mini|hochkant=1.4|Ehemalige Fabrikhalle an der Hanomagstraße mit Firmennamen Die Gebäude des ehemaligen Hanomag-Geländes in Hannover sind ein bedeutendes Beispiel für die deutsche Industriearchitektur im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Gelände befindet sich im südlichen Gebiet der früheren Stadt Linden, heute ein Stadtteil von Hannover. Die Firma Hanomag ging 1984 in Konkurs. Während der folgenden Jahre wurden die meisten Fabrikanlagen abgerissen. Die erhaltenen Gebäude sind heute (2014) größtenteils saniert und werden von verschiedenen Firmen und Privatpersonen genutzt. An dem Gelände lässt sich noch immer erkennen, welche Bedeutung die Eisenverarbeitung in Linden besaß. Es zeugt auch von einem Aufschwung in einer von Aufrüstung und Krieg bestimmten Zeit.
Geschichte
mini|hochkant=1.2|Die Egestorffsche Maschinenfabrik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor der umfangreichen Modernisierung. Im Vordergrund die Göttinger Chaussee (heute Göttinger Straße), diagonal von rechts unten in die Bildmitte verläuft die Hamelner Chaussee (heute Hanomagstraße). Links unten ist die Arbeitersiedlung Klein-Rumänien zu erkennen. Die Hanomag ging aus der Gießerei und Maschinenfabrik von Georg Egestorff hervor. Er gründete den Betrieb 1835, nach dem Tod seines Vaters Johann. Als Ort wählte Egestorff das Gelände zwischen der Göttinger Chaussee (heute Göttinger Straße) und Hamelner Chaussee, nahe der Egestorffschen Ziegelei. Die historische Chaussee nach Hameln wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur Werkszufahrt herabgestuft und in Hanomagstraße umbenannt. In den Anfangsjahren war das Unternehmen noch kein echter Industriebetrieb, wenn man die angewandten handwerklichen Arbeitsweisen und das breitgefächerte Programm berücksichtigt.
1846 begann die Produktion von Lokomotiven, das Unternehmen spezialisierte sich und wuchs. Nach 1860 kam es zu Umstrukturieren und Erweiterungen, mit denen Egestorff der Ausbau zu einer richtigen Maschinenfabrik gelang. Zu dieser Zeit entstanden repräsentative Bauten, darunter ein Tor zur Göttinger Chaussee. Nach dem Tode Egestorffs übernahm Bethel Strousberg 1868 den Betrieb. In nur drei Jahren rationalisierte und erweiterte er die Produktion erheblich. Jedoch musste Strousberg bereits 1871 die Maschinenfabrik an ein hannoversches Bankenkonsortium verkaufen, weil er bei einem gescheiterten Eisenbahn-Geschäft in Rumänien zu viel Geld verloren hatte. Die zur Aktiengesellschaft umgewandelte Firma litt in den Folgejahren unter der wirtschaftlichen Depression, die sie gegen 1890 überwand.
mini|hochkant=1.2|Vergleich der Bebauung von 1921 mit der von 2014 Zwischen 1898 und 1918 wurden die Werksanlagen gründlich modernisiert: eine zentrale Kraftanlage entstand, die Produktion wurde elektrifiziert. Daneben wurden fast alle Hallen durch Neubauten ersetzt. Während des Ersten Weltkriegs wuchs das Unternehmen durch die Produktion von Rüstungsgütern stark an.
In den 1920er Jahren produzierte Hanomag neben Lokomotiven auch Ackerschlepper, Lastwagen und den populären Kleinwagen 2/10 PS, im Volksmund Kommissbrot genannt. 1931 verkaufte man die Lokomotivsparte an die Firma Henschel in Kassel.
1934 übernahm der Bochumer Verein die Aktienmehrheit bei der Hanomag. Im gleichen Jahr fanden bereits geheime Verhandlungen statt, mit dem Ziel, die Hanomag zu einem Rüstungsbetrieb umzustrukturieren. In den Folgejahren produzierte Hanomag für die Wehrmacht unter anderem Halbkettenfahrzeuge, Eisenbahn- und Langrohrkanonen sowie Großkalibermunition.
