mini|Lutz-Günther Fleischer (2014) Lutz-Günther Fleischer (* 26. Juli 1938 in Gera; † 26. Januar 2023 in Berlin) war ein deutscher Ingenieur und Professor. Er gehörte zu den Spezialisten der Verfahrenstechnik sowie Thermodynamik und insbesondere des Fachgebietes Lebensmitteltechnologie in Deutschland.
Leben Lutz-Günther Fleischer wurde in Gera geboren und wuchs in Apolda und Jena auf. Er erlernte von 1952 bis 1956 den Beruf eines Feinoptikers bei der Firma Carl Zeiss Jena, die es ihm mit einer Delegierung ermöglichte, über den zweiten Bildungsweg 1959 an der ABF der Friedrich-Schiller-Universität Jena das Abitur abzulegen. Während dieser Zeit wurde er Mitglied der SED.Für Dich, Nr. 26 / 1986 Im gleichen Jahr begann er das Chemiestudium an der Technischen Hochschule „Carl Schorlemmer“ Leuna-Merseburg (THL-M), das er 1964 mit einer Diplomarbeit zur Elektrodenkinetik an Graphitoberflächen im Institut für Physikalische Chemie am Lehrstuhl von Rolf Landsberg beendete.
Seit 1964 war er mit Regina Fleischer (geb. Köder) verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Söhne: den Diplom-Physiker Torsten Fleischer und den promovierten Diplom-Biologen Axel Fleischer; beide absolvierten die Humboldt-Universität zu Berlin.
Sein Berufseinstieg erfolgte als wissenschaftlicher Assistent an der THL-M in der Fakultät für Verfahrenstechnik und Grundlagenwissenschaften/Institut für Verfahrenstechnik am Lehrstuhl Technische Thermodynamik und Energiewirtschaft von Wolfgang Fratzscher.Wolfgang Fratzscher: Energiewirtschaft für Verfahrenstechniker. Deutsche Verlags Gesellschaft, Leipzig 1974, 2. Auflage 1982, 3. Auflage 1989.Wolfgang Fratzscher, K. Stephan (Hrsg.): Strategien zur Abfallenergieverwertung. Wiesbaden 2000. E-Book beim Springer-Verlag, 2014. Nach seiner Promotion mit der Arbeit „Untersuchungen über die Stoffübertragung an rotierenden Scheiben unter besonderer Berücksichtigung der Oberflächenstruktur“ zum Dr.-Ing. im Jahre 1968, für die er den Carl Schorlemmer-PreisHans-Joachim Bittrich, Ch. Duschek, G. Fuchs: Carl Schorlemmer. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig 1984. der THL-M erhielt, wurde er hier Oberassistent.
Tätigkeit als Hochschuldozent Im Jahre 1969 erwarb er die Lehrbefähigung „Facultas docendi“, 1970 erfolgte seine Berufung als Hochschuldozent (entspricht C3-Professor) für „Thermodynamik irreversibler Prozesse“ an der THL-M. Seine Lehrverpflichtungen umfassten auch die Technische Thermodynamik für die Fachrichtungen Prozessverfahrenstechnik und SystemverfahrenstechnikKlaus Hartmann: Systemverfahrenstechnik. In: Klaus Krug, Hans-Joachim Hörig, Dieter Schnurpfeil (Redaktion): 50 Jahre Hochschule in Merseburg. Merseburger Beiträge zur Geschichte der chemischen Industrie Mitteldeutschlands, Herausgeber: Förderverein „Sachzeugen der chemischen Industrie e. V.“, Merseburg, Jg. 9 (2004) Nr. 1, S. 93–98. sowie das Werkstoffingenieurwesen und die Wirtschaftswissenschaften.
Ab 1971 leitete er den Wissenschaftsbereich „Prozessverfahrenstechnik“ (Fachgebiete Thermodynamik, Rheologie und Strömungsmechanik) der Sektion Verfahrenstechnik. Innerhalb dieser Sektion kooperierte er interdisziplinär mit dem von Georg C. Brack geleiteten Wissenschaftsbereich „Automatisierungstechnik“.Georg C. Brack: Dynamische Modelle verfahrenstechnischer Prozesse. Reihe Automatisierungstechnik, Bd. 115. Verlag Technik, Berlin 1971.Dietrich Werner, D. Herrmann: msr stellt vor: Technische Hochschule „Carl Schorlemmer“ Leuna-Merseburg – Sektion Verfahrenstechnik, Wissenschaftsbereich Automatisierungstechnik. messen, steuern, regeln, Berlin. Jg. 27, Nr. 5, 1984, S. 231–235. Er war von 1966 bis 1974 als Leiter der Kommission für Erziehung und Ausbildung des wissenschaftlichen Beirates Verfahrensingenieurwesen beim Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen (MHF) maßgeblich an der Herausbildung und inhaltlichen Gestaltung der Grundstudienrichtung Verfahrensingenieurwesen in der DDR beteiligt.
