Das Rathaus Gräfrath ist das ehemalige Rathaus der einstmals selbstständigen Stadt Gräfrath, die heute ein Stadtteil von Solingen ist. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 1907 bis 1908 nach Plänen von Arno Eugen Fritsche im Neubergischen Stil errichtet, wobei er die traditionellen Elemente im Sinne des zeitgenössischen Jugendstils gestaltete. Heute befindet sich in dem Gebäude das Kunstmuseum Solingen.
Vorgeschichte links|mini|Schieferhaus In der Freiheit 17, ab 1881 das erste Rathaus in Gräfrath In der Freiheit Gräfrath gab es lange kein Rathaus. Das Haus des jeweiligen Bürgermeisters diente als Amtsstube und Gemeindearchiv. Als am 3. März 1698 zehn Häuser brannten, war darunter auch das des nach Köln verreisten Bürgermeisters. Damit waren die Akten der Freiheit vor 1698 vernichtet.Heinz Rosenthal: Solingen. Geschichte einer Stadt. Band 1, Walter Braun Verlag, Duisburg, 2. Aufl. 1973, . Erst Mitte des 18. Jahrhunderts entstand an der Gerberstraße ein Gebäude für die evangelische Schule, das auch als Rathaus diente.Heinz Rosenthal: Solingen. Geschichte einer Stadt. Band 2, Walter Braun Verlag. Duisburg 1972, ISBN 3-87096-103-1. Am 22. Juli 1876 mietete die Stadt Gräfrath mit dem neuen Bürgermeister Friedrich Kürten (Amtszeit 1876 bis 1900)Solinger Bürgermeister auf zeitspurensuche.de, abgerufen am 14. November 2015. für sechs Jahre drei Räume und ein Speicherzimmer in dem Privathaus Täppken 149, das dem in Köln wohnenden Friedrich Wilhelm Wester gehörte. Doch schon zwei Jahre später erforderte die auf 5.600 gestiegene Einwohnerzahl, auf den weiteren Raumbedarf zu reagieren. Ein Grundstück an der heutigen Straße „In der Freiheit“ wurde von seinem Besitzer Dr. Wahn aus Köln für 4.350 Mark erworben. Darauf errichtete die Stadt nach Plänen des Ohligser Stadtbaumeisters Otto Franz das erste Rathaus Gräfraths, das 1881 unter der Adresse Gräfrath 21 (später Kaiserstraße 17, heute In der Freiheit 17) bezogen wurde. Erstmals befanden sich nun Amtsräume, Stadtratssaal und Bürgermeisterwohnung unter einem Dach. Die Stadtkasse und die Sparkasse blieben weiterhin in dem alten Schulgebäude.Helmut Meya: Gräfrath. Chronik des Heimatverein Solingen-Gräfrath e. V. 1950–2000. Hrsg.: Heimatverein Solingen-Gräfrath e. V., 2000Beate Battenfeld: Rathäuser in Solingen Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft. In: Geschichte(n) aktuell. Band 4, Hrsg.: Bergischer Geschichtsverein Abt. Solingen e. V., 2008. Das Rathaus war ein zweistöckiges geschiefertes Gebäude im altbergischen Stil mit dreiteiligen Fensterrahmen und grünen Schlagläden, das sich nicht von Wohnhäusern in Gräfrath unterschied. Als weitere Beamten eingestellt wurden, wandelte man immer mehr Räume, auch den Sitzungssaal, in Büros um. Am 13. Juni 1900 trat der Ostpreuße Bernhard Bartlau das Amt des Gräfrather Bürgermeisters an (Amtszeit 1900 bis 1924). Er war vorher in der Verwaltung des Landkreises Solingen tätig gewesen.Lutz Peters: Gräfrath – wie es früher war. Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, 1. Aufl. 2001, ISBN 3-8313-1162-5. Am 15. April 1903 heiratete er in die Solinger Unternehmerfamilie J.A.Henckels ein., abgerufen am 14. November 2015. Der absehbare Raummangel im Rathaus führte dazu, dass ein Privathaus mit der Adresse Bergerbrühl 12 für die Bürgermeisterwohnung und die städtischen Kassen angemietet wurde. Dieses extra für diesen Zweck gebaute Haus bezog der Bürgermeister mit Frau und drei Monate alter Tochter im April 1905. Im Erdgeschoss des Rathauses gab es danach nur noch Amtsräume, im Obergeschoss befanden sich der Stadtratssaal, das Amtszimmer des Bürgermeisters und Amtsräume für den neu angestellten Baubeamten. In die Wohnräume im Dachgeschoss zog der Polizeisergeant Schlingensiepen mit seiner Familie. Gräfrath hatte inzwischen 9.025 Einwohner.
