Die Gumbinner Altstädtische Kirche (auch: Stadtkirche) war ein 1720 errichtetes Bauwerk und bis 1945 lutherische Pfarrkirche in der ehemals ostpreußischen Kreisstadt Gumbinnen, der heutigen Rajonshauptstadt Gussew in der russischen Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg (Preußen)).
Geographische Lage Das heutige Gussew liegt an der russischen Fernstraße A 229 (frühere deutsche Reichsstraße 1, heute auch Europastraße 28) im Kreuzungsbereich mit der Fernstraße A 198 (27A-040, deutsche Reichsstraße 132) und der Regionalstraße R 508 (27A-027). Die Stadt ist Bahnstation an der Bahnstrecke Kaliningrad–Nesterow (Königsberg–Stallupönen/Ebenrode), der früheren Preußischen Ostbahn, zur Weiterfahrt nach Moskau.
Der Standort der Kirche war am nördlichen Ufer der Pissa im nordöstlichen Stadtbereich.
Kirchengebäude Ein erster Kirchenbau entstand in Gumbinnen im Jahre 1582Gumbinnen bei GenWiki. Ein unter König Friedrich Wilhelm I. in den Jahren 1719 bis 1720 errichteter NeubauWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen 1968, S. 97–98, Abb. 413 und 414 wurde 1810/1811 renoviert und erweitert, wobei er in klassizistischen Formen neu ausgestattet wurde: als verputzter dreischiffiger Ziegelbau mit polygonalem ChorabschlussDie Gumbinner Altstädtische Kirche am Pissaufer, etwa 1909. Der Turm wurde erst im Jahre 1875 errichtetAltstädtische Kirche bei der Kreisgemeinschaft Gumbinnen.
Der Kircheninnenraum war durch Holzsäulen unterteilt. Von den drei Schiffen war das mittlere mit hölzernen Kreuzgewölben überdeckt. Waren die Seitenschiffe anfangs mit ebenen Decken versehen, so wurden sie später gleichfalls mit Gewölbe überdeckt.
Altar und Kanzel waren miteinander verbunden. Die Kirche hatte eine Orgel, ihr Geläut bestand aus zwei Glocken, die in den Jahren 1749 und 1788 gegossen worden waren.
Zur Innenausstattung der Kirche gehörte ein Kronleuchter, der 1731 von dem ersten Gumbinner Großbürger Wilhelm Simony gestiftet worden warVerlorene Gebäude in Gumbinnen bei ostpreussen.net. Er befindet sich heute im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg.
Die Altstädtische Kirche wurde im Oktober 1944 während eines sowjetischen Luftangriffs zerstört. Nach 1945 wurden die Ruinenreste abgeräumt. 2012 wurde mit dem Neubau einer russisch-orthodoxen Kirche an der Stelle begonnen, 2016 wurde die Allerheiligenkirche von Patriarch Kyrill eingeweiht.. Kaliningrader Tageblatt vom 30. November 2016, abgerufen am 27. August 2018.
Kirchengemeinde Eine evangelische Kirchengemeinde wurde in Gumbinnen im Jahre 1545, nur kurze Zeit nach Einführung der Reformation in Ostpreußen gegründetWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 480. Ihr Kirchspiel umfasste mit dem Kirchort insgesamt dreißig Ortschaften und Wohnplätze. Bis 1634 tat hier lediglich ein Pfarrer seinen DienstFriedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968, S. 50. Danach wurde eine zweite Pfarrstelle (sogenanntes: Diakonat) errichtet, die allerdings zwischen 1655 und 1733 ruhte. Im Jahr 1910 folgte eine dritte Pfarrstelle, nachdem bereits im 19. Jahrhundert vielfach Hilfsprediger eingesetzt worden waren. Von den Geistlichen der Altstadt waren auch die Gefangenen-, Militär- und Hospitalseelsorge wahrzunehmen.
Bis 1725 war die Kirchengemeinde Teil der Inspektion Insterburg (heute russisch: Tschernjachowsk). Danach bildete die Stadt Gumbinnen, in der es seit 1752/54 eine zweite lutherische Kirche, die Salzburger Kirche als Tochterkirche der Altstädtischen Kirche gab, mit sieben umliegenden Pfarreien einen eigenen Kirchenkreis Gumbinnen, der bis 1945 zur Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union gehörte. Im Jahr 1925 zählte die Altstädtische lutherische Kirchengemeinde 18.000 Gemeindeglieder (neben der Neustädtischen reformierten Gemeinde mit 3.800 Gemeindegliedern).
Aufgrund von Flucht und Vertreibung der einheimischem Bevölkerung im Zusammenhang des Zweiten Weltkriegs sowie der nachfolgenden restriktiven Religionspolitik der Sowjetunion brach das evangelisch-kirchliche Leben in Gussew ein.
In den 1990er Jahren entstand hier allerdings eine neue evangelisch-lutherische Gemeinde, vornehmlich aus Russlanddeutschen bestehend, der die restaurierte Salzburger Kirche seit 1995 wieder als Gotteshaus dientA. P. Bachtin, Kirchen Ostpreußens. Alte und neue Fotos. Informationen zur Geschichte, Kaliningrad (Verlag Baltpromo) 2013, S. 35. Gussew ist Sitz des Pfarramtes für den Kirchenbezirk im Osten der Oblast Kaliningrad und ist Teil der Propstei Kaliningrad der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.
