Bundschikat (), auch Bunjikat, Bundjikat, war die frühmittelalterliche Hauptstadt der Region Usruschana (Ustruschana), die östlich von Sogdien in Zentralasien lag. Sie wird in der Nähe des heutigen Dorfes Schahriston in der Provinz Sughd im Norden Tadschikistans lokalisiert. Hier wurden auf einer Anhöhe über dem Fluss Schahristonsai unter anderem die Reste der befestigten Siedlung Kala-i Kach-Kacha 1 aus dem 7. bis 8. Jahrhundert und des Palastes von Kala-i Kach-Kacha 2 aus dem 7. bis 9. Jahrhundert freigelegt. Die gefundenen Wandmalereien gehören zu den bedeutendsten der sogdischen Kunst. 1999 wurde die Ausgrabungsstätte in die Tentativliste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.The Site of Ancient Town of Shahristan (Kahkakha). UNESCO
Geschichtliches Umfeld mini|Kala-i Kach-Kacha 1. Gesamte Stadt vom Palast Richtung Westen. Rechts: Wohnhäuser im Zentrum, links: Wohnhäuser an der südlichen Umfassungsmauer, Mitte hinten: Kaserne und Südwest-Bastion. Funde von Holztafeln mit sogdischer Kursivschrift aus der zwei Kilometer entfernten Palastruine Tschilchudschra und anderen Orten der Umgebung aus dem 7. bis 9. Jahrhundert zeigen die sprachliche und kulturgeschichtliche Verbindung zwischen den Regionen Usruschana und Sogdien.Sergej G. Kljaštorny, Vladimir A. Livšic: The Sogdian Inscription of Bugut Revised. In: Acta Orientalia Academiae Scientiarum Hungaricae, T. 26, Fasc. 1, 1972, S. 69–102, hier S. 81 Die Bewohner beider Regionen schrieben und sprachen vermutlich dieselbe Sprache.
Seit den Eroberungszügen Alexanders des Großen im 4. Jahrhundert v. Chr. nannten antike Autoren den Landstrich zwischen Amudarja (Oxus) und Syrdarja (Jaxartes) Transoxanien. Die Sogdier tauchen erstmals als Ethnie in achämenidischen Quellen des 6. Jahrhunderts v. Chr. auf. Ab dieser Zeit scheint sich das Sogdische als eigenständige ostiranische Sprache entwickelt zu haben.Étienne de La Vaissière: Sogdian Traders. A History. (Handbook of Oriental Studies. 8. Abteilung: Central Asia, Band 10) Brill, Leiden/Boston 2005, S. 16 Die Region Sogdien umfasste anfangs etwa das Gebiet Transoxanien und wurde vom nordwestlich gelegenen Choresmien unterschieden. Spätestens ab dem 1. oder 2. Jahrhundert beschränkte sich Sogdien auf ein wesentlich kleineres Gebiet am unteren Serafschan im heutigen Osten Usbekistans, und die ehemals zu Baktrien gehörende Region südlich des Flusses hieß nun Tocharistan.Boris I. Marshak: The Archaeology of Sogdiana. The Silk Road Usruschana lag ab dieser Zeit östlich von Sogdien zwischen dem westlichen Teil der Turkestankette als Südgrenze und dem Mittellauf des Syrdarja im Norden. Dieser bildete die Grenze zu den nördlich gelegenen Regionen Ilak und Schasch (Chach, heute Taschkent). Nach Nordosten reichte Usruschana bis etwa Chudschand im Ferghanatal.
Im 6. Jahrhundert v. Chr. hieß die Hauptstadt der Region Usruschana, die eine Provinz des persischen Achämenidenreiches war, Kurukada oder Kiropol. Sie war durch einen dreifachen Mauerring gesichert. Vermutlich meinten griechische Autoren mit Cyropolis denselben Ort, den Alexander der Große 329 v. Chr. eroberte und der sich an der Stelle der heutigen Stadt Istarawschan (in islamischer Zeit Ura Tube) befand. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten wurde Usruschana von lokalen Fürsten regiert, die vom Ende des 5. bis zum 6. Jahrhundert unter der Oberherrschaft der Hephthaliten und vom 7. bis Anfang 8. Jahrhundert unter der Herrschaft von Turkvölkern standen. Die Regenten trugen den Titel afschin, als Usruschana Anfang des 8. Jahrhunderts in langjährige Machtkämpfe mit den ersten muslimischen Eroberern der Abbasiden verwickelt wurde.
