Die AG Leipziger Elektrische Straßenbahn (LESt) war ein Straßenbahnbetrieb in Leipzig. Sie betrieb ab 1896 ein von Anfang an elektrifiziertes Straßenbahnnetz in Leipzig und wurde am 1. Januar 1917 von der Großen Leipziger Straßenbahn AG, einem Vorgänger der heutigen Leipziger Verkehrsbetriebe (Straßenbahn Leipzig), übernommen. Die LESt war im Volksmund als die „Rote“ bekannt, während ihr Konkurrenzunternehmen, die Große Leipziger Straßenbahn, die „Blaue“ hieß. Die Bezeichnung rührt von der Farbgebung der Wagen her.
Geschichte mini|Triebwagen 257 des Typs 16 der „Roten“ im Straßenbahnhof Leipzig-Möckern mini|Straßenbahn produziert in Weimar (Produktkatalog Aktiengesellschaft für Eisenbahn- und Militärbedarf Weimar)
Aufbau des Grundnetzes Bereits 1892 beantragte Richard Lehfeld im Auftrag der AEG den Bau elektrischer Straßenbahnen in Leipzig. 1894 schloss er mit der Stadt und den anzubindenden Gemeinden einen Vertrag und am 3. April 1895 wurde die LESt gegründet. Die Bau- und Betriebsgenehmigung erhielt die AEG kurz darauf. In der Konzession wurde die bei der bisherigen Leipziger Pferde-Eisenbahn verwendete Spurweite von 1458 mm gefordert, die ihrerseits nur durch den nicht ausreichend spurstabilen Langschwellenoberbau der Bauart Loubat entstanden war, obwohl dieser längst nicht mehr existierte und einteilige Rillenschienen Stand der Technik waren. Am 20. Mai 1896 eröffnete die LESt nach neun Monaten Bauzeit ihre erste Strecke von der Brüderstraße über die Ostseite des Königsplatzes (heute Wilhelm-Leuschner-Platz), durch den Neumarkt, die Reichs- und Gerberstraße (nordwärts) bzw. Nord- und Katharinenstraße (südwärts), die Berliner, Mockauer und Kieler Straße bis Mockau, Kirche, sowie die Zweigstrecke von der Mockauer / Volbedingstraße bis Schönefeld, Löbauer Straße. Bereits fünf Wochen vorher hatte die Große Leipziger Straßenbahn ihre erste elektrifizierte Strecke eröffnet.
In den Wochen darauf ging der Rest des geplanten Netzes in Betrieb. Dies waren: die Verlängerung durch die Brüderstraße zum Bayerischen Bahnhof, die Zweigstrecke vom Königsplatz durch die Wächter-, Grassi-, Beethoven-, Marschner-, Sebastian-Bach-, Ferdinand-Lassalle-Straße, Klingerweg und Könneritzstraße bis zur Oeserstraße (kurz vor dem Schleußiger Weg) in Schleußig, die Strecke von Gohlis, Platnerstraße durch das Rosental, die Wald-, Elster-, Zentralstraße, Thomasgasse, Grimmaische Straße, die Nordseite des Augustusplatzes, die Poststraße (heute überbaut), Quer-, Schützen- und Karlstraße (Chopinstraße) zum Marienplatz, und schließlich die Verlängerung der Schleußiger Strecke über Schleußiger Weg (Antonienstraße), Adler und Hauptstraße (Dieskaustraße) bis Großzschocher, Huttenstraße (22. Juni).
Die Streckenführung durch die engen Straßen in der Innenstadt und in den Vorstädten musste gewählt werden, da die Große Leipziger Straßenbahn bereits die Hauptstraßen in Beschlag hatte und die LESt die Strecken der Konkurrenz nur auf einer Länge von zu Anfang 400, später 500 Metern mitbenutzen durfte. Eine Mitbenutzung vorhandener Gleise erfolgte im Ring, zwischen der Abzweigung zum Neumarkt und der Abzweigung zur Ostseite des Königsplatzes, sowie auf der Klingerbrücke in Schleußig.
Bis Herbst 1900 wurden weitere Strecken eröffnet. Darunter eine Querverbindung von der Querstraße über Bayerischer Bahnhof zum Konzerthaus (Beethoven-/Grassistraße), eine Zweigstrecke durch die Elisenstraße (Bernhard-Göring-Straße) bis zur Scharnhorststraße, eine Verlängerung der Marienplatz-Strecke durch die Kohlgarten- und Bergstraße zum Kirchplatz in Reudnitz, wo sie sich nach Schönefeld und Sellerhausen verzweigte, eine Strecke vom Johannisplatz über Täubchenweg, Riebeckstraße nach Stötteritz (Holzhäuser Straße), eine Strecke von der Berliner/Apelstraße nach Eutritzsch (Dübener Landstraße), sowie eine Verbindung vom Bayerischen Platz über Windmühlenweg (Philipp-Rosenthal-Straße), Johannisallee und Oststraße zur Riebeckstraße, eine Zweigstrecke durch die Schönbachstraße und die Verlängerung der Gohliser Strecke von der Platnerstraße einerseits durch die Kirschbergstraße nach Möckern (Kernstraße) und andererseits durch die Lindenthaler Straße bis zu den Neuen Kasernen (heute Landsberger/Max-Liebermann-Straße).
