Die Bubenkapelle oder Clusen-Buben-Capelle, später auch Frauen-Capelle war eine Kapelle in der Altstadt von Kreuznach im heutigen Landkreis Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz, die vom 13./14. Jahrhundert bis zum 16. Jahrhundert bestand. An der Kapelle war von 1371 bis 1491 die Cluse angesiedelt, eine Beginen-Klause, deren Schwestern in der Mitte des 15. Jahrhunderts die Augustinusregel angenommen hatten.
Geschichte Kapelle Am Eingang der Mühlengasse (heute: Mühlenstraße) in der Kreuznacher Altstadt befand sich im 13./14. Jahrhundert eine Kapelle, die Antonius von Padua und Katharina von Alexandria geweiht war.„… gewyhet in Ere der heiligen sancti Anthonius, unde sancte Catherine …“.Urkunde von Oculi (29. Februar) 1372, abgedruckt bei Franz Joseph Bodmann: Rheingauische Alterthümer oder Landes- und Regiments-Verfassung des westlichen oder Niederrheingaues im mittlern Zeitalter, Bd. I. Florian Kupferberg, Mainz 1819, S. 900 (); Bodmann ist allerdings nicht immer zuverlässig. Diese Kapelle wurde auch „Buben-Kapelle“ oder „Kapelle St. Catharinen“ genannt. Die ungewöhnliche Bezeichnung der Kapelle dürfte damit zusammenhängen, dass Antonius von Padua der Schutzpatron der Reisenden war, unter denen sich als Handwerksgesellen viele ledige junge Männer („Buben“) befanden. „Bubenkapellen“ gibt es auch auf dem Markbühl in Obernheim (Zollernalbkreis) oder bei Inneralpbach in Tirol.
Im Kreuznacher Bereich sind verschiedene Katharinen-Altäre zu unterscheiden, von denen sich einer in der Bubenkapelle befand: Im Altar- und Pfründenverzeichnis des Landkapitels (Archipresbyterats) Münsterappel im Archidiakonat des Mainzer Dompropstes werden 1401 in Kreuznach ein Altar „der Kapelle genannt ‚Buben‘“„… cappelle dicte Buben“; Ertrag: 2 Gulden. – dabei handelt es sich um den im Verzeichnis sonst nicht erwähnten „Antonius-Altar“ –, ein Altar „der heiligen Katherina in der Pfarrei Kreuznach“„… sancte Katherine in parochia Cruczinach“; Ertrag: 2 Pfund Heller (= 1 Gulden 16 Schilling Heller).Vgl. „St. Antonius und St. Katharina-Altar“ der Bubenkapelle in einem Verzeichnis von 1529.Vgl. Friedrich Back: Die evangelische Kirche im Lande zwischen Rhein, Mosel, Nahe und Glan, Bd. I. Adolph Mareus, Bonn 1872, S. 84f (Google-Books). – ebenfalls an der Bubenkapelle –, ein weiterer Altar „der heiligen Jungfrau Katharina in der Pfarrei Kreuznach“, der sich in der Pfarrkirche befand,„… sancte Katherine virginis in parochia Cruczinach“; Ertrag: 38 Schilling Heller (= 1 Gulden 14 Schilling Heller). sowie ein dritter Altar „der heiligen Jungfrau Katharina im Hof des Ritters Johannes von Planig (Bleynchin)“„… S. Katharine virginis in curia Johannis de Bleynchin militis“; Ertrag: 1 Gulden. genannt.Vgl. Altar- und Pfründenverzeichnis vom 5. April 1401. In: Stephan Alexander Würdtwein: Dioecesis Moguntina in Archidiaconatus distincta, Bd. I. Akademische Druckerei, Mannheim 1769, S. 88–92 (Google-Books). Der Hof des Johannes von Planig im Bereich der heutigen Hochstraße 45 war ein sponheimisches Burglehn.Vgl. Urkunde vom 25. Juni 1357; Österreichisches Staatsarchiv (Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Sonderbestand Familienarchiv Montjoye (Depot), II Urkunden Deutschland-Abteilung, 25. Juni 1357). Graf Simon III. von Sponheim († 1414) vergab „den Hof zu Crutzenachen, der zu zeiten gewesen ist herrn Johanns selig von Bleynchen“,Ritter Johann von Bleniche war 1346–1366 Gemeiner der Burg Layen; Johann Christian von Stramberg, Anton Joseph Weidenbach: Das Nahethal, Bd. I. (Denkwürdiger und nützlicher rheinischer Antiquarius II/16). Rudolph Friedrich Christian Hergt, Koblenz 1869, S. 128 (Google-Books) 1401 an Ulrich II. von Layen († um 1423/25).Regest einer Urkunde vom 10. Juli 1401; Badische Historische Kommission (Hrsg.): Regesten der Markgrafen von Baden und Hachberg 1015-1515, Bd. III. Wagner, Innsbruck 1907, Nr. 5644, S. 76. 1416 wurde Ulrich II. von Layen auch mit der sponheimischen Feste Argenschwang belehnt. Die Patronate über den Katharinen-Altar im Adelshof der Familie, dem sogenannten Leyenschen Hof, und über einen Nikolaus-Altar in Sulze1401 erhielt der „cappellanus in Sülczen“ 12 Schilling Heller. (im heutigen Salinental) wurde noch im 16. Jahrhundert von Peter von Leyen (* um 1487; † 1551)Hofmeister des Herzogs von Pfalz-Simmern, 1539 Amtmann zu Winterburg, begraben in der Katholischen Pfarrkirche Spabrücken; Eberhard J. Nikitsch (Bearb.): Die Inschriften des Landkreises Bad Kreuznach. (Die deutschen Inschriften 34. Mainzer Reihe 3), Ludwig Reichert, Wiesbaden, Nr. 306 (Deutsche Inschriften online). wahrgenommen. Einen weiteren Katharinen-Altar gab es in dem Dorf Planig.„… sancte Katherine in Bleychin“; Ertrag: 12 Schilling Heller.
