mini|Der zerstörte Ortskern von Engelskirchen Bei mehreren Luftangriffen auf Engelskirchen im Februar und März 1945 zerstörten alliierte Kampfflugzeuge den Großteil von Engelskirchen sowie Teile von Loope. Mit Angriffen zwischen dem 2. Februar und dem 16. März 1945 unterbrachen sie den Bahnverkehr der Strecke, die vom Ruhrgebiet über Engelskirchen nach Köln führte. Die infolgedessen im Engelskirchener Bahnhof abgestellten Munitionszüge explodierten bei einer Bombardierung, die am 19. März 1945 stattfand. Bei diesem Angriff starben zwei Drittel der insgesamt mehr als 300 Opfer aller Bombardierungen. Mit den Schäden an Gebäuden und Infrastruktur war Engelskirchen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der am stärksten zerstörte Ort im Rheinisch-Bergischen und Oberbergischen Kreis.
Ausgangssituation Bis Anfang 1945 war Engelskirchen kein Ziel alliierter Luftangriffe gewesen. Die Gemeinde Engelskirchen hatte 5.760 Einwohner.Josef Hesse: Engelskirchen im 19. und 20. Jahrhundert. Engelskirchen 1985, S. 70. Loope, zu dieser Zeit wie Engelskirchen Teil des Rheinisch-Bergischen Kreises, hatte rund ein Viertel der heute ungefähr 6.000 Bewohner.Karl-Heinz Lüdenbach: Die Zeit des Zweiten Weltkrieges. In: In Engelskirchen und den umliegenden Gemeinden hielten sich zahlreiche Kriegsflüchtlinge auf, die das Oberbergische Land von Westen kommend erreicht hatten.Josef Hesse: Engelskirchen im 19. und 20. Jahrhundert. Engelskirchen 1985, S. 149. Die Flüchtlinge waren in Notunterkünften und Massenquartieren untergebracht. Dazu gehörten die katholische und die evangelische Kirche, zwei Volksschulen sowie das örtliche Kino. Die durch Engelskirchen verlaufende Aggertalbahn und die Leppetalbahn wurden zum Transport von in der Umgebung produzierter Munition genutzt.
Alliierte Truppen näherten sich dem Rheinland und nahmen am 7. März 1945 die Ludendorff-Brücke bei Remagen ein. Im Zuge der Operation Clarion hatten Luftstreitkräfte Ende Februar 1945 mit der Zerstörung des deutschen Verkehrsnetzes begonnen. Für den westdeutschen Raum übernahmen dies die II. und IX. Tactical Air Force. Zu den Hauptaufgaben der IX. Luftflotte gehörte die Zerstörung von Eisenbahnbrücken und Bahnhöfen im Ruhrgebiet und dessen Randbereichen, die Zerstörung von Nachschublagern und Transportmitteln östlich des Rheins sowie die unmittelbare Unterstützung des Heeres durch Angriffe auf Truppenstellungen und Nachschubkolonnen.
Primär- und Sekundärziele Die möglichen Angriffsziele und Beweggründe für die Angriffe sind nur teilweise belegt und blieben lange Zeit ungeklärt. In seinem Bericht, der 1951 in dem Buch Engelskirchen im Aggertal erschien, schilderte der Augenzeuge Edmund Schiefeling den Ablauf der Angriffe und vermutete, dass diese willkürlich erfolgt seien. Spätere Forschungen ergaben, dass diese Angaben größtenteils falsch waren. So existierte ein britischer Angriffsbefehl, der für die Angriffe am 19. und 28. März vorgab, das rollende Material zu zerstören und den Verkehr durch den Verschiebebahnhof Engelskirchen zu unterbrechen. Zudem sollten Bahnstrecken zerstört werden, die von Nordosten zum Brückenkopf Remagen führten. Engelskirchen war grundsätzlich in Karten amerikanischer Militärs hervorgehoben und als lohnendes Angriffsziel markiert. Josef Hesse war später der Ansicht, dass die Luftaufklärung der Briten Engelskirchen als wichtigen Verkehrsknotenpunkt angesehen habe, da sich hier eine Kreuzung der Reichsstraße 55 mit der Leppestraße befand sowie die Aggertalbahn und die Leppetalbahn verliefen.Josef Hesse: Engelskirchen im 19. und 20. Jahrhundert. Engelskirchen 1985, S. 151.