Die antiken befestigten Städte in Usruschana – neben Kurukada sind namentlich Baga und Gada bekannt – verloren im frühen Mittelalter ihre Bedeutung. Die 21 Kilometer südwestlich der persischen Provinzhauptstadt Kurukada gelegene Siedlung Bundschikat wurde ausgebaut. Die Blütezeit von Bundschikat begann im 7. Jahrhundert. Der Ort entwickelte sich entsprechend den anderen frühmittelalterlichen Städten in Zentralasien zu einem Machtzentrum, das aus einer befestigten Burg auf einem Hügel bestand, in deren Schutz sich in der Ebene unterhalb eine städtische Siedlung ausbreitete. Diese zweigeteilte Stadtgliederung spiegelte die feudale Gesellschaftsordnung, die in eine Adelsschicht und eine einfache Bevölkerung getrennt war.Sergej Chmelnizkij, S. 28
Das Gebiet Usruschana war in eine Reihe von Bezirken (rustaq) eingeteilt mit Siedlungen, die in den Bergen und in der Ebene lagen. Der Reichtum von Usruschana basierte auf bewässertem Feldbau (Gerste, Weizen, Baumwolle und Weintrauben) und dem Abbau und der Verarbeitung von Bodenschätzen (Eisen, Gold und Silber). Der Warenaustausch entlang der durch das Gebiet führenden Seidenstraße brachte eine wohlhabende Händlerschicht hervor.
In der Umgebung von Bundschikat gab es einige isoliert stehende, befestigte Paläste wie Tschilchudschra und Urtakurgan (beide am Fluss Schahristonsai, zwei bis drei Kilometer südwestlich).Boris I. Marshak, N. N. Negmatov: Sogdiana. In: B. A. Litvinsky (Hrsg.), S. 259f Die Architektur der Gebäude und die Art der Verteidigungsanlagen war bei den sogdischen Festungen unterschiedlich und richtete sich nach den topographischen Gegebenheiten. Urtakurgan wird seiner Funktion gemäß als Burg (köschk) oder Schloss bezeichnet, obwohl das Gebäude ähnlich Tschilchudschra keinen äußeren Befestigungsring besaß, während Kala-i Kach-Kacha 2 in Bundschikat trotz seiner Umfassungsmauer nicht als Burg diente, sondern als ein von einer Mauer umgebener dreigeschossiger Palast des Adels.Sergej Chmelnizkij, S. 28f Seit dem 6. Jahrhundert entstanden in Usruschana ihrem Verwendungszweck nach unterschiedene Gebäudetypen: Neben den städtischen Palästen und den ländlichen Palastfestungen in der Peripherie der Städte gehörten hierzu Tempel und Kasernen. Ende des 9. Jahrhunderts wurde der Palast von Bundschikat zerstört, danach verlor das Herrschaftsgebiet Usruschana seine Unabhängigkeit, die es auch später nicht wieder zurückerlangte. Die Zerstörung war wahrscheinlich das Werk des Samaniden-Emirs Ismoil Somoni (Ismail ibn Ahmad, † 907), der von 892 bis 907 über Transoxanien herrschte und die Afschin-Dynastie beendete.
Baubeschreibung mini|Kala-i Kach-Kacha 1. Von der nördlichen Umfassungsmauer Richtung Osten mit dem Palasthügel im Hintergrund. Die Stadt Bundschikat bestand aus zwei Bereichen im Westen des Schahristonsai: 1) der befestigten Siedlung Kala-i Kach-Kacha 1 (Kala-i Kahkaha 1) mit einem Palast auf einem steil über dem Fluss aufragenden Hügelplateau, das vom Dorf Schahriston zu sehen ist, 2) dem kleineren Palastareal Kala-i Kach-Kacha 2 südlich und etwas tiefer gelegen, von Kala-i Kach-Kacha 1 durch ein kleines Tal getrennt, und 3) einem Kala-i Kach-Kacha 3 genannten Außenbezirk (rabaḍ) in der Ebene auf der Ostseite des Flusses, der unter den Samaniden im 9. und 10. Jahrhundert bewohnt war und der heute weitgehend vom modernen Dorf überbaut ist. Der Außenbezirk war ebenfalls von einer Mauer mit vier Toren umgeben. Die gesamte Stadt umschloss eine äußere Festungsmauer, innerhalb der auch Gärten und Weinberge lagen. Es gab genügend Wasser für die dicht besiedelten Wohnbezirke. Die Anlage wurde zwischen 1955 und 1960 von sowjetischen Archäologen des Instituts für Geschichte der tadschikischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Numan N. Negmatov untersucht.
