Oswald Erich Bischoff (geboren 30. Juli 1865 in Görlitz, Provinz Schlesien; gestorben 14. Januar 1936 in Leipzig) war ein deutscher Orientalist, Germanist, Religionsforscher, Theologe, Autor und Übersetzer.

Leben Erich Bischoff war ein Sohn des Kaufmanns Oswald Bischoff und dessen Frau Auguste, geb. Thomae. Nach dem Abitur am Gymnasium in Görlitz studierte er an den Universitäten Leipzig und Halle-Wittenberg Alte Sprachen (u.a. Aramäisch und Hebräisch) und wurde 1890 an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen mit der Doktorarbeit Prolegomena zum sogenannten Dionysius Cato zum Dr. phil. promoviert. Im Jahr darauf legte er das 1. Staatsexamen ab. Danach unterrichtete er (u.a. Hebräisch) an Gymnasien in Wernigerode und Merseburg. 1894 heiratete er Emma, geb. Loewe, mit der er zwei Töchter bekam.

Seit Anfang der 1890er-Jahre betätigte sich Bischoff publizistisch. Politisch gab er sich als Anhänger Bismarcks zu erkennen. 1893 veröffentlichte er in den Akademischen Blättern ein von ihm verfasstes Lied "Heil Bismarck". Er veröffentlichte populärwissenschaftliche Schriften über die rabbinische Literatur, 1904 eine als Aufklärungsschrift gedachte "gemeinverständliche Darstellung" des Korans. Als Wissenschaftler nahm Bischoff stets für sich in Anspruch, frei von einem "Parteistandpunkte" zu schreiben und einen Beitrag zur "Ermittlung der objektiven Wahrheit" zu leisten. Eine theologische Kontroverse löste sein Buch Jesus und die Rabbinen (Leipzig 1905) aus. Um sich ganz seinen Forschungen widmen zu können, schied Bischoff nach einigen Jahren aus dem Schuldienst aus. 1908 wurde er Chefredakteur mehrerer im Verlag Bernhard Meyer in Leipzig verlegter Zeitschriften. Viele Jahre arbeitete er an der von Adolf von Harnack mitbegründeten Theologischen Literaturzeitung mit. Bischoffs Namen findet sich allerdings auch im Umfeld der von 1912 bis 1914 erscheinenden Zeitschrift Die Nornen, einer "Monatsschrift für deutsche Wiedergeburt und ario-germanische Kultur", deren ständiger Mitarbeiter er war.Martin Finkenberger: Bischoff, Erich Oswald. In: Handbuch des Antisemitismus, Band 8: Nachträge und Register, Berlin 2015, S. 44–46, hier S. 44–45.

In den 1920er Jahren trat Bischoff, der sich selbst "fachwissenschaftliches Spezialisten- und Koryphäentum" attestierte, in rund einem Dutzend gerichtlicher Auseinandersetzungen als vermeintlich objektiver Sachverständiger auf. Dabei positioniere er sich gegen die "sachkundigen christlichen Fachleute", die ihr Wissen "fast durchweg von jüdischen Lehrern" bezogen hätten und von deren Ansichten "stark beeinflusst" gewesen seien. Scharfe Kritik übte er zugleich an jenen Richtern, die "in jedem beliebigen Durchschnittsrabbiner einen talmudisch-rabbinischen Weisheitsborn" sähen. Beispielhaft ist ein 1920 vom Weimarer Landesrabbiner Josef Wiesen (1865–1942) aufgrund fehlerhafter Übersetzungen aus dem Talmud gegen den antisemitischen Schriftsteller und Politiker Artur Dinter angestrengter Beleidigungsprozess, in dem Bischoff diesen unterstützte. Aufsehen erregten auch verschiedene Gerichtsverfahren gegen den "Stürmer" und dessen Mitarbeiter. Im Nürnberger „Talmud-Prozess“, bei dem das Schwurgericht Nürnberg Julius Streicher am 4. November 1929 wegen „Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft“ zu einer Gefängnisstrafe von 2 Monaten verurteilte, hatte Bischoff ein Gutachten verfasst, das die abstrusen Behauptungen des "Stürmer" zu bekräftigen suchte.Finkenberger: ebd. S. 45; Alfred Hirschberg: Das Urteil von Nürnberg. Holz zu 3½ Monaten, Streicher zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt. In: CV-Zeitung (CVZ), Jg. 1929, Nr. 45 vom 8. November, S. 600–601. Dem Bonner Historiker Martin Finkenberger zufolge soll es sich bei Bischoffs erstmals 1929 erschienenem Buch vom Schulchan aruch um eine Zusammenfassung des Gutachtens handeln.Finkenberger: ebd. Vor dem Hintergrund solcher Parteinahme sei Bischoff schon bald von "Wortführer(n) der antisemitischen Bewegung (...) zur Autorität auf dem Gebiet der Talmudforschung und zum 'Vorkämpfer' des 'Deutschen Erwachens'" stilisiert worden, schreibt Finkenberger.Ebd. S. 46.

Aufgrund einer Erkrankung musste sich Bischoff 1929 aus dem Berufsleben zurückziehen. Danach war Bischoff nur noch als Privatgelehrter tätig.Bischoff, Osw. Erich In: Degeners Wer ist's? 10. Ausgabe. Berlin 1935.