1952 wurde der Bochumer Verein entflochten, die Hanomag vom Rheinmetall-Konzern übernommen. Die LKW-Sparte ging 1970 an Daimler-Benz, 1971 endete auch die Produktion von Landmaschinen und Ackerschleppern, zugunsten einer Konzentration auf Baumaschinen. 1974 erfolgte der Verkauf an den kanadischen Konzern Massey Ferguson. Dieser plante, über die Hanomag im europäischen Baumaschinen-Geschäft Fuß zu fassen. Trotz großer Anstrengungen gelang es Massey Ferguson nicht, die hannoversche Tochter profitabel zu machen. Die Hanomag wurde daher 1980 an den Mainzer Baumaschinenkonzern IBH-Holding abgegeben. Durch das Missmanagement des IBH-Eigentümers Horst-Dieter Esch geriet das hannoversche Unternehmen 1983 in Konkurs.
1984 begann die Hanomag wieder zu produzieren, neu organisiert als mittelständisches Unternehmen. Die Belegschaft umfasste zu dem Zeitpunkt nur 400 Mitarbeiter. Das Werksgelände wurde stark verkleinert, zahlreiche Betriebseinrichtungen verkauft und viele Gebäude in den folgenden Jahren abgerissen. Die Produktion befindet sich seit dieser Zeit auf dem nordwestlichen Teil des Areals. 1989 übernahm der japanische Komatsu-Konzern die Mehrheit an der Hanomag, die zwischenzeitlich wieder in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war.
Nachdem der Großteil des Hanomag-Geländes lange Zeit brach gelegen war, begann 2008 die Neubelebung. Erhaltene Fabrikhallen wurden für Gewerbemieter hergerichtet und Wohnungen entstanden. Private Investoren finanzierten die Arbeiten und kamen dabei ohne öffentliche Förderungen aus. Im Herbst 2014 erhielt das Hanomag-Gelände eine Belobigung des Deutschen Städtebaupreises.
Vor 1945 entstandene Gebäude Werkssiedlung Klein-Rumänien (nicht erhalten) Bethel Henry Strousberg ließ 1869 die Arbeitersiedlung auf dem östlichen Teil des Geländes errichten. Der Name Klein-Rumänien stammt aus dem Volksmund: Strousberg engagierte sich damals in großem Umfang im Eisenbahnbau in Rumänien, im Werk entstanden Lokomotiven dafür, das Scheitern des Rumänien-Projekts stürzte Strousberg zwei Jahre später in den Ruin. Die annähernd quadratische Grundfläche der Siedlung grenzte östlich direkt an die Göttinger Straße. Die Pläne stammten von den Architekten Ferdinand Wallbrecht und Georg Hägemann. Sie entwarfen ein Ensemble von 144 Häusern, das Platz für 228 Familien bot. Daneben sollten pro Haus zwei bis sieben unverheiratete Arbeiter untergebracht werden. Mit einer Kapazität von maximal 2000 Bewohnern war Klein-Rumänien einige Jahre lang die größte geschlossene Arbeitersiedlung in Deutschland. Für die Fabrikleitung war ihr Bau wirtschaftlich geboten, weil in Linden große Wohnungsnot herrschte. Mit etwa 20 m² mehr Wohnfläche als in übrigen Arbeiterquartieren Lindens sollten die Wohnungen helfen, neue Arbeiter anzulocken. Der große Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften konnte nur durch Zustrom von außen gedeckt werden, viele kamen aus dem Harz. Die Häuser Klein-Rumäniens wurden 1937 abgebrochen, auf dem Gelände wurde 1943 die U-Boot-Halle errichtet.
Ehemaliger Standort: Gelände an der Westseite der Göttinger Straße, auf der Höhe zwischen den gegenüber (östlich) in die Göttinger Straße einmündenden Straßen Tonstraße und Strousbergstraße()
Fabrikhalle der Lokomotiv-Dreherei (nicht erhalten)
mini|Als Parkplatz genutztes Areal der ehemaligen Lokomotiv-Dreherei
Die Fabrikhalle der Lokomotiv-Dreherei (Mechanische Werkstatt I) gehörte zum Zeitpunkt des Konkurses zu den ältesten erhaltenen Gebäuden auf dem Hanomag-Gelände. Obwohl die Halle unter Denkmalschutz stand, wurde sie später abgerissen. Das Gebäude bestand aus einem vierteiligen Stahltragwerk und unterschiedlichen Dächern, deren Entwässerung von innen erfolgte. Zur Straße, im Osten beginnend mit Hanomagstraße Nr. 11, erhielt die Lokomotiv-Dreherei eine elfteilige Giebelfront. Zusätzlich aufgewertet wurde die Schauseite mit einem kleinen Turm von polygonalem Grundriss. Die Fassade aus braunroten Verblendziegeln folgte dem Stil der Hannoverschen Architekturschule.
