Safar ibn ʿAbd ar-Rahmān al-Hawālī (; geb. 1950) ist ein saudischer Islam-Gelehrter und Prediger, der zur sogenannten Sahwa-Gruppe gehört. Er kritisierte in den 1990er Jahren die politische Kooperation Saudi-Arabiens mit den Vereinigten Staaten von Amerika und setzte sich in seinen Schriften intensiv mit den apokalyptischen Prophetien des amerikanischen Dispensationalismus und christlichen Zionismus auseinander. Nach der amerikanischen Invasion des Irak im Frühjahr 2003 bemühte er sich darum, Muslime zum Widerstand gegen die Besatzungsmacht zu mobilisieren.
Ausbildung und Arbeit als Islam-Gelehrter Safar al-Hawālī stammt aus dem Ort Hawāla in der Provinz Baha im Südwesten Arabiens und gehört dem Stamm der Ghāmid an, der hier sein traditionelles Stammesgebiet hat. Er erwarb zunächst einen Bachelor-Abschluss an der Islamischen Universität Medina und studierte anschließend an der Umm-al-Qura-Universität in Mekka, wo er 1981 einen Magisterabschluss erwarb.Vgl. Lav: Radical Islam. 2012, S. 86. In seiner Magisterarbeit, die von Muhammad Qutb, dem Bruder von Sayyid Qutb, betreut wurde, befasste er sich mit dem Säkularismus, seiner Entstehung und Auswirkung auf die zeitgenössischen Muslime.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 59. Die Arbeit diente vor allem zur Zurückweisung des Säkularismus, den al-Hawālī und sein Lehrer als unvereinbar mit dem Islam betrachteten. Al-Hawālī erklärte in seinem Buch, dass Säkularismus dem von Mohammed bekämpften Schirk gleichkomme.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 67, 69.
Anschließend erstellte al-Hawālī – ebenfalls bei Muhammad Qutb – eine Dissertation über "Das Phänomen der Aufschiebung im islamischen Denken" (Ẓāhirat al-irǧāʾ fī l-fikr al-islāmī), die er zwischen 1984 und 1986 abschloss.Vgl. Lav: Radical Islam. 2012, S. 87. Darin geißelte er die laxe und nachgiebige Haltung seiner Mitmuslime gegenüber den Politikern, die sich nicht an den Islam halten, als murdschi'itische Haltung und rief zu einer "Für-Ungläubig-Erklärung" (Takfīr) dieser Politiker im Sinne Sayyid Qutbs auf. Die Kritik richtete sich vornehmlich gegen solche Muslime, die sich wie er der Salafīya zurechneten.Vgl. Lav: Radical Islam. 2012, S. 88. Doch enthält sein Buch auch viele Anschuldigungen gegen die aschʿaritische und māturīditische Theologie. So machte al-Hawālī insbesondere den Einfluss des aschʿaritischen Theologen al-Dschuwainī dafür verantwortlich, dass sich im sunnitischen Islam ein laxes Glaubensverständnis durchgesetzt habe.Vgl. Lav: Radical Islam. 2012, S. 101. Außerdem brandmarkte er die von den Aschʿariten und Māturīditen aus der griechischen Philosophie übernommene Unterscheidung zwischen Essenz und Akzidentien als die Ursache einer ganzen Anzahl theologischer Verzerrungen im Bereich des sunnitischen Islams.Vgl. Lav: Radical Islam. 2012, S. 103.
Nachdem al-Hawālī bereits mehrere Jahre an seiner Universität unterrichtet hatte, wurde er 1988 zum Chef der Abteilung für Glaubenslehre (ʿAqīda) berufen. Seine Vorlesungen zu Glaubensfragen fanden über Audiokassetten auch außerhalb seiner Universität starke Verbreitung. Bis zu seiner Verhaftung im September 1994 produzierte al-Hawālī ungefähr 800 solcher Audiotapes.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 36, 213.
