mini|hochkant=1.35|Untersuchung des Wracks (Winter 1900/1901) Beim Schiffswrack von Antikythera handelt es sich um ein in etwa 55 Meter Tiefe im Mittelmeer vor der Landspitze Glyfada (Γλυφάδα) im Nordosten der Insel Antikythera entdecktes antikes Schiff. Das Wrack stammt aus dem 1. Jahrhundert v. Chr.
Forschungsgeschichte Die Entdeckung des Wracks und die erste Bergungskampagne mini|Das Team der Schwammtaucher mit Vertretern der griechischen Regierung auf dem Marineschiff Mykali (Winter 1900/1901) Im Frühjahr 1900 entdeckten Schwammtaucher das Wrack. Der Kapitän informierte das zuständige Ministerium über den Fund und bat um Erlaubnis, das Wrack weiter zu untersuchen. Der griechische Staat entschied sich, die Untersuchungen mit einem Schiff der Kriegsmarine zu unterstützen. Antonios Oikonomou, ein Professor für Archäologie an der Universität Athen, erhielt die wissenschaftliche Aufsicht. Die Mission begann im November 1900. Obwohl sie anfangs wegen des schlechten Wetters nur mäßig erfolgreich in der Bergung der Objekte war, wurde sie den Winter hindurch fortgesetzt. Das kleine Team von Schwammtauchern war von der Häufigkeit der Tauchgänge über Gebühr beansprucht; einige der Taucher erlitten gesundheitliche Schäden und mussten ins Krankenhaus. Im Frühjahr 1901 rief die Regierung deshalb zu breiterer Beteiligung an den Tauchaktionen auf und ging schließlich eine Partnerschaft mit einer italienischen Firma ein. Die Bergungskampagne dauerte bis September 1901.Metaxia Tsipopoulou, Maria Antoniou, Stavroula Massouridi: Die Untersuchungen der Jahre 1900 und 1901. In: Andrea Bignasca (Hrsg.): Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera. Antikenmuseum Basel 2015, ISBN 978-3-905057-34-8, S. 66–97. Diese erste Tauchkampagne förderte die Mehrheit der heute bekannten Funde zutage, allerdings wurde die Lage der Funde damals nicht kartiert, so dass viele Fundzusammenhänge verloren sind. Einige der Fragmente gingen verloren, weil die Taucher die verkrusteten Marmorteile für Steine hielten und im tieferen Wasser versenkten.
Die Funde wurden dem Archäologischen Nationalmuseum übergeben, um dort gereinigt und konserviert zu werden. Der griechische Bildhauer Panagiotis Kaloudis und der französische Künstler Alfred André setzten die Statuen wieder zusammen.
Die Dokumente zu dieser Kampagne lagern heute im Historischen Archiv des Griechischen Archäologischen Dienstes.
Die Bergungskampagnen unter Jacques-Yves Cousteau Mit einer zweiten Tauchkampagne beauftragte die griechische Regierung Jacques-Yves Cousteau, der schon zuvor mehrmals archäologische Unterwasserbergungen in Griechenland übernommen hatte. Er sollte weitere Funde bergen und einen Film über seine Arbeiten am Wrack drehen. 1953 tauchte Cousteau erstmals zum Wrack; von Juni bis November 1976 arbeiteten er und sein Team mit dem Forschungsschiff Calypso am Wrack von Antikythera. Sie arbeiteten nun mit einer besseren technischen Ausstattung: Mit einem Vakuumrohr saugten sie Sand aus dem Wrack auf das Forschungsschiff, aus dem die kleineren Funde herausgesammelt werden konnten. Größere Funde wurden mit einem Kran an Deck gehoben.Lazaros Kolonas: Die Untersuchungen des Jahres 1976. Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit Jacques-Yves Cousteau in Griechenland. In: Andrea Bignasca (Hrsg.): Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera. Antikenmuseum Basel 2015, ISBN 978-3-905057-34-8, S. 80–85.Jo Marchant: Die Entschlüsselung des Himmels. Rowohlt, 2011, ISBN 978-3-498-04517-3.
