mini|hochkant=1.3|Blick in den Stich der Niddastraße, die Hauptkonzentration der Pelzfirmen (1989) mini|Markthelfer mit Fellen am Durchgang Niddastraße zur Düsseldorfer Straße (1970)

Das Pelzhandelszentrum Niddastraße in Frankfurt am Main war nach dem Zweiten Weltkrieg über einige Jahrzehnte hinweg der wesentliche Handelsplatz für Felle und Pelzgroßkonfektion, eine Zeitlang noch vor den beiden anderen Weltzentren des Fellhandels, London mit dem Beaver House und dem New Yorker Pelzviertel. Hier hatten die meisten größeren deutschen Rauchwaren-Handelsfirmen ihren Sitz oder zumindest eine Dependance, auch hatten sich im Großraum Frankfurt einige Pelzveredlungsfirmen niedergelassen. Sämtliche Sparten der Pelzbranche waren hier vertreten. Das Niddastraßenviertel löste damit den Leipziger Brühl ab, der durch den Krieg und seine Lage in der sowjetisch besetzten Zone und der nachfolgenden Staatswirtschaft der DDR zwangsläufig seine im Pelzhandel herausragende Stellung verloren hatte. Seine Vormachtstellung vor den kleineren Ansammlungen in Köln, Hamburg, München und Berlin erhielt Frankfurt durch die hohe Konzentration von Rauchwarenfirmen am Platz, diese Zentralfunktion wurde zu der Zeit von keiner anderen Stadt der Rauchwarenwirtschaft erreicht. Auch stellte das Pelzviertel mit der branchenmassierten Zusammensetzung seiner Anrainer einen absoluten Sonderfall unter den deutschen Stadtvierteln dar.

Das Pelzviertel lässt sich differenzieren in einen Kernbereich, ein großes Dreieck, das in den Jahren 1946 bis 1952 entstand, und zwei Ausweitungszonen, eine nach Südwesten und eine nach Osten, die sich im Wesentlichen bis 1952 entwickelt hatten. Die dichteste Konzentration der Firmen befand sich vor dem Durchgang zur Düsseldorfer Straße, im Sackgassenteil der Niddastraße.

Zuletzt haben sich der Rauchwarenhandel, Pelzkonfektion und Pelzveredlung in hohem Maß nach Asien und Russland, vor allem zum Pelzhandel in China verlagert, wo auch der Absatz an den Endverbraucher extrem zugenommen hat. Die Anzahl der Unternehmen im Pelzviertel ist bis auf einen kleinen Rest geschrumpft.

Historische Entwicklung Frankfurter Pelzhandel im Mittelalter mini|Wappen der Frankfurter Kürschner

Das mittelalterliche Frankfurt am Main, verkehrsgünstig gelegen, hatte eine lange Tradition als wichtiger Handelsplatz, Pelze hatten daran einen erheblichen Anteil. Die Kürschnerzunft war ansehnlich und Frankfurt hatte enge Beziehungen zum internationalen Rauchwarenhandel. Ende des 13. Jahrhunderts wird berichtet, dass der Frankfurter Großkaufmann Eckehard von Frauenrode in der Grafschaft Ziegenhain auf der Lübecker Handelsstraße überfallen und beraubt wurde. Bei der ihm abgenommenen Ware befanden sich unter anderem zwei Ballen mit Rauchwaren.