Von September 1972 bis März 1973 absolvierte er ein postgraduales Studium am Leningrader Technologischen Institut (LTI) bei Professor P. G. Romankow.
Von 1971 bis 1975 war Fleischer als Beauftragter der THL-M koordinierend und mit seinen Mitarbeitern als Vertragsforschungspartner der Filmfabrik Wolfen (ORWO) wissenschaftlich aktiv, insbesondere an der prozessverfahrenstechnischen Film- und Magnetbandforschung beteiligt.
Professor für Verfahrenstechnik Im Mai 1979 habilitierte ihn die Humboldt-Universität zu Berlin (HUB) auf dem Wissenschaftsgebiet Verfahrenstechnik (Äquivalenzbescheinigung von 1992) mit der Arbeit „Prozessverfahrenstechnische Untersuchungen und physikalisch-mathematische Modelle der Trocknung schrumpfender Stoffsysteme“, die auch das Ordentliche Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR Eberhard Leibnitz begutachtete.
1979 wurde Fleischer zunächst zum außerordentlichen, später zum Honorar-Professor an der HUB berufen. Weiterhin arbeitete er aktiv in der URANIA – Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse und gehörte von 1975 bis 1990 in Wahlfunktionen dem Präsidium an, zunächst als Vizepräsident für Natur-, Technik-, Agrarwissenschaften, Mathematik und Medizin sowie seit Dezember 1986 als 1. Vizepräsident (Nachfolger von Horst Mädicke).Neues Deutschland, 6. Dezember 1986, S. 2. Dabei oblag ihm zugleich die Koordination der Wissenschaftspublizistik der URANIA mit dem gleichnamigen Verlag sowie dem Fernsehen und dem Rundfunk der DDR in langjährigen Serien, wie der ‚Neuen Fernseh-URANIA‘, ‚AHA‘, ‚Wissenschaft im Meinungsstreit‘, ‚URANIA im Funk‘ und anderen.
Nach der Wiedervereinigung wurde Fleischer 1994 im Rahmen von Umordnungen an den Berliner Universitäten und nach einer umfassenden personenbezogenen Evaluation an die Technische Universität Berlin (TUB), Fachbereich „Lebensmittelwissenschaften und Biotechnologie“, als Universitätsprofessor berufen. Er leitete – mit drei Verlängerungen seiner Dienstzeit – bis zum Oktober 2006 das Fachgebiet Lebensmittelverfahrenstechnik sowie seit 1998 das traditionsreiche Berliner Zuckerinstitut.
Fleischer fungierte 1997 als Prodekan des Fachbereichs Lebensmittelwissenschaften und Biotechnologie und von 2003 bis 2005 als Dekan der Fakultät für Prozesswissenschaften der TUB. Er war überdies bis Oktober 2006 über mehrere Legislaturperioden Mitglied des Akademischen Senats der TUB und von 2004 bis 2006 zudem Sprecher der Mehrheitsfraktion.
In der Lehre vertrat er dort für mehrere Studiengänge der Fakultät für Prozesswissenschaften die Fachgebiete Lebensmittelverfahrenstechnik, Thermodynamik, Energie-, Impuls- und Stofftransportprozesse, Energie- und Kältetechnik sowie fakultätsübergreifend die Lehrveranstaltung Technikfolgenabschätzung.
Forschungstätigkeit Parallel zu seiner Lehrtätigkeit entwickelte er eine eigene industrienahe Forschungstätigkeit mit zahlreichen Partnern. Forschungsschwerpunkte lagen unter thermodynamischen und prozessverfahrenstechnischen Aspekten kontinuierlich auf dem Gebiet des Energie-, Stoff- und Impulstransportes in komplexen Stoffsystemen, wie Informationsaufzeichnungs- und Biomaterialien, deren physikalisch-mathematischer Modellierung (insbesondere der Trocknung stark schrumpfender Stoffsysteme) sowie der experimentellen und theoretischen Ermittlung relevanter Transportkoeffizienten, der Bewertung von Prozessen unter technologischen Bedingungen (Prozessführung und Produktqualität) und dem Entwurf modifizierter Verfahrensstufen zur Produktion von Informationsaufzeichnungsmaterialien (fotografische Filme, Video- und Audiobänder). Abgeleitet wurden Untersuchungen zum Wert und zu den Grenzen von Entropie- und Exergiekonzeptionen bei der Charakterisierung von Prozessen und der Bewertung von Systemen.
Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 kamen insbesondere Arbeiten zu lebensmitteltechnologischen Wirkprinzipien und Prozessen hinzu, darunter der Einsatz von statischem Hochdruck zur Modifizierung von Gelstrukturen und gelbildenden Stoffen (Maltodextrinen, Gelatinen, extraktiv und biotechnologisch gewonnenen Hyaluronaten), die Anwendung von Hochspannungspulsen zur elektroplasmolytischen Unterstützung der Kaltextraktion von Zuckerrüben.
Einen Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit der Zuckerindustrie bildete die Weiterbildung des Fachpersonals der europäischen Zuckerindustrie. Auf Initiative von Fleischer wurden neben den seit 2001 realisierten Weiterbildungskursen für Ingenieure und akademisch-wissenschaftliche Mitarbeiter der europäischen Zuckerindustrie auch regelmäßig Lehrgänge für Techniker am Berliner Zuckerinstitut zu zuckertechnologischen und energietechnischen Problemen durchgeführt.
Fleischer war bis zum Abschluss seines Berufslebens Mitglied des fakultätsübergreifenden Forschungsverbundes Biotechnologie-Centrum (BTC) an der TUB. Mehrere der lebensmittelverfahrenstechnischen und biotechnologischen Arbeiten befassten sich mit der Modellierung und zweckdienlichen Quantifizierung der Strukturbildung in Biopolymeren mittels eines dimensionslosen Entropiekonzeptes – vorrangig unterschiedlich prozessierter (insbesondere hochdruckbehandelter) Gelatinen und Stärken, biotechnisch gewonnener Hyaluronaten und Bio-Kompositen mit Wirkstoffen für Anwendungen im Life-Science-Bereich (Patent: Biopolymer-Komposite für topische Applikationen).
Exponiert waren hierbei die modifizierende Anreicherung, die Isolierung, die physiologischen Wirkungen (über Glucan-Rezeptoren, Cytokine, Akut-Phase-Proteine) und die Wirkmechanismen von (1,3),(1,6)-Beta-D-Glucanen und komplementären Wirkstoffen vor allem aus den Zellwänden von Saccharomyces cerevisiae sowie ihr – in umfassenden Feldversuchen getesteter – Einsatz als immunmodulierende health ingredients im Human- und Veterinärbereich. Mit einer speziellen Arbeitsgruppe widmete er sich dem Screening und der In-vitro-Testung probiotischer Mikroorganismen.
Das Screening homofermentativer probiotischer Lactobacillen, deren biotische Gewinnung, die In-vitro-Testung in einem Magen-Darm-Modell und die Nutzung in functional food dienten der Auswahl besonders bioaktiver, im Gastrointestinaltrakt hinreichend überlebensfähiger Stämme aus einer nativen Stammsammlung. Daraus resultierte ein patentiertes Verfahren zur Herstellung funktioneller Würzen.
In einem gemeinsamen DFG-Projekt mit der Stiftung Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven (Dietrich Siebers, Christof Baum) und der Universität für Veterinärmedizin Hannover (Wilfried Meyer, Institut für Anatomie) wurden Ursachen und fundamentale Mechanismen der Selbstreinigung, des umweltneutralen Anti-Biofouling, an oder in der Epidermis einer Delfinspecies (globicephala melas) aufgeklärt. In der Haut dieses Pilot-Wales wurden ein stofflich, strukturell und funktionell hoch komplexes cross-linked gel mit enzymatisch gesteuerten Reaktionen und ein Beta-Glucan-Rezeptor nachgewiesen. Diese grundlegenden Erkenntnisse führten u. a. zum gemeinsamen Patent: Biozidfreie Antifoulingbeschichtungen.
Die zuckertechnologischen Arbeiten, die vor allem mit Diplomarbeiten, Dissertationen und Projekten mit der deutschen Zuckerindustrie sowie der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke“ (AiF) realisiert wurden, waren auf qualitative Aspekte der Saccharosegewinnung (speziell die Verdampfung, Kristallisation und Trocknung) sowie auf energieeffiziente, qualitätssichernde und -verbessernde, modifizierte Prozessführungen, neue Prozessindikatoren, wie gut messbare rheologische und dielektrische Parameter, sowie die automatisierte Kristallanalyse gerichtet. Das System wurde erfolgreich in der Zuckerindustrie eingeführt.