In den ersten drei Wochen des Novembers 2014 suchte eine Serie von Tiefs mit Föhnsturm und Starkregen den Alpenraum und Italien heim. Es kam zu schweren Schäden und mehreren Todesopfern. Die Schäden werden alleine in Italien in Milliardenhöhe geschätzt.Unwetter Italien: Schäden in Milliardenhöhe, orf.at, 17. November 2014.
Meteorologie Entstehung und Wetterlagen Die Serie von Wetterereignissen wurde von sechs Tiefdruckgebieten ausgelöst, einem Tief über den Britischen Inseln, Pia, einem in Folge entstandenen Italientief Qendresa, einem weiteren Atlantiktief Roswitha, einem in derselben Art entstandenen, namenlos gebliebenen Italientief und einem folgenden Atlantiktief Stephanie/Thea mit zwei ebenfalls namenlosen Teil- und Folgetiefs über den Alpen. Zwischen den Atlantiktiefs stellten sich jeweils weiträumige Einbrüche polarer Kaltluft über dem Atlantik und kräftiger Scirocco über dem Mittelmeer ein.
mini|hochkant=1.4|Höchste gemessene Temperatur 2.–8. Nov.: An die 25 °C nördlich der Alpen und an die 30 °C in Albanien und Siebenbürgen; das Hochgebirge zeichnet sich wegen der Föhnschneisen nicht als Temperaturzone ab(grobe Daten, NOAA-NWS) Pia bildete sich schon am 28. Oktober über dem mittleren Nordatlantik als Auspfropfung eines Grönlandtiefs und zog Richtung britische Inseln. Über Osteuropa und dann über dem Schwarzen Meer lag ein mächtiger Hochdruckkomplex Pitter/Quinn, was zu einer gewissen Blockadesituation führte. Pia zerfiel erst am 5. November über der Nordsee in einen Höhentiefkern.
Dadurch stellte sich über dem Festland an der Vorderseite des Tiefs eine mächtige Störungszone ein, die zeitweise als Wolkenband von Nordafrika bis Nordskandinavien und in das Weiße Meer reichte. Dort regnete es intensiver.Föhnsturm und Dauerregen. Warnlagebericht vom 4. November 2014, unwetteralarm.com, 4. November 2014. Die Druckdifferenzen zwischen den beiden Alpenseiten erreichten etwa 12 hPa.Bei etwa 4 hPa entsteht Föhn, bei 8 hPa schlägt er in die Talungen durch. In Folge kam es vor dem Frontsystem in den Alpen am 3., 4. und 5. November (Montag bis Mittwoch) zu einem extremen Föhnorkan. Dieser erreichte auf dem La Masse () in den französischen Alpen, am Titlis (), in Gütsch ob Andermatt () und am Piz Martegnas () in der Schweiz wie auch auf dem Tiroler Patscherkofel () Spitzen über 180 km/h, selbst Tallagen verzeichneten 130 km/h, das Voralpenland noch 100 km/h. Die Nachttemperaturen blieben beispielsweise in Saint-Maurice VS und Altenrhein SG nur knapp unter 20 °C, also einer Tropennacht.
An der Rückseite des Tiefs drangen über die Iberische Halbinsel feuchtkühle Luftmassen südwärts, mit Hagel in der ExtremaduraAutos versinken im Hagel, oe24.at, 3. November 2014. und Regen in Marokko. Parallel entstand durch die Störung an den Südalpen ein Tief, Qendresa benannt, das über das Ligurische Meer zog. Die klassische frühe V-Wetterlage (Tief südlich der Alpen) brachte ab 4. große Regenmengen nach Mittel- und Norditalien, in die Meeralpen und die Alpensüdseite, mit Niederschlagssummen bis 450 Liter pro Quadratmeter in 48 Stunden.
mini|Tief Qendresa (I) am 7. November 2014 um 12:10 Uhr (NASA/GSFC) mit Medicane-Tendenzen Das Folgetief Roswitha bei Island ließ den Föhn am 6. November vorübergehend zusammenbrechen, mit heftigem Schneefall am Alpenhauptkamm und bis in Tallagen. Qendresa bildete zeitweise eine Vb-ähnliche Charakteristik mit einem Nebenkern über dem Baltikum aus (Qendresa II), ein südlich Sizilien gelagerter Folgekern (Qendresa I) kurzfristig sogar Hurrikan-artige Strukturen (Medicane).Jeff Masters: Rare Medicane Hits Malta and Sicily With Tropical Storm-Like Conditions, in wunderground.com, 7. November 2014.Medicane sullo Stretto di Sicilia. Analisi. CNMCA, 13. November 2014, auf MeteoAM.it → Notizie.meteoschweiz.admin.ch: meteoschweiz.admin.ch: Damit verlagerten sich Sturm und Niederschlag zunehmend auch nach Süditalien bis Malta. Auf Sizilien erreichten die Böen 140 km/h, es traten Tornados auf. Über der Adria blies heftiger Jugo, mit Temperaturen bis 25 °C (Senju, Kroatien) und Böen über 110 km/h (Vis). Die beiden Qendresa-Kerne zerfielen über Griechenland (Vd-Tief nach Bebber) und Nordrussland. An der Ägäis intensivierte sich das alte Mittelmeertief noch einmal, es kam auch dort am 9. November zu heftigem Niederschlag.
