mini|Lynn Hershman-Leeson

Lynn Hershman Leeson (* 1941 in Cleveland, Ohio) ist eine US-amerikanische Künstlerin und Filmemacherin. Ihre interdisziplinäre Arbeit stößt feministische Diskurse an und setzt sich mit Fragen der Identität, technischen Innovationen und dem Verhältnis beider Themen zueinander auseinander. 2004 wurde sie zur einflussreichsten Frau im Bereich Medienkunst ernannt.

Arbeit Lynn Hershmans Arbeit umfasst eine Bandbreite von Themen: allen voran die Identität in Zeiten des Konsums, Privatsphäre in Zeiten der Überwachung und Kontrolle, die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, dem Verhältnis von realer und virtueller Welt. Sie entwächst Traditionslinien der Installationskunst, Performancekunst und Fotografie und impliziert häufig das interaktive Moment, besonders in Hinblick auf computergestützte Medien. Ihr nunmehr 40 Jahre umfassendes Œuvre hat Hershman zeitlich und stilistisch in zwei Abschnitte geteilt: „Before Computers“ (B.C.) und „After Digital“ (A.D.). Dabei zeigt sie eine mediale und materielle Vielfalt von Performance, Video, Zeichnung, Collage, textbasierter Arbeit über orts-spezifische Interventionen (Dante Hotel 1972). Durch ihre frühe und hellsichtige Auseinandersetzung mit digitalen Neuerungen und interaktiven netzbasierten Arbeiten gilt sie als Pionierin der Medienkunst. Inspiriert dazu hat sie nicht zuletzt ihr damaliger Wohnort San Francisco mit seinem Vorort, dem Silicon Valley, welches nach wie vor als Innovationszentrum neuer Technologie gilt.. art-magazin.de

Durch die von ihr geschaffenen Personen und fiktiven Identitäten hat sie den Avatar als synthetischen Repräsentanten realer Menschen innerhalb der virtuellen Welten des Internets vorweggenommen. Von 1993 bis 2004 war sie Professorin für elektronische Künste an der University of California at Davis. Sie lebt und arbeitet in San Francisco und New York.

Mit dem DDAA (DAM DIGITAL ART AWARD) 2010 als Preisträgerin für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, wurde ihr 2012 eine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland in der Kunsthalle Bremen gewidmet. 2014 eröffnete ihre groß angelegte Retrospektive im ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) in Karlsruhe. Ihre Werke sind in zahlreichen namhaften Sammlungen vertreten, u. a. im Museum of Modern Art (New York, USA), in der Tate Modern (London, Großbritannien), im Lehmbruck Museum (Duisburg) und im ZKM in Karlsruhe.lynnhershman.com

Roberta Breitmore In den Jahren 1974 bis 1978 konzipierte, entwickelte und lebte Hershman in der fiktiven Person Roberta Breitmore. Diese Transformation beschränkte sich nicht nur auf die durch Kleidung, Make-up, und Perücken veränderte physische Erscheinung, sondern auf das Kreieren einer eigenständigen Persönlichkeit. Hershman zufolge trat Roberta in die Welt, als sie an einem Tag mit dem Bus nach San Francisco kam und in das Dante Hotel eincheckte, mit 1800 $ Ersparnissen bei sich, 30-jährig und geschieden. Von da an schuf Hershman ihr eine genau pointierte und nachzuverfolgende Biographie, die sich u. a. an Zeitungsanzeigen von Mitbewohnersuche bis hin zu Blind-Dating-Versuchen, Briefen, einem Führerschein und den Sitzungsprotokollen beim Psychotherapeuten ablesen lässt. Roberta Breitmore lässt sich als Portraitstudie einer jungen Frau an der Westküste Amerikas und als Studie des Zeitgeistes der 70er Jahre verstehen. Hershman verortet das Projekt als private Performance, als zeitgebundene Skulptur und als virtuelle oder simulierte Rolle.

