mini|Mahnmal für einen polnischen Zwangsarbeiter in Hamburg-Poppenbüttel

Für die NS-Zwangsarbeit im Raum Hamburg waren während des Zweiten Weltkrieges insgesamt 400.000 bis 500.000 Ausländer eingesetzt.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft. In: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hrsg.): Hamburg im 'Dritten Reich' , Göttingen 2005, ISBN 3-89244-903-1, S. 244. Zur Jahreswende 1943/1944 war mit 95.000 ausländischen Zivilarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen die Höchstzahl von Zwangsarbeitern zu verzeichnen.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939–1945. Hamburg 2006, ISBN 3-937904-26-3, S. 417. Die Fremdarbeiter waren ab 1941 grundsätzlich in umzäunten Lagern untergebracht, von denen rund 1500 nachweisbar sind.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter..., S. 25.

In den ersten zwei Kriegsjahren wurden hauptsächlich zivile Ausländer angeworben. Dann wurden westeuropäische Kriegsgefangene eingesetzt. Später wurde auf osteuropäische und sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsrekrutierte zurückgegriffen. Schließlich wurden auch Häftlinge der Konzentrationslager unter Bewachung in Betrieben eingesetzt.

Arbeitsbedingungen, Verpflegung, Unterbringung und Luftschutz bei Bombenangriffen waren zwischen den einzelnen Nationen der Zwangsarbeiter und im Verhältnis zu den Deutschen stark abgestuft.Friederike Littmann: Ausländische Zwangsarbeiter in Hamburg während des Zweiten Weltkrieges. In: Arno Herzig, Dieter Langewiesche und Arnold Sywottek (Hrsg.): Arbeiter in Hamburg. Verlag Erziehung und Wissenschaft, Hamburg 1983, ISBN 3-8103-0807-2, S. 569–583. Osteuropäische und sowjetische Zwangsarbeiter durften mit Deutschen keinen Blick- und Sprechkontakt haben, sie wurden schlechter verpflegt, bezahlt und untergebracht.Museum für Bergedorf und die Vierlande (Hrsg.): Zwangsarbeit in Bergedorf. Stationen einer verlorenen Jugend. Schlossheft Nr. 7. Bergedorf 2001. Ihre Arbeits- und Lebensbedingungen auf niedrigstem Niveau gingen mit einer ideologischen Abwertung der „Fremdvölkischen“ einher. Erst als die Kriegslage einen „Nachschub“ von Zwangsarbeitern hemmte und der Bedarf weiter stieg, änderte sich die Politik des Arbeitseinsatzes. Mit Lohnanreizen und sozialpolitische Maßnahmen förderte man die Leistungssteigerung der Ostarbeiter und ordnete an, diskriminierende Beschränkungen zu beseitigen oder abzumildern. Tatsächlich änderte sich jedoch wenig an den unzureichenden Lebensbedingungen.

Entwicklung 1939–1941 Nach der „Verordnung für Aufgaben von besonderer staatspolitischer Bedeutung“ vom 13. Februar 1939 konnten arbeitsfähige Deutsche in kriegswirtschaftlich wichtige Betriebe dienstverpflichtet werden.„Verordnung für Aufgaben von besonderer staatspolitischer Bedeutung“ vom 13. Februar 1939 (RGBl. I, S. 206) In Hamburg plante man zur selben Zeit, erwerbsbeschränkte, erwerbslose und fürsorgeunterstützte Juden und Jüdinnen in Lagern zur Pflichtarbeit heranzuziehen. Anfang 1941 waren mehr als zwei Drittel der als arbeitsfähig eingestuften Juden im „geschlossenen Arbeitseinsatz“ getrennt von „deutschblütigen“ Beschäftigten tätig.Wolf Gruner: Der geschlossene Arbeitseinsatz deutscher Juden - Zur Zwangsarbeit als Element der Verfolgung 1938-1943. Berlin 1997, ISBN 3-926893-32-X, S. 76 und 176. Erst mit Beginn des zweiten Kriegsjahres war mit den Methoden der Arbeitskräfteerfassung und -lenkung der Bedarf der Hamburger Rüstungswirtschaft nicht mehr zu decken; mehrwöchige Lieferrückstände waren die Folge. Das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt des OKW hielt den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte für unumgänglich. Die größten Hamburger Rüstungsbetriebe boykottierten dies zunächst mit sicherheitspolitischen Argumenten und verlangten deutsche Facharbeiter. Die Hamburger Industrie- und Handelskammer trat als Interessenvertreterin der Rüstungszulieferer auf und zeigte sich um den Erhalt möglichst vieler Klein- und Mittelbetriebe besorgt.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter..., S. 115.

