Richard Stumpf (* 20. Februar 1892 – nach anderer Quelle 21. Februar 1892 – in Gräfenberg (Bayern); † 23. Juli 1958 in Heiligenstadt (Eichsfeld)), katholisch, war ein Zinngießer und Mitglied einer christlichen Gewerkschaft. Von 1912 bis 1918 diente er in der Hochseeflotte der Kaiserlichen Marine. Von kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs bis zu dessen Ende führte er ein persönliches Kriegstagebuch. Weil das Tagebuch umfassend die inneren Verhältnisse in der Flotte aus Sicht eines einfachen Matrosen darstellte, wurde es vom Untersuchungsausschuss des Deutschen Reichstages in voller Länge in seinem Untersuchungsbericht dokumentiert.

Ausbildung, Dienst in der kaiserlichen Marine, Mitgliedschaften und Kriegstagebuch Stumpf verfügte über die elementare Schulbildung eines Arbeiters. Er war aber belesen und vielseitig interessiert, war als Wanderbursche bis ins Veneto und nach Südtirol gekommen, und bildete sich beständig weiter.

Er diente von 1912 bis zum November 1918 in der deutschen Kaiserlichen Marine. Die meiste Zeit davon, nämlich von kurz vor Ausbruch des Krieges bis zum März 1918 war er auf der Helgoland vom I. Geschwader als Matrose und später als Obermatrose eingesetzt. In einer Eintragung im Jahr 1916 merkte er an, dass er es immer noch nicht zum Obermatrosen gebracht habe, weil er immer offen seine Meinung gesagt habe. Im März 1918 beschrieb er sich dann als Obermatrosen, vermutlich aufgrund seiner Versetzung auf die Wittelsbach.

mini|Linienschiff Helgoland, Indienststellung August 1911, Besatzung 1113 Mann

Stumpf war Mitglied einer christlichen Gewerkschaft und war noch während des Krieges der rechtsradikalen Deutschen Vaterlandspartei beigetreten.S. Huck, G. Pieken, M. Rogg (Hrsg.): Die Flotte schläft im Hafen ein – Kriegsalltag 1914–1918 in Matrosen-Tagebüchern. Militärhistorisches Museum, Deutsches Marinemuseum Wilhelmshaven, Sandstein Verlag, 2014, ISBN 978-3-95498-095-6.D. Horn: The Diarist revisited: The Papers of Seaman Stumpf. In: The Journal of the Rutgers University Libraries. 40, Nr. 1, 1978, S. 32–48. (online auf: researchgate.net)

Sein Kriegstagebuch umfasste sechs Hefte. Es erschien dem Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des Weltkrieges als derart wichtig zur Erhellung der inneren Zustände und insbesondere der Vorgesetztenverhältnisse in der Hochseeflotte, dass es in voller Länge (allerdings unter Anonymisierung verschiedener Namen) in seinen Untersuchungsbericht aufgenommen wurde.Das Werk des Untersuchungsausschusses der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages 1919–1928. Vierte Reihe: Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruches. Zweite Abteilung: Der innere Zusammenbruch. 12 Vol., Volume X, Teil 2. (WUA) Huck, Pieken und Rogg bemerken in ihrem Katalog zur Wilhelmshavener Ausstellung „Die Flotte schläft im Hafen ein“, in der neben einem weiteren Tagebuch, Stumpfs Notizen lebendig präsentiert werden: Es handele sich nicht um Tagebücher im engeren Sinne, sondern die sechs Hefte enthielten Niederschriften, die auf Grundlage nicht erhaltener Tagebuchaufzeichnungen erstellt worden seien. Die Niederschriften enthielten zahlreiche Korrekturen in fremder Handschrift, die der Bearbeitung für die Veröffentlichung 1927 (s. u.) zuzurechnen seien. Stumpf wurde außerdem am 29. April 1926 als Sondersachverständiger über die Marinevorgänge von dem Ausschuss bestellt.

Inhalt des Tagebuchs Stumpf trug fast täglich seine Erlebnisse, Beobachtungen und Einschätzungen in sein Kriegstagebuch ein. Er las diverse Bücher, war Leser verschiedener Zeitungen und diskutierte die politischen und militärischen Entwicklungen ausführlich mit seinem Umfeld, was sich in entsprechenden Gedanken und Kommentaren in seinem Tagebuch widerspiegelt.