Um den Sonntag, den 9. November, stellte sich weitgehend dieselbe Wetterlage ein wie fünf Tage zuvor: Roswitha alterte über Nordsee und Skandinavien, am Atlantik rückte Tief Stephanie vor, Kaltluft drang dazwischen bis über Gibraltar hinaus vor, ein mächtiges Osteuropahoch erzeugte eine Blockadesituation, und über Südfrankreich bildete sich am Südalpenrand neuerlich ein Tief in der auftreffenden Kaltfront. Über den Alpen setzte wieder Föhn ein, mit Temperaturen nördlich der Alpen an die 20 °C, blieb aber in den Geschwindigkeiten moderater, die Südstürme verlagerten sich diesmal an der oberen Adria. Im Raum Südalpen–Meeralpen–Italien kam es zu einem neuerlichen Hochwasserereignis, das noch intensiver war als zuvor. Im Centovalli (Station Camedo) wurden wieder 400 mm/48 h gemessen. Das Mittelmeertief verlagerte sich dann wiederum in die Straße von Sizilien. Auch vom mächtigen Tief Stephanie, am 6. bei Neufundland entstanden und noch über den zentralen Atlantik, lief eine Kaltfront an die Alpen, erzeugte erneut Nordföhn und ein Mittelmeertief an den Meeralpen, Stephanie II benannt. Dieses vereinigte sich mit dem vorherigen Italientief und zeigte wieder kurz Vb-Charakteristik über den Ostalpen, die aber ohne sonderliche Auswirkung blieb. Abermals gab es Tornados, und zwar drei in Apulien, die teils die Kategorie F2 der Fujita-Skala (180 km/h) erreichten. Die Adria meldete Sturm bis 100 km/h, der Regen am Balkan konzentrierte sich in Dalmatien. Dieses Tief/Höhentief-System zog wieder über Griechenland ab.
Am 14. November bildete die zweite Kaltfront des weithin ortsfest nordwestlich von Irland stehenden Tiefs Stephanie – das blockierende Russlandoch Robin hatte sich bis Nordskandinavien aufgedehnt – ein viertes Tief über Südfrankreich aus (ebenfalls unbenannt geblieben), das ein drittes klassisches Föhn-Südstau-Ereignis verursachte. So erreichten am 15. die Temperaturen in Vaduz um 3 Uhr in der Nacht über +19 °C und der Wind wieder bis über 90 km/h im Tal (Spitze 123 km/h Gütsch ob Andermatt) Wieder waren dieselben Gebiete wie in den Vortagen von intensiven Starkregen betroffen, mit 215 mm/24 h in Génolhac (Cevennen), bis 200 mm/24 h in Port Grimaud (Var) und über 170 mm in nur wenigen Stunden am Rio Basco bei Genua und in 48 h im Südtessin. Das treibende Tief Stephanie, zu der Zeit schon 10 Tage alt, zerfiel in mehrere Kerne, von denen einer sich neu formierte (und fortan Thea genannt wurde), bald aber wieder über Nordfrankreich zerfiel. Anders als bei den vorangegangenen Ereignissen blieb das Südfrankreichtief über dem Zentralalpenraum hängen und verlor sich dann im Sog Theas. Dieses Tief verlor sich um den 21. des Monats über dem Schwarzen Meer.
Am 16./17. bildete sich wiederum ein (unbenanntes) Tief über Südfrankreich, das vergleichsweise rasch über Ligurien hinweg die Alpen überquerte und sich am 19. November über Tschechien verlor. Dieses Tief hatte weiteren lokal intensiven Niederschlag auch an der Balkanseite der oberen Adria zur Folge.
(alle grobe Daten, NOAA-NWS)
Klimatische Zusammenhänge Eine ähnliche Situation mit Südföhn und Starkregen südlich der Alpen hatte es schon Mitte des Vormonats gegeben (Tief Dagmar, Rekordtemperaturen nördlich der Alpen um den 9. Oktober,meteoschweiz.admin.ch: Erdrutsche und Hochwasser im Tessin, blick.ch, 14. Oktober 2014.Höchste gemessene Oktobertemperaturen 9. Okt. mit 28,3 °C in Vorarlberg; Einer der wärmsten Oktober der Messgeschichte, ZAMG, 30. Oktober 2014. schwere Fluten in Südfrankreich, Mittel- und Norditalien,Unwetter in Norditalien: Überschwemmung in Parma, orf.at, 14. Oktober 2014; Weitere Unwetter in Italien, faz.net, 14. Oktober 2014; → Alluvione di Genova del 9 e 10 ottobre 2014, italienische Wikipedia im Tessin, in Slowenienat.wetter.com: ). Die mächtigen südwestlichen Höhenströmungen um Ende OktoberDazwischen ein Stum, ex-Hurrikan Gonzalo: mit weiterhin abnormer Wärme in Mitteleuropa waren mit schweren Fluten in Norwegen verbunden.Hochwasser riss in Norwegen Dutzende Häuser mit, krone.at, 31. Oktober 2014.
