mini|hochkant=1.3|Zustand des Bunkers im Jahr 1987
Der Anhalter Hochbunker ist ein ehemaliger Luftschutzbunker der Deutschen Reichsbahn im Berliner Ortsteil Kreuzberg auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs (heute mit Zugang in der Schöneberger Straße 23a).
Im Rahmen des Führer-Sofortprogramms vom 10. Oktober 1940 wurden an ausgewählten verkehrsreichen Zentren Bunker für Passanten, Reisende und Anwohner errichtet. Auf Erlass des Reichsluftfahrtministeriums vom 2. November 1940 wurde die Reichsbahn verpflichtet, auf allen Bahnhöfen Schutzräume für die Reisenden zu schaffen.Bauwesen und Luftschutz, S. 292. Daraufhin wurde auch der Hochbunker am Anhalter Bahnhof geplant. „In einem Aktenvermerk über die Besprechung im Luftgaukommando III am 15. August 1941 heißt es: ‚Der bombensichere Bunker am Anhalter Bhf. wird als besonders vordringlich festgelegt, da künftig mit Angriffen besonders auf das Zentrum der Reichshauptstadt zu rechnen ist.‘“Harald Neckelmann: Anhalter Bunker Berlin, Berlin Story Verlag, Berlin 2014, S. 29. Er war für eine Belegung mit 3000 Personen ausgelegt und diente als Schutzbunker bei alliierten Luftangriffen für Fahrgäste und Personal des Anhalter Bahnhofs sowie über einen unterirdischen Zugang auch für Bedienstete des ehemaligen Postamtes SW 11 an der Möckernstraße.Nord-Süd-Bahn. Vom Geistertunnel zur City-S-Bahn. Erarbeitet unter Mitwirkung des Vereins Berliner Unterwelten und des Kreuzberg-Museums. Signal-Sonderausgabe. Hrsg.: Berliner S-Bahn-Museum GbR. Verlag: Gesellschaft für Verkehrspolitik und Eisenbahnwesen (GVE), Berlin 1999, ISBN 3-89218-059-8, S. 43, Lageplan S. 42: Archiv Berliner Unterwelten.
Bau und Bauwerk mini|Grundriss des 1. Untergeschosses
Der Bau des Anhalter Hochbunkers begann zum Ende des Jahres 1941,Zwei mit dem 22. Dezember 1941 datierte Fotografien von Max Krajewski mit Überblick über die Baustelle, Deutsches Technikmuseum Berlin (DTMB) Fotoarchiv, S. 21. die beiden Untergeschosse mit der ebenerdigen Deckplatte waren im Frühjahr 1942 eingebracht,Foto-Serien von M. Krajewski vom 22. April 1942 und 18. Mai 1942, DTMB Fotoarchiv, S. 22. am 21. Juli 1942 stand die Armierung für die Obergeschosse und am 9. Oktober 1942 war das Bunker-Gebäude fertiggestellt.Fotos mit den Datierungen von M. Krajewski, DTMB Fotoarchiv, S. 23. Ein Teil der Aufnahmen befindet sich auch im Begleitband zur Ausstellung vom 2. März bis 27. Juni 2010: Katharina Steiner: Max Krajewski – Architekturfotograf zwischen Handwerk und Kunst. Mit Beiträgen von Michael Neumann und Jörg Schmalfuß. Hrsg.: Deutsches Technikmuseum Berlin, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2010, S. 54, 55 und S. 62, ISBN 978-3-8030-0722-3. „In der obersten Etage lagen die Zimmer für den Reichsbahnpräsidenten, Pressezimmer und Zimmer für die leitenden Angestellten.“ Dort lagen auch Räume mit Arbeitsplätzen für Schreibkräfte nebst Telefonzellen sowie zahlreiche „Maschinenräume“.Harald Neckelmann: Anhalter Bunker Berlin. Berlin Story Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-95723-031-7, S. 30 sowie Grundriss des obersten, fünften Geschosses im Anhang, S. 104 f. Über eine Belegung durch die Reichsbahnführung in der Kriegszeit gibt es keine Information.
Die Bunkeranlage Der Bunker verfügt über drei ober- und zwei unterirdische Etagen mit einer „Fläche von 3600 Quadratmetern. […] Ursprünglich war er mit seinen rund 100 Räumen für etwa 3.500 Menschen ausgelegt, als ein erweiterter Typenbau M 1200 für eine größere Belegung. Am Ende hielten sich dort aber 12.000 Menschen auf.“H. Neckelmann: Anhalter Bunker Berlin, 2014, S. 29.