Stumpf war zu Beginn des Krieges konservativ eingestellt, identifizierte sich mit den Kriegszielen der Mittelmächte und beschrieb mehrfach die auch von ihm geteilte begeisterte Stimmung zu Beginn des Krieges. Schon bald jedoch empfand er sich durch die Offiziere ungerecht behandelt und begann den Krieg mit anderen Augen zu sehen. Wiederholt beschrieb er, dass die "Offizierskaste" neben ihrem guten Gehalt noch eine hohe Kriegszulage beziehen würde, dass sie auch während des Krieges in Saus und Braus lebte, während die Matrosen große Entbehrungen erleiden müssten. Darüber hinaus würden die Mannschaften durch die Offiziere gedemütigt, einem sinnlosen Drill ausgesetzt und durch ständige Schikanen der Offiziere drangsaliert.

Nur während Gefechten, wie zum Beispiel bei der Skagerrakschlacht, fühlten sich die Matrosen und Heizer von den Offizieren ernst genommen und vernünftig behandelt. Solche Auseinandersetzungen gab es aber nur wenige, weil die Strategie der Marine auf einer Fehleinschätzung des englischen Vorgehens basierte.

Diese katastrophale militär-strategische Fehlplanung,W. Rahn (Hrsg.): Deutsche Marinen im Wandel. R. Oldenbourg Verlag, München 2005. die eine große Seeschlacht gegen England vor Helgoland als seekriegsentscheidend ansah, fand ihre Widerspiegelung in Stumpfs Tagebuch: Er schrieb: „Wir alle haben nach und nach einsehen müssen, dass selbst eine für Deutschland siegreiche Seeschlacht uns keinen Zugang zur offenen See garantieren wird.“D. Horn (Hrsg.): War, Mutiny and Revolution in the German Navy – The World War I Diary of Seaman Richard Stumpf. Rutgers University Press, New Brunswick, New Jersey (USA), 1967, S. 163. Die erlebte Arroganz bei gleichzeitigem strategischem Unvermögen bringt Stumpf zum Wunsch, die Offizierskaste eines Tages zwingen zu können, einen ehrbaren Beruf zu ergreifen und eine nützliche Tätigkeit zu verrichten. Die Matrosen wünschten sich, den Offizieren die ständigen Demütigungen und Schikanen, die diese im Schutz der strikten militärischen Disziplin verüben konnten, heimzahlen zu können.

Letztlich hätten nur die Offiziere ein Interesse an der Fortführung des Krieges, wobei Soldaten und Arbeiter für die Interessen der Junker, Geldschränke und Militäraristokratie (die Priester sieht er dabei als Offiziere in Zivil an) ihr Leben einsetzen und große Entbehrungen auf sich nehmen würden. Dass diesen Menschen dann auch noch ein demokratisches Wahlrecht verweigert wurde, erregte Stumpfs besondere Erbitterung. Etwa Mitte 1917 schrieb Stumpf, dass die Matrosen so schnell wie möglich Frieden möchten und es herrsche die Meinung vor, dass nur die Offiziere und die Kriegsgewinnler den Krieg fortsetzen wollen. An anderer Stelle schrieb er, dass die Offizierskaste Deutschland in den Krieg getrieben hätte.

Als im Februar 1917 eines Morgens ein Flugblatt der USPD an Bord auftauchte, rief dies große Aufregung hervor. Stumpf schrieb, dass dieses Blatt neben vielem Wahren eine buntscheckige Mischung alberner Plattheiten und Phrasen enthielte. Viele Blätter scheinen nach Stumpfs Darstellung bei den Vorgesetzten abgeliefert worden zu sein.

Die Marineunruhen im Sommer 1917 finden ebenfalls ihre Widerspiegelung in Stumpfs Tagebuch. Er beschreibt die Ereignisse detailliert und merkt an: „Ich hätte jeden für einen Narren erklärt, der behauptet hätte, daß in meinem Vaterlande, ein Mensch zu Zuchthaus und zum Tode verurteilt werden kann, ohne daß er etwas Unrechtes getan hat.“R. Stumpf: Warum die Flotte zerbrach – Kriegstagebuch eines christlichen Arbeiters. Hrsg. W. Dittmann. Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, Berlin 1927, S. 167.

An einigen Stellen erwähnt Stumpf den SPD-Abgeordneten Karl Liebknecht, später USPD- und dann KPD-Mitglied, als „Juden Liebknecht“. Die Behauptung, dass Liebknecht Jude sei, wurde von der konservativen und rechtsradikalen Seite erhoben (der viele Seeoffiziere ideologisch nahestanden),G. Mehnert: Evangelische Kirche und Politik 1917-19. Droste Verlag, Düsseldorf 1959.K. Kuhl: Die Rolle der deutschen Seeoffiziere während der Ereignisse im Oktober/November 1918. Literaturstudie. 2013, S. 12. Abgerufen am 17. Nov. 2014, unter: http://www.kurkuhl.de/docs/flottenbefehl-und-seeoffiziere.pdf um den Antisemitismus gegen die linke Bewegung zu instrumentalisieren. Diese Behauptung entbehrte jeglichen Wahrheitsgehalts. Die Familie Karl Liebknechts kam aus Sachsen und hatte einen christlich-protestantischen Hintergrund. Karl Liebknecht wurde 1871 in Leipzig geboren und in der Thomaskirche evangelisch getauft. Ein Großonkel des Vaters war evangelischer Pastor. Anlässlich der Marineunruhen im Sommer 1917 sieht Stumpf den Arbeiterführer in einem anderen Licht: „Allmählich geht mir eine ganze Bogenlampe auf, warum manche Menschen das Militär und sein System mit solcher Leidenschaft bekämpfen. Armer Karl Liebknecht! Wie tust du mir heute leid.“

