Die Schildkröten (Testudinata, bzw. Testudines, wenn die Kronengruppe gemeint ist; ehemals auch Chelonia von altgr. χελώνιον „Schildkröte“) sind eine Ordnung der Sauropsida und erschienen erstmals vor mehr als 220 Millionen Jahren im Karnium (Obertrias). In der klassischen Systematik werden sie zu den Kriechtieren bzw. Reptilien gezählt; diese Bezeichnungen stehen für ein in seinem traditionellen Umfang paraphyletisches Taxon und stellen daher nur mehr informelle Sammelbegriffe dar.

Man unterscheidet 360 Arten mit über 200 Unterarten.The ReptileDatabase: Species Numbers (November 2021) Die Schildkröten haben sich den unterschiedlichsten Biotopen und ökologischen Nischen angepasst. Die Spanne reicht dabei von mediterranen Landschildkrötenarten, Gopher- oder Wüstenschildkröten und den besonders zahlreichen, kleineren Wasserschildkrötenarten in Nordamerika und Südostasien über groß werdende Fluss-Schildkröten in Südamerika, Riesenschildkröten auf einigen Inselgruppen, Weichschildkröten in Asien und Schlangenhalsschildkröten in Australien bis hin zu den größten, den Lederschildkröten, die neben den Meeresschildkröten eine eigene Familie bilden.

Schildkröten sind wechselwarme, eierlegende Kriechtiere. Phylogenetisch stehen sie basalen Diapsiden wie Odontochelys semitestacea und Sinosaurosphargis yunguiensis nahe.

Die Anpassungsfähigkeit der Schildkröten hat ihr Fortbestehen bis in die heutige Zeit sichern können. Durch menschliche Einflüsse sind aber viele Arten akut gefährdet.

Verbreitung mini|Verbreitung: Land-, Wasser- und Sumpfschildkröten (schwarz), Meeresschildkröten (blau)

Mit Ausnahme der Polargebiete und Hochgebirge besiedeln Schildkröten alle Kontinente und Ozeane. Sie kommen in verschiedenen Naturräumen vor, in tropischen Wäldern und Sümpfen, in Wüsten und Halbwüsten, Seen, Tümpeln, Flüssen, in Brackwassergebieten und in Meeren, in gemäßigten, tropischen und subtropischen Klimazonen.

In Europa gibt es neben den Meeresschildkröten nur neun autochthone Arten, vier Land- und fünf Wasserschildkrötenarten. Deutschland, Österreich und die Schweiz beherbergen nur eine einzige einheimische Schildkrötenart, die Nominatform der Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis orbicularis).

Eingeschleppte Schildkrötenarten in Deutschland Neben der einheimischen Europäischen Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) wurden in deutschen Süßgewässern mittlerweile 14 weitere, gebietsfremde (allochthone) Wasserschildkrötenarten nachgewiesen.Hedi Schloddarick, Frederic Griesbaum, Melita Vamberger, Johannes Penner: Striking diversity and distribution of non-native chelonians in Germany. In: NeoBiota. Band 107, S. 207–224, 2. Juni 2026, doi:10.3897/neobiota.107.178668. Die mit Abstand am häufigsten nachgewiesene gebietsfremde Art ist die Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta), auf die rund 70 Prozent aller Beobachtungen (1237 von 1770 Nachweisen) entfielen. Als weitere häufige Arten wurden die Gewöhnliche Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna) mit etwa 9,4 Prozent sowie die Falsche Landkarten-Höckerschildkröte (Graptemys pseudogeographica) mit rund 6 Prozent der Nachweise erfasst. Daneben gelangen Nachweise von Chrysemys picta, Pseudemys nelsoni, Graptemys ouachitensis, Mauremys reevesii, Pseudemys peninsularis, Chelydra serpentina, Mauremys sinensis, Pelodiscus sinensis, Mauremys leprosa, Sternotheurus odoratus sowie weiteren Unterarten und Kreuzungen. Drei dieser Arten – Trachemys scripta, Pseudemys concinna und Graptemys pseudogeographica – gelten in Deutschland inzwischen als etabliert, da für sie reproduzierende Freilandpopulationen belegt sind.

