Abū Muhammad ʿĀsim ibn Muhammad al-Maqdisī (, eigentlich ʿIsām al-Barqāwī ; geboren 1959 in dem Dorf Barqā bei Nablus) ist ein palästinensisch-jordanischer Ideologe des dschihadistischen Salafismus. 1989 erklärte er Saudi-Arabien zu einem „ungläubigen Staat“. Ab 1992 arbeitete er mit Abū Musʿab az-Zarqāwī, dem späteren Führer der Organisation al-Qaida im Irak zusammen, und baute mit ihm eine dschihadistische Organisation auf, die sich at-Tauhīd wa-l-Dschihād nannte. Im Jahre 2004 distanzierte er sich allerdings öffentlich von ihm, als az-Zarqāwī anfing, im Irak gewaltsam gegen Schiiten vorzugehen. Auch gegenüber der Organisation Islamischer Staat (IS), deren Anfänge auf az-Zarqāwī zurückgehen, äußerte er sich mehrfach kritisch. Seit Anfang 2014 fordert al-Maqdisī die Dschihad-Kämpfer weltweit zur Loyalität gegenüber al-Qaida-Führer Aiman az-Zawahiri auf.
Das Combating Terrorism Center in West Point (New York) beschrieb al-Maqdisī in einer Studie von 2006 als den muslimischen Gelehrten mit dem größten Einfluss innerhalb des militant-islamistischen Feldes weltweit.Vgl. Wagemakers: A quietist Jihadi. 2012. S. 1. Seit seiner ersten Verhaftung im Jahre 1994 verbrachte al-Maqdisī die meiste Zeit in jordanischen Gefängnissen. Im Oktober 2014 war er in Bemühungen um die Freilassung der amerikanischen Geisel Peter Kassig eingebunden, wurde dann jedoch wegen Verbreitung dschihadistischer Propaganda im Internet erneut verhaftet. Seit dem 5. Februar 2015 ist er wieder frei. Es wird vermutet, dass seine Freilassung, die unmittelbar nach der Ermordung des jordanischen Piloten Muʿādh al-Kasāsba durch die IS-Miliz erfolgte, darauf abzielte, al-Maqdisī zu neuen IS-kritischen Äußerungen zu ermutigen.Vgl. . The Guardian 5. Februar 2015
Name und Herkunft Die Nisba al-Barqāwī in al-Maqdisīs ursprünglichem Namen bezieht sich auf das Dorf al-Barqā in der West Bank, in dem er geboren wurde. Seinen Vornamen änderte er später in ʿĀsim ab, weil ʿIsām auch ein weiblicher Vorname ist und er sich mit ʿĀsim an dem Vorbild verschiedener Prophetengefährten, die so hießen, orientieren wollte. Auch die Nisba al-Maqdisī, die auf Jerusalem verweist, hat er erst später angenommen.Vgl. Wagemakers: A quietist Jihadi. 2012. S. 29f.
Al-Maqdisī hat außerdem immer wieder hervorgehoben, dass er den sogenannten Hāfī, einem Zweig des zentralarabischen Stamm der ʿUtaiba angehört. Hieraus erklärt sich, dass er auch die Nisba al-ʿUtaibī für sich verwendet.Vgl. Kazimi: A Virulent Ideology. 2005. Die ʿUtaiba waren ein wichtiges Element in der militanten wahhabitischen Ichwān-Bewegung, die ihren Höhepunkt zwischen 1912 und 1930 erlebte.Vgl. H.Kindermann u. C.E. Bosworth: ʿUtayba in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. X, S. 942b-944b, hier 944b.
Frühe Jahre in Kuwait und Mossul Als Abū Muhammad al-Maqdisī drei oder vier Jahre alt war, zog er mit seinen Eltern nach Kuwait, wo er seine Schulausbildung erhielt. Gegen Ende seines Besuchs der Sekundarschule schloss er sich einer islamistischen Gruppe an, die als Dschamāʿat Ahl al-Hadīth („Gemeinschaft der Leute des Hadīth“) bekannt war und von Dschuhaimān al-ʿUtaibī inspiriert war, der 1979 die Große Moschee von Mekka besetzt hatte.Lav: Radical Islam. 2012, S. V. In den frühen 1980er Jahren kam al-Maqdisī in Kontakt mit dem kuwaitischen Zweig von al-Dschamāʿa as-Salafīya al-Muhtasiba („Die salafitische, Hisba betreibende Gemeinschaft“), die früher von al-ʿUtaibī angeführt worden war und eine strikte Befolgung der Scharia forderte.Vgl. Wagemakers: A Purist Jihadi-Salafi. 2009, S. 285.
Auf Wunsch seines Vaters nahm er ein Studium der Naturwissenschaften an der Universität Mossul auf.Vgl. die . Wie er später in einem Essay beschrieb, fühlte er sich dort aber wegen des koedukativen Lehrsystems, das er als unislamisch verabscheute, sehr unwohl.Vgl. Lav: Radical Islam. 2012, S. 131.