Stumpf thematisiert auch einmal das Gebot der Bibel „Du sollst nicht töten“ und lässt hier pazifistische Töne anklingen. Er äußert aber immer wieder auch deutlich konservative Ansichten, wenn er etwa über das „perfide Albion“ (England) oder gegen Frankreichs Raublust wettert, sich darüber freut, dass England endlich Ströme von Blut geben muss und er die letzten Kräfte zur Verteidigung des Vaterlandes zusammenfassen möchte. Die innere Zerrissenheit Stumpfs kommt u. a. in folgendem Eintrag gegen Ende des Tagebuchs zum Ausdruck: „… weshalb mußten wir so schuftige gewissenlose Offiziere haben, die uns alle Liebe zum Vaterland, die Freude am deutschen Wesen, den Stolz auf unsere vorbildlichen Einrichtungen genommen haben! Noch heute kocht mir das Blut, wenn ich der vielen Demütigungen […] denke.“R. Stumpf: Warum die Flotte zerbrach – Kriegstagebuch eines christlichen Arbeiters. Hrsg. W. Dittmann, Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, Berlin 1927, S. 208.

Am Ende des Krieges folgte Stumpf, wenn auch widerwillig, der roten Fahne der Revolution: „… unter donnerndem Hurra fiel die riesige Kriegsflagge vom Maste der Kaserne und das rote Tuch der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stieg auf. Die Massensuggestion, gegen die ich immer ankämpfte, nahm mich nun auch gefangen.“R. Stumpf: Warum die Flotte zerbrach – Kriegstagebuch eines christlichen Arbeiters. Hrsg. W. Dittmann. Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, Berlin 1927, S. 213. Nach Bekanntwerden der Waffenstillstandsbedingungen ruft er aus: „Das ist, was ihr bekommt für eure Gott verdammte Bruderschaft der Nationen“D. Horn (Hrsg.): War, Mutiny and Revolution in the German Navy – The World War I Diary of Seaman Richard Stumpf. Rutgers University Press, New Brunswick, New Jersey (USA) 1967, S. 428. Doch als die Flotte später ausgeliefert werden muss, äußerte sich Stumpf erleichtert, dass diese Instrumente der Zerstörung aus den deutschen Gewässern verschwinden.

Aussagen vor dem Untersuchungsausschuss Vor dem Untersuchungsausschuss diskutierte Stumpf auch mit Adolf von Trotha, der am Ende des Ersten Weltkriegs Chef des Stabes der Hochseeflotte war und der den geplanten Flottenvorstoß gegen England (Operationsbefehl Nr. 19) hauptsächlich entworfen hatte. Der Vorstoß sollte ohne Wissen der Regierung und gegen deren erklärten Willen unternommen werden. Diese Absichten der Marineleitung hatten zur Meuterei der Matrosen vor Wilhelmshaven und zum Kieler Matrosenaufstand geführt.

Trotha versuchte Stumpfs Vorwürfe als Einzelfälle darzustellen. Stumpf antwortete ihm, dass er immer noch das Gefühl habe, dass hier zwei durch eine chinesische Mauer getrennte Welten sich gegenüber stünden. Er habe extra noch Fritz Betz, der damals ebenfalls auf der SMS Helgoland diente, befragt. Dieser habe ihm ausdrücklich bestätigt, dass die große Mehrheit der Seeoffiziere in der Hochseeflotte die Matrosen und Heizer mit ständigen Schikanen und beleidigenden Äußerungen misshandelt und gedemütigt hätten.WUA, Reihe 4, Band 10,1: Gutachten der Sachverständigen Alboldt, Stumpf, v. Trotha zu den Marinevorgängen 1917 und 1918, 1928.

Veröffentlichung des Tagebuchs mini|hochkant|Buchausgabe des Verlags J.H.W. Dietz Nachfolger, Berlin, 1927.

Das Tagebuch schrieb Stumpf aus persönlichem Interesse, um eine Gedächtnisstütze für seine Kriegserinnerungen zu haben.