Übersetzungen Buddhistischer Katechismus (Olcott) – aus dem englischen Original von Henry Steel Olcott, Leipzig 1887

Eigene Werke Prolegomena zum sogenannten Dionysius Cato, Erlangen 1890 Die Camarilla am preußischen Hofe eine geschichtliche Studie, Friedrich, Leipzig 1895 ISBN 978-1-241-55283-1 Kritische Geschichte der Thalmud-übersetzungen aller Zeiten und Zungen, J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1899. ISBN 978-1-287-56535-2 Fremdwörterbuch zur Theosophischen Literatur, Grieben, Leipzig um 1900 Erläuterungen zu Schillers „Fiesko“, Aus der Reihe Königs Erläuterungen zu den Klassikern Band 23, Herm. Beyer, Leipzig 1900 Erläuterungen zu Lessings „Laokoon“, Aus der Reihe Königs Erläuterungen zu den Klassikern, Herm. Beyer Band 33–34, Leipzig 1900 Erläuterungen zu Lessings Hamburgischer Dramaturgie, Aus der Reihe Königs Erläuterungen zu den Klassikern Band 62–63, Herm. Beyer, Leipzig 1902 Erläuterungen zu Goethe: „Werthers Leiden“, Aus der Reihe Königs Erläuterungen zu den Klassikern Band 79, Herm. Beyer, Leipzig 1903 Erläuterungen zu Hebbels „Gyges und sein Ring“, Aus der Reihe Königs Erläuterungen zu den Klassikern Band 86, H. Beyer, Leipzig 1903 Erläuterungen zum Nibelungenlied, Aus der Reihe Königs Erläuterungen zu den Klassikern, Band 94–95, Herm. Beyer, Leipzig 1903 Thalmud-Katechismus, Engel, Leipzig 1904 ISBN 3-7306-0190-3 Jesus und die Rabbinen; Jesu Bergpredigt und „Himmelreich“ in ihrer Unabhängigkeit vom Rabbinismus, J.C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1905 ISBN 978-1-113-18168-8 Im Reiche der Gnosis Die mystischen Lehren d. jüd. u. christl. Gnostizismus, d. Mandäismus u. Manichäismus u. ihr babylonisch-astraler Ursprung, Grieben, Leipzig 1906 ISBN 978-3-902792-11-2 Babylonisch-astrales im Weltbilde des Thalmud und Midrasch, J.C. Hinrichs, Leipzig 1907 ISBN 978-1-110-26229-8 Der Korân, Gustav Engel, Leipzig 1915 Wörterbuch der wichtigsten Geheim- und Berufssprachen, Jüdisch-Deutsch, Rotwelsch, Kundensprache, Soldaten-, Seemanns-, Weidmanns-, Bergmanns- u. Komödiantensprache, Grieben, Leipzig 1916 Klarheit in der Ostjudenfrage Tatsachen, Gedanken u. Grundsätze, Globus, Leipzig 1916 Jüdisch-deutscher und deutsch-jüdischer Dolmetscher Kurzgefasstes Wörterbuch f. Handel u. Verkehr, Grieben, Leipzig 1916 Die Kabbala, Grieben, Leipzig 1917, ISBN 978-3-7306-0190-7 Das Jenseits der Seele Zur Mystik des Lebens nach dem Tode ; (Unsterblichkeit – Ewige Wiederkunft – Auferstehung – Seelenwanderung) ; Den unsterbl. Seelen aller Opfer d. Weltkriegs gewidmet, Barsdorf, Berlin 1919 ISBN 978-3-902640-02-4 Die Mystik und Magie der Zahlen, Barsdorf, Berlin 1920, ISBN 978-3-943233-49-0 Wunder der Kabbalah Die okkulte Praxis d. Kabbalisten ; Geheimwissenschaftliche Studien, J. Baum, Pfullingen 1921 ISBN 3-921338-28-X Fremdwörterbuch der theosophischen Literatur, Grieben, Leipzig 1921 Rabbinische Fabeln über Talmud, Schulchan aruch, Kol nidrê usw. Ein Gerichtsgutachten, W. Kramer, Leipzig 1922 Rabbi und Diakonus Ein Gerichtsgutachten, W. Kramer, Leipzig 1922 (Digitalisat). Der Sieg der Alchymie das wiederentdeckte Geheimnis, aus unedlen Metallen echtes Gold zu machen ; eine Wanderung aus Nacht zum Licht, H. Barsdorf, Berlin 1925 ISBN 978-3-89094-587-3 Das Buch vom Schulchan aruch, Hammer-Verlag, Leipzig 1929 Das Blut in jüdischem Schrifttum und Brauch nebst ausführlichen Anmerkungen ; eine Untersuchung, L. Beust, Leipzig 1929 ISBN 978-3-902640-03-1 Los von Gott? Eine Zeitfrage, Deutscher Literatur-Verlag, Dresden 1936

Posthum erschienen: Astrale Geheimnisse antiker Mysterien, Arcturus-Verlag, Schäffern 2003 ISBN 3-901489-30-4 Die Elemente der Kabbalah, Bohmeier, Leipzig 2008 ISBN 978-3-89094-589-7

Literatur Martin Finkenberger: Bischoff, Erich Oswald. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Band 8: Nachträge und Register, De Gruyter Saur, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-037932-7, S. 44–46. Bischoff, Erich. In: Encyclopedia Judaica, 1971, Band 4, Sp. 1055f.

Einzelnachweise

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