Neueste Untersuchungen 2012 rief die staatliche Behörde für Unterwasserarchäologie zusammen mit Partnerinstitutionen, darunter der Woods Hole Oceanographic Institution, ein neues Forschungsprojekt zum Wrack von Antikythera ins Leben.Breandan Foley, Theotokis Theodoulou: Rückkehr nach Antikythera. In: Andrea Bignasca (Hrsg.): Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera. Antikenmuseum Basel 2015, ISBN 978-3-905057-34-8, S. 234–243. Im Herbst 2014 begann die erneute Untersuchung des Wracks. Zum Einsatz kamen Kreislauftauchgeräte, die ein längeres Tauchen in Tiefen unterhalb von 60 Metern erlauben,BBC News - Antikythera wreck yields new treasures sowie ein Tauchroboter und Metalldetektoren. Bei der Expedition wurden auch neue Fundstücke vom Wrack geborgen, darunter zwei große Speere aus Bronze, vermutlich von überdimensionalen Kriegerstatuen stammend, Goldschmuck, die bisher einzig erhaltene Pendel-Ramme (engl. „war dolphin“) und Knochenreste eines ca. 15 bis 25 Jahre alten Mannes. Da unter diesen sogar intakte Schädelknochen sind, besteht die Hoffnung einer erfolgreichen DNA-Analyse, welche vom DNA-Experten Hannes Schroeder vom Statens Naturhistoriske Museum in Kopenhagen durchgeführt werden soll. Auch DNA-Spuren von den in den Transportgefäßen aufbewahrten Substanzen sollen weitere Erkenntnisse über die transportierten Waren liefern. Das Forschungsprojekt untersucht nicht nur das Wrack, sondern auch systematisch die Küstenlinie von Antikythera. Keramikfunde, die sich bis zu 350 m vom Wrack entfernt befanden, machen eine großräumigere Erforschung notwendig. Unklar ist, ob die entfernten Funde zum selben Schiff gehören oder ob weitere Schiffe an dieser Stelle kenterten.
Zweites Schiffswrack Im Juli 2024 wurde der Fund eines zweiten Schiffswracks in ca. 200 Metern Entfernung zum ersten bekannt; auch dieses Schiff hatte Keramik und andere Luxusgüter geladen, darunter Amphoren von den Inseln Chios und Rhodos. Dieses Schiff war etwa zur gleichen Zeit gesunken wie das zuerst gefundene, möglicherweise waren beide Schiffe sogar gemeinsam unterwegs.Naja Podbregar: Antikythera: Das berühmte Schiff sank nicht allein. Auf: scinexx.de vom 9. Juli 2023. Quelle: Schweizerische Schule für Archäologie in Griechenland.
Das Schiff Das Schiff bestand aus Eichen- und Ulmenholz. Die Planken waren mit Bronzenägeln zusammengefügt und teils mit Bleiblech beschichtet. Peter Throckmorton, der die Schiffsteile als erster untersuchte, ermittelte eine Länge von ca. 30 m, eine Breite von ca. 10 m und ein Fassungsvermögen von ca. 300 Tonnen. Da entscheidende Schiffsteile wie Bug, Heck und Decks nicht erhalten sind, lassen sich nur begrenzt Rückschlüsse auf seine Bauweise ziehen. Die erhaltenen Planken sind auffallend dick, das Schiff war also sehr stabil gebaut. Es wurden eine Menge Dachziegel im Wrack gefunden, die wahrscheinlich zum Schiff gehörten und einen Teil des Decks überdachten. Ein Bleirohr wird als Teil eines Entwässerungssystems gedeutet.
14C-Datierungen ergaben, dass die Bäume, aus denen die Schiffsplanken gefertigt wurden, ca. 220 v. Chr. (±40 Jahre) gefällt wurden. Wenn diese Ergebnisse stimmen, muss das Schiff beim Untergang schon außergewöhnlich alt gewesen sein. Bei antiken Schiffen ist normalerweise von einer wesentlich geringeren Lebensdauer auszugehen, da das Holz bereits nach einigen Jahrzehnten zu große Schäden aufwies.Polyxeni Bouyia: Das Schiff. In: Andrea Bignasca (Hrsg.): Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera. Antikenmuseum Basel 2015, ISBN 978-3-905057-34-8, S. 86–93.
Funde
Skulpturen
Im Wrack von Antikythera fanden sich zahlreiche Skulpturen aus Bronze und Marmor. Die Bronzewerke sind ungewöhnlich gut erhalten. Unter ihnen befinden sich sowohl Originale aus klassischer und hellenistischer Zeit als auch späthellenistische klassizistische Werke und antike Kopien.
Der sogenannte Jüngling oder Ephebe von Antikythera ist eine 1,94 Meter große Bronzestatue und gehört zu den bekanntesten Funden aus dem Wrack. Die Skulptur wurde aus vielen Einzelteilen wieder zusammengesetzt. Sie ist wahrscheinlich ein Original aus dem 3. Viertel des 4. Jahrhunderts v. Chr. Eine Künstlerzuweisung ist nicht möglich, wobei in seiner Gestaltung ein Einfluss der Schule Polyklets zu erkennen ist.