Weitere potentielle Angriffsziele waren möglicherweise eine Bildprüfstelle der Gestapo mit mehreren hundert Mitarbeitern oder eine Funkstation von Walter Model im nahegelegenen Ründeroth. Zudem hielten sich mehrere aus dem Rheinland geflohene ranghohe Mitglieder der NSDAP in Engelskirchen auf.Annelies Giebler: Ein Dorf sank in Trümmer. Kölner Stadtanzeiger vom 19. März 1975. Vermutungen, die Angriffe könnten mit dem Transport oder der Stationierung von V1 und V2-Raketen in Verbindung stehen, konnten bislang nicht endgültig geklärt werden. Rundschau Online vom 29. Januar 2005. Abgerufen am 17. November 2014. Gebhard Aders bezeichnete diese später als „Legendenbildung“ und „an den Haaren herbeigezogen“. Wie zuvor Hesse sah er den Hauptgrund für die Bombardierung in den Zügen, die sich in der Ortsmitte befanden. Seiner Meinung nach hatten die Alliierten keine Erkenntnisse über den Aufenthalt der Gestapo in Engelskirchen. Zudem sei die Bombardierung einzelner Quartiere im Rahmen der Gesamtkriegsführung zu diesem Zeitpunkt für sie nicht interessant gewesen.
Luftangriffe mini|Zerstörte Gebäude entlang der Auffahrt Reckenstein Die Luftangriffe auf Loope und Engelskirchen ereigneten sich im Zeitraum zwischen dem 2. Februar und dem 28. März 1945. Zum Zeitpunkt der Luftangriffe auf Engelskirchen stand im dortigen Bahnhof ein Zug mit 50 Waggons, der Munition geladen hatte. Die Weiterfahrt des Zuges war aufgrund der bei vorherigen Luftangriffen in Loope zerstörten Gleisanlagen, die Richtung Köln führten, nicht möglich.
Loope Bei einem ersten Angriff auf Ehreshoven am 2. Februar 1945 wurden 17 oder 22 Menschen getötet.Belege sind im Abschnitt Folgen genannt Bei dem mit etwa zehn Flugzeugen in zwei Angriffswellen durchgeführten Angriff wurden der Bahnhof und Brücken leicht beschädigt sowie mehrere Wohnhäuser zerstört. Ziel der Bomber wurde unter anderem ein mit Soldaten und Zivilisten besetzter LKW, der in den Hof von Schloss Ehreshoven einbog, wo sich noch weitere Fahrzeuge befanden. Mehrere Fahrzeuge gerieten in Folge des Angriffs in Brand; an den Gebäuden von Bahnhof und Schloss entstanden beträchtliche Schäden.Engelskirchen vor 60 Jahren. Hrsg.: Gemeinde Engelskirchen, S. 15. Ein Großteil der Bomben fiel auf unbebautes Gebiet. Eine deutsche Luftabwehr fand nicht statt.
Bei zwei weiteren Angriffen auf die Ortsmitte am 19. Februar und am 1. März wurden mehrere Gebäude zerstört.Karl-Heinz Lüdenbach: Die Zeit des Zweiten Weltkrieges. In:
Bahnstrecke Engelskirchen – Overath Gegen Mittag des 16. März 1945 bombardierte die 474. Fighter Group der IX Tactical Air Command die Bahnstrecke zwischen Engelskirchen und Overath. Ziel der auf dem Flugplatz Straßfeld bei Euskirchen stationierten Gruppe war die Unterbrechung des Bahnverkehrs zwischen Olpe und Köln. Zehn Douglas A-26 und neun Lockheed P-38 warfen 15 1.000-Pfund-Bomben auf die Strecke ab. Am Nachmittag folgte ein weiteres Bombardement durch zehn Republic P-47 und dreizehn P-38, die 26 Bomben abwarfen. Als Folge der Angriffe war die Bahnstrecke zwischen Overath und Engelskirchen unterbrochen. Eine Lok und 54 Waggons wurden bei dem Angriff zerstört.
Engelskirchen 19. März 1945 miniatur|Der zerstörte Bahnhof mini|Die zerstörte Leppebrücke Bombardiert wurden bei diesen Angriffen der Ortskern sowie der Ortsteil Blumenau. Aus britischen und amerikanischen Archiven geht hervor, dass das alliierte Hauptquartier für diesen Tag einen Großeinsatz seiner Luftstreitkräfte befohlen hatte. Hierbei sollten Verkehrsknotenpunkte im Rücken der deutschen Front zerstört werden, darunter auch Bahnhof und Bahnhofsvorplatz in Engelskirchen. Infolge der durch die Bombardements vom 16. März unterbrochenen Bahnstrecke standen hier Munitionszüge mit 50 Waggons, deren Ladung in Lkw umgeladen werden sollte. Dies war den Aufklärern der britischen Luftwaffe bekannt. Die deutsche Militärführung hatte nach der Meinung von Fachleuten die strategische Bedeutung Engelskirchens falsch eingeschätzt und kaum Schutzmaßnahmen getroffen.
