mini|Historisches Plakat zum Fußballspiel in Kiew, 9. August 1942 Als Todesspiel (; ; ) wird die Fußballpartie zwischen der Kiewer Mannschaft „Start“ und der „Flakelf“, einer Mannschaft bestehend aus Mitgliedern der deutschen Flugabwehr, während der deutschen Besatzung am 9. August 1942 in Kiew bezeichnet. „Start“, die überwiegend aus früheren Spielern des Clubs Dynamo Kiew bestehende Betriebsmannschaft der Brotfabrik Nr. 1,In manchen Publikationen fälschlicherweise als Nr. 3 bezeichnet; vor dem Krieg trug sie die Nr. 4, vgl. Wolodymyr Pristajko: Tschi buw „mattsch smerti“? Dokumenty swidtschat. Kyiv 2006, S. 88. siegte mit 5:3 gegen die „Flakelf“. In der Sowjetunion wurde die Version verbreitet, Kiewer Spieler seien nach der Partie von der SS erschossen worden, weil sie die Deutschen mit ihrem Sieg gedemütigt hätten. Diese Version wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 von ukrainischen Zeitzeugen bestritten sowie von Historikern widerlegt.

Historischer Rahmen Die Wehrmacht war wenige Wochen nach dem Angriff auf die Sowjetunion Mitte September 1941 in Kiew einmarschiert. SS-Einsatzgruppen begannen mit der systematischen Jagd auf Juden. Zwischen dem 29. September und dem 12. Oktober wurden in der Talsenke Babyn Jar bei Kiew mehr als 50.000 Juden ermordet.Erhard R. Wiehn (Hrsg.): Babij Jar 1941. Konstanz 2001, S. 56.

Kiew wurde unter ein rigides Besatzungsregime gestellt. Universitäten und Schulen wurden geschlossen, erst 1942 wurde eine vierjährige Volksschule eingeführt. Für die Jugendlichen ab 15 Jahren und die Erwachsenen bis 60 Jahren galt eine Arbeitspflicht. Tausende Einwohner der Stadt wurden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich deportiert. Unter deutschem Kommando stand die ukrainische Polizei, die sich an der Jagd auf „Bolschewiken“ und Juden beteiligte.

Sowjetische Versionen Nach sowjetischer Darstellung, wie sie Bücher, Presseartikel und Filme (s. u.) verbreitet haben, fand in diesem Klima der Angst die später „Todesspiel“ genannte Fußballpartie statt, bei der schwerbewaffnete deutsche Soldaten mit Schäferhunden um das Spielfeld postiert gewesen seien. Demnach hat ein SS-Offizier als Schiedsrichter die Deutschen begünstigt, er habe ihre brutalen Fouls übersehen, ihnen unberechtigte Elfmeter zugesprochen und regulär erzielte Tore des Start-Kicker nicht anerkannt. In der Halbzeitpause habe ein weiterer SS-Offizier den Kiewern mit dem Tod gedroht, falls sie nicht die Deutschen gewinnen ließen. Um der Ehre der Sowjetunion willen habe die Startmannschaft, die bewusst in roten Trikots, der Farbe des Kommunismus, gespielt habe, aber um den Sieg gekämpft und gewonnen. Nach dem Spiel seien die sowjetischen Spieler aus Rache für die Erniedrigung der Deutschen von der SS erschossen worden.

Bis Mitte der 1960er Jahre Von der Ermordung mehrerer früherer Dynamo-Spieler während der deutschen Besatzung berichtete erstmals nach der Rückeroberung Kiews durch die Rote Armee im Spätherbst 1943 der Schriftsteller Lew Kassil in einer Reportage für die Tageszeitung Iswestija, ohne allerdings das Fußballspiel zu erwähnen.Iswestija, 16. November 1943, S. 4. Den Begriff „Todesspiel“ benutzte als Erster 1946 der Dramatiker Alexander Borschtschagowski in einem Drehbuch, das die Kiewer Jugendzeitung „Stalins Stamm“ (Сталинское Племя) in einer zehnteiligen Serie abdruckte. Demnach waren die letzten Worte der Spieler vor ihrer Exekution Lobpreisungen Stalins.Erste Folge in: Stalinskoe Plemja, 24. August 1946, S. 3. 1958 erschien sein Roman „Alarmierende Wolken“ (Тревожные облака), in dem allerdings im Zeichen der beginnenden Entstalinisierung bereits alle Hinweise auf Stalin fehlen.https://feb-web.ru/feb/kle/kle-abc/ke1/ke1-7002.htm Im selben Jahr erschien in einer Auflage von 150.000 Exemplaren ein weiterer Roman über das „Todesspiel“: „Das letzte Duell“ (Последний поединок) von Pjotr Sewerow und Naum Chalemski.

