Das Kunene-Projekt (, ) bezeichnet ein Abkommen für komplexe Investitionsvorhaben, ursprünglich 1969 zwischen Südafrika (im Namen von Südwestafrika) und Portugal geschlossen, zur gemeinsamen wasser- und energiewirtschaftlichen Nutzung des Kunene im Süden Angolas. Der überwiegende Teil der technischen Anlagen dieses Projekts entstand mit südafrikanischem Kapital auf dem Territorium der angolanischen Provinz Cunene.
Vorgeschichte mini|Verlauf des Kunene (blau in Angola, schwarz als Grenzfluss zwischen Angola und Namibia) mini|Die Ruacana-Wasserfälle nahe dem Wasserkraftwerk Erwägungen, den Wasserreichtum des Kunene als Basis für ein Bewässerungssystem im Gebiet des nördlichen Namibias zu nutzen, sind erstmals von dem Geologen Ernest H. L. Schwarz an der Rhodes-Universität in Grahamstown vorgetragen worden. Er schlug 1919 vor, mittels eines Dammbauwerks am Kunene dessen Wasser in die Ebenen des Ovambolandes umzuleiten und auf diese Weise eine Bewässerung der Etosha-Pfanne zu erreichen. Seinen Vorschlag galt damals als nicht realisierbar und zu teuer. Trotzdem untersuchte 1927 eine gemeinsame Technische Kommission der Südafrikanischen Union und Portugals erneut diese Vision. Deren Arbeiten beruhten auf einer bilateralen Vereinbarung vom 1. Juli 1926 zur Nutzung des Kunenewassers.Agreement between the Government of the Union of South Africa and the Government of the Republic of Portugal regulating the use of the water of the Kunene River for the purposes of generating power and inundation and irrigation in the mandated territory of South West Africa, of 1 July 1926.Richard Meissner: The Transnational Role and Involvement of Interest Groups in Water Politics: A Comparative Analysis of Selected Southern African Case Studies. Dissertation, University of Pretoria 2004 PDF-Dokument S. 12–19, auf www.upetd.up.ac.za (englisch)
Überlegungen zur Wassergewinnung am Kunene für die Bewässerung im damaligen Ovamboland wurden von Vertretern beider Staaten in einer Konferenz am 13. und 23. Juli 1927 in Olushandja diskutiert aber schließlich als zu schwierig eingeschätzt. Ende der 1920er Jahre brachte der Industrielle Ernest Oppenheimer diese Ideen wieder in die Öffentlichkeit, indem er den Bau eines Damms am Kunene zur Wasserversorgung der Bergbauindustrie in Südwestafrika durch eine seiner Firmen für möglich hielt, von einer Realisierung jedoch Abstand nahm.
Ab 1954 bis in die 1960er Jahre baute man im Ovamboland unter der Regie der Wasserbehörde der S.W.A.-Administration zahlreiche Dämme und Kanäle für die Bewässerung der sehr niederschlagsarmen Region. Darunter befanden sich auch ausgedehnte Kanalführungen, wie der etwa 100 Kilometer lange Etaka-Kanal von Eunda, an der angolanischen Grenze, über Tsandi nach Ongandjera. Pumpen förderten das Wasser aus einer Vielzahl von Bohrlöchern. Die Ausdehnung des Kanals bis zur Landesgrenze war in Hinsicht auf eine spätere Wasserzuleitung aus dem Kunene vorgenommen worden. Dafür war eine Pumpenstation am Südufer des Kunene unweit der Ortschaft Calueque vorgesehen, die Flusswasser über einen Höhenunterschied von 22 Metern durch eine 2500 Meter lange Pipeline in einen sich anschließenden Kanal. Die Energie für die Pumpstation sollte bis zum Bau des geplanten Kraftwerks über eine Interimsanlage zur Stromerzeugung an den Ruacana-Wasserfällen gewonnen werden. Das Projekt wurde Calueque Pumping Scheme (deutsch etwa: Calueque-Pumpensystem) genannt. Der projektierte Kanal hatte eine Länge von 12 Kilometern und seine Linienführung sollte die Grenze zu Südwestafrika bei der Siedlung Mahanene erreichen.South West Africa Administration. Water Affairs Branch: . 1968. PDF-Dokument S. 42–45, 64. auf www.iwrm-namibia.info.na (englisch)
mini|Soziologisch motivierte Aufteilung von Südwestafrika nach Vorschlägen der Odendaal Commission Bis zu Beginn der 1960er Jahre verblieb die Energiesituation auf dem bisherigen Stand. Die Stromversorgung in Südwestafrika war weitgehend dezentralisiert und wenig leistungsfähig. Als im Jahre 1962 die südafrikanische Regierung die Odendaal Commission (analog zur Tomlinson-Kommission) zur Untersuchung des „sozio-ökonomischen“ Potenziale in Südwestafrika beauftragte, erlangten die früheren Überlegungen zur Wasserkraft wieder Aktualität. Der 1964 erschienene Abschlussbericht der Kommission regte die Energiegewinnung und die Wasserversorgung von Ovamboland mit Hilfe des Kunene erneut an und benannte einen möglichen Standort zur Elektroenergieerzeugung bei Ruacana. Als konkrete Maßnahme daraus gründete man unter Führung der südafrikanischen Industrial Development Corporation die South West Africa Water and Electricity Corporation (SWAWEKNamPower: Company Profile. auf www.nampower.com.na (englisch), Vorgängerinstitution der Namibia Water Corporation). Ihre Aufgabe war die Entwicklung des Wasserkraftwerks von Ruacana und die Schaffung eines Elektroenergieübertragungsnetzes bis nach Windhoek.