Bei der Anwerbung wurde anfangs ein Arbeitskontrakt für die Dauer von drei bis sechs Monate vereinbart. Im März 1941 waren in Hamburg 8.819 ausländische Arbeitskräfte überwiegend im Baugewerbe und der Eisen- und Metallverarbeitung eingesetzt, davon ca. 50 % Dänen, 20 % Belgier und Holländer, 13 % Franzosen und 10 % Polen. Bis zum August 1941 schnellte die Gesamtzahl der Fremdarbeiter hoch auf 24.544 Männer und 3.882 Frauen.Zahlen bei Frederike Littmann: Zwangsarbeiter... S. 130–133.

Anfang 1941 setzte sich Gauleiter Karl Kaufmann in Berlin dafür ein, ausländische Arbeiter in Gemeinschaftslagern zu konzentrieren und nur wenigen ausgewählten Großbetrieben zuzuweisen.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter..., S. 134–135. Zuständig für Transport, Unterbringung, Lagerverwaltung, Verpflegung und Sprachschulung war Willy Henke von der „Hauptabteilung Arbeitseinsatz“ der Deutschen Arbeitsfront (DAF).Frederike Littmann: Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft. In: Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (Hrsg.): Hamburg im 'Dritten Reich' , Göttingen 2005, ISBN 3-89244-903-1, S. 231. Die DAF zeigte sich jedoch für den Bau von Gemeinschaftslagern überfordert; größere Betriebe mieteten daher Räumlichkeiten in leerstehenden Wirtschaftsbetrieben an oder pachteten Gelände für eigene Barackenunterkünfte. Nahezu alle der bis dahin überwiegend in Privatquartieren wohnhaften Fremdarbeiter waren Ende Mai 1941 in rund 70 Gemeinschaftslagern untergebracht. 13 Lager waren von der DAF bewirtschaftet, die den Lagerführer stellte und für Ausstattung, Ernährung und Gesundheitsversorgung zuständig war. In 28 Lagern gab es einen DAF-Lagerleiter, aber für Aufbau, Ausstattung und Versorgung waren privatwirtschaftliche oder öffentliche Betriebe zuständig. Für 29 Firmenlager oblag die Bewirtschaftung und Überwachung den Betrieben. Rund 8800 Kriegsgefangene waren in geschlossenen Lagern der Wehrmacht untergebracht.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter..., S. 233 und 237.

Arbeitseinsatz 1942

Das Jahr 1942 brachte mit dem absehbar längerwährenden Krieg gegen die Sowjetunion eine deutliche Zäsur. Rund 160.000 Hamburger waren einberufen worden. Trotz ideologischer Vorbehalte griff die Hamburger Wirtschaft nun vorrangig auf sowjetische Zwangsarbeiter zurück. Im August 1942 wurden 228 Ausländerlager mit 25.000 Fremdarbeitern gezählt; hinzu kamen weitere 15.000 Arbeitskräfte in 44 Lagern für zivile russische Arbeitskräfte und 117 Lagern für Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationalitäten.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter..., S. 316. Zum Jahresende 1942 arbeiteten rund 11.000 Kriegsgefangene, 41.000 Ausländer und 11.000 weibliche Ausländerinnen in Hamburg;Frederike Littmann: Zwangsarbeiter..., S. 360–363. Bei diesen Zahlen sind die zur Zwangsarbeit eingesetzten Häftlinge im KZ Neuengamme nicht berücksichtigt. mini|1942: Merkblatt für Ostarbeiter aus der Sowjetunion Die verschleppten „fremdvölkischen Ostarbeiter“ sollten nur in geschlossenen Kolonnen eingesetzt werden und in umzäunten und bewachten Lagern wohnen, die auch in der Freizeit nicht verlassen werden durften. Weitere Einschränkungen waren im „Ostarbeitererlass“ festgeschrieben. Anstelle von Lohnabgaben wurde eine „Russensteuer“ einbehalten, die um ein Mehrfaches höher war. Sowjetische Kriegsgefangene wurden durch Wehrmachtsangehörige oder Hilfswachmannschaften bewacht. Die Lohnbeiträge der Unternehmen gingen bis auf eine Taschengeld von 20 Reichspfennig an das Reich. Hamburger Unternehmen beklagten die Mangelernährung russischer Zivilarbeiter und Kriegsgefangener, die das Leistungsvermögen der Arbeitskräfte um 50 % absinken lasse.