Diese Romane dienten als Vorlage für den 1963 uraufgeführten Schwarz-Weiß-Film „Die dritte Halbzeit“ (Третий тайм) des russischen Regisseurs Jewgeni Karelow. Der Großen Sowjetenzyklopädie zufolge sahen ihn insgesamt 32 Millionen Sowjetbürger im Kino. Außerdem erschienen zahlreiche Presseartikel. Den Darstellungen ist inhaltlich gemeinsam, dass von Überlebenden der Exekution nach dem „Todesspiel“ nicht die Rede ist. Vielmehr verbreiteten sie die Version, die Deutschen hätten die gesamte Mannschaft erschossen. Und doch wurden die Spieler des FK Start lebendig oder postum mit Tapferkeitsmedaillen oder Verdienstorden ausgezeichnet.

Die Startspieler, die überlebt hatten, traten nicht öffentlich in Erscheinung. In den ersten Nachkriegsjahren standen sie wegen des Verdachts der „Kollaboration mit den Hitleristen“ unter besonderer Kontrolle der Geheimpolizei NKWD und wurden wiederholt zu ihrer Rolle während der Besatzungszeit verhört.Georgi Kusmin: Gorjatscheje leto sorok wtorowo, in: , Absatz: Футбол, хлеб насущныйWolodymyr Prystajko: Tschi buw „mattsch smerti“? Dokumenty swidtschat. Kyiv 2006, S. 43–87.

In der Breschnew-Zeit In den sechziger Jahren änderte sich die Darstellung des „Todesspiels“. Die Rede war nur noch von vier ermordeten Start-Spielern. Es handelte sich um den Torwart Nikolai Trussewitsch, der ethnischer Russe war, den Verteidiger Olexij Klimenko und den Stürmer Iwan Kusmenko, die 1936 mit Dynamo sowjetischer Vizemeister geworden waren,Wolodymyr Prystajko: Tschi buw „mattsch smerti“? Dokumenty swidtschat. Kyiv 2006, S. 15. sowie den Läufer Mikola Korotkych, der nie zur Stammelf gehört hatte und 1939 aus dem Club ausgeschieden war.Georgi Kusmin: Gorjatscheje leto sorok wtorowo, in: , Absatz Момент истины.

Im Zuge der Politik der innenpolitischen Stagnation unter Leonid Breschnew wurde die Kriegszeit durch eine Vielzahl von monumentalen Heldendenkmälern und Ordenszeremonien verklärt.Wladlen Putistin, in: Bulwar, 7. August 2002, S. 5. 1965 verlieh der Oberste Sowjet den vier Dynamo-Spielern postum die Medaille „Für Tapferkeit“. Überdies erhielten fünf der überlebenden Spieler die Medaille „Für Verdienste im Kampf“: Wolodymyr Balakin, Makar Gontscharenko, Michajlo Melnik, Wassyl Sucharew und Michajlo Swiridowski.

Der spätere Dissident Anatoli Kusnezow skizzierte in seinem Roman Babij Jar (1966) ebenfalls die sowjetische Version, obwohl er grundsätzlich der von der kommunistischen Partei sanktionierten Geschichtsschreibung sehr kritisch gegenüberstand.

Obwohl ein Major des Kiewer KGB in einem internen Dossier vor einer „Verherrlichung“ der Spieler warnte, weil zu ihnen auch Kollaborateure gehört hätten,Wolodymyr Prystajko: Tschi buw „mattsch smerti“? Dokumenty swidtschat. Kyiv 2006, S. 48–50. wurden 1971 ein Denkmal neben dem Dynamo-Stadion und ein weiteres vor dem alten Zenit-Stadion, in dem das Spiel stattgefunden hatte, errichtet. Letzteres wurde bei der Gelegenheit nach Start benannt.Wetschernij Kyiw, 21. Juni 1971, S. 1.

Widerlegung der Legende Nach der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 konnten Journalisten und Historiker in der souverän gewordenen Ukraine erstmals ohne Kontrolle durch die sowjetische Zensurbehörde Glawlit über die Zeit der Besatzung im Zweiten Weltkrieg publizieren.

Zeitzeugen Der 50. Jahrestag des „Todespiels“ 1992 war der Anlass für Berichte von Zeitzeugen in den ukrainischen Medien:

Der Kiewer Rundfunk sendete ein langes Interview mit dem früheren Dynamo-Spieler Makar Gontscharenko.Auszug aus dem Interview in: Andy Dougan: Dynamo. Triumph and Tragedy in Nazi-occupied Kiev. Guilford 2001, S. 229–233. Darin findet sich die Feststellung: „Niemand von der offiziellen Verwaltung hat uns vor dem Spiel unter Druck gesetzt, damit wir aufgeben.“ Der Sportjournalist Georgi Kusmin veröffentlichte eine Artikelserie mit dem Titel „Die Wahrheit über das Todesspiel“. Er vertrat die Auffassung, die „Legende“ vom Kampf und Tod der Dynamo-Spieler um der Ehre willen sei notwendig gewesen, weil die Bevölkerung Kiews, die die deutsche Besatzung überlebt hatte, sich nach dem Krieg dem Vorwurf ausgesetzt gesehen habe, „sich dem Aggressor nicht mit der Waffe in der Hand widersetzt zu haben“.„Prawda o ‚Mattsche smerti‘“, in: Kiewskie Nowosti, 22. Oktober 1992, S. 8. Der Publizist Oleg Jassinski gab seinem Bericht die Überschrift: „Hat es das Todesspiel überhaupt gegeben?“A byl li „Mattsch smerti“?, in: Wseukrainskie Wedomosti, 12. November 1994, S. 8; Jassinski hatte als Jugendlicher das Spiel gesehen und später in der Dynamo-Jugend gespielt. Wladlen Putistin, Sohn des Mittelfeldspielers Michail Putistin, eines ethnischen Russen, war damals als Achtjähriger einer der Balljungen gewesen. Er befragte später Teilnehmer des Spiels.