Saudi-Arabien, „Millat Ibrāhīm“ Nach drei Jahren brach al-Maqdisī sein Studium in Mossul ab und begab sich nach Saudi-Arabien, um an der Islamischen Universität Medina Scharia-Wissenschaften zu studieren. Während seines Studiums in Medina in den frühen 1980er Jahren beschäftigte er sich viel mit der Frage des Takfīr und wurde zu einem heftigen Kritiker arabischer Regime. Außerdem arbeitete er an seinem ersten größeren Buch „Die Gemeinschaft Abrahams und die Daʿwa der Propheten und Gesandten“ (Millat Ibrāhīm wa-daʿwat al-anbiyāʾ wa-l-mursalīn), das er 1984 veröffentlichte. Das Buch, in dem er Ideen von al-ʿUtaibī weiterentwickelte, betont die Notwendigkeit, dass Muslime in ihrem Leben das Prinzip des al-Walā' wa-l-barā' („Loyalität und Lossagung“) anwenden, das nach seiner Auffassung bedeutet, dass Muslime in jeder erdenklichen Hinsicht Gott gegenüber loyal und treu sein müssen, während sie sich umgekehrt von allen Formen des Schirk und seinen Anhängern lossagen.Vgl. Wagemakers: Abu Muhammad al-Maqdisi. 2008. Al-Maqdisī stützte seine diesbezügliche Lehre insbesondere auf das Koranwort in Sure 60:4, in dem es heißt: „Ein schönes Vorbild habt ihr an Abraham und an denen, die mit ihm waren. Damals als sie sagten: ‚Wir sind nicht verantwortlich für euch und nicht für das, was ihr noch außer Gott verehrt. Wir wollen nichts von euch wissen. Offenkundig wurden Feindschaft und Hass zwischen uns und euch für immer, bis ihr einzig und allein an Gott glaubt‘“ (Übers. H. Bobzin). Auf politischer Ebene leitete al-Maqdisī aus diesem Prinzip ab, dass sich die Muslime von den Herrschern ihrer Länder lossagen und diese stürzen müssten.Vgl. dazu Wagemakers: Defining the Enemy. 2008, S. 370.
Pakistan und Afghanistan, Takfīr gegen Saudi-Arabien Von Saudi-Arabien aus begab sich al-Maqdisī Mitte der 1980er Jahre nach Pakistan und Afghanistan, wo zu jener Zeit Afghanen und andere muslimische Freiwillige Krieg gegen die Sowjetunion führten. Al-Maqdisī beteiligte sich zwar nicht selbst an den Kämpfen, nutzte aber die Zeit, um unter den dortigen arabischen Dschihad-Kämpfern sein Buch Millat Ibrāhīm und seine Lehren zu verbreiten. Zwischendurch reiste er immer wieder nach Kuwait und Saudi-Arabien zurück, wo er neue Bücher schrieb. So verfasste er 1987/88 in Kuwait ein Buch, in dem er sich mit dem Korankommentar Fī ẓilāl al-qurʾān von Sayyid Qutb auseinandersetzte, der von saudischen Gelehrten wie ʿAbdallāh ad-Duwaisch als fehlerhaft kritisiert worden war.Vgl. Lav: Radical Islam. 2012, S. 132.
Während eines sechsmonatigen Aufenthaltes in Afghanistan 1989 bemühte al-Maqdisī das Prinzip al-Walā' wa-l-barā' , um zu zeigen, dass auch die saudische Führung als ungläubig zu betrachten sei, und verwies dazu auf zahlreiche in Saudi-Arabien gültige Erlasse, die nicht auf die Scharia gegründet sind, sowie auf Briefe des früheren Muftis des Königreichs, Muhammad ibn Ibrahim. Das Buch, in dem er diese Gedanken vortrug, hatte den Titel „Die klaren Aufdeckungen über den Unglauben des saudischen Staates“ (Al-Kawāšif al-ǧalīya fī kufr ad-daula al-Suʿūdīya), und wurde selbst von Osama bin Laden als zu radikal betrachtet, um es in den Kreisen von al-Qaida zu verwenden.
Anfang der 1990er Jahre reiste al-Maqdisī erneut nach Pakistan. Dort traf er in Peschawar im Haus des dschihadistischen Ideologen Abū l-Walīd al-Ansārī zum ersten Mal mit Abū Musʿab az-Zarqāwī zusammen.Vgl. Wagemakers: A quietist Jihadi. 2012, S. 40. Eine Polemik, die er 1991/92 veröffentlichte, richtete sich gegen solche Gelehrte, die das Prinzip al-Walā' wa-l-barā' nicht anwandten und die er deswegen als die „Murdschi'a der Gegenwart“ (Murǧiʾat al-ʿaṣr) betrachtete.Vgl. Lav: Radical Islam. 2012, S. 135.