Kritik an der saudischen Außenpolitik Große Aufmerksamkeit erregte al-Hawālī nach der irakischen Besetzung Kuwaits im Jahre 1990, als er in einem öffentlichen Vortrag unter dem Titel „Nehmt Eure Zuflucht zu Gott“ (fa-firrū ilā Llāh) den saudischen „Rat der großen Gelehrten“ (Haiʾat kibār al-ʿulamāʾ) unter Führung von ʿAbd al-ʿAzīz ibn Bāz kritisierte und sich über die Erosion des islamischen Charakters des saudischen Staates beklagte.Vgl. Reichmuth: “The second Intifada”. 2006, S. 350. Der Rat hatte zuvor in einem Fatwa die Entscheidung des saudischen Königs, amerikanische Militärbasen in Saudi-Arabien zu errichten, gebilligt und sich dabei auf das Prinzip der Darūra berufen.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 84. Al-Hawālī kritisierte in seinem Vortrag, den er am 30. August 1990 hielt, das Gutachten des Rats als großen Fehler, weil es aus seiner Sicht die politische Realität verkannte.Vgl. Lacroix: Awakening Islam. 2011, S. 160. Er interpretierte die Stationierung der amerikanischen Truppen als zielgerichteten Versuch der USA, die Ölreserven der Golfregion unter ihre direkte Kontrolle zu bringen sowie den Islam zu kontrollieren und später zu vernichten.Vgl. Fandy: Saudi Arabia and the Politics of Dissent. 1999. S. 70. Al-Hawālīs Vortrag wurde über Kassetten innerhalb und außerhalb Saudi-Arabiens verbreitetVgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 84. und erschien ein Jahr später zusammen mit anderen seiner Vorträge in einem Buch mit dem Titel „Enthüllung der Sorgen der Gelehrten der Umma“ (Kašf al-ġumma ʿan ʿulamāʾ al-umma). Al-Hawālī formulierte sein Misstrauen gegenüber den USA und Europa 1991 noch in einem weiteren Buch mit dem Titel „Wahrheiten über die Golfkrise“ (Ḥaqāʾiq ḥaula azmat al-ḫalīǧ). Darin befasste er sich ausgiebig mit der Geschichte der amerikanischen Politik in der Golfregion und äußerte die Auffassung, dass die irakische Invasion Kuwaits und die dadurch hervorgerufene Krise in Wirklichkeit Teil eines größeren amerikanischen Plans zur Beherrschung der Region seien, der bereits auf die 1970er Jahre zurückgehe.Vgl. Fandy: Saudi Arabia and the Politics of Dissent. 1999. S. 67.
Mit seinen Positionen wurde al-Hawālī so bekannt, dass ihn 1993 Samuel P. Huntington in der Zeitschrift Foreign Affairs als einen islamistischen Theoretiker des Kampfes der Kulturen anführte.Vgl. Samuel P. Huntington: „The Clash of Civilizations?“ in Foreign Affairs 72 (1993) 22-49. Hier S. 35. Auch Osama bin Laden bezog sich in seinen Verlautbarungen auf al-Hawālīs anti-amerikanischen Schriften.Vgl. http://www.pbs.org/newshour/updates/military-july-dec96-fatwa_1996/ Bei der saudischen Führung löste seine Kritik an der Kooperation mit den USA allerdings Verärgerung aus. Noch während der Golfkrise erhielt er an seiner Universität Besuch von einem Team des saudischen Nachrichtendienstes, das ihn aufforderte, sich künftig nicht mehr öffentlich zu den saudisch-amerikanischen Beziehungen zu äußern.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 117.
Zusammen mit Salmān al-ʿAuda und Nāsir al-ʿUmar gründete al-Hawālī 1990 einen Kreis von Gelehrten, die im saudischen Königreich politische Reformen auf Grundlage des Islams forderten. Die Monarchie reagierte darauf 1991 mit der Bildung einer Kommission von fünf Gelehrten aus dem „Rat der großen Gelehrten“, die die Forderungen und Argumente von al-Hawālī und seiner Mitstreiter auf Basis des islamischen Rechts zurückweisen sollten.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 118. Al-Hawālī ließ sich jedoch nicht von seinen Vorstellungen abbringen und gehörte auch zu den Unterzeichnern des "Memorandum des Ratschlags" (muḏakkirat an-naṣīḥa), das politische Reformen im Königreich einforderte und Mitte 1992 dem saudischen König überreicht wurde.