Bau des Rathauses mini|Rathaus Gräfrath (Westseite)
Mit Bernhard Bartlau als neuem Bürgermeister wurde ab 1902 über ein neues Rathaus nachgedacht. Sein Vorgänger Kürten hatte noch 1899 vorgeschlagen, dass die vergleichsweise kleine Stadt Gräfrath sich mit Höhscheid, Ohligs, Solingen und Wald zu einer Stadt vereinigen solle. Bartlau setzte dagegen Akzente für eine eigenständige Weiterentwicklung Gräfraths, wie unter anderem die Einführung der Elektrizität (1901) und der Wasserversorgung mit dem Wasserturm am Exerzierplatz (1905) sowie der Gestaltung des Marktplatzes ab 1906 oder der Einführung eines eigenen Wappens 1907.Heinz Rosenthal: Solingen. Geschichte einer Stadt. Band 3, Walter Braun Verlag. Duisburg 1975, ISBN 3-87096-126-0. Die Diskussion über den Standort des neuen Rathauses wurde sehr kontrovers geführt. Nachdem beschlossen worden war, das Rathaus in den Stadtteil Central als Mittelpunkt und zukunftsfähigsten Teil der Stadt zu verlegen, gab es heftigsten Widerstand der Bewohner des alten Ortskerns. Die Neuordnung der Gemeindegrenzen 1807 während des napoleonischen Großherzogtums Berg hatte das Gemeindegebiet Gräfraths erheblich nach Süden bis nach Schlagbaum und Stöckerberg vergrößert, wobei sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zwischen Central und Foche ein industrieller Schwerpunkt mit der Gesenkschmiede F.W. Rauh und der Stahlwarenfabrik Gottlieb Hammesfahr sowie der Dampf-Chocoladen & Zuckerwarenfabrik Gebr. Hillers gebildet hatte.
Angesichts der drohenden Spaltung unter den Bürgern vertagte Bartlau das Thema erst einmal und nahm es 1906 wieder auf. Er schlug als Kompromiss für den Bauplatz ein Grundstück auf der Höhe der Provinzialstraße (Wuppertaler Straße) neben der Brücke über die Korkenzieherbahn vor, so dass das Gebäude auf der Anhöhe gut sichtbar und erreichbar wäre. Am 12. November 1906 beschloss die Stadtverordnetenversammlung den Bau des Rathauses. Der Kostenvoranschlag sah für das Grundstück 26.000 Mark und den Bau etwa 134.000 Mark vor, was durch eine Anleihe über 160.000 Mark mit 1 Prozent Tilgung finanziert werden sollte. Der bekannte Elberfelder Architekt Arno Eugen Fritsche, der schon die Solinger Lutherkirche mit entworfen hatte, wurde mit der Bauplanung beauftragt. Die Bauleitung lag bei Stadtbaumeister Walter Heipertz. Es durften nur in Gräfrath hergestellte Mauerziegel verwendet werden. Der Bau begann am 28. Juli 1907. Am 12. August 1907 fand die Grundsteinlegung statt. Am 24. Oktober 1908 wurde das neue Rathaus feierlich eingeweiht. Bürgermeister Bartlau bezog seine neue Dienstwohnung mit der Adresse Kaiserstraße 1a (das benachbarte Bahnhofsgebäude hatte die Nr. 1) am 26. Oktober 1908. Unter dem Dach des neuen Rathauses befanden sich nun auch der Polizeiposten und die Sparkasse. Mit abgerechneten 163.978 Mark wurden die geplanten Kosten nur geringfügig überschritten.
Architektur und Bauschmuck mini|Haupteingang des Rathauses mini|Innenhof des Rathauses
Der Architekt Fritsche entwarf ein Gebäude, das sich deutlich von den Rathäusern in den Nachbarstädten unterschied. Die Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Rathäuser in Dorp, Höhscheid, Ohligs und Wald (heute alle Solinger Stadtteile) sind Zeugnisse des damals vorherrschenden Neorenaissance-Baustils. Die ungefähr zeitgleich errichteten Rathäuser in Elberfeld, Remscheid und Vohwinkel, die einen malerischen, burgähnlichen Anspruch verkörpern und abwechslungsreiche Bauteile gruppieren, repräsentierten schon eine fortschrittliche Baugesinnung.