Nach zwischenzeitlicher StabilisierungDas folgende Tief Uschi war noch über dem Atlantik zerfallen, ein Azorentief führte Regen nach Nordspanien; das Tief Vanja zog klassisch nach Skandinavien. kam es ab 24. November mit dem Mittelmeertief Medea (Xandra) zu einem über zwei Wochen andauernden weiteren Ereignis mit abermals großen Regenmengen von Südfrankreich bis Griechenland, mit einem Eisregen von Böhmen bis Ungarn, und 8 weiteren Todesopfern.
mini|hochkant=0.8|Nuri am Übergang zur extratropischen Phase, 4. Nov. mini|hochkant=0.8|Kälte in Nordamerika, 17. Nov. Grund für diese Wetterereignisse ist, dass der Jet Stream gerade stark oszilliert. Nordatlantische Oszillation (NAO) wie auch Arktische Oszillation (AO) zeigen große Schwankungsbreite. Beim Novemberereignis zog der Jetstream, der regulärer Weise ostwärts weht, über Mitteleuropa beinahe in Süd-Nord-Richtung durch. Dadurch bricht die Westwinddrift weitgehend ab, und die Wettersituationen bleiben auch dann ortsfest, wenn die Aktionszentren wechseln.Kälte und Schnee in Sibirien und Nordamerika, wetter24.de, 15. November 2014 (mit Wetterkarten zur Lage). Die beiden Großwetterlagen um den 4./5. und 9./10. waren sich meteorologisch so ähnlich, dass MeteoSwiss von „copy-paste“-Wetter sprach.
Diese großklimatische Lage ist in den letzten Jahren mehrmals eingetreten, wobei sich dann auf der ganzen Nordhalbkugel Extremereignisse häufen, indem sich Niederschlag und Trockenheit respektive Wärme- und Kälteanomalien regional konzentrieren. So fand zeitgleich in Nordamerika einer der stärksten frühen Wintereinbrüche der Messgeschichte→ :en:November 2014 North American cold wave; :en:November 17–21, 2014 North American blizzard statt (−33 °C in Casper, Rocky Mountains; 0°-Grenze an den Golf von Mexiko in Texas und in Louisiana; über 1 m Schnee an den Großen Seen). Parallel herrschte am Nordpazifik genauso Südströmung wie in Europa, mit abnormen +2 °C in Alaska.Etats-Unis : vague de froid exceptionnellement précoce, MeteoFrance Actualités, 14. November 2014. Dieses Ereignis dauerte vom 8. bis zum 23. des Monats. Über Sibirien lag der zweite Kaltluftkörper fest, hier war es mit Temperaturen bis −20 °C etwa am Ob und Gebieten Zentralasiens und −40 °C in Nordsibirien weitaus zu kalt für die Jahreszeit. Über dem Pazifik lag zu der Zeit der Taifun Nuri vor Ostasien,→ :en:Typhoon Nuri (2014) der zweitstärkste des Jahres, der in seiner Spätphase auch Bering Sea Bomb Cyclone genannt wurde, weil er durch eine sich explosiv entwickelnde enorme Hochdruckanomalie über der Beringsee geprägt war. Er führte in seiner Spätphase die Kaltluft nach Nordamerika.
Abschätzung der Jährlichkeit Während nördlich der Alpen – trotz des insgesamt völlig verregneten Sommers – ein relativ trockenes Jahr herrschte, wurden südlich der Alpen teils noch nie verzeichnete Regenmengen gemessen.
Am Plöckenpass wurde mit 430 l/m² von Dienstag, 4. bis Donnerstag, den 6. früh und knapp 500 l/m² bis Freitag, 7. November früh ein etwa 60–80-jährliches Extremereignis verzeichnet. In Camedo im Tessin kam in 15 Tagen vom 2. bis zum 16. November eine Niederschlagssumme von 1045 mm zusammen, knapp weniger als der Rekordwert November 2002 (1122 mm/15 d, Messungen seit 1961, in dieser Zeit der dritthöchste Wert), in Lugano etwas südlicher in derselben Zeit mit 515 mm deutlich weniger, aber in der 151-jährigen Messreihe das ebenfalls drittstärkste Ereignis (Oktober/November 1928 547 mm, Oktober/November 1896 543 mm, November 2002 505 mm). Damit bewegt sich der Regen auch hier in der Gegend eines 50-jährigen Ereignisses.