Die Linien wurden mit Zieltafeln bezeichnet, die einen weißen oder farbigen Untergrund hatten und teilweise einen farbigen Diagonalstreifen. Am 17. Dezember 1900 führte die LESt auf Anordnung der Stadt Liniennummern ein und änderte teilweise die Linienfarben. Folgendes Netz wurde zu diesem Zeitpunkt betrieben:
bisherigeLinienfarbe Linie Verlauf neue Linienfarbe weiß 1 Mockau (Kirche) – Berliner Straße – Nord- bzw. Gerberstraße – Neumarkt – Königsplatz – Bayerischer Bahnhof – Elisenstraße weiß weiß mit grünem Streifen 2 Schönefeld (Löbauer Straße) – Berliner Straße – Nord- bzw. Gerberstraße – Neumarkt – Königsplatz – Bayerischer Bahnhof – Johannisallee – Prager bzw. Oststraße – Stötteritzer Straße – Schönbachstraße (Ecke Reitzenhainer Straße, heute Prager Straße) violett weiß mit gelbem Streifen 3 Eutritzsch (Dübener Landstraße) – Eutritzscher Markt – Eutritzscher Zentrum – Wittenberger Straße – Apelstraße – Berliner Straße – Nord- bzw. Gerberstraße – Neumarkt – Königsplatz – Wächterstraße – Konzerthaus – Klingerbrücke – Könneritzstraße – Adler – Kleinzschocher – Großzschocher (Huttenstraße) gelb weiß mit violettem Streifen 4 Möckern (Kernstraße) – Kirschbergstraße – Platnerstraße – Rosental – Waldplatz – Thomaskirche – Markt – Augustusplatz – Querstraße – Marienplatz – Reudnitz, Kirchplatz – Wurzner Straße – Plaußiger Straße weiß violett 5 Schönefeld (Löbauer Straße) – Stannebeinplatz – Reudnitz, Kirchplatz – Marienplatz – Querstraße – Johannisplatz – Bayerischer Bahnhof – Konzerthaus – Klingerbrücke – Könneritzstraße – Adler – Kleinzschocher violett grün 6 Gohlis (Kasernen) – Lindenthaler Straße – Platnerstraße – Rosental – Waldplatz – Thomaskirche – Markt – Augustusplatz – Querstraße – Johannisplatz – Täubchenweg – Reudnitz – Riebeckstraße – Stötteritzer Straße – Stötteritz (Holzhäuser Straße) grün gelb 7 Blücherplatz – Neumarkt – Königsplatz – Wächterstraße – Konzerthaus – Klingerbrücke – Könneritzstraße – Schleußig, Oeserstraße (nur im Berufsverkehr) gelb
Weitere Entwicklung Damit war der Streckenausbau vorerst abgeschlossen. 1902 kam noch eine kurze Verlängerung in der Riebeckstraße von der Stötteritzer bis zur Prager Straße hinzu, sowie 1904 die Verlängerung der Strecke in der Elisenstraße um eine Haltestelle bis zur Hardenbergstraße. 1905 wurde die Strecke in der Wurzner Straße bis zur Stadtgrenze nach Paunsdorf am Friedhof Sellerhausen verlängert. Die Strecke in der Elisenstraße wurde 1906 über die Waisenhausstraße (heute Arno-Nitzsche-Straße) bis Connewitz, Kreuz verlängert.
Ein Störungspunkt wurde 1908 beseitigt, als die Berliner Straße höhergelegt wurde und die Berliner Brücke den bisherigen Bahnübergang ersetzte. Als die Große Leipziger Straßenbahn 1910 die Schleife Richard-Wagner-Straße in Betrieb nahm, baute die LESt ein eigenes Gleis ein, sodass die Schleife mitbenutzt werden konnte. 1912 entstand noch eine Strecke von der Waisenhausstraße in Connewitz entlang der Zwenkauer Straße sowie eine kurze Strecke von der Johannisallee bis zum Deutschen Platz, wo eine Gleisschleife gegenüber der Einmündung der Siegismundstraße gebaut wurde. Zur Anbindung des neuen Hauptbahnhofs baute die LESt 1913 eine Querverbindung vom Bahnhofsvorplatz durch die Brandenburger Straße und Hahnekamm zur Querstraße.