„LORNA“ LORNA ist der Name eines Projekts von 1983 dem als erstes dem Bereich der Game Art zugeschrieben werden kann. Es erzählt die Geschichte einer Frau die an Agoraphobie leidet. Interaktiv können die Zuschauer über den Verlauf und den Ausgang der Geschichte bestimmen. LORNA hat ihre Einzimmerwohnung, deren Einrichtung der des Dante Hotels aus Roberta Breitmore sehr ähnelte, nie verlassen. Der Fernseher, den es als einzigen nicht im Dante Hotel gab, hat großen Einfluss auf LORNA. Er stellt ihre Verbindung zur Außenwelt her, zugleich ängstigen die gesendeten Nachrichten und Werbefilme sie zu sehr, um das Haus zu verlassen. Die Aufgabe des Zuschauers war es, LORNA aus ihrem Angstkäfig zu befreien. Die Gegenstände der Zimmereinrichtung waren mit nummeriert. Durch drücken der entsprechenden Zahl auf der Fernbedienung wurden diese Objekte aktiviert. Das Schicksal von LORNA lag somit förmlich in der Hand des aktiven Zuschauers. Jedes nummerierte Objekt öffnete zu einer Sequenz aus LORNA vergangenen und zukünftigen Konflikten. Die narrativen Sprünge, Brüche und Wiederholungen der Sequenzen sind verwirrend, zeugen jedoch zugleich vom Seelenzustand der Hauptdarstellerin. Vereinzelte voyeuristische Einstellungen lassen auf die Selbstinszenierung schließen, die ein Mensch betreibt, dessen einziger Gegenüber er selbst ist. Der Ausgang des interaktiven, non-linearen Narrativs bleibt offen, lässt aber auf drei Optionen schließen: den Selbstmord LORNAS, die Flucht aus der Wohnung oder der Schuss nicht auf sich, sondern auf den Fernseher, gleichbedeutend mit dem Sieg über das Medium und den Tod desselben.medienkunstnetz.de

„America’s Finest“ America’s Finest ist ein in zwischen 1990 und 1994 geschaffenes interaktives Medienkunstwerk, das die gewaltigen Auswirkungen der technologischen Entwicklung auf den Krieg und die Veränderung der menschlichen Wahrnehmung thematisiert. Das Werk besteht aus drei Komponenten ‒ einem M16-Gewehr, einem Mini-Videomonitor in der Zielvorrichtung und einer über Sensoren gesteuerten Überwachungskamera. Der Titel bezieht sich auf das M16-Gewehr, das 1964 in den U.S.A. entwickelt wurde und seither in mehreren Kriegen, insbesondere im Korea-, Vietnam- und Golfkrieg, eingesetzt wurde. Der Monitor überträgt das Bild des Ausstellungsraums, über das sich gewaltvolle Bildsequenzen legen, die an Kriegsszenen oder durch Waffen verübte Gewalt erinnern. Dabei spricht eine robotische Stimme den Satz „pull the trigger“. Wenn die Besucher abdrücken, erscheinen die Bilder von Opfern sowie ihre eigenen Aufnahmen, die von einer verborgenen Überwachungskamera im Ausstellungsraum übertragen werden. Indem sich die Zielperson durch den Schuss einer anderen in das eigene Abbild verwandelt, werden die Besucher nicht nur zu Akteuren, sondern zugleich zu Opfern der Gewalt. Die Stimme mit dem Satz „look at what you´re doing“ soll dabei die Gewalttätigkeit dieses interaktiven Handelns verdeutlichen.Mack Somers: Lynn Hershman Leeson. In: The Kitchen OnScreen, abgerufen am 7. Februar 2026.

Filme Hershman Leeson ist auch Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin. Ihre bekanntesten Filme sind Strange Culture, Teknolust und Leidenschaftliche Berechnung, die auf dem Sundance Film Festival, dem Toronto International Film Festival und der Berlinale gezeigt wurden. Die britische Schauspielerin Tilda Swinton spielte in allen drei Filmen.

2018 wurde sie für ihr Wirken im Dokumentarfilmbereich in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences berufen, die jährlich die Oscars vergibt.Academy invites 928 to Membersphip. In: oscars.org (abgerufen am 26. Juni 2018).

Filme (Auswahl) 1986–1994: Electronic Diaries 1997: Leidenschaftliche Berechnung (Conceiving Ada) 2002: Teknolust 2007: Strange Culture 2011: !Women Art Revolution, eine Dokumentation über die feministische Kunstbewegung in den Vereinigten Staaten (Feminist art movement in the United States). 2017: Tania Libre

Auszeichnungen (Auswahl) 1995: ZKM/Siemens Media Art Award 2008: Creative Capital Grant for !Women Art Revolution 2009: Individual Artist Commissions Award, San Francisco Arts Commission, San Francisco 2009: Guggenheim Fellowship for Creative Arts: Film 2009: Lifetime Achievement Award, Association for Computing Machinery’s Special Interest Group on Graphics and Interactive Techniques (ACM SIGGRAPH), New Orleans 2010: 4th Develop Digital Art Award (DDAA) für ihr Lebenswerk, vergeben vom Digital Art Museum in Berlin 2014: IFP Pixel Market Prize für den Film The Infinity Engine mit Tilda Swinton 2018: The Women’s Caucus for Art, Lifetime Achievement Award 2023: Ehrendoktorwürde, Pratt Institute of Art, New York 2023: Distinguished Artist Award, Creative Capital