Beginen-Klause An der ehemaligen Pfarrkirche St. Kilian außerhalb der Stadtmauer in der „Osterburg“ – im ehemaligen Römerkastell an der „Heidenmauer“ –,Vgl. Ernst Schmidt: Ueber die auf dem Terrain des römischen Kastells bei Kreuznach, die Heidenmauer genannt, von October 1858 bis November 1866 stattgefundenen Ausgrabungen. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande 47/48 (1869), S. 66–113 (Google-Books). die 1332 ihre Pfarrrechte an die neue Wörthkirche verloren hatte,Vgl. Gotthelf Huyssen: Die Heidenmauer und das christliche Kreuznach. In: ders.: Zur christlichen Alterthumskunde in ihrem Verhältniß zur heidnischen. Vorträge und Studien. J. H. Maurer / Fr. Wohlleben, Kreuznach 1870, S. 317–356, bes. S. 336 und 345 (Google-Books) bestand im 14. Jahrhundert eine Beginen-Klause mit Bethaus. Im Auftrag von Erzbischof Gerlach von Nassau (reg. 1346–1371) von Mainz hatte der Kreuznacher Pfarrer (bzw. Pleban) Johann genannt Soltzheimer († nach 1372)1350 bis 1372 belegt, vgl. Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 54,033 Herrschaft von Kerpen, Urkunde 127-1; Bestand 33 Reichsgrafschaft Sponheim, Urkunde 15573 u. a.); Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 22 Eberbach, Zisterzienser, Nr. 437). die Ansiedlung bestätigt. An St. Kilian bestand auch ein Hospital, für dessen Kapelle 1310 ein Altar gestiftet wurde, der auch 1401 belegt ist. Es ist jedoch in dieser Epoche sehr unwahrscheinlich, dass Beginen sich der Krankenpflege widmeten.Vgl. Letha Böhringer: Beginen und Schwestern in der Sorge für Kranke, Sterbende und Verstorbene. Eine Problemskizze. In: Arthur Dirmeier (Hrsg.): Organisierte Barmherzigkeit. Armenfürsorge und Hospitalwesen im Mittelalter und Früher Neuzeit. Pustet, Regensburg 2010, S. 127–155 (PDF; 2,03 MB).
1371 ließ Graf Walram von Sponheim (* um 1305; † 1380) die Beginen-Klause an St. Kilian wegen einer Kriegsgefahr („offinner Figentschafft“, „krig und Vygentschafft“) abbrechen. Für die drei Schwestern Grede, Katharine und Grete ließ er „by der Capellen sancte Katherine“ eine neue Klause mit einem neuen Bethaus errichten, die innerhalb der Stadtmauer mehr Schutz versprachen. Die Zahl der Beginen sollte künftig auf zwei Schwestern beschränkt werden.Urkunde vom 6. Dezember 1371 aus dem Archiv von St. Agnes in Mainz; Stadtarchiv Mainz (U / 1371 Dezember 6); Text auszugsweise wiedergegeben in: Franz Joseph Bodmann: Rheingauische Alterthümer, Bd. I. Florian Kupferberg, Mainz 1819, S. 240 f. (); dort: „Walther von Sponheim“. Graf Walram bat den Mainzer Erzbischof Johann von Luxemburg-Ligny um die Bestätigung der Fundation.Urkunde vom 6. Dezember 1371; Hessisches Staatsarchiv Marburg (Bestand Urk. 95 Bodmann-Habel, Nr. 642).