Neben den oberirdischen Eingängen wurde der Südausgang des Anhalter S-Bahnhofs als Zugang zum Bunker eingerichtet. Dazu kam eine unterirdische Verbindung vom Nord-Süd-Tunnel und von der Halle des Anhalter Bahnhofs. „Im untersten Bunkergeschoss, das heute leer steht, zeugen sechs Schleusendurchgänge des einstigen Hauptzuganges vom Nord-Süd-S-Bahntunnel noch davon, welche Menschenmassen hier einst Schutz vor Bomben gefunden haben.“Michael Braun: Nord-Süd-S-Bahn Berlin. GVE 2008, S. 168. Gemeint sind mit der Anzahl der Schutzsuchenden diejenigen, die vor den alliierten Luftangriffen vorübergehend in den Bunker flüchteten. Im unteren Bereich soll sich auch „eine Art Kommandozentrale“ befunden haben: „Hier saßen Männer in Uniform und telefonierten oder bedienten einen Fernschreiber.“Waltraut Süßmilch: Im Bunker. Ullstein Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-548-25870-0, S. 126. Bestätigt durch Notiz im Landesarchiv Berlin im Hinblick auf den Hochbunker, 3 Rep. 309, 2654, S. 81: „Bunker, im Krieg vom Reichsbahnfernmeldedienst genutzt.“
Nutzung des Hochbunkers im Bombenkrieg mini|Rest des Bahnhofs (Portal) seit der Ruinensprengung 1959
„Von 1939 bis 1943 blieb das Leben auf dem Anhalter Bahnhof von Kriegseinwirkungen weitgehend verschont. […] Im Spätherbst des Jahres 1943 trafen die ersten Bomberverbände der Alliierten über Berlin ein. Es begann die systematische Zerstörung der Stadt.“ Zu diesem Zeitpunkt war der Bunker fertiggestellt und er konnte somit die Schutzsuchenden aufnehmen. „Den Höhepunkt seiner Zerstörung erlebte der Anhalter Bahnhof während des letzten großen Luftangriffs der Alliierten am 3. Februar 1945.“Zitate im Abschnitt aus: Peter G. Kliem, Klaus Noack: Berlin Anhalter Bahnhof. Ullstein, Berlin 1984, ISBN 3-550-07964-8, S. 44 und 54. Anm.: Es folgten noch drei weitere Großangriffe der USAAF. Der letzte war am 10. April 1945.
Die militärische Lage im Endkampf um Berlin Nach der Einschließung Berlins am 25. April 1945 durch die Rote Armee bildete der Anhalter Bahnhof und seine umfangreichen Anlagen im Kampf um Berlin eine Schlüsselpositionen der Verteidigung, zumal er im südlichen Bereich gegenüber den vom Tempelhofer Feld anrückenden Sowjettruppen noch durch den Landwehrkanal getrennt war. Am Abend des 26. April 1945 vor ihrem Einzug in den Bunker nach der Zerstörung ihres Wohnhauses erlebte die Augenzeugin Waltraut Süßmilch unmittelbar die Sprengung der Großbeerenbrücke und der Halleschen-Tor-Brücke durch ein Wehrmachtskommando.W. Süßmilch, S. 113. Kurz darauf trafen die ersten russischen Soldaten mit Panzern ein und mussten am Ufer des Kanals Halt machen. „In der Nacht vom 26. auf den 27. April zwang Tschuikows Druck auf Kreuzberg die deutsche Verteidigung über den Landwehrkanal, wo sie neue Stellungen beziehen mußte. […] Der nächste Tag war ein Ruhetag für die Truppen und wurde für die letzten Vorbereitungen [zur Überquerung des Landwehrkanals] genutzt, die deutschen Stellungen mit Artillerie- und Mörserfeuer belegt.“Tony Le Tissier: Der Kampf um Berlin 1945. Ullstein Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-550-07801-3, S. 151 und 156. Die Darstellung folgt hier Tschuikows Bericht.
Übergang über den Landwehrkanal Damit lag das gesamte Gelände des Anhalter Bahnhofs und auch des Hochbunkers im Bereich des direkten Beschusses: „Tschuikows Vorbereitungen für den Angriff über den Landwehrkanal sahen einen massierten Einsatz von schwerer Artillerie und Raketenwerfern zur begleitenden Unterstützung vor. Diese wurden nach Einnebelung im Laufe des Tages (dem 28. April) in Stellung gebracht. An Munition war keine Mangel, und es wurde der Befehl ausgegeben, nicht sparsam mit ihr umzugehen.“T. le Tessier, S. 167. Der „S-Bahntunnel vom Verschiebebahnhof Yorckstraße und der U-Bahntunnel von der Belle-Alliance-Straße [heute: Mehringdamm] [… waren] verbarrikadiert und in regelmäßigen Abständen bemannt worden, so daß sie für den Vorstoß nicht nutzbar waren.“ In der Nacht vom 28. auf den 29. April sollte der Übergang erfolgen, dessen Schwerpunkt im Raum der Potsdamer Brücke lag, die nicht zerstört war. Der 29. April verlief mit Kämpfen um die Übersetzversuche.
