Camillo Renato (latinisiert: Camillius Siculus; * um 1500 in Palermo, Sizilien; † 1575 in Caspano bei Traona, Veltlin, Graubünden, Alte Eidgenossenschaft) war ein Franziskaner, katholischer Theologe, später evangelischer Lehrer und antitrinitarischer Täufer aus Italien, der vorwiegend im Veltlin wirkte.
Leben und Werk Renato wurde um 1500 unter dem Namen Paolo Ricci in Palermo geboren und war auch ab 1538 unter dem Lisia(s) Fileno oder Fileno Lunardi bekannt. Er trat als junger Mann den Franziskanern bei. In Neapel kam er in den Kreis von Juan de Valdés, wo er aus Glaubensgründen, ähnlich wie Girolamo Busale und Giulio Besalù, und mit Juan de Villefranca nach Venedig auswanderte. Dort lernte er neben ersten Waldensern auch Täufer und Antitrinitarier kennen. Etwa ab 1517 studierte er Theologie in Padua, Venedig und Ferrara, wo er Pietro Paolo Vergerio und Giulio da Milano kennenlernte und sich mit Celio Secondo Curione befreundet hatte. Um 1525 wurde er von der Nunziatur von Altobello Averoldi verhört und freigesprochen. Nach 1530 kam er definitiv in Kontakt mit reformatorischen Ideen und nahm auch an evangelischen Treffen in Neapel teil. Später wechselte er mehrfach seine Wohnorte, so siedelte er unter anderem in Padua, Venedig, Modena und 1538 schließlich in Bologna. Er argumentierte schriftstellerisch für reformatorische Positionen. Im Jahr 1540 wurde er in Ferrara von der katholischen Inquisition unter dem Vorwurf der lutherischen Häresie inhaftiert, zu lebenslanger Haft verurteilt und zum Abschwören seiner reformatorischen Anschauungen gezwungen.Riccarda Suitner: Camillo Renato tra stati italiani e Grigioni. Nuovi aspetti, Website degruyterbrill.com (18. November 2022, italienisch, abgerufen am 31. August 2026)
1542 konnte er aus dem Gefängnis fliehen; zusammen mit Celio Secondo Curione verließ er im gleichen Jahr Italien und übersiedelte in das damals graubündische Veltlin. In den Dörfern Caspano, Traona und Vicosoprano war er danach als Lehrer tätig. Dort begann er mit dem Reformator Heinrich Bullinger in Zürich Briefkontakt aufzunehmen.Camillo Renato an Heinrich Bullinger, 6. Juli 1544, Caspano, Graubünden, Korr. I, S. 69f, Nr. 54; Renato, Opere 138, Nr. 2, Website bullinger-digital.ch (abgerufen am 31. August 2026) Noch in der Zeit vor 1545 nahm er den Namen Camillo Renato an, was ein Ausdruck seines theologischen Bruchs mit der Kindertaufe und auch ein Hinweis auf seine Förderin und Befreierin Renata von Ferrara gewesen sein könnte.
Ab 1547 verbreitete er in Chiavenna in der dortigen reformierten Gemeinde täuferische und antitrinitarische Ideen, über die er unter anderem mit dem Hauptpfarrer Agostino Mainardi und Heinrich Bullinger zunehmend in konfliktreiche Diskussionen und Polemiken geriet.Camillo Renato an Heinrich Bullinger, 6. Juli 1547, Chiavenna, Band 20, Nr. 2944, Website bullinger-digital.ch (lateinisch/deutsch, abgerufen am 31. August 2026)Taylor & Francis: The Zurich Church and the Confrontation with the Italian ‘Heretics’ of Rhaetia, 1561–72, 2017, S. 215–253 (abgerufen am 31. August 2026) Der Aufforderung 1547 auf einer reformierten Synode zu erscheinen, um den Dissens auszuräumen, kam Renato nicht nach. Auch dem vom evangelischen Pfarrer Agostino Mainardi in Chiavenna vorgelegten reformierten Glaubensbekenntnis verweigerte Renato seine Unterschrift. Als Folge wurde er 1550 aus der reformierten Kirche exkommuniziert. Bereits 1551, ein Jahr später, unterschrieb Renato ein solches Bekenntnis und schwor somit seinen täuferisch-antitrinitarischen Anschauungen, die beispielsweise die Trinität und die Sakramente betrafen, ab, vermutlich um einer Ausweisung zu entgehen.Lukas Vischer: Die Abendmahlsschwierigkeiten in Chiavenna. Artikel in Bündner Monatsblatt, Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur 1956, Heft 8–9, S. 269–278Jan-Andrea Bernhard: Briefe an Heinrich Bullinger im Blick auf Entstehung, Abfassung und Rezeption der »Confessio Raetica« (1552/53), Zwingliana 40, Zürich 2013, S. 37–71,
1552 reiste er nach Bergamo, wo er verhaftet wurde. Die venezianischen Behörden gaben ihn trotz eines Auslieferungsgesuchs von Rom frei, das von der Nunziatur Ludovico Beccadelli kam. Um 1570 siedelte er nochmals ins Veltlin nach Caspano oberhalb Traona über, wo er als Lehrer wirken konnte. Schriftstellerisch trat er kaum noch in Erscheinung; eine Ausnahme bildete 1554 ein längeres Gedicht in lateinischer Sprache De injusto Serveti incendio, in dem er sich deutlich gegen die ungerechte Verurteilung und Ermordung Michael Servets in Genf wandte. Im Alter erblindete Renato und starb 1575 im Dorf Caspano.
