mini|Beispiel eines kurzen Geburtsplans für eine „eingriffsarme“ Geburt
In einem Geburtsplan legen Schwangere oder werdende Elternpaare ihre Wünsche und Bedürfnisse für den Ablauf der Geburt ihres Kindes offen. Er kann von den Eltern frei verfasst werden oder auf einem Vordruck einer Klinik beruhen.M. Moore, U. Hopper: Do Birth Plans Empower Women? Evaluation of a Hospital Birth Plan. In: Birth. Volume 22, Issue 1, März 1995, S. 29–36.
Ziele eines Geburtsplans sind:P. P. Simkin, C. Reinke: Planning Your Baby’s Birth. International Childbirth Education Association, 1980.P. P. Simkin: Birth Plans: After 25 Years, Women Still Want To Be Heard. In: Birth. 34, 1, March 2007, S. 49–51.P. Perez: Birth Plans: Are They Really Necessary? In: MCN: American Journal of Maternal Child Nursing. Volume 30, Issue 5, September/Oktober 2005, S. 288. sich mit der bevorstehenden Geburt auseinanderzusetzen und vor Beginn der Geburt informierte Entscheidungen über ihren gewünschten Ablauf zu treffen, die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen werdenden Eltern und Geburtshelfern zu verbessern und das Geburtserlebnis näher an die elterlichen Vorstellungen zu rücken.
Schriftliche Geburtspläne gab es erstmals in den 1980er Jahren, nachdem Geburten im Lauf des 20. Jahrhunderts zunehmend im Krankenhaus durchgeführt wurden. Mit Geburtsplänen wollten Frauen eine aktivere Rolle bei der Planung ihrer Geburt einnehmen.Sue Brailey: Geburtsplan. auf: hebamme.ch. 4. Oktober 2006. Geburtspläne können den Wunsch nach bestimmten Interventionen zum Ausdruck bringen (zum Beispiel Periduralanästhesie oder Wunschkaiserschnitt) oder den Wunsch bestimmte Interventionen zu vermeiden.J. Lothian: Birth Plans: The Good, the Bad, and the Future. In: Journal of Obstetric, Gynecologic, & Neonatal Nursing. Volume 35, Issue 2, März 2006, S. 295–303. Ein Geburtsplan senkt die Notwendigkeit, unter Druck Entscheidungen fällen zu müssen. Psychologische Funktion Geburtspläne haben in erster Linie eine psychologische Funktion, wobei die Schwangere sich ein Gefühl der relativen Kontrolle verschaffen kann. Das Gefühl, die Kontrolle über den Geburtsvorgang zu haben, ist ein Faktor für die Zufriedenheit mit der Geburt.Goodman u. a.: ... 2004 (zitiert nach Sue Brailey: Geburtsplan. auf: hebamme.ch, 4. Oktober 2006)P. Simkin: Just another day in a woman's life? Women's long-term perceptions of their first birth experience. Part I. In: Birth (Berkeley, Calif.). 18(4), 1991, S. 203–210.E. D. Hodnett: Pain and women's satisfaction with the experience of childbirth: a systematic review. In: American Journal of Obstetrics and Gynecology. 186(5 Suppl Nature), 2002, S. S160–S172. Je höher die Erwartungen an die Geburt sind, umso positiver ist statistisch gesehen das Geburtserlebnis, während geringe Erwartungen die Frauen eher unzufrieden mit der Geburt sein lassen.Green, Coupland u. a. 1990, zitiert nach Sue Brailey: Geburtsplan. auf: hebamme.ch. 4. Oktober 2006.
Verfassen und Anwenden eines Geburtsplanes Wünschen die Eltern eine möglichst gute Kooperation mit den Geburtshelfern, so wenden sie sich am besten schon vor der Geburt an sie. Sie sprechen Vorzüge, Wünsche und auch Befürchtungen durch, die sie im Geburtsplan festhalten. Dies schafft eine Kommunikationsbasis, die dem vorbeugt, dass sich Geburtshelfer unter Druck gesetzt fühlen.J. V. Welsh, A. G. Symon: Unique and proforma birth plans: a qualitative exploration of midwives׳ experiences. In: Midwifery. 30(7), Jul 2014, S. 885–891.K. Baird: Customer service in health care: A grassroot approach to creating a culture of service excellence. Jossey-Boss Publishers and Health Forum, 2000. Andererseits reduziert es Ängste aufseiten der Eltern und ermöglicht ihnen, sich über die Gegebenheiten in der Einrichtung zu informieren. Es macht sie mit ihren Wahlmöglichkeiten bekannt und schafft eine Basis für weitere Information.T. Kaufmann: Evolution of the birth plan. In: Journal of Perinatal Education. 16(3), 2007, S. 47–52.