Die Einsicht der Führung, dass eine effektive Nutzung der Arbeitskraft nur durch hinreichende Ernährung und Behandlung nachhaltig sicherzustellen sei, führte ab Mitte 1942 zu partiellen Verbesserungen der Lebensverhältnisse für die sowjetischen Zwangsarbeiter. Fritz Sauckel ordnete an, das Lagerleben erträglicher zu gestalten, Stacheldraht-Umzäunungen abzubauen und eine Ausgeh-Erlaubnis für Gruppen zu erteilen. Ukrainern wurde in Aussicht gestellt, von der diskriminierenden OST-Kennzeichnung befreit zu werden. Die „Russensteuer“ wurde durch eine günstigerer Ostarbeiterabgabe ersetzt. Die versprochene Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Ostarbeiter und eine Angleichung ihrer Lohn- und Ernährungssätze an die anderer Fremdarbeiter erfolgte nur stufenweise und zog sich jahrelang hin. So wurde zum Beispiel die Ostarbeiter-Kennzeichnung erst 1944 per Polizeiverordnung ersetzt durch ein „Volkstumsabzeichen“.Polizeiverordnung über die Kenntlichmachung der im Reich befindlichen Ostarbeiter und -arbeiterinnen vom 14. Juni 1944 (RGBl. I, 147)

Arbeitseinsatz 1943 Misserfolge und Verluste der deutschen Armee im Winter 1942/1943 führte zu umfangreichen Einberufungen. Spätestens 1943 konnte nach Eingeständnis Sauckels von einer Freiwilligkeit zum Arbeitseinsatz in Deutschland nicht mehr die Rede sein, vielmehr seien bei der Verschleppung „die Schlacken unserer Humanitätsduselei“ abzulegen.Rede Sauckels vom 6. Januar 1943 – Dokument Sauckel 82. In: IMT: Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher..., fotomech. Nachdruck München 1989, Bd. 41, ISBN 3-7735-2529-X, Zitat S. 226. Um die unabdingbare Arbeitsleistung der Zwangsarbeiter zu erhalten und zu steigern, sollten Lohnerhöhungen, Akkordzuschläge und erleichterter Transfer der Gelder in die Heimatländer sowie Essenszulagen für Schwerarbeiter, verbesserte ärztliche Betreuung und Erholungsurlaub eingeführt werden. Tatsächlich wurden die in Erlasse und Durchführungsbestimmungen gefassten Verbesserungen nur zögernd und nicht überall umgesetzt. Sie änderten kaum etwas an den miserablen Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter: Bei den Essenszulagen kam es zu einer Umverteilung zu Lasten der Schwächeren. In Hamburg konnte kein Beispiel für einen Ostarbeiter-Urlaub belegt werden.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter..., S. 369–377.

Andererseits setzte man Druckmittel und Strafen ein, um die geforderte Arbeitsdisziplin zu erzwingen und Sabotage zu bekämpfen. Seit April 1943 gab es das Arbeitserziehungslager Langer Morgen in Hamburg-Wilhelmsburg; dorthin wurden Zwangsarbeiter wegen „Nichterfüllung der Arbeitsnorm, Renitenz am Arbeitsplatz, fortgesetzter Verspätungen oder Betriebsbummelei“ von der Gestapo eingewiesen und wochenlang durch härteste Arbeit „umerzogen.“ Wegen Sabotage und Plünderung wurden in einer Strafaktion im August 1943 zwanzig Verdächtige sowie 150 Zwangsarbeiter des Arbeitserziehungslagers erschossen.Geschichtswerkstatt Lurup, S. 2 (Abruf am 5. Februar 2015)

Sowjetische Zwangsarbeiter durften nur separat von Deutschen, auch von allen anderen Ausländern getrennt und meist nur in Splitterschutzgräben Schutz suchen. Bei der Operation Gomorrha wurden mindestens 130 Ausländerlager im Stadtgebiet zerstört. Vermutlich kamen 3.500 der rund 80.000 ausländischen Zwangsarbeiter ums Leben. Zehntausende wurden in ihre Heimatländer zurückgeschickt oder in andere Städte verlegt. Rund 27.000 verblieben zunächst in Hamburg.Frederike Littmann: Zwangsarbeiter..., S. 394 / Zahl der Toten S. 400. Viele hausten in Notunterkünften und mussten Leichen bergen, Trümmer räumen und Betriebe wiederaufbauen. Im November 1943 waren aber bereits 560 Lager wiederhergestellt, in denen 63.000 Zwangsarbeiter untergebracht waren. In dieser Gesamtzahl sind 8000 überwiegend aus der Sowjetunion und Frankreich stammenden Kriegsgefangenen noch nicht enthalten, ebenso wenig auch die erst Ende August 1943 eintreffenden 11.930 italienischen Kriegsgefangenen.