1964 formulierten die Regierungen Portugals und Südafrika ihr gemeinsames Grundsatzinteresse an der Nutzung des Kunene-Flusses.Agreement between the Government of the Republic of South Africa, and the Government of the Republic of Portugal in regard to rivers of mutual interest and the Cunene River scheme, of 13 October 1964
Südafrika unternahm zu Beginn der 1960er Jahre unabhängig von den Planungen der portugiesischen Kolonialverwaltung in Angola Studien zur Nutzung des Kunene an der Nordgrenze des von ihm besetzten Südwestafrikas. Portugal ersuchte dagegen in Südafrika um Unterstützung für seine kolonialpolitischen Ziele zu Gunsten der agrar- und energiewirtschaftlichen Potenziale im Einzugsgebiet des Kunene. Dabei hatte Portugal ein Aufforstungsprogramm mit nachfolgender Waldwirtschaft durch die Zellstoffindustrie im Blick. Beide Staaten unterzeichneten 1967 und 1968 Vorverträge bezüglich einer solchen Zusammenarbeit. Das im Januar 1969 geschlossene und umfassende Abkommen sah die Errichtung des Gove-Staudamms als zentrales Vorhaben der vereinbarten Entwicklung vor. Dieser sollte ein Ausmaß von 70 Kilometern Länge und 30 Kilometer maximaler Breite erreichen. Damit war die Regulierung des nachfolgenden Kunenelaufs auf einer Länge von 700 Kilometern beabsichtigt, worauf sich die Basis für 28 geplante Wasserkraftwerke gründen sollte. Die erste und tatsächlich umgesetzte Projektphase umfasste den Calueque-Damm mit dem Kavernenkraftwerk Ruacana.Stephen L. Weigert: Angola: a modern military history, 1961-2002. Basingstoke 2011, S. 45–46 ISBN 978-0-230-33783-1
In Bezug auf die agrarwirtschaftlichen Impulse durch ein hierbei zu schaffendes Bewässerungsgebiet erwarteten die Portugiesen auf angolanischer Seite die Entstehung von 150.000 Hektar Farmland, 350.000 Hektar Weideland und prognostizierte in der optimistischen Variante die Ansiedlung von 500.000 portugiesischen Siedlern. Auf dem Gebiet von Südwestafrika war mittels eines Kanalsystems die Bewässerung von 5,6 Millionen Hektar im Siedlungsbereich der Ovambo mit deren 270.000 Einwohner umfassenden Bevölkerung geplant.