Fritsche griff diesen neueren Stil auf und kombinierte ihn mit dem gerade entstehenden Neubergischen Stil. Ab 1903 hatten Heimatforscher auf die zwischen 1750 und 1830 entstandene Architektur des Bergischen Landes aufmerksam gemacht und sie den regionalen Architekten empfohlen. Veranlasst durch den Provinzialkonservator Paul Clemen gab der Oberpräsident der Rheinprovinz Freiherr von Schorlemer 1907 einen Erlass heraus, dass die bergische Bauart bei Einzelhäusern generell und bei Reihenhäusern mit besonderer Erlaubnis zulässig sei. Auch 1907 erschien das Buch Der Kaiser und die Kunst, herausgegeben von Paul Seidel, dem Leiter der Kunstsammlungen in den königlich-preußischen Schlössern. Darin wurde die Forderung des Kaisers Wilhelm II. veröffentlicht, dass staatliche Bauten auch den Charakter der betreffenden Stadt, der sich in dem in ihr vorherrschenden Stil spiegele, ausdrücken sollten. Während Wohnhäuser im Neubergischen Stil in der Region häufiger zu finden sind, ist ein aufwendig gestalteter Bau in diesem Stil, wie ihn das Rathaus Gräfrath darstellt, selten.Walter Geis: Vom Rathaus zum Klingenmuseum. In: Denkmalpflege im Rheinland. Jahrgang 5, Heft 4, Klartext Verlag, Essen 1988, S. 41–43.
Fritsche entwarf zwei in stumpfem Winkel aufeinander zulaufende Gebäudeflügel, die durch einen halbrunden Erker mit Kegeldach miteinander verschliffen wurden, wobei sich die Hauptfassade mit Rathaussaal und Uhrenturm eindeutig zum alten Ortskern von Gräfrath hin orientierte. auf kunstmuseum-solingen.de, abgerufen am 14. November 2015.
In der Stadtsilhouette setzte der mächtige, verschieferte Uhrenturm mit geschweifter Turmhaube einen besonderen Akzent für die weltliche Macht gegenüber den kleinen Dachreitern auf der ehemaligen Klosterkirche und der evangelischen Kirche am Markt. Den Bezug zum Bürger stellte der Architekt dadurch her, dass er erstens dem über den Vorplatz kommenden Bürger den Rathaussaal durch einen Risalit mit dem großen korbbogigen Fenster erkennbar machte. Zweitens stellte der als Triumphbogen gestaltete Haupteingang, der als selbständiges Bauteil herausragte, die Autorität der Verwaltung dar. Angelehnt an die antiken Triumphbögen erhielt der Bogen an der Innenseite Kassetten und die Vorderseite Pilaster. Die Seitenfassaden nach Westen und Süden bekamen kleinere Giebel sowie Nebeneingänge.
Zahlreiche unterschiedliche Türen und Fenster, Materialwechsel von Schiefer, Tonziegeln, Putzflächen und Holz prägten das Erscheinungsbild des Gebäudes. Die Gestaltung der Fenster wiesen eine besondere Variabilität auf. Der Risalit der Hauptfassade war dominiert von rundbogigen Fenstern, während Fritsche für den Giebel zur Straße in Dreiergruppen zusammengefasste kleine Rechteckfenster vorsah. Ein Fensterband an Uhrturm und Erker verknüpfte die beiden Fassaden. Die Dachgauben hatten von einem bis zu drei Fenstern. Außerdem gab es mehrere durchfensterte Erker.
mini|Stadtwappen umfasst von Jugendstil-Schmuckform
Den Bezug zum Gräfrather Ortskern stellt der bergische Dreiklang aus Schiefer, weißen Fensterrahmen und grünen Schlagläden her. Das Mansardendach und die geschweiften Giebel verwiesen auf die Klosterkirche und einige Häuser am Markt und an der heutigen Straße „In der Freiheit“. Gräfrather Bürger vergrößerten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Häuser um Mansardenstuben, um den zahlreich angereisten Patienten des Augenarztes Friedrich Hermann de Leuw Unterkunft bieten zu können. Fritsche gestaltete allerdings die lokalen Motive im Sinne des Jugendstils um. Die Schweifung der Giebel bekam ein unruhiges Wellenband. Die Turmhaube wurde zur gewellten Pyramide. In symmetrisch geordnete, ornamentale Blätter und Blüten wurde das 1907 kreierte Gräfrather Wappen am Haupteingang eingefasst. Verweise auf den Jugendstil sind ebenfalls das Wellenband unter der Dachtraufe und um das Ratssaalfenster sowie die Ornamente an den Pilastern am Haupteingang.
Innengestaltung mini|Korbbogiges Fenster des Rathaussaals
Mit besonderer Sorgfalt erfolgte die Ausgestaltung des Rathaussaales. Die Innenausstattung und die bunten Scheiben des großen Fensters wurde mit Spenden Gräfrather Bürger finanziert. Der Saal hatte eine rundbogige, kreuzförmig gewölbte Kuppel, Parkettfußboden, eine Holzbrüstung, eine Empore und einen großen Radleuchter. Die Fauteuils mit Rindslederbezug, einer trug das Stadtwappen, wurden von der Firma Thonet bezogen.
Die Wände am Rathauseingang trugen folgende Sprüche:
Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis Ehrt den König seine Würde, Ehret uns der Hände Fleiß. Über dem Brunnen in der Wartehalle befand sich der Spruch: Ein grader Blick am rechten Orte Tut mehr als hundert gute Worte.