Kampf um den Anhalter Bahnhof mini|Portalseite, 1945
Vor dem Anhalter Bahnhof gelang es den Angreifern über Trümmer den hochgelegenen U-Bahnhof Möckernbrücke zu erobern und das Nordufer zu erreichen. Am Halleschen Tor „gelang es den Pionieren, Pontons zu Wasser zu bringen, so daß die Panzer zum Belle-Alliance-Platz vorstoßen konnten.“T. le Tessier, S. 180 f. Am Abend des Tages standen die Spitzen nordöstlich des Bahnhofs vor dem Reichsluftfahrtministerium (heute: Bundesministerium der Finanzen/Detlev-Rohwedder-Haus) an der Wilhelmstraße und am Morgen des 30. April war nach deutschen Angaben der „Anhalter Bahnhof gerade besetzt“ worden.T. le Tissier, S. 184. Bericht Generaloberst Krebs bei der Morgenlage im Führerbunker. Diese Angabe ist umstritten – andere Berichte, auch das Tagebuch der Autorin Waltraut SüßmilchSiehe Kapitel: Ablauf der letzten Tage … – lassen die Annahme zu, dass eine Besetzung frühestens am Abend des 30. April erfolgte. Der Anhalter Hochbunker, der außen vermauert worden war, blieb an diesem und auch noch am folgenden Tag zumindest bis in die Mittagsstunden unbehelligt. Dies war auch deshalb möglich, weil Kampftruppen laufend weiter ins Zentrum zogen und erst nachfolgende Einheiten das zuvor durchquerte Umfeld „säuberten“.
Der Bunker in den letzten Kriegstagen Nachdem der Bunker bis 1944 noch vorwiegend bei Luftangriffen benutzt worden war, wurde er schließlich für „Tausende von Menschen, Flüchtlinge, Ausgebombte und Verwundete, die letzte Zufluchtsstätte. Viele Menschen verbrachten dort regelmäßig die Nacht, anfangs mussten sie noch eine Bunkerkarte vorweisen, mit einer Nummer darauf, später fragte keiner mehr danach.“W. Süßmilch, S. 122 f.
Flucht zum Anhalter Bahnhof Beim Vorrücken der Sowjetarmee nach dem Einschluss der Stadt am 25. April 1945 flüchtete die Bevölkerung der im Süden des Zentrums liegenden Stadtviertel vor der den Truppen vorausgehenden „Artilleriewalze“ zumeist in die Anlagen des Anhalter Bahnhofs und in den Hochbunker, der schließlich mit 10.000 Personen völlig überfüllt war.Meist wird die Zahl von 10.000 Personen genannt, der Arzt H. Mellin nennt 8.000, ein Zeitungsbericht nennt 13.000 Schutzsuchende im Bunker: Neues Deutschland, 9. Mai 1946. In: Kliem/Noack; Berlin Anhalter Bahnhof. Verlag Ullstein, Berlin 1984, ISBN 3-550-07964-8, S. 66. Im Umfeld befanden sich noch die Menschen, die im Gemäuer und den Gewölben des Monumentalbaus des Anhalter Bahnhofs und in den ausgedehnten Anlagen des unterirdischen S-Bahnhofs Zuflucht suchten.
Die Zustände im Bunker Zur Einrichtung des Bunkers gehörte auch eine Luftschutz-Sanitätsstelle, deren Leiter schon seit Ende 1943 der Arzt Hans Mellin war. Nachdem der Zustrom der Schutzsuchenden nach dem Artilleriebeschuss der Roten Armee auf den Innenstadtbereich ab 21. April 1945 einsetzte, wurde eine zweite Lazarett-Abteilung eingerichtet, „die ein Arzt, der gleichfalls durch die Ereignisse in den Bunker verschlagen worden war, mit seiner Frau übernahm. Das Schlimmste war, daß wir gar nicht auf große Chirurgie eingerichtet waren. Der Zweck der Rettungsstelle war ja nur die Erste Hilfe gewesen und nun sollten wir die Schwerverletzten versorgen.“ Bis gegen Ende April war das Shell-Haus in die Versorgung der Schwerverwundeten einbezogen: sie wurden in das dortige, für Operationen besser ausgestattete Lazarett gebracht – so lange bis die Transportfahrzeuge ausfielen.Hans Mellin: Im Bunker. In: Peter Kruse (Hrsg.): Bomben, Trümmer, Lucky Strikes. Die Stunde Null in bisher unbekannten Manuscripten. wjs verlag, Wolf Jobst Siedler, Berlin 2004, ISBN 3-937989-00-5, S. 22 ff.