Der spanische Konditional, condicional wurde im 20. Jahrhundert zeitweise als ein Modus der spanischen Sprache, genauer des konjugierbaren spanischen Verbs betrachtet. Der spanische Begriff „condicional“Modo condicional in der spanischsprachigen Wikipedia geht auf das lateinische Wort condicio (also zu deutsch „Bedingung“, „Lage“, „Verhältnisse“, „Beschaffenheit“, „Zustand“, „Verabredung“, später auch im Mittellatein geschrieben als conditio „Bedingung“) zurück und verweist auf das spanische Substantiv „condición“ (dt. Bedingung, Beschaffenheit, Zustand). Ebenfalls wird für den spanischen Konditional die Bezeichnung potencial verwendet.Wolfgang Halm: Moderne spanische Kurzgrammatik. Max Hueber, München 1987, ISBN 3-19-004020-6, S. 85.Justo Fernández López: Modo potencial – tiempo condicional. ¿Potencial o condicional?
Im Zeitraum von Beginn der 1930er Jahre bis 1973 wurde der condicional als eigenständiger Modus betrachtet34.ª Gramática de la lengua española (1931), S. 45 führt insgesamt fünf Modi auf: neben den noch gültigen drei Modi, den besagten „modo potencial“ und den „modo infinitivo“, man nannte ihn auch modo potencial.Modo potencial – Tiempo condicional ¿Potencial o condicional? Justo Fernández López, hispanoteca.euSalvador Fernández Ramírez, José Polo: La nueva gramática académica: el camino hacia el Esbozo (1973) Colección filológica, Paraninfo, Madrid 1987. Andrés Bello (1847) bezeichnete den condicional als „pos-pretérito“, die Real Academia Española (RAE) (1917) als „potencial simple“, Gili Gaya (1943)Samuel Gili Gaya: Curso superior de sintaxis condicional futuro hipotetica. 1943, Neuauflage Bibliograf, Barcelona 1969 als „futuro hipotético“ und der „Esbozo“ () der RAE aus dem Jahre 1973 schließlich „condicional“.1.ª Esbozo de una nueva gramática de la lengua española 1973 Real Academia Española (RAE), Madrid 1973, S. 260Gerda Haßler: Temporalität, Aspektualität und Modalität in romanischen Sprachen. Walter de Gruyter, Berlin 2016, ISBN 3-11-031299-9, S. 180
Erläuterung Die Betrachtung des condicional als eigener Modus ist nicht einheitlich, vielfach und seit dem Jahre 1973 wird er unter dem Modus des Indikativs als eine spezifische Tempusform subsumiert.
Ein immanentes Anliegen eines jeden Sprechers ist es, sowohl persönliche Einstellungen als auch Zeitbezüge zu seinen Aussagen zum Ausdruck zu bringen. Als wichtige Mittel dienen in den flektierenden Sprachen die Verbalkategorien des Modus und des Tempus. Von grundlegender Bedeutung in der Betrachtung der Verbflexion ist die grammatische Kategorie des Tempus. Hier erhält der Sprecher die Möglichkeit, zeitliche Relationen im Augenblick des Sprechens zu dem Inhalt des zu Sagenden mit morphologischen Mitteln zu realisieren.
Der Modus wiederum ermöglicht dem Sprechenden, seine subjektive Einstellung zu dem zu sagenden Sachverhalt darzulegen. Als unmarkierter Modus gilt der Indikativ, Modo indicativo, die übrigen Modi Subjunktiv, Konditional und Imperativ geben die subjektive Einstellung, die Bedingtheit, also Zusammenhänge zwischen Objekten und den Repräsentationen im menschlichen Bewusstsein sowie der Aufforderung wieder.
Mit der Kategorie des Aspekts wiederum werden im Spanischen das Gegensatzpaar des pretérito perfecto (compuesto) für das unabgeschlossene Ereignis und des pretérito imperfecto für eine abgeschlossene Handlung bestimmt. Finden nun alle diese, das Verb verändernden Markierungen statt, so ist dieses Verb als ein begrenztes, finites Verb, alle anderen Verbformen aber sind als unbegrenzte, infinite Verben zu betrachten.Hans-Georg Beckmann: Neue Spanische Grammatik. dnf-Verlag, Göttingen 1994, ISBN 3-9803483-3-4, S. 190 f.
Beide Zeitformen, tiempos gramaticales, des Condicional für das Verbgeschlecht (Genus verbi) Aktiv (Tätigkeitsform), voz activa, können auch in das Passiv (Leideform), voz pasiva, gesetzt werden. Dabei wird ein Vorgangspassiv, pasiva de proceso, mit dem im Condicional simple konjugierten Hilfsverb oder Kopulaverb ser und einem veränderlichen Partizip. Für das Zustandspassiv, pasiva de estado gilt Ähnliches. Hier werden das Hilfsverb oder Kopulaverb estar und ein veränderliches Partizip verwendet. Dabei sind für die spanische Sprache gewisse Besonderheiten für das Passiv im Allgemeinen und für den Condicional im Besonderen zu berücksichtigen.