Ausstellungen (Auswahl) Einzelausstellungen 2000: Sweeney Gallery, University of California, Riverside 2000: Filmhaus Köln, Retrospektive,und Tribut bei der Feminale, Köln 2001: University of Virginia Museum of Art, Charlottesville, Virginia 2001: Media & Identity, UCR Sweeney Art Gallery, Riverside 2002: Lynn Hershaman, Gallery Paule Anglim, San Francisco 2004: Lynn Hershman, bitforms Gallery, New York City 2005: Gallery Paule Anglim, San Francisco 2008: No Body Special, De Young Museum, San Francisco 2008: Lynn Hershman, Gallery Paule Anglim, San Francisco 2011: Roberta Breitmore, Galerie Waldburger, Brüssel 2012: Me as Roberta, Museum of Contemporary Art, Krakau 2012: Seducing Time, Retrospective, Kunsthalle Bremen 2012: W.A.R. Documentary screening, Moderna Museet, Stockholm 2013: Agent Ruby Files, San Francisco Museum of Modern Art (SFMoMa), San Francisco 2013–2014: New Acquisitions in Photography, Museum of Modern Art (MoMa), New York 2014: Pop Departures, Seattle Art Museum, Seattle 2014: How to Disappear, Aanant & Zoo, Berlin 2014: Taking a Stand Against War, Lehmbruck Museum, Duisburg 2014: Playback, AUTOCENTER, Berlin 2014–2015: Civic Radar, Lynn Hershman Leeson – The Retrospective, Sammlung Falckenberg, Hamburg und ZKM, Karlsruhe 2015: Modern Art Oxford, Großbritannien 2017: Remote Controlbridget donahue Gallery 2021: Lynn Hershman Leeson: Twisted, New Museum, New York 2024: Lynn Hershman Leeson: Are Our Eyes Targets? Julia Stoschek Foundation, Düsseldorf, DE, 11. April 2024 – 2. Februar 2025Lynn Hershman Leeson: Are Our Eyes Targets? Julia Stoschek Foundation, Düsseldorf, DE, 11. April 2024 – 2. Februar 2025

Gruppenausstellungen 2007: e-art: New Technologies and Contemporary Art, Ten Years of Accomplishments by the Daniel Langlois Foundation, Montreal Museum of Fine Arts (Kanada) 2016: Liquid Identities – Lynn Hershman Leeson. Identitäten im 21. Jahrhundert, Lehmbruck-Museum, Duisburg (Gruppenausstellung mit jüngeren Künstlern in Zusammenarbeit mit dem ZKM) 2017–2018: Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien.SAMMLUNG VERBUND: Die Kunstsammlung von VERBUND ZKM, KarlsruheFEMINISTISCHE AVANTGARDE der 1970er-Jahre 2018–2019: Feminist Avant-garde / Art of the 1970s SAMMLUNG VERBUND Collection, Vienna, The Brno House of Arts, Brünn (Tschechien)Feminist Avant-garde / Art of the 1970s / SAMMLUNG VERBUND Collection, Vienna

Publikationen Andreas F. Beitin, Sarah Happersberger, Lisa Herzog, Linnea Semmerling, Stephan Schwingeler: Lynn Hershman Leeson. Civic Radar. Herausgegeben vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe. Broschüre zur gleichnamigen Ausstellung 2015/2015. Karlsruhe 2014, Broschüre in deutscher und englischer Sprache, abgerufen am 18. Januar 2015. Elizabeth Derecktor: Lynn Hershman. In: Connecting Conversations: Interviews with 28 Bay Area Women Artists. Hg. Moira Roth. Eucalyptus Press, Mills College, Oakland, Calif. 1988, S. 86–92. Lynn Hershman: Reflections on the Electric Mirror. In: New Artists Video: A Critical Anthology. Hg. Gregory Battcock. Dutton, New York 1978, S. 36–39. Lynn Hershman Leeson: Clicking. In: Hot Links to a Digital Culture. Bay Press, Seattle 1996. Meredith Tromble: The Art and Films of Lynn Hershman Leeson: Secret Agents, Private I. University of California Press, Berkeley: / Henry Art Gallery, Seattle 2005. Margot Norton: Lynn Hershman Leeson. Twisted. New Museum, New York 2021.

Weblinks

Offizielle Website von Lynn Hershman Leeson „Agent Ruby“

Einzelnachweise

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