mini|St. Peter ob Gratsch von Südosten mini|St. Peter ob Gratsch von Osten mini|hochkant|Turm und Kirchenschiff mini|Friedhofskapelle mini|Gesamtansicht des Weilers St. Peter St. Peter ob Gratsch (auch St. Peter bei Tirol) ist eine Kirche aus der Karolingerzeit in der Südtiroler Gemeinde Dorf Tirol. Auf die Spätantike zurückgehend, gilt die Kirche als einer der ältesten christlichen Kultstätten, am Übergang vom Burggrafenamt zum Vinschgau. Kirchenpatron ist der hl. Apostel Petrus.
Geschichte Der früher als Kronsbichl bezeichnete Hang, auf dem der Weiler St. Peter steht, ist seit prähistorischen Zeiten besiedelt. Darauf deuten zahlreiche archäologische Funde in der Umgebung hin. Das uralte Patrozinium des hl. Apostels Petrus weist auf Rom. Das Gotteshaus liegt an einem alten Römerweg oberhalb des Meraner Talkessels, von wo aus sich die Christianisierung bis in das Vinschgau ausbreiten konnte. Bei Grabungen am Kirchenfundament wurden unter drei Fußböden zwei Vorgängerbauten gefunden, der ältere datiert auf das fünfte Jahrhundert. Die erste Kirche war ein schlichter, spätantiker Saalbau mit Blockaltar, der laut Nothdurfter als Memoria konzipiert, in einer darunter liegenden Steinkammer Reliquien eines christlichen Heiligen oder Märtyrers beherbergt haben könnte. Zunächst besaß die Kirche St. Peter keine pfarrlichen Rechte, deren Taufstein datiert auf das Spätmittelalter. Laut Heitmeier bestand vielleicht in der Anfangszeit eine geistliche Gemeinschaft zur Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Dorf Tirol. Daneben existierte am benachbarten Burghügel von Schloss Tirol an einem Hang unterhalb des späteren Schlosses ein römisches Wohnhaus, das im 6. Jahrhundert ebenfalls in eine frühchristliche Apsidenkirche umgewandelt und später entweiht wurde.Gertrud Mras: Die Grabplatte der Lobecena aus der frühmittelalterlichen Kirche auf dem Burghügel von Schloss Tirol aus epigraphischer Sicht. In: Tiroler Heimat. 68, 2004, S. 5–10. Im 7. Jahrhundert wurde die Kirche St. Peter durch einen Neubau in Kreuzform mit östlichen Chorschluss ersetzt.
Die heutige dritte Kirche wurde im achten oder frühen neunten Jahrhundert errichtet. Der Grundriss entspricht dem eines lateinischen Kreuzes. Von der Zeit der Erbauung zeugen noch einige erhaltene Reste vorromanischer Stuckplastik. Das nördliche Seitenschiff war zunächst als Grabkapelle angelegt und vom Rest der Kirche separiert. Erst in späterer Zeit wurde die Trennmauer durchbrochen. Zur Zeit der ersten Erwähnung 1178 war St. Peter eine Eigenkirche der Edelfreien von Wangen, mit dem Stammsitz in Burgeis; sie war früher Seelsorgekirche von Gratsch und PfeldersPfelders ist (zu Fuß) sieben Stunden entfernt. sowie von einzelnen Höfen in Algund, Riffian und Dorf Tirol. In der Schenkungsurkunde von 1178 erscheint als Geistlicher ein gewisser Arnoldus als erster „plebanus ad S. Petrum“.
1287 erwarb der Tiroler Landesherr Graf Meinhard II. das Kirchenpatronat und übertrug es dem Zisterzienserkloster Stams, welches Kloster bis heute über das Priorat Untermais, für die Seelsorge von St. Peter zuständig ist. 1459 ist die Kirche als „sannt Peters pfarr bei Tirol“, somit als eigene Pfarre, bezeugt. In diesem Jahr gestattete der Fürstbischof von Chur Heinrich von Hewen auf Zutun des Kaisers Maximilian I. vom 5. Mai 1494 die völlige Einverleibung der Pfarre St. Peter in das Kloster Stams, durch die Einsetzung eines Pfarrers oder Vikars, jedoch machte das Stift erst 1559 davon Gebrauch. Bis dahin wirkten dort Vikare aus dem Weltklerus. Unter den Konventualen war Pater Joannes Koelbel seit 1554 Pfarrer in St. Peter, 1559 Pfarrer in Mais und 1567 Abt in Stams. Des Weiteren Pater Thomas Lugga, 1584 Pfarrer in St. Peter, 1590 Pfarrer in Mais und 1615 Abt in Stams. In den 1640er Jahren fertigte der Bildhauer Tobias Preu aus Bozen für die Kirche einen neuen Hochaltar.