Die Strecke in der Schönbachstraße wurde ebenfalls 1913 in die Reitzenhainer Straße (heute Prager Straße) verlängert, wo auf der erlaubten Länge von 400 Metern die bestehenden Gleise mitbenutzt wurden. Am neu eröffneten Völkerschlachtdenkmal entstand die sogenannte „Schlippe“, eine Kuppelendstelle neben der Reitzenhainer Straße. Eine ähnliche Konstruktion wurde weiter nördlich in der Reitzenhainer Straße gebaut. Die Strecke zum Deutschen Platz wurde in die Reitzenhainer Straße verlängert und nach Überquerung der Eisenbahnstrecke entstand an der späteren Naunhofer Straße ebenfalls eine Kuppelendstelle neben der Straße.
Vor Beginn des Ersten Weltkriegs bestand folgendes Liniennetz:
Linie Verlauf 1 Mockau (Kirche) – Berliner Straße – Nord- bzw. Gerberstraße – Hallisches Tor – Neumarkt – Königsplatz – Bayerischer Bahnhof – Elisenstraße – Waisenhausstraße – Connewitz (Zwenkauer Straße) 2 Schönefeld (Löbauer Straße) – Berliner Straße – Nord- bzw. Gerberstraße – Hallisches Tor – Neumarkt – Königsplatz – Bayerischer Bahnhof – Johannisallee – Prager bzw. Oststraße – Stötteritzer Straße – Schönbachstraße – Südfriedhof/Völkerschlachtdenkmal 3 Eutritzsch (Dübener Landstraße) – Eutritzscher Markt – Eutritzscher Zentrum – Wittenberger Straße – Apelstraße – Berliner Straße – Nord- bzw. Gerberstraße – Neumarkt – Königsplatz – Wächterstraße – Konzerthaus – Klingerbrücke – Könneritzstraße – Adler – Kleinzschocher – Großzschocher (Huttenstraße) 4 Möckern (Kernstraße) – Kirschbergstraße – Platnerstraße – Rosental – Waldplatz – Thomaskirche – Markt – Augustusplatz – Querstraße – Marienplatz – Reudnitz, Kirchplatz – Wurzner Straße – Paunsdorf, Stadtgrenze 5 Schönefeld (Löbauer Straße) – Stannebeinplatz – Reudnitz, Kirchplatz – Marienplatz – Querstraße – Johannisplatz – Bayerischer Bahnhof – Konzerthaus – Klingerbrücke – Könneritzstraße – Adler – Kleinzschocher (Depot) 6 Gohlis (Kasernen) – Lindenthaler Straße – Platnerstraße – Rosental – Waldplatz – Thomaskirche – Markt – Augustusplatz – Querstraße – Johannisplatz – Täubchenweg – Reudnitz – Riebeckstraße – Stötteritzer Straße – Stötteritz (Holzhäuser Straße) 7 Stötteritz (Papiermühlstraße) – Stötteritzer Straße – Riebeckstraße – Reudnitz – Täubchenweg – Johannisplatz – Bayerischer Bahnhof – Elisenstraße – Waisenhausstraße – Connewitz (Kreuz) 8 Schönefeld (Stannebeinplatz) – Reudnitz, Kirchplatz – Marienplatz – Hahnekamm – Hauptbahnhof – Hallisches Tor – Neumarkt – Königsplatz – Wächterstraße – Konzerthaus – Klingerbrücke – Könneritzstraße – Schleußig (Oeserstraße) 9 Waldstraße – Waldplatz – Thomaskirche – Markt – Augustusplatz – Querstraße – Johannisplatz – Täubchenweg – Reudnitz – Riebeckstraße – Riebeck-/Prager Straße 10 Hauptbahnhof/Westseite – Hallisches Tor – Neumarkt – Königsplatz – Brüderstraße – Bayerischer Bahnhof – Windmühlenweg – Deutscher Platz – Reitzenhainer/Naunhofer Straße
Mit Ausbruch des Krieges wurde am 3. August 1914 die Linie 9 eingestellt und die Linie 10 auf den Abschnitt vom Königsplatz zur Naunhofer Straße verkürzt. Die letzte Verlängerung erfolgte am 31. Oktober 1914. Die neue Strecke führte von der Dübener Landstraße zum Krankenhaus St. Georg. Zunächst verkehrte hier nur ein Pendelwagen der Linie 3. Gleichzeitig tauschten die Linien 1 und 3 ihre südlichen Endstellen, sodass die 1 nun nach Großzschocher und die 3 zur Zwenkauer Straße fuhr. Noch heute verkehrt die Linie 1 durch Schleußig und nach Mockau, jedoch auf einem geänderten Linienweg.
Noch 1915 begann man damit, die Strecke durch das Rosental auf einen eigenen Bahnkörper zu verlegen. Am 18. August 1916 ging der erste Abschnitt von der Waldstraßenbrücke bis zur Polizeiwache in Betrieb. Die LESt existierte jedoch nur noch bis zum Jahresende 1916, als die Stadt Leipzig anordnete, dass die beiden Konkurrenzunternehmen fusionieren. Die Große Leipziger Straßenbahn übernahm damit die LESt. Die ebenfalls geplante Schleife in Schönefeld an der Volbedingstraße wurde erst 1929 durch die Große Leipziger Straßenbahn gebaut.
Verbleib der Strecken