mini|hochkant|Bildnis Hotzes in Johann Kaspar Lavaters Essai sur la physiognomie.Französische Ausgabe der Phyiognomischen Fragmente, 3. Teil, La Haye 1786, Abb. 34 zu S. 294 (Ausschnitt).

Johannes Hotze, auch Hoze oder Hozze, ursprünglich HotzDas -e wurde dem Namen in Deutschland beigefügt, als Hotze und sein Bruder dort studierten. (* 27. Juni 1734 in Richterswil am Zürichsee; † 4. Juli 1801 in Frankfurt am Main), war ein Schweizer Landarzt von internationalem Ansehen.

Johann Georg Zimmermann, von dem obenstehendes Zitat stammt, nennt seinen Landsmann und Berufskollegen an anderer Stelle sogar .Johann Georg Zimmermann: Ueber die Einsamkeit. 4. Theil, Leipzig 1785, S. 89. Zimmermann hatte 1777 seinen psychisch kranken Sohn zu Hotze in Behandlung geschickt. Vgl. Albrecht Rengger (Hrsg.): Johann Georg Zimmermann’s Briefe an einige seiner Freunde in der Schweiz. Aarau 1830, S. 56, 246, 251–268, 311 f., 319.

Leben Spross einer Chirurgendynastie mini|Heinrich Brupbacher: Richterswil, 1794.

Der Kanton Zürich wurde vor der Helvetischen Revolution (1798) von den Zünften der Stadt Zürich regiert, denen die wenigen Tausend Stadtbürger angehörten. Die 180 000 Bewohner der Landschaft dagegen waren Untertanen, denen neben vielen anderen Berufen auch jener des akademisch ausgebildeten Arztes verschlossen blieb. Ihre medizinische Versorgung oblag handwerklich ausgebildeten Scherern oder Chirurgen (Wundärzten).

Johannes Hotze entstammte einer Dynastie solcher Chirurgen, der die Prosperität der Gegend am ZürichseeGründe dafür waren die Erfindung der Düngung mit Gülle und die Protoindustrialisierung. zu Reichtum verhalf. Sein Grossvater Hans Jakob (1653–1732) und sein Vater Johannes (1705–1776) erwarben einen Teil ihrer Kenntnisse als Feldscherer in fremden Diensten (Hessen-Kassel bzw. Frankreich). Der Grossvater heiratete in zweiter Ehe die Tochter des Landvogts von Wädenswil, Anna Esther Escher. Der Vater entstammte wie seine Geschwister Hans Jakob (1708–1775), Anna Barbara (1714–1791) und Susanna (1720–1796) der dritten Ehe des Grossvaters mit der Wädenswiler Bauerntochter Barbara Haab. Er heiratete Stadtbürgerinnen, zuerst Hotzes Mutter Judith Gessner (1704–1758), dann Anna Maria Bollier. Seine Versuche, das Stadtbürgerrecht zu erwerben, blieben erfolglos.Laut Hans Konrad Ott, zit. nach Hans Stettbacher: Dr. Johannes Hotzes . In: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1945. S. 125, soll er 10 000 Gulden für das Bürgerrecht geboten haben. Hans Jakob junior praktizierte als Chirurg in Wädenswil. Anna Barbaras Mann Hans Heinrich Weber aus Hirslanden wurde als an der Ausübung des Kaufmannsberufs gehindert, weshalb das Ehepaar 1754 nach Leipzig auswanderte. Susanna wurde die Frau des Stadtzürcher Chirurgen Johann Baptist Pestalozzi und die Mutter des Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827).

Während der Vater seine jüngeren Söhne Diethelm (1737–1756) und Johann Konrad (1739–1799) zum Chirurgenberuf bestimmte, sollte Hotze wie der gleichaltrige Richterswiler Heinrich Landis (1734–1801)Landis promovierte nach Studien in Berlin und Leipzig 1757 in Jena. als einer der ersten Zürcher Untertanen Doktor der Medizin werden. Zuerst von Privatlehrern unterrichtet, konnte er dank seiner Abstammung mütterlicherseits 1749–1753 das Collegium Carolinum in Zürich besuchen. Gut ein Jahr bildete ihn dann der Vater weiter. Nach einer Botanikexkursion in den Alpen studierte er an den medizinischen Fakultäten von Strassburg, Tübingen und Leipzig.Laudatio von Philipp Friedrich Gmelin (1721–1788), Tübingen 1758, Abschrift bei (Hans Konrad Ott:) Biographie des seligen Doctor Johannes Hozes. Von einem seiner besten Freünde. Zentralbibliothek Zürich, Mscr. P 6380, unpag.; Transkription dieser Abschrift bei Beat Christoph Franz Häcki: Ein Modus Vivendi. Zürich 2002, S. 17–19 (lateinisch), 56–58 (Übersetzung). 1756 verteidigte er in Leipzig, wo er bei seiner Tante wohnte, übungshalber eine Dissertation über die negativen und die positiven Auswirkungen der Wärme auf die Gesundheit,De calore ut causa morbi, et novae valetudinis in rationibus chymicis (verschollen). nach Ablegung der Prüfungen 1758 in Tübingen eine solche über das Baden der Kinder samt einer Beschreibung des Käfers Buprestis.De balneis infantum dissertatio adnexa Buprestis descriptione () In Zürich durfte er als Untertan nicht praktizieren.Heinrich Zschokke: Eine Selbstschau. 1. Theil, Aarau 1842, S. 64. So wurde er Assistent und dann Nachfolger des Vaters im verkehrsgünstig gelegenenLaut Johann Gottfried Ebel: Anleitung, auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen. (…) 4. Theil, 3. Auflage. Zürich 1810, S. 112, () lag Richterswil am Handelsweg nach Italien. Die Waren wurden dort vom Schiff auf Wagen verladen und dann nach Brunnen am Vierwaldstättersee befördert. Vgl. Goethes (von Eckermann redigierte) Beschreibung des Dorfes in: Reise in die Schweiz 1797, 28. September. Richterswil.