Jordanien: Kritik am politischen System Da al-Maqdisī nach dem Zweiten Golfkrieg nicht mehr nach Saudi-Arabien und Kuwait zurückkehren konnte, verlegte er 1992 seinen Hauptwohnsitz nach Jordanien.Vgl. Wagemakers: Reclaiming Scholarly Authority. 2011, S. 525. Hier gründete er 1993 mit az-Zarqāwī die Organisation at-Tauhīd wa-l-Dschihād („Einheitsbekenntnis und Dschihad“) und wurde in den folgenden Jahren zum wichtigsten geistlichen Führer der radikal-islamistischen Gemeinde. Während az-Zarqāwī ihm dabei half, seine Schriften in Jordanien zu verbreiten, zog ein anderer dschihadistischer Ideologe palästinensischer Herkunft, Abū Qatāda al-Filastīnī, 1993 nach Großbritannien und popularisierte dort al-Maqdisīs Schriften.Vgl. Wagemakers: A quietist Jihadi. 2012, S. 202.
Vor den jordanischen Parlamentswahlen von 1993 veröffentlichte al-Maqdisī ein Buch mit dem Titel „Demokratie ist eine Religion“ (ad-Dīmuqrāṭīya dīn). Darin vertrat er die These, dass Demokratie und Monotheismus unvereinbar seien und Demokratie insofern Unglaube gleichkämeVgl. Lahoud: In Search of Philosopher‐Jihadis. 2009, S. 206. und die Gläubigen zur Fitna verführe.al-Maqdisī: ad-Dīmuqrāṭīya Dīn. 1993, S. 3. Aufgrund der Natur einer Demokratie – die Herrschaft des Volkes (ḥukm aš-šaʿb) – könne sich die Mehrheit stets auf das einigen, was sie derzeit für richtig halte. Al-Maqdisī sieht jedoch den Sinn der Herabsendung des Korans darin, den Menschen ein System zu lehren, in dem alles auf die Anbetung Gottes ausgerichtet ist. In einer Demokratie könnten so die Feinde des Islams herrschen und Gott als rechtmäßigen Herrscher ersetzen. So würden Gottes Gesetze durch eine Verfassung verdrängt. Der Säkularismus mache die Demokratie also zu einem schlechten System, welches nicht mehr durch Gottes Gesetze (Scharia) regiert werde. Sobald dies der Fall sei, regiere eine andere Religion die Menschen.al-Maqdisī: ad-Dīmuqrāṭīya Dīn. 1993, S. 11–13.
In einer Schrift von 1996 setzte er sich mit der jordanischen Verfassung auseinander und versuchte zu zeigen, dass sie nicht mit dem Islam vereinbar sei, weil sie anstelle der Scharia positives Recht zugrunde lege und darüber hinaus Dinge wie Pressefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und Redefreiheit vorsehe, die im Widerspruch zum Islam ständen.Vgl. Wagemakers: The Transformation of a Radical Concept. 2009, S. 93. Die Schrift wurde später von az-Zarqāwī und al-Qaida benutzt, um die ersten irakischen Wahlen im Januar 2005 zu diskreditieren.
Gefängnisjahre, Auseinandersetzungen über den Takfīr Nach dem Massaker an muslimischen Betenden in der Abrahamsmoschee in Hebron im Februar 1994 durch Baruch Goldstein veröffentlichte al-Maqdisī ein Fatwa, in dem er Selbstmordattentate in Israel guthieß.Vgl. Lahoud: In Search of Philosopher‐Jihadis. 2009, S. 206, 209. Daraufhin wurden er und mehrere seiner Anhänger im März/April 1994 verhaftet und zu einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilt. Die jordanischen Behörden verwendeten in dieser Zeit für seine Gruppe die Bezeichnung Baiʿat al-Imām („Treueid für den Imam“). Al-Maqdisī streitet allerdings ab, dass seine Organisation jemals so hieß.
Während seine Anhänger zunächst in verschiedenen Gefängnissen untergebracht waren, wurden sie im April 1995 im Suwāqa-Gefängnis zusammengeführt. Während des Gefängnisaufenthalts rivalisierten al-Maqdisī und az-Zarqāwī um die ideologische Führungsrolle innerhalb der Gemeinschaft, wodurch ihr Verhältnis sehr spannungsgeladen war.Vgl. Wagemakers: A quietist Jihadi. 2012, S. 44.
Eines der wichtigsten Themen während der Jahre im Gefängnis war die Frage des Takfīr, bei der sich al-Maqdisī immer wieder zu Klarstellungen veranlasst sah.Vgl. Wagemakers: A quietist Jihadi. 2012, S. 49. Schon 1992/1993 hatte er dazu einen Brief an „einige Brüder“ geschrieben, die er vor Fehlinterpretationen seiner Lehre warnte. In dem Brief machte er deutlich, dass er keinesfalls die muslimischen Gesellschaften insgesamt als „ungläubig“ betrachtete, sondern nur die Herrschenden, die nicht die Scharia anwandten. Deshalb dürfe man auch allgemein gegen andere Muslime keinen Dschihad führen. Al-Maqdisī’s Sorge, dass er falsch verstanden werden könnte, hatte damit zu tun, dass in dieser Zeit dschihadistische Gruppen in Ägypten und Algerien ganze Gesellschaften für ungläubig erklärten und sich dementsprechend berechtigt ansahen, die Bevölkerung zu massakrieren.Vgl. Wagemakers: Reclaiming Scholarly Authority. 2011, S. 527.