Vor der von Kaiser Joseph II. 1786/87 angeordneten Flurbereinigung war die Pfarre St. Peter bedeutend größer und umfasste neben dem Kronsbichl, Gratsch und Pfelders auch alle Enklaven der angrenzenden Gemeinden, z. B. sieben Häuser in Dorf Tirol, das Schloss Auer und Umgebung, sieben Häuser in Riffian, sowie sieben Häuser und Höfe in Plars bei Algund. Ferner bezog der Pfarrer von St. Peter den Zehnten von sieben Häusern in dem zur Meran gehörenden Schlüpf, zwischen dem Spital und dem Archerhaus, bis zur Überschwemmung und Zerstörung durch die Passer 1419. Bis 1752 war das Dorf Pfelders im hinteren Passeiertal nach St. Peter gepfarrt, darauf wurde Pfelders zur eigenen Kuratie erhoben. Damals war St. Peter von Pfelders aus nur über einen beschwerlichen sechs- bis siebenstündigen Saumpfad über das Spronser Joch erreichbar. Die Toten konnten nach dem Winter erst im Frühjahr nach Gangbarmachung des Weges auf dem Friedhof von St. Peter überführt und beigesetzt werden.
Der Pfarrwidum stand ursprünglich an einer anderen Stelle, der Gegenwärtige entstand 1614 unter der Amtszeit des Pfarrers Christian Wolf vom Stamser Abt Melchior, auf einem Hof welcher 1291 Conrad Mulser dem Kloster Stams geschenkt hatte. Als einzige Filialkirche diente St. Magdalena in Gratsch. Der Kreuzweg, der von Gratsch nach St. Peter nutzten 400 Jahre lang die Gratscher, um ihre Kinder zu taufen und Toten zu bestatten. 1866 wurde die Pfarre St. Peter folgendermaßen beschrieben:
Unter der Amtszeit des Pfarrers Heinrich Weisskopf wurde das Kloster Stams am 16. September 1807 aufgelöst und in Folge 1808 von der bayerischen Regierung die Widumsgüter von St. Peter verkauft, mit Ausnahme eines Ackers für den Unterhalt des Meßners. 1905 wurde der Pfarrsitz von St. Peter nach St. Magdalena verlegt. Am 10. März 1978 stellte das Südtiroler Landesdenkmalamt die Kirche unter Denkmalschutz.
Ausstattung mini|hochkant|Innenraum mini|Apostelfresko Fresken Das Innere ist durch gotische Apsisfresken aus der Zeit um 1380 geprägt. In der Kalotte ist Christus in der Mandorla zu sehen. Die Darstellung ist von den Evangelistensymbolen umgeben. Darunter schließt sich ein Zyklus von unter Baldachinen stehenden Aposteln an. In den Fensterlaibungen finden sich weibliche Heilige.
Neben den gotischen sind auch Fragmente von Malereien aus den Epochen der Romanik, der Renaissance und des Barock zu sehen. Bedeutend ist zudem das Brustbild des Apostelfürsten Paulus, welches sich im südlichen Querschiff befindet. Die Datierung dieser Freske schwankt zwischen der ottonischen Zeit und dem 13. Jahrhundert. 2021 gelang der Nachweis von frühmittelalterlichem Ägyptisch Blau (5./6. Jahrhundert) an einem Wandmalereifragment aus St. Peter.
Weitere Ausstattung Der heutige Volksaltar stammt mit seinen vier Säulchen aus dem frühen Mittelalter und war lange Zeit unter einem barocken Hochaltar verborgen. Davor befindet sich unter einer Marmorplatte eine Art Confessio en miniature, in der noch die ursprünglichen Altarreliquien aufbewahrt werden. Den Eingang zum Chor flankieren barocke Figuren von Petrus und Paulus. Aus der Spätantike stammt ein Grab im nördlichen Seitenschiff. Es ist unter einer Falltür verborgen. Ebenfalls im Seitenschiff steht ein barocker Marienaltar.
Wandgemälde außen Südseite (von links nach rechts:) Christus zwischen Petrus und Paulus (Christus legem dat), um 1100 Heilige Katharina, um 1380 Erzengel Michael, Mitte 13. Jahrhundert Heilige Barbara, um 1400Alle Datierungen lt. Weingartner
Ostseite Bildnis des hl. Christophorus aus dem 14. Jahrhundert, das im 15. Jahrhundert übermalt wurde
Galerie
Literatur Leo Andergassen: Südtirol. Kunst vor Ort. Athesia: Bozen 2014. Sebastian Marseiler: Wege zur Kunst. Athesia: Bozen 2011. Reimo Lunz: Ausgrabungen in St. Peter ob Gratsch. Temi: Trient 2007. Josef Weingartner: Die Kunstdenkmäler Südtirols. Band 2, Bozen 1991, S. 649 ff. Gunther Langes: Südtiroler Landesgeschichte in Einzelbänden – Burggrafenamt. Bozen 1972, S. 180 f.
Weblinks
Pfarrkirche St. Peter oberhalb Gratsch auf sanktpeter.it
Einzelnachweise und Anmerkungen
Peter ob Gratsch Kategorie:Bauwerk der Vorromanik in Italien Kategorie:Peterskirche Kategorie:Kirchengebäude in Südtirol Kategorie:Kirchengebäude in der Diözese Bozen-Brixen Kategorie:Gotische Wandmalerei Kategorie:Bauwerk in Tirol (Südtirol) Kategorie:Ersterwähnung 1178