mini|Kirche von Süden mini|hochkant|Westliche Giebelseite Die Evangelische Kirche in Wirberg, einem Ortsteil von Reiskirchen im Landkreis Gießen in Mittelhessen, wurde in den Jahren 1753 bis 1754 anstelle der zerstörten Klosterkirche errichtet. Die weithin sichtbare barocke Saalkirche mit dreiseitigem Ostabschluss und zweigeschossigem Dachreiter ist hessisches Kulturdenkmal.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 617.

Geschichte Die vermutlich Anfang des 12. Jahrhunderts errichtete Burg Wirberg („Werberch“) unterstand den Burgherren Manegold von Hagen. Witwe Imecha und Tochter Aurelia wandelten die Burg zwischen 1129 und 1149 in ein Prämonstratenser-Doppelkloster um,Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. 2010, S. 616. das 1149 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Die beiden waren zugleich die ersten Klosterfrauen auf dem Wirberg.Probst: Die Bau- und Kunstdenkmäler. 2001, S. 69. Die Schwestern wechselten Mitte des 13. Jahrhunderts zu den Augustiner-Chorfrauen.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 198. Im Mittelalter war Wirberg als exemte Großpfarrei dem Archidiakonat St. Stephan in der Erzdiözese Mainz zugeordnet. Das Kirchspiel Wirberg umfasste Beltershain, Bollnbach, Göbelnrod, Groß-Lumda und Reinhardshain und die zweite Pfarrei Veitsberg/Saasen die Filialen Harbach und Lindenstruth. Mit Einführung der Reformation wurde das Kloster 1527 aufgehoben. Wirberg nahm das evangelische Bekenntnis an und die Kirche wurde eine lutherische Pfarrkirche. Als erster evangelischer Pfarrer wirkte hier Johannes Wagner von 1527 bis etwa 1531. Der Stiftsbesitz kam an die Universität Marburg, 1607 an die Universität Gießen, 1624 wieder an Marburg und 1649 endgültig an Gießen. Wirberg blieb auch in nachreformatorischer Zeit Sitz eines großen Kirchspiels. Im Jahr 1858 umfasste die Pfarrei Wirberg 2645 Personen.

Im Dreißigjährigen Krieg wurden große Teile der Klosteranlage zerstört und 1635 die alte Klosterkirche, die Maria und dem heiligen Martin geweiht war, stark beschädigt. 1658 folgte eine grundlegende Wiederherstellung, die ein neues Dach einschloss.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 490. Die Kirche wird in einem Bericht aus diesem Jahr als „sehr feines Gebew“ bezeichnet.Probst: Die Bau- und Kunstdenkmäler. 2001, S. 70. Durch den Einsturz des Turmes im Jahr 1716 wurde das Kirchenschiff völlig zerstört. In den nächsten Jahrzehnten diente der angrenzende Kreuzgang mit seinen roten Säulenarkaden, der unbeschadet geblieben war und zugemauert wurde, als Notkirche.. Um 1735 war das Gebäude derart baufällig, dass man dort „nicht im Trockenen stehen konnte“.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 491.

Anstelle der Klosterkirche baute die Gießener Universität 1753–1754 die heutige Kirche unter Verwendung von Steinen des Klostergebäudes. Sie wurde von der lutherischen Versammlung in Wien und der Stadt Lübeck mit „milden Beiträgen“ unterstützt.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 199. Der Fußboden wurde 1863 mit Sandsteinplatten belegt und im selben Jahr der Altar etwas nach vorne gerückt und in verkleinerter Form neu aufgeführt, vermutlich um Platz für die Orgelempore zu schaffen. Das Kirchengestühl erhielt 1886/1887 einen neuen Ölanstrich, die Decken und wurden geweißt und teils bemalt. 1939/1940 wurde der Turm vollständig neu geschiefert, das Kirchendach nur teilweise. 1964 bis 1966 folgte eine Verschieferung des Kirchendaches. Unter Einbeziehung der alten Wangen wurde das Gestühl erneuert. 1992/1993 folgte eine Dachsanierung und eine Innenrenovierung, bei der eine neue Heizung eingebaut wurde und der Innenraum neue Beleuchtungskörper und einen neuen Anstrich erhielt.Ev. Kirchengemeinde auf dem Wirberg (Hrsg.): Die evang.-luth. Pfarrkirche auf dem Wirberg 1754–2004. Druckkollektiv, Gießen 2004, S. 4.

Zum Kirchspiel Wirberg im Dekanat Gießener Land in der Propstei Oberhessen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gehören seit 1973 die Orte Wirberg, Beltershain, Göbelnrod und Reinhardshain.

Architektur mini|Ostabschluss, rechts Reste der alten Klostermauern Die geostete Saalkirche steht weithin sichtbar auf dem höchsten Punkt des Wirbergs, 315 Meter über NN. Nördlich ist ein Friedhof angelegt. Im Nordosten sind die letzten Mauerreste der ursprünglichen Klosteranlage erhalten. Die Kirche steht nicht an derselben Stelle der alten Klosterkirche. 1963 wurden vor dem Westportal die Säulenreste des alten Kreuzgangs entdeckt.