In der Sitzung des südafrikanischen Parlaments vom 24. April 1968 berichtete der stellvertretende Minister for South-West African Affairs über den Stand der Vertragsverhandlungen zwischen Portugal und Südafrika bezüglich des Cunene Project. Dabei informierte er über das angolanische Vorhaben eines Staudammbaus und Wasserkraftwerks bei Matala für die Energieversorgung im Nachbarland, ferner über einen zu bauenden Staudamm bei Colueq, etwa 7 bis 8 Meilen von der Ovamboland-Grenze entfernt, zur Wasserversorgung in Südwestafrika sowie über einen vorgesehenen Ableitungsdamm für ein Wasserkraftwerk auf dem Territorium Südwestafrikas in der Nähe der Ruacana-Wasserfälle.SAIRR: A Survey of Race Relations in South Africa 1968, 1969, S. 311–312
Ziele und Entwicklung des Projekts unter wachsendem südafrikanischen Einfluss Südafrikas Detente-Politik in Bezug auf Angola Das Cunene Project begann schließlich am 21. Januar 1969 mit einer finalen Vertragsunterzeichnung zwischen dem südafrikanischen Botschafter in Portugal, A. J. Viljoen, der Regierung von Portugal und dem Präsidenten der IDC, Sieg Kuschke. Seitens der südafrikanischen Vertragsseite wurde die behördliche Leitung der SWAWEK (South West African Water and Electricy Commission) in diesem Projekt übertragen.Wellington Winter Nyangoni: Africa in the United Nations System. Fairleigh Dickinson Univ. Press 1985, S. 100. ISBN 0-8386-3118-5 (englisch)SAIRR: Survey 1976, 1977, S. 411 Der Vertragsabschluss erfolgte im Januar 1969 und im August kam es zu den ersten Auftragsvergaben für den Staudammbau und die Errichtung von Pumpstationen.SAIRR: Survey 1969, 1970, S. 266
Das Ziel dieser Vereinbarung bestand in der bilateral abgestimmten Errichtung von Anlagen zur Wassergewinnung und Elektrizitätserzeugung zu Gunsten von Angola und Südafrikas bzw. des von ihm besetzten Südwestafrika (heute Namibia). Diese Investitionspläne sollten die interregionale Vernetzung und Kooperation stärken und die politische Vorherrschaft Südafrikas in der Region des südlichen Afrikas vorantreiben.Ronald Meinardus: Die Afrikapolitik der Republik Südafrika. Bonn 1981, S. 407 Im Zuge ihrer Umsetzung baute Südafrika mit seiner staatlichen und hierbei koordinierend eingesetzten Industrial Development Corporation unter Verwendung von Mitteln internationaler Finanzgeber die Dammanlagen auf angolanischem Territorium und ein unterirdisches Wasserkraftwerk auf südwestafrikanischer Seite nahe den Wasserfällen von Ruacana.Meinardus: Afrikapolitik, S. 260–261
Das bilaterale Abkommen von 1969 sah im Punkt 1.2 folgende Ziele als Kernaufgaben des Vertrags vor: die Regulierung der Wasserdurchflussmenge des Kunene; die Verbesserung der Stromerzeugung aus Wasserkraft in Matala; der Beginn einer Bewässerung und die Wasserversorgung der Bevölkerung und für agrarwirtschaftliche Zwecke am Mittellauf des Kunene; die Bereitstellung von Wasser für die Bevölkerung und für agrarwirtschaftliche Zwecke in Südwestafrika und für die erstmalige Bewässerung in Ovamboland; die Erzeugung von Strom aus Wasserkraft bei Ruacana.
Das Cunene Project in den Beziehungen zwischen Südafrika und Portugal Auf der Grundlage der Vereinbarung beider Staaten konnte Südafrika 10 Prozent des Wassers aus dem Kunene für eigene Zwecke kostenfrei auf das von ihm beherrschte Gebiet ableiten. Eine Pipeline und 260 Kilometer umfassende Kanalführungen wurden gebaut, um für die „Vier O-Regionen“ Wasser bereitzustellen. Für den Betrieb des Wasserkraftwerks Ruacana vereinbarte man als Lizenzleistung eine jährliche Zahlung von 400.000 Rand an die portugiesischen Behörden. Das Kraftwerk sollte seine Wasserzufuhr über ein Wehr auf angolanischer Seite erhalten. Die Inbetriebnahme des Kraftwerks war für April 1978 vorgesehen, wonach es 320 MW Leistung in das Stromnetz von Südwestafrika einspeisen sollte. Zudem sollten ab 1976 Arbeitsplätze für 2000 Schwarze aus Angola und 700 Weiße bereitstehen. Im Februar 1976 erläuterte der südafrikanische Wirtschaftsminister den Projektumfang in der Nationalversammlung. Er nannte dabei die bisher ermittelten Projektkosten von 127,432 Millionen Rand. Es kämen weitere 3,266 Millionen Rand für den Bau von Wasserverbundsystemen hinzu. Südafrika drängte auf eine schnelle Inbetriebnahme der Wasserlieferung für die Ovambo-Region. Diese begannen im August 1973 mit dem Auffüllen der Kanäle durch das Pumpensystem.Martin Schümer: Die Wirtschaft Angolas 1973–1976. Ansätze einer Entwicklungsstrategie der MPLA-Regierung. Arbeiten aus dem Institut für Afrika-Kunde 12, Hamburg 1977. S. 311