mini|Erik Marquardt, 2023

Erik Marquardt (* 20. Oktober 1987 in Neubrandenburg) ist ein deutscher Fotojournalist und Politiker. In den Jahren 2014 und 2015 war er Bundessprecher der Grünen Jugend. Seit 2015 dokumentierte er die Situation von Geflüchteten auf verschiedenen Fluchtrouten nach und in Europa. Seit November 2015 ist er Mitglied im Parteirat von Bündnis 90/Die Grünen. Seit der Europawahl 2019 ist er Mitglied des Europäischen Parlaments in der Fraktion Die Grünen/Europäische Freie Allianz.

Ausbildung und Hochschulpolitik Marquardt wuchs in Wilhelmshagen im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick auf.Dietrich von Schell: Arbeitsplätze für die Autoindustrie: Im Interview mit dem Direktkandidaten der Bündnisgünen, Erik Marquardt. Maulbeerblatt, 12. Juli 2017. Nach seinem Abitur in Berlin-Friedrichshagen studierte er von 2008 bis 2013 Chemie an der Technischen Universität Berlin (TUB). Ab 2011 studierte er Politik, Verwaltung und Soziologie an der Fernuniversität Hagen. Von 2010 bis Oktober 2014 war er Mitglied im Kuratorium der TUB. Von 2011 bis 2013 war er Mitglied im Vorstand des freien zusammenschlusses von student*innenschaften (fzs).Umweltcheck Europäisches Parlament: Erik Marquardt (neu) – Lebenslauf.

Von Studienbeginn an war Marquardt in verschiedenen Hochschulgremien politisch tätig, so an der TUB in AStA-Referaten, im Studierendenparlament, in der Kommission für Lehre und Studium, im Kuratorium, bei Campusgrün, im Aktionsbündnis gegen Studiengebühren, beim Bildungsstreik und in der Stadtpolitik. Im fzs-Vorstand betreute er die Ausschüsse Studienreform, Verfasste Studierendenschaft/Politisches Mandat, Frauen- und Genderpolitik, die Ausschüsse für sieben Bundesländer sowie die Arbeitskreise Antifaschismus / Antirassismus und Ökologie.Erik Marquardt, Mitglied des Vorstands 2011/2012/2013. fzs.de, 22. Oktober 2014 (Archiv).

Am 25. Januar 2012 führte der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags ein live gesendetes Fachgespräch zu Studiengebühren durch. Marquardt nahm als fzs-Vorstandsmitglied und einziger Student daran teil. In seiner Stellungnahme lehnte er eine „Campusmaut“ prinzipiell ab, weil Bildung ein öffentliches Gut und ein Menschenrecht sei, das der Staat gewährleisten müsse. Die Abwägung zwischen Nützlichkeit oder abschreckender Wirkung der Gebühren, die andere geladene Experten vorrangig behandelt hatten, lenke vom entscheidenden Punkt ab: „Menschenrechte kauft man nicht, die muss der Staat sicherstellen“. Kein anderer Experte ging auf dieses Argument ein.Yalda Franzen: Gebührendebatte im Bundestag: „Menschenrechte kauft man nicht“. Spiegel, 30. Januar 2012.

Fotojournalist und Flüchtlingshelfer Türkei, Griechenland, Balkan Ab 2014 arbeitete Marquardt als freier Fotojournalist. Ab Juli 2015 dokumentierte er die Situation von Geflüchteten auf der Balkanrouten mit Fotografien und Videos und versuchte, ihnen zu helfen. Hierüber hielt er Vorträge in Deutschland, um Geflüchteten ein Gesicht zu geben und Vorurteilen entgegenzutreten. Im November 2015 dokumentierte er die Ankunft von überladenen Flüchtlingsbooten aus der Türkei auf der griechischen Insel Lesbos, unterstützte Geflüchtete und zeigte fehlende und mangelhafte Versorgung mit Medizin, Nahrung, trockener Kleidung und Unterbringung auf. Er kritisierte das Verhalten der EU scharf: Sie reagiere viel zu langsam auf die Not und fördere die Fluchtbewegungen mit ihren Verhandlungen über künftige Grenzschließungen. Es sei „einfach sehr erbärmlich, dass die EU keine sicheren Fluchtwege ermöglicht und Menschen, die nach EU-weiter Rechtslage schutzbedürftig sind auf diesen Leidensweg schickt“.Julian Zwingel: Blogrebellen, 30. November 2015.

