[] (Katalanisch für ‚Burgen‘) sind Menschenpyramiden (Menschentürme), die in Katalonien traditionell bei zahlreichen Festen errichtet werden. Die genannten Teilnehmer steigen dabei jeweils auf die Schultern ihrer Unterleute, bis eine bestimmte Höhe erreicht ist.

Die Castellers sind in Gruppen organisiert, die genannt werden. Der Aufbau von Castells erfolgt zu bestimmten Anlässen, zu Jahrestagen oder zu Patronatsfesten (). Bei einer solchen Veranstaltung, einer , versuchen meist mehrere Colles Castelleres, sich im Aufbau möglichst eindrucksvoller Menschentürme zu übertrumpfen. Zum Grundrepertoire gehören die Türme mit Einer-, Zweier-, Dreier-, Vierer- und Fünferstrukturen. Ein Castell kann bis zu zehn Stockwerke hoch werden; dies wurde bislang nur von vier Colles geschafft. Heute gibt es rund 100 Colles in Katalonien, die im Dachverband „CCCC“ (Coordinadora de Colles Castelleres de Catalunya) organisiert sind und als Aufnahmekriterium voraussetzen, Castells mit mindestens 6 Stockwerken errichten zu können. Des Weiteren gibt es 17 Colles außerhalb Kataloniens, u. a. in Berlin und Hamburg.

Der Ursprung dieser Tradition liegt im 18. Jahrhundert in der Stadt Valls und hat sich zunächst im Camp de Tarragona entwickelt. Im 20. Jahrhundert, besonders in den 1980er Jahren, breiteten sich die Castells in ganz Katalonien aus, vereinzelt auch darüber hinaus. Heute sind die Castells wie die wichtige Symbole für die eigenständige Kultur und für die Zusammengehörigkeit Kataloniens.

Seit dem 16. November 2010 gehören sie zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit.Human towers. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2010 (englisch).

mini|hochkant|3de8 Tres de Vuit der Colla Vella dels Xiquets de Valls am 13. Oktober 2007 vor dem Messeturm in Frankfurt, D

Die Konstruktionen

Obwohl es zahlreiche Varianten gibt, besitzen alle Castells bestimmte Konstruktionselemente, die nach vergleichbaren Kriterien benannt werden.

mini|hochkant|links|Monument als Castellers in Tarragona, ein 4de8

Der Aufbau

Am links abgebildeten Denkmal für die Castellers (Mitglieder der Colles Castelleres) in Tarragona sind die drei typischen Elemente der Konstruktion zu erkennen:

mini|Detail aus der Pinya der Torraires de Montblanc

Die Pinya (‚Zapfen‘) bildet die Basis des Castells. Sie stützt die Unterleute (Baixos), welche die Last des Castells tragen. Die Anzahl dieser Unterleute legt bereits die Struktur des Castells fest. In diesem Beispiel sind es vier Baixos, die allerdings in der Mitte der Pinya nicht sichtbar sind. Bei der Pinya handelt es sich keinesfalls um einen unstrukturierten Menschenhaufen, sondern um exakt positionierte und ausgewählte Castellers mit genau festgelegten Aufgaben. Sie ist der komplexeste Teil des Castells und kann aus mehreren hundert Personen bestehen. Neben der Stütze für die gesamte Konstruktion besteht ihre Aufgabe auch darin, die Folgen eines Einsturzes zu mildern. Tronc (‚Stamm‘) nennt man den unteren Teil des Castells. Er beinhaltet alle Ebenen mit gleicher Personenzahl einschließlich der Unterleute in der Pinya, den Baixos. In diesem Beispiel sind es fünf Ebenen zu je vier Castellers.

mini|hochkant|Pom de Dalt eines 3de8 der Castellers de Barcelona.

Pom de Dalt (‚Kuppel‘) ist der oberste Teil des Castells. Er wird von den jüngsten und leichtesten Mitgliedern der Colla gebildet, der Canalla (am besten zu übersetzen mit neudeutsch „Kids“). Bei Türmen mit mehr als zwei Castellers pro Ebene besteht der Abschluss aus zwei stehenden Castellers (Dosos), einem über ihnen hockenden Aixecador (‚Heber‘), in der Regel dem kleinsten Mitwirkenden, und dem darauf "reitenden" Enxaneta (Jargon der Castellers für das Kind, das das Castell vollendet). Mit dem ausgestreckten Arm (l’Aleta) signalisiert dieser den vollständigen Aufbau. Anschließend wird der Turm zügig abgebaut, um die Last der Untenstehenden möglichst gering zu halten.