Theologische Lehre Renatos Denken entwickelte sich zuerst bei den Franziskanern in Neapel, dann in evangelischen Zirkeln im Veneto und entfaltete sich schließlich im damals toleranten bündnerischen Veltlin. Dadurch kam er mit vielen Personen, die unterschiedliche Glaubenslehren und Geistesströmungen vertraten, in Kontakt, deren Ideen und Gedanken er aufnahm und auch weiterentwickelte.Riccarda Suitner: Camillo Renato tra stati italiani e Grigioni. Nuovi aspetti, Website degruyterbrill.com (18. November 2022, italienisch, abgerufen am 31. August 2026) Größere Bedeutung besteht vor allem in seinem Einfluss auf die theologische Entwicklung des ebenfalls aus Italien stammenden unitarischen Theologen Lelio Sozzini. Zudem stellt Renato ein Beispiel für die Verbindung von täuferischen und unitarischen Ideen dar. Für Renato besaßen zum Beispiel Abendmahl und Taufe keinen sakramentalen Charakter. Das Abendmahl fasste er als symbolhaftes Erinnerungsmahl auf, und die Taufe stellte für ihn ein individuelles Bekenntnis zum Glauben dar. Mit diesen spiritualistischen Positionen wandte er sich sowohl gegen die katholische als auch gegen die lutherische und reformierte Kirche. Er vertrat auch den psicopannichilismo, der besagt, dass die Seelen nach dem Tod (zuerst) schlafen würden.Biographischer Eintrag zu Camillo Renato in der italienischen Enzyklopädie Treccani
Schriften (Auswahl) Apologia, 1540. Trattato del Battesimo e della Santa Cena, 1547. De injusto Serveti incendio, 1554. Opere. Documenti e testimonianze a cura di Antonio Rotondò, Florenz und Chicago 1968 (Corpus reformatorum italicorum), darin: Carmina (1538–1540), Apologia (1540), Trattato del battesimo e della santa cena (1547), Certa in symbolum professio ad Fridericum Salicem (1648), In Ioannem Calvinum de iniusto Michaelis Serveti incendio (1554), Carteggio (1542–1549).
Literatur
Jan-Andrea Bernhard: Briefe an Heinrich Bullinger im Blick auf Entstehung, Abfassung und Rezeption der »Confessio Raetica« (1552/53). Zwingliana 40, Zürich 2013, S. 37–71, Friedrich Samuel Bock: Historia antitrinitariorum, 1776. Barbara Mahlmann-Bauer: Protestantische Glaubensflüchtlinge in der Schweiz (1540–1580). In: Hartmut Laufhütte, Michael Titzmann (Hrsg.): Heterodoxie in der Frühen Neuzeit (= Frühe Neuzeit. Bd. 117). De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 978-3-11-092869-3, S. 119–160. Amy Nelson Burnett und Emidio Campi: A Companion to the Swiss Reformation, Brill's Companions to the Christian Tradition, Brill, 2016, ISBN 978-90-04-31635-5, S. 319–322. Olaf Reese: Lutherische Metaphysik im Streit. Berichte von Calvos antisozinianischen Feldzügen, Dissertation, Göttingen 2008. Antonio Rotondò: Studi e ricerche di storia ereticale italiana del Cinquecento. Giappichelli, Torino 1974. Silvana Seidel Menchi: Erasmus als Ketzer: Reformation und Inquisition im Italien des 16. Jahrhunderts, Studies in medieval and reformation thought, Band 49, Brill 1993, ISBN 978-90-04-09474-1digital bei Google Books Taylor & Francis: The Zurich Church and the Confrontation with the Italian ‘Heretics’ of Rhaetia, 1561–72, 2017, S. 215–253, DOI:10.4324/9781315238852-5.https://www.scilit.com/publications/0132e14ff3b3373154d5e6b773746e96 Manfred E. Welti: Camillo Renato, Opere, documenti e testimonianze, Corpus Reformatorum Italicorum, ed. Antonio Rotondò, Sansoni, Florenz & The Newberry Library, Northern Illinois University Press, Chicago 1968, ISBN 978-0-87580-034-9.https://www.cambridge.org/core/journals/church-history/article/abs/camillo-renato-opere-documenti-e-testimonianze-edited-by-antonio-rotondo-corpus-reformatorum-italicorum-firenze-italy-g-c-sansoni-editore-1968-350-pp-lit-10000/867932B71038378E3DB2CC7063848A59 Manfred E. Welti: Kleine Geschichte der italienischen Reformation (= Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte. Bd. 193). Mohn, Gütersloh 1985, ISBN 3-579-01663-6, S. 31–105 ().
Weblinks Camillo Renato an Heinrich Bullinger, 6. Juli 1547, Chiavenna, Band 20, Nr. 2944, Website bullinger-digital.ch (lateinisch/deutsch). Manfred E. Welti: Camillo Renato: Opere, Documenti e Testimonianze, Corpus Reformatorum Italicorum, Sansoni editore, Florenz 1968 (online 28. Juli 2009). Riccarda Suitner: Camillo Renato tra stati italiani e Grigioni. Nuovi aspetti, Website degruyterbrill.com (18. November 2022). Didier Le Roux: Renato Camillo. Unitarier Eklablog, 23. Oktober 2015 (in Französisch). Biographischer Eintrag zu Camillo Renato in der italienischen Enzyklopädie Treccani.
Einzelnachweise
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