Die weiß verputzte Kirche auf rechteckigem Grundriss hat einen dreiseitigen Chorabschluss und ein hohes verschiefertes Satteldach, das an jeder Seite mit drei Gauben besetzt ist. Ein rundbogiges Westportal aus wiederverwendetem Lungstein aus romanischer ZeitWalbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1938, S. 375. erschließt das Gebäude, hohe rundbogige Fenster an drei Seiten belichten es. An der Westseite flankieren zwei Rundfenster das Portal. Der zweigeschossige Dachreiter schließt bündig mit dem Westgiebel ab.Ev. Kirchengemeinde auf dem Wirberg (Hrsg.): Die evang.-luth. Pfarrkirche auf dem Wirberg 1754–2004. Druckkollektiv, Gießen 2004, S. 3. Er entwickelt sich aus einem kubusförmigen Glockengeschoss. Ein geschweiftes Pultdach leitet zum kleinen oktogonalen Obergeschoss mit welscher Haube über, die von Knauf, schmiedeeisernem Kreuz und Wetterfahne mit der Inschrift „D. H. 1754“ bekrönt wird.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1938, S. 374.

Ausstattung mini|links|Altes Taufbecken mini|Innenraum Richtung Osten Der Innenraum wird von einer Muldendecke mit Kehle abgeschlossen. Unter dem umlaufenden Holzgesims ist ein bunter Fries aufgemalt, der aus Kostengründen nur auf einem etwa einen Meter langen Abschnitt freigelegt wurde. An der West- und Nordseite ist eine Winkelempore eingebaut, die auf runden Holzsäulen mit hohen quadratischen Basen und langen quadratischen Kapitellen ruht. Die kleinen Bügen werden durch einfaches Schnitzwerk verziert. Die kassettierten Füllungen der Brüstung werden durch aufgelegte durchbrochene Laubsägeornamente mit Obelisken gegliedert.Ev. Kirchengemeinde auf dem Wirberg (Hrsg.): Die evang.-luth. Pfarrkirche auf dem Wirberg 1754–2004. Druckkollektiv, Gießen 2004, S. 5. Die Orgel ist auf einer trapezförmig vorspringenden Ostempore von 1863 mit Stützen aus dem 18. Jahrhundert aufgestellt. Das Kirchengestühl von 1754 mit den alten, profilierten, geschwungenen Wangen lässt einen Mittelgang frei.Probst: Die Bau- und Kunstdenkmäler. 2001, S. 72.

Das pokalförmige, achteckige Taufbecken aus Basaltlava (0,95 Meter Durchmesser, 0,67 Meter hoch) stammt wohl aus der alten Klosterkirche und wird ins 14. Jahrhundert datiert.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 801. Es stand lange im Pfarrgarten und vor der Kirche und wurde 1985 restauriert und im Altarbereich aufgestellt. Der Altar wird von einer Platte aus rotem Sandstein bedeckt, die an allen vier Ecken Weihekreuze aufweist.Kirchspiel Wirberg, abgerufen am 19. Oktober 2014.

Die achteckige hölzerne Kanzel an der emporenfreien Südseite wurde wahrscheinlich im späten 18. Jahrhundert geschaffen. Ihre Brüstung ist mit Nussbaum und anderen Hölzern belegt. Ein hölzerner Pfarrstuhl mit durchbrochenem Gitterwerk gewährt den Zugang zum Kanzelaufgang. Im Stil der Kanzel schuf Oliver Müller aus Göbelnrod 1993 ein Lesepult.

Orgel mini|hochkant|Innenraum Richtung Osten Die neue Kirche blieb mehr als 20 Jahre ohne Orgel. Die Gemeinde bat die Gießener Universität im Jahr 1775 darum, ihr die Orgel der Gießener Burgkirche zu überlassen. Nach Errichtung der Orgelempore im Jahr 1778 wurde die erbetene Orgel, die 1654 ein unbekannter Orgelbauer mit fünf Registern gebaut hatte, aufgestellt. Karl Rudolf Bernhard aus Romrod schuf 1863 ein neues Instrument mit zwei Kastenbälgen und zehn Registern, die auf einem Manual und Pedal verteilt waren. Die Einweihung erfolgte am 1. Oktober 1864. 1879 führte Johann Georg Förster eine Reparatur durch. Für die 1917 abgelieferten zinnenen Prospektpfeifen wurden später als Ersatz Zinkpfeifen eingebaut. Im Zuge einer Renovierung durch Förster & Nicolaus Orgelbau im Jahr 1951 wurde die Disposition geändert. 1971 folgte der Einbau eines elektrischen Gebläses, 1993 eine weitere Änderung der Disposition und der Wiedereinbau von Zinnpfeifen in den Prospekt. Zum 150-jährigen Orgeljubiläum erhielt die Orgel 2014 einen neuen Motor. Der Prospekt wird durch Pilaster in drei rundbogige Pfeifenfelder gegliedert. Die Disposition lautet seit 1993 wie folgt: Manual C–f3 Principal 8′ Bourdon 8′ Salicional 8′ Oktave 4′ Flöte 4′ Quinte ′ Oktave 2′ Terz ′ Mixtur III Pedal C–d1 Subbaß 16′ Violon 8′ Koppeln: I/P