Kirchspielorte Zum weitflächigen Kirchspiel der Gumbinner Altstädtischen Kirche gehörten dreißig OrteDer * kennzeichnet einen Schulort:
Name Änderungsname1938 bis 1946 Russischer Name Name Änderungsname1938 bis 1946 Russischer Name Bernen Perkallen Husarenberg Blumberg Lunino Plicken Dauginten Rudinn Friedrichsfelde Schmilgen Gertschen Gertenau Jarowoje Schunkern *Gumbinnen Gussew Serpenten Kailen Skardupchen Kleinweiler *Kallnen Bismarckshöh Kalinino Sodeiken Kuttkuhnen Eggenhof Walujske *Stannaitschen Zweilinden Furmanowo *Luschen Darwinojetzt: Furmanowo Stulgen Hasenrode Noworetschje Marienthal *Szameitschen1936–38: Schameitschen Samfelde Solnetschnoje Narpgallen Riedhof *Thuren Turen Marejewka Naujeningken Neuhufen *Waiwern Seilhofen (Ostpr.) Nowosselje,jetzt: Pokrowskoje *Norutschatschen *Wilkehlen Wilken Pugatschjowo *Pakullauken *Wilkoschen Wolfseck Gruschewka
Pfarrer In den genau 400 Jahren des Bestehens der evangelischen Kirchengemeinde der Altstädtischen Kirche in Gumbinnen amtierten als Pfarrer:
1. Pfarrer, teilw. Superintendent NN. Alexander Rohd, 1582–1583 Valentin Pusch, 1583–1620 Johann Dembovius, 1619–1633 Severin Wircinsius, 1633–1654 Johann Vorhoff, 1655–1672 Michael Mörlin, 1672–1708 Chr. Martin Rosochatius, 1708–1709 Christoph Rebentisch, 1709–1724 Christoph Geystadt, 1725–1735 Gregorius Biermann, 1735–1736 Erhard Wolff, 1736–1759 Gerhard Ludwig Mühlenkampf, 1759–1766 Reinhold Ortlieb, 1766–1786 Karl Gotthard Keber, 1787–1835Nekrolog auf Carl Gotthard Keber. In: Preußische Provinzial-Blätter. Band 13, Königsberg 1835, S. 413–417. Karl Julius Franz Hecht, 1832–1836Angehöriger des Corps Littuania Friedrich Otto Arnoldt, 1848–1850 Eduard Gustav Albrecht, 1850–1857 August Heinrici, 1858–1881 Johann Theodor Hugo Rosseck, 1883–1897 Emil Gottl. Sev. Gemmel, 1898–1929 Friedrich Wilhelm Konrad Klatt, 1925–1945
2. Pfarrer/Diakonen Johann Westerus, 1634–1639 Johann Weyda. 1640–1648 Johann Georg Lüdemann, 1648–1653 Johann Vorhoff, 1654–1655 Vakanz 1655 bis 1733 Friedrich Wilhelm Haack, 1733 Heinrich Ernst Rabe, 1734–1744 Johann Ludwig Reidnitz, 1746–1749 Otto Gottlieb Fiedler, 1751–1758 Gottfried Schlemüller, 1758–1763 Friedrich Pastenaci, 1763–1770 Christian Reimere, 1770–1799 Johann Jacob Contag, 1799–1816 Georg G. Wilhelm Wegner, 1817–1823 Johann Christlieb Krause, 1823–1825 Carl August Jordan, 1825–1832 Justus Julius Ludwig Mack, 1832–1846 Franz Theodor W. Passauer, 1846–1857 Ernst Adolf Jacob Krüger, 1857–1858 Friedrich Heinrich Otto Hasse, 1859–1881 Hans K. Heinrich Leidreiter, 1881 Otto Theodor B. Petrenz, 1882–1885 Constantin Ferdinand Paul Heinrici, 1885–1902 Rudolf Krieger, 1902–1928 Gustav Plitt, 1929–1945
Hilfsprediger und 3. Pfarrer Carl Rudolph Jacoby, 1847–1851 Wilhelm August Rohde, 1881–1882 Cäsar C. Em. G. Zimmer, 1882–1883 Friedrich Wilhelm Bock, 1891–1892 Otto Julius Winkel, 1893–1895 Hermann Pilzecker, 1901–1902 Ernst Siebert, 1902–1903 Georg Dittmar, 1903–1904 Richard Ademeit, 1906 Hermann Adolf Richard Utecht, 1906–1907 Otto Eichel, 1910–1911 Heinrich Otto Johann Besch, 1912–1917 Martin Schimmelpfennig, 1918–1945
Kirchenbücher Von den Kirchenbüchern der Altstädtischen sowie Salzburger Kirche haben sich erhalten und werden im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg aufbewahrtChrista Stache, Verzeichnis der Kirchenbücher im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin, Teil I: Die östlichen Kirchenprovinzen der Evangelischen Kirche der Union, Berlin, 1992³, S. 51–52:
Pfarrstelle 1: Taufen: 1733 bis 1873 Trauungen: 1765 bis 1919 Begräbnisse: 1765 bis 1876
Pfarrstelle 2: Taufen: 1765 bis 1873 Trauungen: 1765 bis 1876 Begräbnisse: 1832 bis 1854
Einzelnachweise
Kategorie:Erbaut in den 1720er Jahren Kategorie:Kirchengebäude (lutherisch) Kategorie:Kirchengebäude der Kirchenprovinz Ostpreußen Kategorie:Zerstört in den 1940er Jahren Kategorie:Kirchengebäude in der Oblast Kaliningrad Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Russland Kategorie:Klassizistisch überarbeitetes Bauwerk Kategorie:Zerstört im Zweiten Weltkrieg Kategorie:Gussew Gumbinnen