+ Übersichtstabelle der Endungen bei regelmäßigen Verben, Vergleich der Modi Modo indicativo Presente Pretérito perfecto simple Pretérito imperfecto Futuro simple Condicional simple I. II. III. I. II. III. I. II. III. I. II. III. I. II. III. -o -o -o -é -í -í -aba -ía -ía -aré -eré -iré -aría -ería -iría -as -ás -es -és -es -ís -aste -iste -iste * -abas -ías -ías -arás -erás -irás -arías -erías -irías -a -e -e -ó -ió -ió -aba -ía -ía -ará -erá -irá -aría -ería -iría -amos -emos -imos -amos -imos -imos -ábamos -íamos -íamos -aremos -eremos -iremos -aríamos -eríamos -iríamos -áis -éis -ís -asteis -isteis -isteis -abais -íais -íais -aréis -eréis -iréis -aríais -eríais -iríais -an -en -en -aron -ieron -ieron -aban -ían -ían -arán -erán -irán -arían -erían -irían Modo subjuntivo Modo imperativo Presente Pretérito imperfecto I Pretérito imperfecto II Futuro simple Imperativo positivo I. II. III. I. II. III. I. II. III. I. II. III. I. II. III. -e -a -a -ara -iera -iera -ase -iese -iese -are -iere -iere — — — -es -as -as -aras -ieras -ieras -ases -ieses -ieses -ares -ieres -ieres -a -á -e -é -e -í -e -a -a -ara -iera -iera -ase -iese -iese -are -iere -iere -e -a -a -emos -amos -amos -áramos -iéramos -iéramos -ásemos -iésemos -iésemos -áremos -iéremos -iéremos -emos -amos -amos -éis -áis -áis -arais -ierais -ierais -aseis -ieseis -ieseis -areis -iereis -iereis -ad -ed -id -en -an -an -aran -ieran -ieran -asen -iesen -iesen -aren -ieren -ieren -en -an -an Formas no personales * Formen auf -astes und -istes sind durch akademische Institutionen verurteilt worden, werden aber in der Umgangssprache in informellen Situationen verwendet. Infinitivo Participio Gerundio I. II. III. I. II. III. I. II. III. -ar -er -ir -ado/a(-ante) -ido/a(-iente) -ido/a(-iente) -ando -iendo -iendo
Allgemeines Der Modus des condicional oder potencial dient der Versprachlichung von Handlungen, Ereignissen oder Zuständen, welche nach Eintritt oder Erfüllung ganz bestimmter Voraussetzungen zustande kommen würden oder aber auch tatsächlich zustande kommen können.Wolfgang Halm: Moderne spanische Kurzgrammatik. Max Hueber, München 1987, ISBN 3-19-004020-6, S. 64.
Im Spanischen hat der Konditional zwei Zeitformen, den condicional simple und den condicional perfecto (compuesto). Die Bildung des Konditionals geht auf die hochlateinische Form des Plusquamperfekts Indikativ zurück, erfüllt aber nunmehr eine andere Funktion.Ulrike Schwall: Aspektualität: eine semantisch-funktionelle Kategorie. Band 344 von Tübinger Beiträge zur Linguistik, Gunter Narr Verlag, Tübingen 1991, ISBN 3-8233-4207-X, S. 274 f. Im Altspanischen bleibt das Plusquamperfekt Indikativ bestehen, verändert sich aber mit der Zeit, so dass ab dem 14. Jahrhundert die ausschließliche Verwendung als Subjuntivo Imperfekt bzw. im Condicional, also seine heutige Anwendung findet.Heinrich Blase: Die Geschichte des Plusquamperfekts im Lateinischen. J. Ricker’sche Buchhandlung, Gießen 1894, S. 4
Ein Beispiel: hochlateinisch cantaveram zu cantaram zu altspanisch cantara zu spanisch cantara.Ralph Penny: A History of the Spanish Language. Cambridge University Press 2002, ISBN 0-521-80587-2, S. 205 f. Ein Vergleich einiger romanischer Sprachen bei der Bildung des condicional simple im weitesten Sinne: Sprache Beispiel Latein cantāre habēbam Italienisch canterei Spanisch cantaría Portugiesisch cantaria Französisch je chanterais Catalan cantaria
Der condicional simple wird benötigt, um etwa folgende Sachverhalte zu versprachlichen: einer Bitte oder Wunsch Ausdruck zu verleihen; einen hypothetischen Sachverhalt zu konstruieren; eine Aufforderung, aber auch einen Rat kundzutun; Äußerungen in der Gesprächssituation abzumildern; die sogenannte „Zukunft in der Vergangenheit“ zu formulieren; eine Vermutung im Hinblick auf die Vergangenheit anzustellen; die indirekte Rede wiederzugeben.