Der überwiegende Eintragspfad ist das Aussetzen ehemaliger Heimtiere durch Halterinnen und Halter. Bereits ab den 1950er Jahren wurde die Rotwangen-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta elegans) millionenfach als Heimtier gehandelt und gehörte zu den weltweit am häufigsten importierten Reptilienarten.S. Lowe, M. Browne, S. Boudjelas, M. De Poorter: 100 of the World's Worst Invasive Alien Species. A selection from the Global Invasive Species Database. Invasive Species Specialist Group (ISSG), IUCN, Auckland 2000. Die Europäische Union verbot den Import von Trachemys scripta elegans im Jahr 1997 aufgrund ihres invasiven Potenzials. Da die Nachfrage jedoch hoch blieb, wurden in der Folge andere Unterarten und Kreuzungen von Trachemys scripta nach Europa eingeführt und gehandelt. Im Jahr 2016 wurde Trachemys scripta in die EU-Liste invasiver gebietsfremder Arten aufgenommen (Verordnung (EU) Nr. 1143/2014), was den Handel, den Besitz und das Aussetzen der Art innerhalb der EU untersagt. Gleichwohl hat sich die Art weiter ausgebreitet. Trachemys scripta gilt weltweit als eine der schädlichsten invasiven Reptilienarten und findet sich auf der IUCN-Liste der „100 schlimmsten invasiven Arten“.A. V. Reshetnikov et al.: Trachemys scripta. In: Invasive Species Compendium. CAB International, 2023. Die geografische Verteilung der gebietsfremden Arten in Deutschland ist eng mit menschlichen Siedlungsgebieten verknüpft. Artenvielfalt und Individuenzahl der eingeschleppten Schildkröten sind in städtischen und stadtnahen Bereichen besonders hoch; der mittlere Urbanisierungsgrad im Umkreis von einem Kilometer um die jeweiligen Fundorte betrug rund 60 Prozent. Verbreitungsschwerpunkte liegen vor allem in den Ballungsräumen Westdeutschlands sowie in und um Hamburg, Heidelberg, Freiburg, Stuttgart und München; in Ostdeutschland besteht ein größerer Schwerpunkt im Raum Berlin sowie vereinzelte Nachweise bei Leipzig. Dieses Muster deutet darauf hin, dass das Aussetzen von Heimtieren die Hauptursache der Einschleppung darstellt, da großstädtische Gewässer wie Parkseen besonders häufig zur illegalen Abgabe von Schildkröten genutzt werden.

Die Europäische Sumpfschildkröte selbst ist in Deutschland stark zurückgegangen und gilt als vom Aussterben bedroht. Teile der heute noch existierenden deutschen Bestände gehen auf allochthone, also ausgesetzte Individuen zurück, was die Abgrenzung autochthoner von eingeschleppten Populationen erschwert und Schutzmaßnahmen kompliziert.

Hinsichtlich möglicher ökologischer Auswirkungen sind direkte Effekte durch das breite Nahrungsspektrum der eingeschleppten Arten (Prädation auf einheimische Flora und Fauna) sowie indirekte Effekte durch das Einschleppen von Krankheitserregern und Parasiten belegt. Trachemys scripta ist bekannt als Reservoir verschiedener Salmonella-Stämme und anderer PathogeneC. Shen et al.: Evaluation of Salmonella concentration in turtle pond water. In: Letters in Applied Microbiology. 2011. sowie als empfänglich für Ranavirusinfektionen.M. O. Finlaison et al.; vgl. auch: B. D. Moore et al.: Ranavirus in freshwater turtles. In: Herpetological Review. 2014. Eine Übertragung von Parasiten, darunter Helminthen, von eingeschleppten auf einheimische Schildkrötenarten wurde in Europa bereits dokumentiert.A. Héritier et al.: Parasite sharing between invasive and native freshwater turtles. In: International Journal for Parasitology: Parasites and Wildlife. 2017; E. Demkowska-Kutrzepa et al. 2018. Die Forschenden betonen, dass angesichts des voranschreitenden Klimawandels weitere der derzeit noch nicht etablierten Arten zukünftig reproduktionsfähige Populationen aufbauen und damit stärkere Auswirkungen auf heimische Ökosysteme entfalten könnten.

Körperbau und Lebensweise mini|Anordnungsschema der Hornschilde (Scuta) auf dem Carapax mini|Schwarzknopf-Höckerschildkröte mit charakteristischer Ausprägung der Vertebralschilde mini|Glatte Weichschildkröte, keine Hornschilde, nur Haut bedeckt den Knochenpanzer mini|Der Carapax (Rückenschild) einer Geierschildkröte

Aufbau des Panzers (Pantex) Für Schildkröten stellt der Panzer, welcher bereits ca. 30 % des Gewichtes ausmacht, zweifellos das anatomisch entscheidende Charakteristikum dar. Kein anderes Wirbeltier zeigt eine vergleichbare Anatomie. Ähnlich wie das Exoskelett der Insekten umschließt der Panzer der Schildkröten, der sich aus dem Rückenpanzer (Carapax) und Bauchpanzer (Plastron) zusammensetzt, außer dem Kopf alle wichtigen Körperregionen und Organe.Dominik Müller: Mediterrane Landschildkröten – Biologie, Haltung, Vermehrung, Erkrankung.