Die Rheingrafen Johann II. vom Stein, Wildgraf zu Dhaun († 1383),Grabmal in St. Johannisberg. und Hartrad vom Stein († 1372/75) als Vertreter der Stifterfamilie („fundatores“) der alten PfarrkircheDas Kirchenpatronat über die Kreuznacher Pfarrkirche St. Kilian wurde um 1200 von den Grafen von Veldenz an die Rheingrafen übertragen; vgl. Wilhelm Schneegans: Geschichtliche Bilder und Sagen aus dem Nahethal. Schmithals, Kreuznach 1878, S. 29. und ihr Bruder, der Kreuznacher „Parnher“ (Inhaber der Pfarr-Pfründe) Rheingraf Konrad vom Stein († 1395), genehmigten 1372 die Ansiedlung der Beginen in der Stadt „an der Capellen gnant Buben Capellen“. Bei der Verlegung der Klause in die Stadt wurde wohl auch der Antonius-Altar, der sich ursprünglich außerhalb der Stadt bei St. Kilian befunden haben dürfte, mit dem Katharinen-Altar verbunden.
1431 amtierte Nicolaus Henrici genannt Schibichin (Schipghen) aus Kreuznach am St. Katharinen-Altar der Kreuznacher St. Katherinen-Kapelle.„alt. s. Catherine in capel. s. Catherine in op. Cruczennach“.Regest vom 18. April 1431; Repertorium Germanicum, Bd. V, 07067; 1410 immatrikuliert in Heidelberg, 1414 Baccalaureat. Der spätere Kreuznacher Familienname Nonnengässer könnte mit dem Standort dieses einzigen überlieferten Frauenklosters innerhalb der Stadt zusammenhängen.
Im Zusammenhang der Inkorporation des Augustiner-Chorfrauenstiftes St. Peter bei Kreuznach in das Augustiner-Chorherrenstift Pfaffen-Schwabenheim im Mai 1437 scheint auch die Beginen-Klause an der Bubenkapelle in dessen Besitz gekommen zu sein. 1443 bestellten die sechs Meister und die Zunftgesellen der Wollweberzunft zu Kreuznach auf Bitten des Priesters Konrad von Schwabenheim in der Bubenkapelle drei wöchentliche Messen.Urkunde vom 25. Juli 1443; Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 54K Familien, 71 Familie von Koppenstein, Urkunde 499, vgl. 498). Propst Johann bestätigte 1446 für das Kloster Pfaffen-Schwabenheim den Empfang von 100 Rheinischen Gulden Mainzer Währung, mit denen eine ewige Samstags-Messe in der Bubenkapelle durch Priester des Klosters gesichert werden sollte. Diese Stiftung zweier Kreuznacher Bürger wurde zu 5 % verzinst, und das Stift Pfaffen-Schwabenheim stellte Güter unter anderem in Siefersheim als Pfand.Urkunde des Propstes Johann [von Dill, auch: von Sponheim] von Pfaffen-Schwabenheim vom 25. Juli 1446 mit rückseitiger Notiz vom 9. Mai 1571; Het Utrechts Archief (Collectie Rijsenburg, Stukken betreffende de geschiedenis van de Rooms-Katholieke Kerk in Nederland, 628 und 1096.5) = Bernard Leonard Snelting: Reguliere kannuniken der Ordre van den H. Augustinus van het kapittel Windesheim. In: Archief voor de geschiedenis van het aartsbisdom Utrecht 27 (1901), bes. S. 211–215.
Hans Lauwer (Loër)Berufsname des Lohgerbers. von Eltville („Eltuil“), Bürger von Kreuznach, und seine Frau Elßgin nahmen 1454 bei der Bubenkapelle ein Darlehen über 100 Rheinische Gulden auf, das sie mit 5 % verzinsen wollten, und setzten dafür ihr Haus an der Klappergasse als Pfand.Urkunde vom 4. Januar 1454; Landesarchiv Speyer (Bestand F 7 Gatterer-Apparat, Urkunde 1539).
Regulierte Augustinerinnen Noch 1446 wurden die Nonnen von Propst Johann als „Beckynen in der Clusen an Buben-capelle“ bezeichnet. 1453 verlieh Papst Nikolaus V. allen noch bestehenden Beginen-Konventen die Rechte der Tertiarier. Pius II. gestattete 1458 das Befolgen der Augustinusregel,Werner Grootaers: Oorsprong en spiritualiteit van de Zwartzusters in België. In: Ons Geetelijk erf 67 (1993), S. 147–161, bes. S. 156f. die auch die Kreuznacher Beginen annahmen. Die Kleriker Herpo Syege und Johannes Sclape (Schlapp)Aus Kreuznach, 1442 immatrikuliert in Heidelberg. prozessierten 1458 um die Pfründe der Bubenkapelle.Eintrag vom 7. Februar 1458: Pfründe der „capel[la] d[icta] (= genannt) Bubencappel e[xtra] m[uros] op[pidi] (= außerhalb der Stadt) Cruczenach“; Repertorium Germanicum, Bd. VII, 01105.