Kala-i Kach-Kacha 1 Die Umfassungsmauer der fünf Hektar großen, befestigten Stadt Kala-i Kach-Kacha 1 folgte dem unregelmäßigen Rand des ebenen Plateaus, das etwa auf der Höhe der sich im Westen anschließenden baumlosen und nur spärlich mit Gras bewachsenen Hügel liegt. Von diesen trennt ein Taleinschnitt das Ausgrabungsgelände, im Osten und Nordosten wird es durch das Flusstal begrenzt und im Süden durch ein Tal mit einem Graben von einem tiefer gelegenen Plateau, auf dem sich der Palast von Kala-i Kach-Kacha 2 befand. Die Umfassungsmauer aus Stampflehm war durch vorgelagerte Bastionen verstärkt, von denen ein mehrere Meter hoher Turmstumpf in der Südwestecke erhalten geblieben ist. Der Hauptzugang befand sich an der Nordseite und ein weiterer Zugang an der Westseite. Am höchsten Punkt im Osten lag der Palast, 57 Meter über dem Fluss. Von hier sind mehrere Grabungsfelder zu überblicken, die als Häuser von Geschäftsleuten, Töpferviertel und Kaserne identifiziert wurden. Zur Kaserne im Südwesten gehörten Unterkünfte, Wachhäuser und ein Exerzierplatz. Im Westen befand sich auch eine Zisterne (sardoba). Ein Kulttempel wurde nach der islamischen Eroberung in eine Moschee umgewandelt.
Die Wohnhäuser im nördlichen Stadtviertel verfügten über einen langen Raum, der durch Trennwände in einen halboffenen Iwan am Eingang, einen mittleren und einen hinteren Bereich unterteilt war. In der Stadtmitte waren die Häuser aufwendiger gestaltet mit einem Iwan als Eingang, der zu unterschiedlich großen Räumen führte. Die Decken waren von Säulen gestützt und die Wände reich mit Malereien verziert. Eine ähnliche Raumfolge – Hof, Iwan und dahinter zwei quadratische Räume – ist von mehreren persisch-zentralasiatischen Palästen bekannt, ebenso von vorislamischen Heiligtümern wie Paikent (sogdisches Handelszentrum bei Buchara) oder Surkh Kotal (Feuertempel in Nordafghanistan).Grigorii L’vovich Semenov: Studien zur sogdischen Kultur an der Seidenstraße. Harrassowitz, Wiesbaden 1996, S. 47 Ein Viertel an der südlichen Umfassungsmauer bestand aus eng nebeneinandergebauten Wohneinheiten mit zwei bis drei Räumen, die jeweils über einen gemeinsamen Korridor von der Straße zugänglich waren.
Palast mini|Vom Palast auf der Hügelspitze Richtung Südosten über das Kiesbett des Schahristonsai. mini|links|Fragment einer Wandmalerei im Archäologischen Museum in Duschanbe, 7./8. Jahrhundert. mini|links|Figur im Archäologischen Museum in Duschanbe. Der Palast der Herrscher (afschin) besaß auf einer Gesamtfläche von 38 × 47 Metern 20 Räume und einen zwar komplizierten, aber funktionell geplanten Grundriss mit einem Korridor, der das Gebäude in zwei verschieden große Bereiche gliederte. Er war von einer Mauer mit Ecktürmen umgeben und wurde von einem quadratischen Turm in der Mitte des Dachs überragt. Die Wände waren aus Lehmziegeln gemauert und mit Lehm verputzt. Vom repräsentativ in der Art eines Iwan gestalteten Eingang im Westen führte ein Weg hinunter zum Außenbezirk (rabaḍ), der von Archäologen Kala-i Kach-Kacha 3 genannt wird. An der Westseite befanden sich eine 17,7 × 11,8 Meter große Säulenhalle in zweigeschossiger Höhe, die in Längsrichtung auf einen erhöhten Thronraum orientiert war, eine kleinere niedrigere Halle (9,6 × 9,5 Meter) und der Schrein des Palastes. Auf der gegenüberliegenden Seite lagen ein Wohnraum und daneben ein Raum für Bedienstete. In einem schmalen Raum, der als „Waffenlager“ bezeichnet wird, waren Steinkugeln für Wurfschleudern gelagert. Die 5000 gefundenen Steine wiegen 32 bis 48 Kilogramm. Umgeben waren diese Räume innerhalb der Ummauerung von einer Küche, einer Backstube und weiteren Hauswirtschaftsräumen.Boris I. Marshak, N. N. Negmatov: Sogdiana. In: B. A. Litvinsky (Hrsg.), S. 262, 264
Seit sowjetische Archäologen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts begannen, die Wandmalereien sogdischer Städte ans Licht zu bringen, zählt Bundschikat zusammen mit Warachscha (45 Kilometer westlich Buchara), Afrasiab (nördlich von Samarkand) und Alt-Pandschakent (bei Pandschakent) zu den bedeutendsten sogdischen Ausgrabungsstätten.Yury Karev: Qarakhanid Wall Paintings in the Citadel of Samarqand: First Report and Preliminary Observations. In: Muqarnas, Vol. 22, 2005, S. 45–84, hier S. 83, Fußnote 41 Das große Thema der Kunst von Ustruschana ist der für die iranische Religion und Mythologie wesentliche Kampf zwischen Gut und Böse. Im Palast ist dieses Thema in den Malereien des kleinen Saals und des zentralen Korridors sowie in den Holzreliefs am Eingang des Thronsaals dargestellt.