Der Knochenpanzer besteht aus massiven Knochenplatten, die einen Rippenkorb bilden, der entwicklungsgeschichtlich aus den Wirbelbögen und Rippen des Endoskeletts der Wirbeltiere hervorgegangen ist. Dabei hat sich der Schulterknochen (lat. Scapula), im Gegensatz zu allen übrigen Wirbeltieren mit Schultergürtel, unter die Rippen geschoben. Dieser weitgehend starre Knochenpanzer erfordert eine Anpassung der Atmung, die durch eine Bewegung der Extremitäten mit Hilfe von kräftigen Muskelpaketen unterstützt werden muss.

Über dem Knochenpanzer befindet sich je nach Art eine lederartige Hautschicht (so z. B. bei den Weichschildkröten) oder aber die typische Schicht aus Hornschilden (Scuta), welche ihrerseits aus Keratin bestehen. Die Färbung der Hornschilde hängt vor allem vom Habitat der Schildkröte ab, denn die meisten Arten sind farblich an ihren Lebensraum angepasst.

Bei Zier-, Buchstaben-Schmuck-, Echten Schmuck- und Höckerschildkröten erneuern sich die Hornschilde regelmäßig, indem sich die älteren äußeren Hornschilde lösen und darunter die neugebildeten Hornschilde zum Vorschein kommen. Bei anderen Schildkröten entstehen Wachstumsringe und die äußeren Hornschilde nutzen sich nur durch Abrieb von außen etwas ab.

Diese Hornschilde lassen sich in folgende Gruppierungen einteilen, wobei artbedingte Abweichungen in Anzahl und Vorhandensein anzutreffen sind:

Hornschilde des Rückenpanzers (Carapax)

(von cranial nach caudal bzw. von vorne nach hinten) 1 Nackenschild (Cervicale oder Nuchale) 24 Randschilde (Marginalia) die letzten beiden Randschilde sind die Postcentralia und bilden gemeinsam den Supracaudal- oder Schwanzschild (Supracaudale, Syn.: Caudale), bei manchen Arten ist dieser auch ungeteilt 5 Wirbelschilde (Vertebralia) 8 Rippenschilde (Pleuralia oder Costalia)

Hornschilde des Bauchpanzers (Plastron)

(von cranial nach caudal bzw. von vorne nach hinten) 2 Kehlschilde (Gularia) 2 Armschilde (Humeralia) 2 Achselschilde (Axillaria) 2 Brustschilde (Pectoralia) 2 Bauchschilde (Abdominalia) 2 Hüftschilde (Inguinalia) 2 Beinschilde (Femoralia) 2 Afterschilde (Analia)

Die Naht- und Verzahnungsstellen von Horn- und Knochenpanzer liegen nicht übereinander, sondern sind gegeneinander verschoben. Dadurch erhöht sich die Festigkeit des Panzers noch weiter. Das Aussehen des gesamten Panzers unterscheidet sich je nach Spezies stark. So weist der Rückenpanzer bei vielen Arten, insbesondere im Jugendalter, einen oder drei Längskiele auf. Bei den Höckerschildkröten und den Chinesischen Dreikielschildkröten (Mauremys) sind diese kräftig ausgeprägten Höcker und Kiele sogar namensgebend. Verschiedene Gattungen (beispielsweise die Dosenschildkröten und die Scharnierschildkröten) können ihren Bauchpanzer mit Hilfe eines Scharniers hochklappen und so den gesamten Panzer verschließen. Die Klappschildkröten haben zwei Scharniere und können so die vordere und hintere Öffnung unabhängig voneinander schließen. Eine ähnliche Funktion bietet das Scharnier im Carapax der Gelenkschildkröten.

Die Entwicklung des Schildkrötenpanzers wird teilweise als Anpassung an den Lebensraum Wasser interpretiert. Der starre Körper ermöglichte demnach ein schnelleres Vorankommen unter Wasser, insbesondere im Gegensatz zu den schlängelnden Bewegungen anderer Reptilien. Allerdings zeigen bereits die ältesten bekannten Schildkrötenfossilien einen hoch entwickelten Panzer, so dass über seine Ursprünge und seine Entwicklung nur spekuliert werden kann.Olivier Rieppel: The evolution of the tu8rtle shell. In: D. Brinkman, P. Holroyd, J. Gardner (Hrsg.): Morphology and Evolution of Turtles, Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology, Springer, Dordrecht 2013, S. 51–61, , ISBN 978-94-007-4308-3.

Sinnesleistungen