Anfangs arbeiteten in der Dreherei 500 Personen an 381 Arbeitsmaschinen. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zog die Produktion so kräftig an, dass man eine neue Werksanlage auf dem nahegelegenen Tönniesberg plante. Zumindest der Lokomotivbau sollte auf das Gelände südlich des Bahnhofs Fischerhofs ausgelagert werden. Da die Lokomotivproduktion Mitte der 1920er Jahre schwächelte, blieben die Pläne unrealisiert. 1931 verließ die letzte Lokomotive das Werk.
Das Areal der Lokomotiv-Dreherei diente später als Parkplatz für die Mitarbeiter der Firma Komatsu.
Ehemaliger Standort: Hanomagstraße Nr. 11 ()
Direktionsgebäude mini|Repräsentatives Direktionsgebäude mit Schmuckplatz Das Direktionsgebäude an der ehemaligen Hamelner Chaussee veranschaulicht, dass um die Jahrhundertwende der Wunsch nach Selbstdarstellung zunahm. Der Architekt G. Phillips entwarf 1903 ein zweistöckiges Haus auf hohem Kellersockel. Das ausgebaute Mansardendach wurde später verändert. Der Grundriss des Direktionsgebäudes ist weitgehend symmetrisch ausgeführt. Ein zentrales Treppenhaus mit aufsitzender Kuppel und schmückender Laterne bildet das Zentrum des rechteckigen Baukörpers. Zur Straße richten sich alle Räume, die eine repräsentative Funktion erfüllen, darunter das Direktorenzimmer und der Konferenzraum. Die Büros der Angestellten hingegen liegen an der Rückseite. Die nördliche Front als Hauptschauseite wird durch drei leicht vorspringende Risalite strukturiert. Eine offene, dreibogige Säulenhalle betont den breiteren Mittelrisalit, der sich vor der Treppenanlage befindet. Über der Säulenhalle liegt der Konferenzsaal, dem ein „Huldigungsbalkon“ vorgelagert ist. Als Fassadenmaterial kamen Ziegel zweier unterschiedlicher Farben zum Einsatz. Ihre dekorative Anordnung weist auf die Hannoversche Architekturschule hin, hinzu kommen Elemente des Jugendstils. Vor dem Gebäude legten die Planer einen Schmuckplatz an, der die Form eines Dreiecks hat. Die dort eingerichtete Auffahrt zeigte dem Besucher ein mächtiges, prosperierendes Industrieunternehmen. Das Direktionsgebäude zählt zu den aufwendigsten Verwaltungsbauten Hannovers. Der Haupteingang zum Werksgelände befand sich zwischen dem Direktionsgebäude und der angrenzenden Lokomotiv-Dreherei.
Standort: Hanomagstraße Nr. 9 ()
Direktorenvilla
Die Villa steht in direkter Nachbarschaft zum Direktionsgebäude an der Ostseite des Schmuckplatzes. Das erst 1922 verputzte, zweigeschossige Haus entstand 1909 und steht heute unter Denkmalschutz. Nach längerem Leerstand und Verfall war in den 1990er Jahren ein Abriss geplant, der durch eine Hausbesetzung verhindert wurde. Kleopatra Kuhn: Mehr als 100 Jahre alt: Die wechselvolle Geschichte des Hanomag-Direktorenwohnhauses in Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 21. Juni 2026 2013 begannen Sanierungsarbeiten und seit 2015 befinden sich im Gebäude ärztliche Praxen.
Standort: Hanomagstraße Nr. 7 ()
Beamtenwohnhaus mini|Leerstehendes Beamtenwohnhaus während der Sanierung, Herbst 2015 Die Entwürfe des Beamtenwohnhauses stammen von G. Phillips, dem Architekten, der auch das Direktionsgebäude realisierte. Er plante das Haus bereits 1908, kriegsbedingt wurde es aber erst 1922 gebaut. Als Übergangslösung musste stattdessen die Arbeitersiedlung „Klein-Rumänien“ herhalten, die man während der Kriegsjahre noch mal modernisierte. Für das Beamtenwohnhaus sah Phillips ursprünglich eine Fassade aus Verblendziegeln vor, die mit Putz-Elementen gegliedert war. An der Fassade sollten Dekorelemente des Direktionsgebäudes aufgegriffen werden. Beim Bau 1922 kam es zu einer deutlichen Veränderung: Das gesamte Gebäude wurde vollständig verputzt. Es erhielt dezent barockisierende Volutengiebel und wurde moderner gegliedert.