen, durch die 5 Personen zum Teil schwer verletzt wurden.Otto Buchner: Explosive Substanzen (Fortsetzung), in Hermann Joseph Klein (Hrsg.): Gaea. Natur und Leben. Zentralorgan zur Verbreitung naturwissenschaftlicher und geographischer Kenntnisse sowie der Fortschritte auf dem Gebiete der gesamten Naturwissenschaften, Band 15, Köln; Leipzig: Eduard Heinrich Mayer, 1879, S. 113–118; hier: S. 115; Google-Books

Im Zuge der Gründerkrise wurde das Unternehmen 1879 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1913, im Jahr vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs, war das Unternehmen längst auf die Herstellung von kriegstauglichen Produkten umgerüstet worden. Wegen der „Gefährlichkeit der Produkte für die nahegelegene Bebauung“ wurde die Fabrik auf ein freies Feld bei Empelde verlegt.

Die Kohlebergwerke im Deister wurden 1920 an die Kaliwerke Friedrichshall verkauft. Zur Zeit der Weimarer Republik übernahm die Dynamit AG, vormals Alfred Nobel & Co. (kurz DAG) die Munitionsfabrik, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen wurde.

Bodenverseuchung

mini|Östlich der Eisenbahnlinie am großen Ihlpohl war eine weitere „Zündhütchen-Fabrik“ errichtet worden; Karte der Stadt und Feldmark Linden (Ausschnitt), hrsg. vom Stadtbauamt Linden, 1891

Im Bereich der ehemaligen Zündhütchenfabrik am Lindener Berg befindet sich heute zu Teilen die Kleingartenkolonie Am Ihlpohl, wo teilweise hohe Bodeneinträge von Quecksilber gefunden wurden, verursacht durch die ehemalige Munitionsproduktion. Auf Geländeteilen wurde im Auftrag der ThyssenKrupp Wohnimmobilien GmbH, Essen / ThyssenKrupp RealEstate unter der Überschrift „Kleingärten und Kinderspielplätze / Zündhütchenfabrik Hannover – Entwicklung eines Untersuchungskonzeptes und abschließende Gefährdungsabschätzung für die Kleingartenanlage "Am Ihlpohl" (Phase 1) und Ableitung einer vorzugswürdigen Maßnahmenvariante zur Gefahrenabwehr (Phase 2)“ im Zeitraum von 2004 bis 2005 Untersuchungen vorgenommen, für die es im Ergebnis unter anderem hieß:Dietmar Barkowski (inhaltl. Verantw.): Kleingärten und Kinderspielplätze / Zündhütchenfabrik Hannover – Entwicklung eines Untersuchungskonzeptes und abschließende Gefährdungsabschätzung für die Kleingartenanlage "Am Ihlpohl" (Phase 1) und Ableitung einer vorzugswürdigen Maßnahmenvariante zur Gefahrenabwehr (Phase 2) auf der Seite ifua.de der IFUA-Projekt-GmbH, zuletzt abgerufen am 9. November 2014

Literatur Paul Hirschfeld: Die Lindener Zündhütchen- und Thonwaarenfabrik in Linden bei Hannover, In: Hannovers Grossindustrie und Grosshandel, geschildert von Paul Hirschfeld mit Unterstützung des Königlichen Oberpräsidiums und der Provinzialbörden der Provinz Hannover, hrsg. von der Deutschen Export Bank Berlin, Leipzig: Duncker & Humblot, 1891; S. 184; Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek Waldemar R. Röhrbein: Egestorff – Georg E. Salzwerke. In: Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.) u. a.: Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2009, ISBN 978-3-89993-662-9, S. 145f., hier: Abschnitt Zündhütchenfabrik, S. 146.

Weblinks

Dietmar Barkowski (inhaltl. Verantw.): Kleingärten und Kinderspielplätze / Zündhütchenfabrik Hannover – Entwicklung eines Untersuchungskonzeptes und abschließende Gefährdungsabschätzung für die Kleingartenanlage "Am Ihlpohl" (Phase 1) und Ableitung einer vorzugswürdigen Maßnahmenvariante zur Gefahrenabwehr (Phase 2) auf der Seite ifua.de der IFUA-Projekt-GmbH, zuletzt abgerufen am 9. November 2014 Aaron Newcomer: 9mm Pinfire Cartridge Box, Fotografien einer Pappschachtel mit Lefaucheux-Revolver-Patronen aus der Zündhütchenfabrik von Georg Egestorff, Linden vor Hannover

Anmerkungen

Einzelnachweise

Kategorie:Ehemaliges Unternehmen (Hannover) Kategorie:Rüstungshersteller (Deutschland) Kategorie:Chemieunternehmen (Deutschland) Kategorie:Sprengstoffhersteller Kategorie:Munitionshersteller Kategorie:Unternehmensgründung 1861 Kategorie:Linden-Mitte Kategorie:Badenstedt Kategorie:Bornum (Hannover) Kategorie:Organisation (Ronnenberg) Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Hannover Kategorie:Aufgelöst im 20. Jahrhundert Kategorie:Umweltschäden Kategorie:Egestorff (Familie) Kategorie:Produzierendes Unternehmen (Hannover)