Geburtshilfe und Psychiatrie mini|Johann Jakob Aschmann: Hotzehäuser am offenen Dorfbach. mini|Johann Jakob Aschmann: Hotzehäuser von der Bergseite, ca. 1787.

1760 heiratete Hotze auf Wunsch des Vaters die wohlhabende Bauerntochter Anna Elisabeth Pfenninger (1742–1804) aus Stäfa am gegenüberliegenden Seeufer. 1764 bezog er neben dem um 1685 errichteten Elternhaus (Unteres Hotzehaus oder Diana, Poststr. 16) einen Neubau (Oberes Hotzehaus oder Seeblick, Poststr. 20). Nach dem Tod des Vaters wechselte er ins Elternhaus hinüber.

Seine Frau wurde nach der Geburt zweier früh verstorbener Kinder und der überlebenden Mädchen Anna Elisabeth (1767–1825) und Regula (1769–1835) psychisch krank. Hotze gab sie in Seuzach, später in Winterthur in Pflege, liess sich aber nicht scheiden. Die Töchter wurden bei Pflegeeltern in Zürich, später in Aubonne (Waadt) erzogen und nannten sich fortan Louise und Renette.

Hing es mit der persönlichen Erfahrung von Kindestod und Geisteskrankheit zusammen, dass Hotze sich auf Geburtshilfe und Psychiatrie spezialisierte? Der Schriftsteller Meiners, welcher ihn 1782 besuchte, berichtet: Christoph Meiners: Briefe über die Schweiz. 1. Theil, Berlin 1784, S. 71.

Auch der andere Richterswiler Arzt Dr. Landis spezialisierte sich auf Depressive, die er in sein 1784 fertiggestelltes Haus (heute Gemeindehaus) aufnahm. Dabei scheint es ihm, seinem Vater und seinem Sohn nur ums Geldverdienen gegangen zu sein. Denn wie Hotzes Patient Hans Konrad Ott (1739–1817) detailliert berichtet, behandelten diese die ihnen anvertrauten Gemütskranken mit grösster Grausamkeit. Demgegenüber rühmte Ott Hotzes Menschenfreundlichkeit und das Einfühlungsvermögen, mit dem dieser Leiden der Seele zu heilen oder zu lindern versuchte.Vgl. Beat Christoph Franz Häcki: Ein Modus Vivendi, Zürich 2002, S. 27–31.

Arzt der katholischen Innerschweiz Zimmermann schrieb über Hotzes Liegenschaft: Es gebe bei Hotze weder Pracht noch Reichtum, sondern Stühle mit Strohgeflecht, Tische aus inländischem Holz und einfaches Tongeschirr.Johann Georg Zimmermann: Ueber die Einsamkeit. 4. Theil, Leipzig 1785, S. 85, 87. Im Gegensatz dazu schrieb Hans Konrad Ott, dass gewesen sei als Hotze.(Hans Konrad Ott:) Biographie des seligen Doctor Johannes Hozes, Zentralbibliothek Zürich, Mscr. P 6380. In dessen Bibliothek standen neben den besten Werken der Literatur illustrierte Pflanzenbücher, die ein Vermögen kosteten.Friedrich von Matthisson: Sämmtliche Werke, 5. Band, Wien 1815, S. 125 f.

Zimmermann fuhr fort: Johann Georg Zimmermann: Ueber die Einsamkeit. 4. Theil, Leipzig 1785, S. 88 f.

Laut dem Dichter Matthisson behandelte Hotze Arme gratis und versah sie auch unentgeltlich mit Heilmitteln aus seiner wohlversehenen Apotheke.Friedrich von Matthisson: Sämmtliche Werke, 5. Band, Wien 1815, S. 124. Das soziale Engagement ging bis zur physischen Erschöpfung. 1781 klagte der Arzt: An Lavater, zit. nach Hans Stettbacher: Dr. Johannes Hotze. (…) In: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1943. S. 121. Wenn aber Prominente mit dem Tode rangen wie Frau von Hallwil und ihr Sohn (1779), der Abt von Einsiedeln (1780) oder Landvogt von Wattenwil in Landshut (1781), konnte man ihnen einen zeitraubenden Hausbesuch nicht verweigern.