Eine Frankfurter Urkunde über den Rauchwarenhandel stammt aus dem Jahr 1294, dem Jahr, in dem auch im Rahmen eines größeren Rechtsgeschäftes die Abgaben der Kürschner auf den Messen geregelt wurden. Daraus ist zu entnehmen, dass es sich bereits um wesentlich ältere Verpflichtungen handelte. 1468 erklärten die Straßburger Kürschner, dass sie nach alter Gewohnheit zu jeder Messe einen eigenen Unterkäufer (Makler) nach Frankfurt senden würden. 23 Jahre später, 1491, protestierten diese sachverständigen Vermittler von Geschäften für Rauchwaren gemeinschaftlich beim Frankfurter Rat gegen die Zulassung eines Leipzigers für diese Tätigkeit. Solche Unterkäufer der Kürschner gab es in Frankfurt damals aus Erfurt, Frankfurt an der Oder, Nürnberg, Mainz, Speyer, Worms und Straßburg. Was besagt, dass die Kürschner aus ganz Mittel- und Süddeutschland ihre Einkäufe in Frankfurt tätigten.Franz Lerner: Aus der Geschichte des Frankfurter Kürschnerhandwerks. In: Mit Gunst, Meister und Gesellen eines ehrbaren Handwerks. Reihe Schriften des Historischen Museums, Frankfurt am Main 18, Frankfurt am Main 1987, S. 204–207.

Einige Zolltarife aus dem 13. und 17. Jahrhundert weisen Zobelfelle, Hermelinfelle, Marderfelle, Otterfelle, Biberfelle, Wolffelle und Eichhörnchenfelle als Handelsartikel aus. Den Zoll auf diese Waren hatte der Verkäufer zu tragen, ein Drittel davon erhielt der Zöllner, zwei Drittel die Stadt. Ein zweites Mal mussten die Rauchwarenhändler beim Verkauf an die Kürschner eine Abgabe entrichten, die allerdings von den Käufern mitgetragen werden musste. Als amtlicher Vermittler schob sich der „Unterkäufer“ ein, ein Fachmann, oft ein Kürschnermeister, der von der erhobenen Vermittlergebühr bei Rohfellen ein Viertel, bei Kürschnerwaren zwei Drittel für seine Bemühungen behalten konnte. Er hatte „in truwen globet unde zun heiligen gesworn“, den dritten Pfennig vom Erlös der Steuer alle Samstage an die Stadt abzuliefern.

Der Umsatz der Frankfurter Pelzhändler im 14. und 15. Jahrhundert dürfte bereits beträchtlich gewesen sein, mancher Nachkomme eines reichen Meisters stieg zum Patriziat auf. Ein Lübecker Großhändler ließ nach Messeschluss 12.000 unverkaufte Felle in Frankfurt als Kommissionsware zurück. 1550 kauften zehn Frankfurter Kürschner gemeinsam von einem Krakauer Kaufmann 6000 Felle.

Im Zusammenhang mit dem lebhaften Fellhandel breitete sich das Kürschnergewerbe aus. Bereits 1307 gab es in der Krämergasse, der damaligen Hauptgeschäftsstraße, eigene Kürschnerlauben, also besondere Verkaufsstände für Pelzwaren. Ein Zusammenschluss der Kürschner zu einer Zunft oder Brüderschaft ist aus dem Jahr 1355 belegt. Im 14. Jahrhundert waren vielleicht 25 bis 35 Meister mit zahlreichen Gesellen und Lehrlingen ansässig. Zusammen mit anderen Gewerben erhielt das Kürschnerhandwerk 1355 eine Zunftrolle, also die öffentlich-rechtliche Anerkennung. Im Schöffenrat wurde zu Protokoll gegeben: „Wer Eichhorn für Buntwerk oder alte Felle für neue ausgibt, muß der Zunft eine Buße zahlen“. Im Jahr 1377 verlangte der Rat einen Anteil an diesen Einnahmen und behielt sich die Aufsicht darüber vor.Paul Bruss: 100 Jahre Bircks. Sonderdruck der Firma Peter Bircks & Cie. Krefeld, August 1963, S. 107. Auch nach der Beilegung von Zunftunruhen, bei der die Handwerker ihre bisherige Selbständigkeit verloren und sie in Abhängigkeit von der städtischen Obrigkeit kamen, gehörten die Kürschner im Jahr 1377 zu den anerkannten dreizehn Zünften. Die Zunftordnung besagte unter anderem, dass kein Meister sich beim Felleinkauf Sondervorteile verschaffen durfte. Bei einem Angebot von mehr als ein halb Tausend Fellen musste allen Zunftkollegen Gelegenheit zum Mitbieten geboten werden.