Sämtliche Schilderungen liefen der sowjetischen Version zuwider: Weder habe es einen parteiischen Schiedsrichter gegeben, noch habe ein SS-Offizier Todesdrohungen ausgesprochen. Das Spiel sei fair verlaufen. Die Phalanx aus schwerbewaffneten deutschen Soldaten mit Schäferhunden neben dem Spielfeld sei eine Erfindung. Die roten Trikots seien kein Bekenntnis zur Sowjetmacht gewesen, vielmehr hätten die Deutschen sie ihnen zur Verfügung gestellt. Zwar seien insgesamt neun Spieler der Startelf festgenommen worden, aber die ersten von ihnen erst neun Tage nach dem Spiel. Es seien fünf und nicht vier frühere Dynamo-Spieler von der SS ermordet worden, drei davon erst ein halbes Jahr nach dem Sieg von Start über die Flakelf. Sämtliche Zeitzeugen wiesen die Version zurück, die Morde seien aus Rache für die Niederlage der Deutschen in dem Fußballspiel geschehen.Russischsprachige Übersicht über die widerlegten Elemente der sowjetischen Version mit Quellenangaben und zahlreichen Zitaten

Historische Forschung Die erste wissenschaftliche Untersuchung der Akten zum „Todesspiel“ erbrachte dasselbe Ergebnis. Der frühere Generalleutnant des Justizdienstes Wolodymyr Prystajko, der stellvertretender Leiter des ukrainischen Geheimdienstes SBU gewesen war, fasste seine Aktenstudien zur Verhaftung und dem Tod von fünf früheren Dynamo-Spielern in seiner 2006 veröffentlichten, 174 Seiten umfassenden Studie mit dem Satz zusammen: „Ein Zusammenhang zu dem Fußballspiel ist auszuschließen“.Wolodymyr Prystajko: Tschi buw „mattsch smerti“? Dokumenty swidtschat. Kyiv 2006, S. 160. Das Buch enthält einen Teil der NKWD-Verhörprotokolle von Teilnehmern des Spiels aus den Jahren 1944 bis 1948 sowie Auszüge aus späteren KGB-Akten.Insgesamt 35 Dokumente, S. 41–105.

Der Historiker Wolodymyr Hynda aus Schytomyr wies nach, dass Niederlagen deutscher Mannschaften gegen die von der deutschen Zivilverwaltung neu registrierten einheimischen Clubs alltäglich waren. Die von den Besatzungsbehörden kontrollierte ukrainische Presse berichtete regelmäßig darüber. Insgesamt fand Hynda Berichte und Hinweise auf 150 Partien. Bei 111 von ihnen konnte er die Ergebnisse ermitteln: Die Besatzer verloren 60 Spiele, gewannen aber nur 36, 15 Partien gingen unentschieden aus.Wolodymyr Hynda: Ukrainskyj sport pid nazystskoju swastykoju (1941–1944 rr.). Schytomyr 2012; Zusammenfassung

Geschichte der Startmannschaft Aus Publikationen der von den Besatzern herausgegebenen Tageszeitung „Nowe ukrainske Slowo“ (Neues ukrainisches Wort), den Berichten der Zeitzeugen sowie den Geheimdienstakten lässt sich die dreimonatige Geschichte von Start rekonstruieren.

Gründung der Betriebsmannschaft Sämtliche sowjetischen Organisationen und Vereine waren mit dem deutschen Einmarsch für aufgelöst erklärt worden. Ende 1941 ließen die deutschen Besatzungsbehörden ukrainische Sportclubs zu, doch musste es sich um Neugründungen handeln. Im Januar 1942 wurde vom Trainer und Sportjournalisten Michail Schwezow, der in den zwanziger Jahren in der Stadtauswahl gespielt hatte, der Club „Ruch“ (Bewegung) gegründet. Schwezow versuchte, in dem Club, den er als „ukrainisch-patriotisch“ verstand, frühere Spitzenspieler zusammenzuziehen.Wolodymyr Prystajko: Tschi buw „mattsch smerti“? Dokumenty swidtschat. Kyiv 2006, S. 21.