Ein weiterer Punkt, bei dem al-Hawālī die saudische Führung kritisierte, war dessen Teilnahme an der Konferenz von Madrid, die Teil des Nahost-Friedensprozesses war. Al-Hawālī wertete den Friedensprozess als Versuch Israels, eine regionale Hegemonie zu errichten. Die Schaffung der Palästinensischen Autonomiebehörde zielte aus seiner Sicht darauf ab, den Zorn der Bevölkerung in der Westbank und im Gazastreifen von Israel wegzulenken und Uneinigkeit unter den Palästinensern zu erzeugen. In seiner politisch-theologischen Studie „Jerusalem zwischen der wahren und der erlogenen Verheißung: der islamische Standpunkt zum arabisch-jüdischen Friedensprojekt“ (al-Quds baina l-waʿd al-ḥaqq .. wa-l-waʿd al-muftarā: al-mauqif al-islāmī min mašrūʿ as-salām al-ʿarabī-al-yahūdī), die 1994 in Kairo als Buch erschien, versuchte al-Hawālī auch die alttestamentlichen, jüdischen und christlichen Prophetien für Jerusalem zu widerlegen, die er als den wahren Grund für die amerikanische Unterstützung Israels betrachtete.Vgl. Reichmuth: “The second Intifada”. 2006, S. 350 und Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 118.
Lehrverbot und Inhaftierung Ab 1992 wurde das Verhältnis zwischen der saudischen Monarchie und der Sahwa-Gruppe immer angespannter. Innenminister Prinz Naif ibn Abd al-Aziz sandte im September 1993 einen Brief an ʿAbd al-ʿAzīz ibn Bāz, in dem er sich über gewisse „Übertretungen“ (taǧāwuzāt) in den Vorlesungen al-Hawālīs und al-ʿAudas beschwerte und den "Rat der großen Gelehrten" aufforderte, diese zu prüfen. Nachdem der Rat in at-Tā'if zusammengetroffen war und über den Fall beraten hatte, bestätigte Ibn Bāz am 20. September in einem Antwortbrief an den Innenminister, dass es sich bei den monierten Dingen um "Übertretungen" handele. Er empfahl, die beiden Gelehrten zur Tauba aufzufordern und sie zu verpflichten, ihre Äußerungen nicht zu wiederholen. Wenn die beiden Gelehrten darauf eingingen, sei der Fall damit beendet. Sollten sie sich jedoch weigern, müsste ihnen die Erlaubnis zur Lehre und öffentlichen Predigt entzogen werden.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 119. Al-Hawālī und al-ʿAuda wurden noch im gleichen Monat in das Innenministerium zitiert und wegen ihrer „Übertretungen“ zurechtgewiesen, ohne dass sie die Gelegenheit erhielten, sich zu verteidigen. Da die beiden Gelehrten nicht bereit waren, das von ihnen verlangte Geständnis zu unterschreiben und auf politische Äußerungen zu verzichten, wurden sie mit dem von Ibn Bāz empfohlenen Lehr- und Predigtverbot belegt.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 120 f.
Nach einer Serie von Kundgebungen in Buraida und Riad ließ das saudische Innenministerium al-Hawālī im September 1994 zusammen mit weiteren Predigern der Sahwa-Gruppe inhaftieren, wobei es sich auf den Brief von Ibn Bāz vom Vorjahr berief. Die Verhaftung der beiden Gelehrten wurde von den islamistischen Kreisen nicht stillschweigend hingenommen. Osama bin Laden richtete Ende 1994 einen Brief an Ibn Bāz, in dem er ihm schwere Vorwürfe machte, weil er mit seinem Fatwa die Verhaftung al-Hawālīs durch das saudische Regime erst möglich gemacht habe.Vgl. Die Reden des Osama bin Laden. Hrsg. von Marwan Abou-Taam und Ruth Bigalke. Hugendubel, München, 2006. S. 35. Auch in seiner Kriegserklärung vom 23. August 1996 gegen die Amerikaner nahm bin Laden auf al-Hawālī Bezug und forderte seine Freilassung.Vgl. und die englische Übersetzung des Textes bei http://www.pbs.org/newshour/updates/military-july-dec96-fatwa_1996/ Ibn Bāz, dem die Verhaftung von al-Hawālī und al-ʿAuda sehr unangenehm war, veröffentlichte schon Ende September 1994 ein Fatwa, in dem er konstatierte, dass diese Gelehrten ehrenwerte sunnitische Gelehrte seien und demzufolge nicht als Ketzer (mubtadiʿa) oder Charidschiten verleumdet werden dürften.Vgl. Alshamsi: Islam and political reform. 2011, S. 133.
Freilassung, „Tag des Zorns“