Glocken Der Dachreiter beherbergt ein bronzenes Vierergeläut. Die älteste Glocke weist eine Inschrift in gotischen Majuskeln auf. Wahrscheinlich wurde sie im 14. Jahrhundert für das Grünberger Barfüßerkloster (1272–1528) gegossen, das ebenso wie die Glocke dem heiligen Franziskus geweiht war.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1938, S. 376. 1788 goss Friedrich Wilhelm Otto aus Gießen die große Glocke. Aufgrund ihrer historischen Bedeutung mussten die beiden Glocken in den beiden Weltkriegen nicht an die Rüstungsindustrie abgeliefert werden. Die Firma Rincker vervollständigte 1996 das Vierergeläut durch zwei kleine Bronzeglocken.hr4.de: Reiskirchen-Wirberg: Ev. Pfarrkirche, abgerufen am 10. April 2019. Die Glocken erklingen im Westminster-Motiv. Nr.  Name  Gussjahr  Gießer, Gussort  Durchmesser(mm) Schlagton  Inschrift  Bild  1 Vater-Unser-Glocke 1788 Friedrich Wilhelm Otto, Gießen 800 c2 140px 2 Franziskus-Glocke 14. Jhd. 710 f2 (Während ich erklinge, Franziskus, bring Gott die Gebete der Meinigen dar.) 140px 3 Friedensglocke 1996 Rincker, Sinn 124 g2 140px 4 Taufglocke 1996 Rincker, Sinn 102 a2 140px

Evangelische Pfarrer Seit der Reformationszeit sind folgende Pfarrer nachgewiesen:Diehl: Hessen-Darmstädtisches Pfarrer- und Schulmeisterbuch. 1921, S. 433–435. 1527– etwa 1531: Johannes Wagner 1535 : Emmericus etwa 1550–1569: Sebastian Heckersdorf, genannt Lauter 1569–1574: Konrad Corvinus 1574–1589: Johannes Armbroster 1589–1619: Heinrich Ruppersberg 1619–1635: Johannes Wetzelius 1635: Johannes Staudinger 1635– etwa 1677: Johannes Braun 1651–1712: Kaspar Reitz, zuerst Adjunkt, dann Pfarrer 1712–1715: Johann Philipp Eckhard 1715–1727: Johannes Heß 1727–1742: Martin Balthasar Fischer 1742–1771: Johannes Jeremias Nebel 1772–1784: Jakob Heinrich Wilhelm Stipp 1784–1816: Johann Daniel Bernbeck 1816–1832: Ernst Friedrich Steinberger 1835–1850: Johann Wilhelm Röhrig 1850–1855: Friedrich August Herzberger 1856–1875: Hermann Hüffell 1877–1887: Georg Sehrt 1891–1896: Peter Ahlheim 1897–1905: Gustav Biedenkopf 1906–1910: Ernst Siebeck 1911–1921: Heinrich Blank 1921–1933: Otto Wilhelm Döll 1933–1946: Friedrich Wilhelm Christian Volz 1946–1952: Heinrich Wilhelm Schäfer 1952–1954: Ruprecht Erich Helmut Albrecht Spangenberg 1954–1960: Theo Gustav Weygandt 1960–1971: Walter Müller 1971–1983: Karl-Heinz Westenberger 1986–2022: Rolf Schmidt 2022–2023: Christin Neugeborn

Literatur

Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. Regierungsbezirke Gießen und Kassel. Bearbeitet von Folkhard Cremer, Tobias Michael Wolf und anderen. Deutscher Kunstverlag, München u. a. 2008, ISBN 978-3-422-03092-3, S. 801. Wilhelm Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. (= Hassia sacra; 5). Selbstverlag, Darmstadt 1931, S. 490–492. Wilhelm Diehl: Hessen-Darmstädtisches Pfarrer- und Schulmeisterbuch. (= Hassia sacra; 1). Selbstverlag, Friedberg 1921, S. 433–435. Ev. Kirchengemeinde auf dem Wirberg (Hrsg.): Die evang.-luth. Pfarrkirche auf dem Wirberg 1754–2004. Druckkollektiv, Gießen 2004.

Gustav Ernst Köhler: Wirberg. Burg, Kloster, Pfarre. 2. Auflage. Heimatgeschichtliche Vereinigung, Reiskirchen 1998.