Offenbar nahm Hotze auch Sterbende auf. Jedenfalls wollte der schwindsüchtige Schriftsteller Johann Kaspar Riesbeck (1754–1786)Autor der Briefe eines Reisenden Franzosen über Deutschland (…) 2 Bände, (Zürich) 1783. seine letzten Tage bei ihm verbringen, doch konnte er wegen unbezahlter Arztrechnungen seinen damaligen Wohnort Aarau nicht mehr verlassen.

Zwischen Pestalozzi und Lavater mini|Unteres Hotzehaus mit modernen Vorbauten. mini|Oberes Hotzehaus mit Belvedere von 1847.

Nachdem Johann Heinrich Pestalozzi schon mit fünf Jahren den Vater verloren hatte, war er oft zu Besuch beim Onkel in Richterswil. Später half ihm sein Cousin Hotze bei der Werbung um Anna Schulthess und beriet das Paar in gesundheitlichen und ökonomischen Fragen. Als Hotze aber nach der Erkrankung seiner Frau beim charismatischen Theologen Johann Kaspar Lavater (1741–1801) Trost suchte, brach der Kontakt zu Pestalozzi ab.Rebekka Horlacher, Daniel Tröhler (Hrsg.): Sämtliche Briefe an Johann Heinrich Pestalozzi. Kritische Ausgabe. Band 1, Zürich 2009, S. 34 f.

Während der Pädagoge mit seiner Armenerziehungsanstalt auf dem Neuhof bei Birr scheiterte, finanzierte Hotze Lavaters (1775–1778), die zum Teil in Richterswil entstanden. Auch verwahrte er das zugehörige Bildarchiv.Christoph Meiners: Briefe über die Schweiz, 1. Theil, Berlin 1784, S. 71; Kurt Wild: Johannes Hotze. Richterswil 2001, S. 75 f., 79. Er war Lavater richtiggehend hörig. 1780 schrieb er ihm: Hans Stettbacher: Dr. Johannes Hotze. (…) In: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1943. S. 150. Hotze übernahm Lavaters exaltierte Sprache. Im Gegenzug empfahl ihn der international bekannte Freund zahlungskräftigen Patienten und beriet ihn bei der Erziehung seiner Töchter. 1784 machte er eine Kur bei ihm.Sophie von La Roche: Tagebuch einer Reise durch die Schweitz, von der Verfasserin von Rosaliens Briefen. Altenburg 1787, S. 95 f. (); Georg Geßner: Johann Kaspar Lavaters Lebensbeschreibung von seinem Tochtermann. 2. Band, Winterthur 1802, S. 365–368. ()

Anders als viele Aufklärer wurde Hotze nicht Deist oder Atheist. Lavaters Kollege Johann Konrad Pfenninger widmete ihm eine Schrift mit den Worten: Johann Konrad Pfenninger: Jüdische Briefe, Erzählungen, Dialogen (sic) ec. um die Zeit Jesus von Nazareth. (…) 7. Bändchen, Leipzig 1787. ()

Ausländische Besucher und Patienten Hotze wurde über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Selbst an den Höfen von Wien, Sankt Petersburg und London besass er Korrespondenten. 1775 und 1779 besuchte ihn Goethe, das zweite Mal als Begleiter Karl Augusts von Sachsen-Weimar.Bei dieser Gelegenheit soll der Dichter als erster in einem Anbau des neuen Hauses (Goethe-Stübli) übernachtet haben. Vgl. Kurt Wild: Johannes Hotze. Richterswil 2001, S. 16 (Abb.), 75, 80. In Dichtung und Wahrheit bezeichnete er ihn als .Dichtung und Wahrheit, 4. Teil, 18. Buch. An Karl von Knebel schrieb Goethe am 4. Juni 1780, Hotze sei ; Lavater gegenüber nannte er ihn am 22. Juni 1781 einen . Leibarzt beim Herzog in Weimar werden aber wollte Hotze ebenso wenig wie bei Markgraf Karl Friedrich von Baden in Karlsruhe oder bei Landgraf Friedrich von Hessen in Kassel.Albrecht Rengger (Hrsg.): Johann Georg Zimmermann’s Briefe an einige seiner Freunde in der Schweiz. Aarau 1830, S. 295; Kurt Wild: Johannes Hotze. Richterswil 2001, S. 33–35.

mini|1982 abgebrochenes Hôtel de l’Ange in Richterswil (Archiv Kantonale Denkmalpflege Zürich). Matthisson sah 1787, wie zu Hotzes vormittäglichen Sprechstunden . Er fuhr fort: Friedrich von Matthisson: Sämmtliche Werke. 5. Band, Wien 1815, S. 124.