Ein Castell ist erst dann abgeschlossen und erhält in einem Wettbewerb die volle Punktzahl, wenn er wieder vollständig abgebaut (descarregat) wurde. Stürzt er vor dem vollständigen Abbau, aber nach dem Handzeichen des Enxaneta ein, so gilt er nur als aufgebaut (carregat) und erhält einen (relativ geringen) Punktabzug. Ein vorheriger Abbruch ohne Einsturz (Intent desmuntat / abgebauter Versuch) oder Einsturz beim Aufbau (Intent / Versuch) gibt keinen Punkt, auch wenn der Aufbau bereits weit fortgeschritten war. Erst wenn die Musik der Gralles einsetzt, wird der Turm überhaupt als Versuch (Intent) gewertet.

Strukturen und Benennung

mini|hochkant|Viermal Pde4 Pilar de Quatre

Die Castells werden nach ihrer Struktur mit zwei Ziffern benannt. Die erste Ziffer bezieht sich auf die Anzahl von Castellers pro Etage, die Zweite auf die Anzahl der Etagen. Dabei werden die Ebenen des Pom de Dalt („Kuppel“) mitgezählt. Beispielsweise steht Tres de vuit (3de8) für ein achtstöckiges Castell mit drei Castellers pro Etage. Die Bezeichnungen für die Anzahl der Castellers pro Etage lauten Pilar de … (‚Säule‘) bei einem Casteller pro Etage, Dos de … oder Torre de … (‚Turm‘) bei zwei Castellers pro Etage, Tres de … bei drei Castellers pro Etage, Quatre de … bei vier Castellers pro Etage, Cinc de … bei fünf Castellers pro Etage. Seltener sind Siebener-, Achter-, Neunerstrukturen. Sehr selten Zehner- und Zwölferstrukturen.

Beispiele

Pde5 Ein Turm aus einzeln aufeinander stehenden Castellers ist ein Pilar (‚Pfeiler‘). Er heißt dann beispielsweise Pilar de Cinc. 2de6 Ein sechsstöckiger Turm aus jeweils zwei Castellers heißt dann Dos de Sis. Da ein Zweier-Turm auch Torre genannt wird, könnte er auch Torre de Sis heißen. 3de7 Eine Konstruktion von drei Castellers und sieben Ebenen ist demnach ein Tres de Set. 4de8 Das Castell des Monument als Castellers in Tarragona besteht aus vier Castellers pro Ebene und ist acht Ebenen hoch. Er ist ein Quatre de Vuit (‚Vier der Acht‘). mini|hochkant|4de7a Quatre de Set amb l’Agulla der Colla Castellera de Figueres. Der umgebende Vierer-Turm wird abgebaut und die „Nadel“ (l’Agulla) bleibt stehen mini|hochkant|3de9f Tres de Nou amb Folre der Capgrossos de Mataró Pilar de sis ist ein sechsstöckiges Castell (Turm) mit einem Casteller pro Etage: Pde6. Wenn keine zusätzliche Bezeichnung genannt wird, versteht es sich, dass es sich um ein Castell mit einem erdebenen Fundament (pinya) handelt und dass es erfolgreich auf- und abgebaut worden ist. Cinc de nou amb folre: Neunstöckiges Castell mit fünf Castellers pro Etage, mit einem Stützring um die zweite Etage (folre): 5de9af. Tres de deu amb folre i manilles: Zehnstöckiges Castell mit drei Castellers pro Etage, mit zwei Stützringen um zweite (folre) und dritte (manilles) Etage: 3de10fm. Pilar de nou amb folre, manilles y puntals: Neunstöckiges Castell mit einem Casteller pro Etage, mit drei Stützringen um zweite (folre), dritte (manilles) und vierte (puntals) Etage: Pde9fmp. Quatre de vuit amb l’agulla: Achtstöckiges Castell mit vier Castellers pro Etage, und mit einem Pilar de sis (sechsstöckige Säule) innerhalb des Castells (Der Ablauf sieht aus, als würde eine Nadel (Agulla) durch Stoff durchstechen): 4de8a. Quatre de nou sense folre: Neunstöckiges Castell mit vier Castellers pro Etage, das normalerweise mit einem Stützring um die zweite Etage (folre) gebaut werden würde – zur Erhöhung der Schwierigkeit ohne (sense) folre gebaut wird: 4de9sf. Auch als sauber (net): 4de9net benannt oder nur 4de9.