Bis 2017 besuchte er etwa 20 Mal Fluchtrouten über den Balkan sowie Lager in Mazedonien und Serbien und berichtete über die Gewalt, Gefahren und Haftschikanen, denen Geflüchtete dort ausgesetzt sind.Bärbel Schoen: Vortrag: Afghanistan mit eigenen Augen erlebt. Augsburger Allgemeine / Wertinger Zeitung, 18. März 2017. Im April 2017 berichtete er über das Lager von Idomeini an der griechisch-mazedonischen Grenze. Er zeigte die Versuche der Bewohner, ihre aussichtslose Situation zu bewältigen, ihre Solidarität miteinander und Gastlichkeit gegenüber Besuchern. Er berichtete über vom Militär betriebene Camps im Grenzgebiet, fehlenden Zugang für Hilfsorganisationen und Journalisten und mangelnde ärztliche Versorgung. Er appellierte an die deutsche Politik, diesen Menschen eine Perspektive zu geben und sie in leerstehende deutsche Erstaufnahmelager aufzunehmen.Erik Marquardt: Flüchtlingscamps in Griechenland: In Idomeni wohnt auch die Hoffnung. Tagesspiegel, 1. April 2017.

Durch mehrere jährliche Besuche der Insel Lesbos wurde Marquardt Zeuge der Eskalation von Not und Gewalt in den und um die Flüchtlingslager infolge der europäischen Abschottungspolitik. Im April 2016 erlebte er den Besuch von Papst Franziskus in Moria und dessen folgenlosen Appell an die Menschenwürde. Er sah, dass durch das EU-Türkei-Abkommen vom 18. März 2016 die Fluchten stark zunahmen, die Lager stark überfüllt wurden und die humanitäre Lage sich dort rapide verschlimmerte. Weil die Zelte auch im Winter unbeheizt blieben, machten viele Bewohner darin Feuer. Einige erfroren, andere starben an Rauchvergiftung. Es kam mehrmals zu Bränden, die mangels rechtzeitigem Eingreifen der Feuerwehr viele Bewohner obdachlos machten. Weil die griechische Regierung eine menschenwürdige Unterbringung vermied, die Asylverfahren um Jahre verzögerte und die Lager nicht kontrollieren ließ, bildeten sich dort Mafia- und Selbstschutzgruppen. Morde und Suizide, auch von Kindern, nahmen zu. Ab 2019 verschärfte die neue griechische Regierung das nationale Asylrecht nochmals und gab Pläne zum Bau neuer Internierungslager bekannt. Es folgten Proteste der Inselbevölkerung und der Lagerbewohner. Im Februar 2020 erlebte Marquardt einen Polizeieinsatz, bei dem rund 200 Beamte Tränengas auf Familien und Kinder schossen, dann selbst Steine warfen und Autos demolierten, bis der Bürgermeister von Lesbos sie zum Rückzug drängte. Am 27. Februar 2020 beschloss der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan, als Rache für einen russischen Überfall auf türkische Grenzsoldaten die türkisch-griechischen Grenzen zu öffnen. Marquardt erlebte die Reaktionen: Griechische Grenzsoldaten hätten mindestens zwei Fliehende erschossen, Griechenland habe das Asylrecht komplett ausgesetzt, Ankommende entweder jahrelang in Geheimgefängnisse gesteckt oder sie ohne jede Rechtsstaatlichkeit direkt wieder in die Türkei abgeschoben. Er kritisierte, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der CSU-Politiker Manfred Weber das Verhalten Griechenlands als Verteidigung gegen einen Angriff der Türkei auf Europa darstellten und damit rückwirkend das Erschießen von Flüchtlingen legitimierten, das die AfD-Politikerin Beatrix von Storch 2015 gefordert habe.Erik Marquardt: Europa schafft sich ab, Hamburg 2021, S. 129–136.