Die Angriffe der Bomberflugzeuge wurden in zwei Wellen durchgeführt. Am Morgen des 19. März starteten zunächst Jagdbomber des IX Tactical Air Command zu Aufklärungsflügen. Die Piloten flogen in geringer Höhe in auseinandergezogenen Schwärmen und schossen auf alles, was sich bewegte. Bei Blumenau bombardierten sie einen Zug der Leppetalbahn. Außerdem warfen sie Flugblätter ab.
Von Flugplätzen in Lothringen und Nordfrankreich starteten am späten Vormittag von Jägern eskortierte mittlere Bomber nach Engelskirchen. Der Angriff erfolgte durch die 410. Bomber Group und die halbe 397. Bomber Group. Zur 410. Bomber-Gruppe gehörten 34 Bomber des Typs A-20 Havoc, die insgesamt 204 500-Pfund-Bomben an Bord hatten. Sie wurden von drei Maschinen des Typs B-26 Marauder begleitet, die während des Fluges Stanniolstreifen abwerfen sollten, um deutsche Flugmelde- und -Radargeräte zu stören. Der Anflug erfolgte gemeinsam mit einer Bomber Group, deren Ziel Nassau war. Die Anflugroute verlief über den Hunsrück zum Rhein bei Sankt Goar weiter Richtung Nastätten. Bei Nastätten wurde der Verband von Flak beschossen, wodurch acht Flugzeuge beschädigt und zwei Besatzungsmitglieder verwundet wurden. Hier trennten sich die Verbände. Der weitere Anflug in Richtung Engelskirchen erfolgte über die Lahn nach Morsbach, wo die Verbände drehten und somit beim folgenden Anflug auf Engelskirchen die Sonne im Rücken hatten.
Beim Angriff sollte eine Angriffshöhe von 12.000 Fuß (3.810 Meter) nicht überschritten werden. Dies diente der Verminderung der Streuung der Bombenteppiche auf unter 300 Meter. Die mit Aufschlagzündern ausgerüsteten Bomben sollten in einem Abstand von 50 Fuß (15 Metern) aufschlagen. Zunächst sollte die 410. Bomber-Group angreifen, die halbe 397. Bomber-Gruppe 20 Minuten später, nachdem sich Explosions- und Rauchwolken verzogen hatten. Der finale Anflug des Verbands erfolgte in zwei Gruppen mit einer Höhenstaffelung von etwa 1.000 Metern. Nach dem Überflug von Bielstein ging das führende Flugzeug auf eine Höhe von ungefähr 2.900 Metern. Um 12:04 Uhr hatten die ersten Flugzeuge Engelskirchen bei guten Sichtverhältnissen erreicht und begannen mit dem Bombardement. Alle von der 410. Group abgeworfenen Bomben schlugen im geplanten Zielbereich ein. Dadurch wurden das Bahnhofgebäude, Gleise, ein Munitionszug und Wohnhäuser in der Ortsmitte zerstört, die Flammen der Explosionen stiegen bis zu 1.200 Fuß (365 m) auf. Die alliierten Militärs bezeichneten die Treffer als superior (= vortrefflich), einige auch als exzellent (= ausgezeichnet). Nach jedem Bombenabwurf benutzten die Piloten Serienbildkameras, um die Ergebnisse der Bombenabwürfe nach der Rückkehr vom Einsatz analysieren zu können.
Die später eintreffende 397. Bomber-Gruppe bestand aus drei Störflugzeugen sowie 29 A-20-Bombern mit insgesamt 116 Bomben von 1000 Pfund. Während des Anflugs wurde der Verband bei Hachenburg und Morsbach beschossen, wodurch zwei Flugzeuge beschädigt wurden. Von den über Engelskirchen abgeworfenen Bomben trafen ein Viertel das Zielgebiet, die übrigen Bomben fielen auf ein 300 Meter nordöstlich liegendes Wohngebiet und ein mehrere hundert Meter entferntes Waldgebiet südöstlich des Ortes. Die Gründe für die Fehlwürfe sind nicht bekannt. Die Flugzeuge kehrten nach Frankreich zurück, wo sie gegen 14 Uhr landeten.
Die infolge der Bombardierung entstandenen Brände wurden von Feuerwehren aus Lindlar, Overath, Ründeroth und dem Leppetal gelöscht; die Löschaktionen dauerten mehrere Tage an.Edmund Schiefeling: Engelskirchen seit 1945. In: Peter Opladen und Edmund Schiefeling: Engelskirchen im Aggertal. Engelskirchen 1951, unter Mitarbeit von Josef Külheim. S. 173. Die Masse der Trümmer der Explosionen dieses Tages wurde auf 25.000 m³ geschätzt.
28. März 1945 mini|Die Ortsmitte, im Hintergrund die Kirche St. Peter und Paul