Aus der Kombination dieser grundlegenden Strukturen lassen sich zahlreiche weitere Castells bilden. Der Quatre amb l’Agulla (‚Vierer mit Nadel‘) ist beispielsweise die Kombination eines Vierer-Castells mit einem um zwei Ebenen niedrigeren Pfeiler in der Mitte. Zunächst wird der Vierer-Turm errichtet und vom Enxaneta gekrönt. Während des anschließenden Abbaus der Vierer-Turms steigt der Aixecador aus der Kuppel (pom de dalt) auf den zeitgleich aufgebauten inneren Pfeiler. Die gesamte Konstruktion gilt als carregat (‚aufgebaut‘), wenn der Vierer-Turm abgebaut und der Pfeiler vollständig sichtbar ist. Abgeschlossen ist sie aber erst, wenn auch der Pfeiler abgebaut ist. Die Bezeichnung eines solchen Turms lautet beispielsweise Quatre de Set amb l’Agulla oder 4de7a. Dasselbe gilt analog auch für den Tres amb l’Agulla (‚Dreier mit Nadel‘). Einen 3de9 amb folre i l’agulla haben die Castellers de Vilafranca erstmals in der Geschichte der Castellers am 31. August 2009 während der Diada in ihrer Heimatstadt auf- und abgebaut.Castellers de Vilafranca - Primer 3 de 9 amb folre i l'agulla descarregat. (YouTube)

Eine weitere Kombination ist der Fünfer-Turm (El Cinc). Er besteht aus einer Dreier- und einer Zweier-Struktur. Jede dieser miteinander verbundenen Teilstrukturen hat einen eigenen Acotxador, es gibt aber nur einen Enxaneta. Erst wenn dieser von beiden Spitzen gegrüßt hat, gilt die Konstruktion als aufgebaut. Seltener sieht man den Neuner-Turm (El Nou). Er besteht aus einem Dreier-Turm, dem drei Zweier-Türme mit jeweils einem Acotxador angeschlossen sind. Abgeschlossen wird der Turm entweder durch einen Enxaneta, der von jeder der drei Spitzen grüßt, oder von drei Enxanetas, die möglichst gleichzeitig die Teilstrukturen krönen. Sehr selten sind Castells mit Sechser-Struktur (Vierer verbunden mit Zweier) und mit Siebener-Struktur (Dreier verbunden mit zwei Zweiern).

mini|hochkant|Die Xics de Granollers bauen einen 4de7 Quatre de Set auf mini|hochkant|3de10fm Tres de Deu amb Folre i Manilles der Castellers de Vilafranca mini|hochkant|5de8 Cinc de Vuit („Die Kathedrale“) der Colla Vella dels Xiquets de Valls mini|hochkant|2de8f Dos de Vuit amb Folre der Xiquets de Tarragona

Typologie

Neben der Struktur und der Anzahl der Ebenen gibt es weitere Kriterien zur Benennung und zur Bewertung eines Castells. So können größere Konstruktionen auch in der zweiten Ebene eine Stütze ähnlich der Pinya erhalten. Diese wird Folre (‚Überzug‘) genannt, und ein Dreier-Turm mit einer solchen Stützkonstruktion heißt dann beispielsweise Tres de Nou amb Folre oder 3de9f. Erhält auch die dritte Ebene eine Stütze, so spricht man von Manilles (‚Handschellen‘). Eine Stütze für die vierte Ebene wird Puntals (‚Streben‘) genannt. Nach einem einzigen Intent der Castellers de Vilafranca mit dem Pilar de Nou amb Folre, Manilles i Puntals oder Pde9fmp im Jahre 2002, versuchten sie sich erst 20 Jahre später an diesem bislang höchsten Pilar und konnten ihn am 1. November 2022 erfolgreich aufbauen (carregar). Die höchsten bisher errichteten Castells sind der Tres de Deu amb Folre i Manilles (3de10fm) und der Quatre de Deu amb Folre i Manilles (4de10fm).

Außerdem können bestimmte Castells auch „von unten“ (per sota, ps) aufgebaut werden. Bei dieser schwierigen und kraftraubenden Technik schieben sich die Castellers unter den wachsenden Turm und heben ihn jeweils um eine Ebene. Sie wird bei Dreier-Türmen und bei Pfeilern angewendet. Die Türme heißen dann beispielsweise 3de7ps (Tres de Set per sota) oder Pde6ps (Pilar de Sis per sota). An manchen Diades werden die Pilars durch die Straßen getragen (die bekannteste Diada diesbezüglich ist "La Mérce" in Tarragona, an der die vier Colles der Stadt, den Pilar de Quatre caminant die 19 Stufen bis zur Kathedrale rauf, wieder runter und 500 m weiter schlussendlich bis zum Rathausbalkon tragen). Dieser Pilar wird P4cam benannt. Manchmal werden zum Abschluss einer Diada auch mehrere Pilars einer Colla mit dem höchsten Pilar in der Mitte errichtet: Vano de 5 bedeutet zwei Pde4 und einen Pde5 in der Mitte. Sehr selten ist der Vano de 6; er wird aus je zwei Pde4, Pde5 und einen Pde6 gebildet.

„Namhafte“ Castells