Bei den Punkten, die für die Frauen wichtig sind, können gemeinsam mit den Geburtsbetreuern Informationen zu wissenschaftlicher Evidenz zusammengetragen werden. Auf dieser Basis können Entscheidungen diskutiert sowie Gefühle und Konsequenzen reflektiert werden.Y. Widmer: Der Geburtsplan - Ein geeignetes Instrument, um das Empowerment zu fördern? Facharbeit im Studiengang Hebamme HF, Berner FH Gesundheit, 2007.
In Folge solcher Gespräche haben die Eltern eine bessere Vorstellung davon, ob ihre Vorstellungen mit denen der Geburtseinrichtung in Einklang gebracht werden können – oder ob sie sich auf die Suche nach einer anderen Einrichtung, anderen Geburtshelfern oder einer anderen Umgebung (Krankenhaus, Geburtshaus, Hausgeburt) begeben wollen.
Die Eltern oder die Mutter verfassen dann den Geburtsplan der Geburt ihres Kindes. Ein freundlicher, höflicher Ton wird empfohlen. Der Plan sollte flexibel gehalten sein, sodass sich Handlungsmaßstäbe ergeben sowohl für eine komplikationslose Geburt als auch für schwierige Situationen. Für den Fall eines Kaiserschnitts kann beispielsweise ein gesonderter Plan angefertigt werden.P. P. Simkin: Birth Plans: After 25 Years, Women Still Want To Be Heard. In: Birth. 34, 1, March 2007, S. 49–51. Es wird empfohlen, den Plan nicht länger als eine Seite zu halten, da so die Wahrscheinlichkeit steigt, dass er auch gelesen wird.
Erscheint die Mutter zur Geburt in der Einrichtung, so wird der Plan zur eigenen Akte gelegt. Bei Wechsel des Personals wird erneut auf die Existenz des Geburtsplans hingewiesen.
Sowohl Mütter als auch Geburtshelfer sehen im Geburtsplan einen gültigen Handlungsmaßstab und eine Grundlage der gemeinsamen Kommunikation.M. Aragon u. a.: Perspectives of expectant women and health care providers on birth plans. In: Journal of Obstetrics and Gyaecology Canada. 35(11), Nov 2013, S. 979–985. Er ist jedoch ein flexibles Dokument, das den Umständen und dem Kommunikationsfluss angepasst werden muss. Im besten Fall überlegen Frauen nicht nur, wie ihre ideale Geburt aussieht, sondern auch, wie bei Komplikationen verfahren werden soll, etwa bei lang dauernder Eröffnungsphase oder bei medizinisch indiziertem Kaiserschnitt.
Inhalte Typische Themenbereiche von Geburtsplänen sind: Geburtsort (zu Hause, Geburtshaus, Klinik) Wahl des Betreuers (Hebamme, Arzt, Doula) Schmerzbehandlung (Anästhesie) Interventionen (Untersuchungen, Abhören der kindlichen Herztöne, Dammschnitt, Flüssigkeitszufuhr, Verabreichung von Hormonen) Komfort (Umhergehen während der Wehen, Gebärpositionen, Wassergeburt) Behandlung des Neugeborenen nach der Geburt (z. B. Stillen, Zufüttern, Hautkontakt, Medikamente/Supplemente) Atmosphäre (Privatsphäre, Beleuchtung) sonstige Bedürfnisse (z. B. religiöse oder kulturelle Anforderungen, Behinderungen, Phobien) stationäre oder ambulante Geburt, Dauer des Klinikaufenthaltes, Art des Zimmers auf Wochenstation Einfluss auf das Geburtsergebnis Subjektiv: Es gibt Studien, denen zufolge Geburtspläne die Geburtserfahrung der Frauen verbessert haben und dass sie vermehrt das Gefühl der Kontrolle über den Geburtsablauf hatten. Ihre Erwartungen an die Geburt wurden in höherem Maße erfüllt als bei einer Kontrollgruppe ohne Geburtsplan.K. Su-Chen, L. Kuan-Chia u. a.: Evaluation of the effects of a birth plan on Taiwanese women's childbirth experiences, control and expectations fulfilment: A randomised controlled trial. In: International Journal of Nursing Studies. Volume 47, Issue 7, Juli 2010, S. 806–814. Einige Frauen geben an, dass der Geburtsplan ihnen ein besseres Verständnis vom Geburtsablauf und medizinischen Wahlmöglichkeiten gebe. Einige fanden, dass sie dadurch besser ihre Wünsche und Vorzüge ausdrücken konnten, dass die Kommunikation mit dem Klinikpersonal verbessert wurde und dass ihr Selbstvertrauen gestärkt wurde. Für die Geburtshelfer ergab sich in derselben Studie, dass Geburtspläne ein kritisches Überdenken von gängigen Praktiken ermöglichte. Sie förderten Vielfalt und verbesserten die Qualität der Geburtshilfe im Sinne der Patientenrechte und -Vorzüge. In beiden Studien waren klinisch vorgefertigte Geburtspläne die Grundlage. Es ist unklar, ob von den Eltern selbst erstellte Geburtspläne dieselbe Wirkung haben.