Mittelmeer Im Frühjahr 2017 nahm Marquardt an mehreren Rettungseinsätzen des Schiffs Sea Eye im Mittelmeer teil. Ende Mai 2017 beteiligte er sich an einer Rettungsaktion für rund 500 Passagiere einiger überfüllter, manövrierunfähiger und sinkender Schlauchboote vor der Küste Libyens. Viele Rechtsextreme bedrohten und beschimpften ihn deshalb auf Twitter und Facebook. Ab Juli 2017 berichtete er in Deutschland über die Einsätze und ständige Überforderung der Seenotretter: Niemand wisse, wie viele Menschen unbemerkt ertrinken. Die Staaten Europas beteiligten sich kaum noch an der Seenotrettung. Die Retter wüssten: „Wenn du es nicht machst, sterben diese Menschen.“ Regierungssprecher diffamierten ihre Rettungsaktionen als „Shuttle-Service nach Europa“ und wollten Menschen ertrinken lassen, um andere abzuschrecken. Er kritisierte die Zusammenarbeit der EU mit der libyschen Küstenwache, die Geflüchtete in Folterlager Libyens zurückbringt und Rettungen aktiv behindert. Man müsse von vernünftigen Menschen den Konsens erwarten, „dass Leute, die sich warum auch immer zur Flucht entscheiden, dafür nicht mit ihrem Leben bezahlen sollen.“Sebastian Leber: Flüchtlingsdrama vor Libyen: Die Überforderung der freiwilligen Seeretter. Tagesspiegel, 2. Juli 2017. In Fotovorträgen berichtete Marquardt über die Fluchtroute aus Libyen, die dortigen Lager, Misshandlungen und Gewalterfahrungen der Geflüchteten, die Lebensgefahren ihrer Flucht in Hochsee-untauglichen überfüllten Schlauchbooten. Er dokumentierte den Ablauf der Rettungseinsätze, die Belastungen für alle Beteiligten und die Zusammenarbeit der libyschen Küstenwache mit Schleppern.Fotovortrag: Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Mannheim sagt Ja, 20. Juli 2017.

Im Juli 2017 trat Marquardt der unbelegten Behauptung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière und anderen Regierungspolitikern öffentlich entgegen, dass freiwillige Seenotretter mit Schleppern zusammenarbeiten würden.De Maizière und die Seenotretter: „Das ist schäbig“. Spiegel Online, 18. Juli 2017. Die Behauptung, NGO-Schiffe stellten ihre Transpondersignale ab und verschleierten so ihre Position, um Geflüchtete nahe Libyens Küste abzuholen, sei falsch und durch allgemein nachprüfbare Schiffssignale jederzeit widerlegbar. Keine EU-Regierung prangere den strafbaren Einsatz der C Star der rechtsextremen Identitären zum Behindern von Rettungsaktionen und die Geheimhaltung seiner Position an. Keine werfe dem Militär, das die meisten Flüchtlinge rette, Schlepperei vor. Stattdessen finanziere man die libysche Küstenwache, die mit Schleppern zusammenarbeite und Flüchtlingsboote schon mehrfach beschossen habe. Der Vorwurf, NGO-Schiffe würden Geflüchtete regulär aus libyschen Gewässern retten und sie mit Signallichtern anlocken, sei als falsch erwiesen. Es handele sich um eine gezielte Lügenkampagne europäischer Regierungsvertreter, um vom eigenen Versagen und tausenden Toten vor Europas Außengrenzen ablenken. Diese würden zur Abschreckung von Flüchtlingen bewusst in Kauf genommen: „Das Ziel sind nicht Menschenrechte, sondern rechte Menschen. Man will verdeutlichen: Auch wir greifen hart durch, ihr müsst nicht die Rechtspopulisten wählen“.Erik Marquardt: Tagesspiegel, 24. Juli 2017.