Ihren größten Stellenwert hatte die Frankfurter Messe Ende des 14. Jahrhunderts. Als um das Jahr 1500 die Leipziger Messe an Bedeutung gewann und gleichzeitig die Mode anfing, den Pelz zu vernachlässigen, ließ der Pelzhandel in Frankfurt erheblich nach. Die Bedeutung für den Fellhandel muss jedoch bereits beträchtlich gewesen sein. Aus einem über Jahre angesammelten Fond und unter der Aufnahme von Hypotheken – das ohnehin schon beträchtliche Eintrittsgeld für neue Meister wurde noch einmal erhöht – kauften die Kürschner 1524 für 100 Gulden das Haus Zeilsheim in der Schnurgasse. Sie ließen es niederlegen und erbauten an der Stelle ihr Zunfthaus. Das schöne Gebäude stand dort bis 1944.

1932 wurden in einem historischen Rückblick nur Leipzig und Frankfurt, als „Rauchwarenzentralen“ bezeichnet.Philipp Manes: Die Berliner Pelzindustrie. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 53, 10. Mai 1932, S. 2. Trotz der inzwischen angestiegenen Bevölkerungszahl waren es im 18. Jahrhundert im Handwerk nur noch 7 Meister.

Seit dem 18. Jahrhundert sind jüdische Fell- und Pelzhändler in Frankfurt nachgewiesen, sie durften auch an den Messen teilnehmen, während normalerweise Zunftvorschriften ihnen den Handel untersagten.

Entwicklung der Niddastraße zum Welthandelszentrum für Rauchwaren mini|hochkant|Das „Am Brühl“-Schild erinnerte bei einem Händler an vergangene Leipziger Zeiten. An der Wand außerdem die Winckelmann-Tabelle mit den Pelzadressen. (2012) Vor dem Ersten Weltkrieg waren in der Mainstadt lediglich drei oder vier Grossisten, die aber teilweise ihre Ware auch nur von Leipziger Unternehmen in Kommission bekamen. Daneben betrieben auch einige Kürschner den Fellhandel. Die außergewöhnliche Bedeutung für den Rauchwarenhandel begann erst im Juni des Jahres 1945. Als in Leipzig bekannt wurde, dass die Streitkräfte der Vereinigten Staaten Leipzig, das sie Anfang Mai besetzt hatten, gemäß den Jalta-Beschlüssen der Roten Armee überlassen würden, begannen die ersten Firmen von dort in den Westen abzuwandern. Noch bestand die Chance, Geld zu transferieren, Werkzeuge, Maschinen und Ware mitzunehmen. Letztere stellte sich spätestens nach der Währungsreform bei Beginn des deutschen Wirtschaftswunders oftmals als das wichtigste Kapital heraus. Der Leipziger Pelzhandel blühte vor allem auch durch seine ehemals engen Beziehungen zu Russland und die Händler kannten daher aus eigener Anschauung das sowjetische Wirtschaftssystem, das für private Unternehmen keinen Raum ließ. Deshalb investierten weitsichtige Unternehmer nicht in ihre zum großen Teil zerstörten Betriebe um und vor allem in Leipzig, sondern warteten aus Westdeutschland die Zukunft ab. Die weitere politische Entwicklung mit der Teilung Deutschlands veranlasste letztlich alle Exilanten zum Bleiben in der neuen Heimat und es folgten ihnen zahlreiche weitere Firmenchefs der Pelzbranche, zusammen mit ihrem Personal. Allerdings entschied sich die Mehrzahl zur Übersiedlung erst nach der Währungsreform im Jahr 1948. Zwischen 1946 und 1948 waren bereits 35 Firmen nach Frankfurt gekommen, in den Jahren 1957 bis 1958 kamen noch einmal 240.