Ein weiteres bekanntes Werk ist der leicht überlebensgroße Bronzekopf eines Philosophen. Er ist wahrscheinlich Original aus frühhellenistischer Zeit, wohl aus dem letzten Drittel des 3. Jahrhunderts v. Chr. Der Kopf gehörte zu einer Statue, von der auch der im Redegestus ausgestreckte rechte Arm erhalten ist sowie die linke Hand, in der er einen Stock hält. An Bord fanden sich Teile mindestens dreier weiterer Statuen von ähnlichen Maßen, darunter eine weitere Hand und zwei Füße mit Sandalen, eine bronzene Leier, die ebenfalls zu einer Statue gehört haben muss, und ein bronzener Helmbusch.
Fünf Statuetten lassen sich dem der klassizistischen späthellenistischen Stil zuordnen. Sie waren keine exakten Kopien klassischer Werke aus dem 5. und 4. Jahrhundert v. Chr., bedienten sich aber ihrer Stilelemente. Die im Wrack von Antikythera gefundenen Statuetten wurden wahrscheinlich im späten 2. Jahrhundert v. Chr. geschaffen.
Dazu fanden sich Fragmente von 36 Skulpturen aus parischem Marmor. Sie waren stark mit Muscheln und Ablagerungen verkrustet; gut erhalten sind nur die Teile, die in den Meeresboden eingegraben waren. Darunter befinden sich zwei überlebensgroße Statuen des Gottes Hermes. Eine ist eine antike Replik des Hermes Richelieu; das Original aus Bronze stammt aus der Zeit um 360–350 v. Chr. Eine weitere entspricht dem Typus des Hermes Andros-Farnese nach einem Bronze-Original aus der Zeit um 340 v. Chr. Eine stark beschädigte Marmorskulptur lässt sich als Replik des Herakles Farnese des Bildhauers Lysipp identifizieren. Zwei Frauenstatuen zeigen wahrscheinlich beide die Göttin Aphrodite; eine davon steht in der Tradition der Aphrodite von Knidos des Praxiteles. Auch eine etwa lebensgroße Pferdestatue fand sich im Schiffswrack. Hinzu kommen einige klassizistische Statuen des Späthellenismus und einige späthellenistische Neuschöpfungen, darunter eine kleine Statue eines Ringkämpfers und eine Sitzstatue des Zeus sowie eine Statuengruppe, die als die homerischen Helden Odysseus, Philoktetes und Achilleus gedeutet werden und zu den spätesten Skulpturen der Ladung gehören. Solche Statuen mythischer Helden waren in Rom zur Zeit der späten Republik in Mode. Sie dienten zur Ausstattung der Villen reicher römischer Bürger.
Das einheitliche Material der Marmorskulpturen deutet auf eine gemeinsame Herkunft, vielleicht sogar eine gemeinsame Werkstatt hin. Die jüngsten Marmorwerke, die ins 1. Jh. v. Chr. datiert werden, können erst kurz vor der Verschiffung gefertigt worden sein. An einigen der älteren Stücke, darunter den Bronzestatuen des Philosophen und der damit verwandten Fragmente, lassen sich Spuren von Reparaturen erkennen, die auf eine längere Nutzung vor dem Transport hindeuten. Zu den jüngeren Werken sind teilweise Sockel aus parischem Marmor erhalten.Elena Vlachogianni: Skulptur. In: Andrea Bignasca (Hrsg.): Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera. Antikenmuseum Basel 2015, ISBN 978-3-905057-34-8, S. 106–135.
Der Mechanismus von Antikythera mini|Das größte Fragment des Mechanismus von Antikythera
Der berühmteste Fund aus dem Wrack ist der sogenannte Mechanismus von Antikythera. Es handelt sich um ein mechanisches Instrument, dessen Funktion Gegenstand jahrzehntelanger interdisziplinärer Forschungen war. Man betrachtet es als astronomisches Messinstrument, das zu nautischen Zwecken genutzt worden sein könnte. Es wird auch als analoger Computer bezeichnet. Der Mechanismus wurde nach jüngsten Erkenntnissen wahrscheinlich in der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. konstruiert.Yanis Bitsakis: Der Mechanismus von Antikythera. In: Andrea Bignasca (Hrsg.): Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera. Antikenmuseum Basel 2015, ISBN 978-3-905057-34-8, S. 222–233.
Münzen Die Münzen aus dem Wrack von Antikythera wurden in der Kampagne von 1976 entdeckt. Sie waren durch Korrosion miteinander verklumpt. Sie wurden im Nationalmuseum getrennt und gereinigt, um sie studieren zu können, wodurch aber teilweise ihre Oberfläche stark beschädigt wurde.