Für den condicional perfecto ergeben sich folgende Anwendungsmöglichkeiten: Ungewissheiten und Vermutungen in der indirekten Rede; ein hypothetischer Sachverhalt; irreale Bedingungs- oder Wenn-dann-Sätze; die sogenannte „abgeschlossene Zukunft in der Vergangenheit“.
Der spanische Romanist Samuel Gili Gaya hebt den Begriff des condicional der Endungen -ría völlig auf und spricht stattdessen vom „futuro hipotético“ für den condicional simple (cantaría) und vom „antefuturo hipotético“ für den condicional perfecto (habría cantado).Samuel Gili Gaya: Curso superior de Sintaxis española. Mexiko 1943, 2. Auflage, Barcelona 1948, 15. Auflage 2002Olalla Martínez Oronich: El sistema verbal español según Samuel Gili Gaya. (PDF; 377 kB) EPOS, XXIV, 2008, S. 57–58 Die Formen eines Futurs der Annahme, futuro hipotético, und des Futurs der Vergangenheit, antefuturo hipotético als Formen mit modalen und temporalen Funktionen, wie es der spanische condicional bietet, gibt es in der deutschen Sprache so nicht. In der deutschen Sprache finden sich folgende Ausdrucksmöglichkeiten: der deutsche Konjunktiv I Sie sagte, er komme. Dijo que venía. der deutsche Indikativ Sie sagte, er kommt. Dijo que vendría (venía). Echter Konjunktiv II oder die Ersatzformen bzw. Futurformen des Konjunktivs II mit „würde“, auch Konjunktiv III nach Becher u. Bergenholtz (1985)ursprünglich handelt es sich um die Futurformen des Konjunktivs II, die ihre Funktion verändert haben und eine gewisse Eigenständigkeit erlangten, sodass Becher u. Bergenholtz (1985) vom „Konjunktiv III“ sprechen. In: Henning Bergenholtz, Marlis Becher: Sei oder nicht sei. Probleme des Modusgebrauchs in der indirekten Rede. Nouveaux Cahiers d’Allemand, Vol. 3, 1985, S. 443–457Lotti Wüest: Die würde-Konstruktion als Variante mit „Mehrwert“. Seminararbeit, Universität Zürich 9. Februar 2008 Sie sagte, er käme. ← Echter Konjunktiv II Sie sagte, er würde kommen. ← Ersatzform mit „würde“ des echten Konjunktiv II Dijo que iba a venir. die Periphrase mit sollen, als Distanzierung vom Wahrheitsgehalt Er soll gesagt haben. Parece que dijo.
Der condicional als eine von der Vergangenheit aus gesehene Zukunft kann auch durch eine Periphrase, perífrasis verbal des Pretérito imperfecto von „ir“ und der Präposition „a“: „iba + a + infinitivo“ (deutsch: später sollte oder würde …) ausgetauscht werden.
Andere Bezeichnungen sind potencial simple und potencial compuestoWolfgang Halm: Moderne spanische Kurzgrammatik. Max Hueber, München 1987, ISBN 3-19-004020-6, S. 83–85 und 92–93. und prospretérito und antepospretérito. Zusammengenommen zeigen die unterschiedlichen Begrifflichkeiten die Problematik auf, die hinsichtlich Einordnung unter Modus, Tempus und/oder Aspekt für diese flektierte, verbale Konstruktion bestehen.Klaus Heger: Die Bezeichnung temporal-deiktischer Begriffskategorien im französischen und spanischen Konjugationssystem. Beihefte zur Ztschr. f. Rom. Phil., Heft 104, Max Niemeyer, Tübingen 1963, S. 163
Der condicional simple oder potencial simple bekundet ein Ereignis oder eine Handlung, die unter bestimmten Vorgaben und Voraussetzungen in der Gegenwart oder aber Zukunft wirklich sein oder werden könnten. Damit versprachlicht der Sprecher ein mögliches Geschehen, dessen Durchführung oder Realisierung fraglich werden könnte, da sie von fraglichen Präsumtionen abhängt oder aber weil der Sprechende sie auch im Sinne einer manipulativen Annahme vom Willen seines Gegenübers abhängig macht. Explizit oder implizit besteht dann fast immer eine Beziehung zu einem Bedingungssatz.
Der condicional perfecto oder potencial compuesto drückt ein Ereignis oder eine Handlung aus, die deshalb nicht zustande kam, weil bestimmte Präsumtionen hierzu in der erinnerten Vergangenheit fehlten.