Einer Studie zufolge verbessern Geburtspläne nicht die Beziehung zwischen Gebärenden und Personal, sondern irritieren das Personal und wirken sich negativ auf die geburtshilflichen Ergebnisse aus. Einer anderen Studie zufolge empfanden Frauen ihre Wahlmöglichkeiten als „illusorisch und weitgehend oberflächlich“; Geburtspläne „ermöglichten den Frauen nicht, mehr Kontrolle über die Geburt zu haben“. Das Gefühl, unterbewertet und nicht unterstützt zu werden, sei weitgehend das Ergebnis einer ineffektiven, autoritären, paternalistischen Kommunikation, die nicht dazu beitrug, Vertrauen zu entwickeln, Ziele zu setzen oder Entscheidungen zu treffen. Obwohl Frauen schriftliche Geburtspläne als hilfreich empfinden, deuten die meisten Untersuchungen darauf hin, dass es keine Unterschiede gibt zwischen Frauen, die einen schriftlichen Geburtsplan haben, und jenen, die keinen haben. Das gilt sowohl in Bezug auf Angst, Schmerzen oder allgemeine Erfahrungen als auch auf das Gefühl der Kontrolle. Eine weitere Studie berichtet über ein vierfach erhöhtes Risiko einer operativen Entbindung bei Frauen, die Geburtspläne verwenden.
Quantitativ: Es können keine Aussagen zu messbaren Ergebnissen (wie Kaiserschnittrate, Dammschnittrate) gemacht werden, da sich Studien widersprechen.Frauen mit Geburtplan hatten vergleichsweise seltener Kaiserschnitte und häufiger eine PDA. E. Hadar, O. Raban u. a.: Obstetrical outcome in women with self-prepared birth plan. In: Journal of Maternal-Fetal and Neonatal Medicine. 25(10), Okt 2012, S. 2055–2057Frauen mit Geburtsplan hatten gleich viele Kaiserschnitte und seltener eine PDA. S. H. Deering u. a.: Patients presenting with birth plans: a case-control study of delivery outcomes. In: The Journal of Reproductive Medicine. 52(10), 2007, S. 884–887. Es konnten keine negativen Auswirkungen auf das Geburtsergebnis für Mutter und Kind nachgewiesen werden.Hidalgo-Lopezosa u. a.: Are birth plans associated with improved maternal or neonatal outcomes? In: MCN: American Journal of Maternal Child Nursing. 38(3), Mai-Jun 2013, S. 150–156. Es fehlen groß angelegte Studien, um konkrete Aussagen zum Einfluss von Geburtsplänen zu machen. Das Ergebnis hängt sehr von der Art des Planes ab (individuell, übernommene Vorlage aus dem Internet oder Vordruck der Geburtseinrichtung), von der jeweiligen Geburtseinrichtung (in vielen Studien nur je eine einzige) und der Kommunikation zwischen Eltern und Geburtshelfern im Vorfeld der Geburt.
Grenzen und Nachteile eines Geburtsplanes
Ein Geburtsplan kann natürlich nicht den Verlauf der Geburt vorherbestimmen. Er kann lediglich Orientierung geben, was von den Geburtshelfern erwartet wird, in Abhängigkeit dessen, was eintritt. Basis ist, dass sich die Eltern im Vorfeld umfassend über die Möglichkeiten informiert haben und darauf aufbauend Entscheidungen treffen. Es kann zu Enttäuschungen seitens der Eltern kommen, wenn die gesetzten Ziele nicht erreicht werden konnten. Im Gespräch mit der geburtshilflichen Einrichtung stellt sich oft heraus, dass manche Dinge relativiert werden müssen, da sie nicht garantiert werden können. Geburtshelfer bemängeln, dass manche Eltern unflexibel oder kompliziert werden, wenn auch nur die kleinste Abweichung von ihrem Plan notwendig wird.
Bei der Erstellung eines Geburtsplans wird in der Regel nicht geprüft, ob die Erwartungen angesichts der Unvorhersehbarkeit auch wirklich sinnvoll und realistisch sind.