Dieter Vaitl (* 27. März 1940 in Garmisch-Partenkirchen; † 10. Januar 2026 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Psychologe und Neurowissenschaftler sowie Hochschullehrer.
Leben Nach dem Abitur am humanistischen Gymnasium in Garmisch-Partenkirchen studierte Vaitl mit dem Stipendium für besonders Begabte des Freistaat Bayern Philosophie und Katholische Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom (Lizenziat in Philosophie 1962) und Psychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Diplom 1967). Während seines Studiums war er von 1964 bis 1967 wissenschaftliche Hilfskraft bei Hans Bender, der neben Robert Heiß und Jochen Fahrenberg zu seinem wichtigsten akademischen Lehrer wurde. Von 1967 bis 1969 war er Assistent an der Psychosomatischen Abteilung der Universitätskinderklinik in Freiburg. 1969 ging er an das Psychologische Institut der Universität Münster. Dort wurde er 1973 bei Lilly Kemmler promoviert und erhielt im gleichen Jahr in Münster eine Stelle als Wissenschaftlicher Rat und Professor für Psychophysiologie und Methodenlehre. 1975 folgte ein Ruf auf den Lehrstuhl für Klinische und Physiologische Psychologie und Methodenlehre an der Justus-Liebig-Universität Gießen, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 innehatte. Dort gründete er 1988 das Institut für Psychobiologie und Verhaltensmedizin sowie 2000 das Bender Institute of NeuroimagingDas BION – Gestern und Heute. Homepage an der Universität Gießen. Abgerufen am 11. Oktober 2014. (BION), in dem ein Magnetresonanztomograph für die psychologische Forschung eingesetzt wird. Von 2001 bis 2020 leitete er das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg im Breisgau. Von 1997 bis 2002 leitete er einen internationalen Forschungsverbund zum Thema „Veränderte Bewusstseinszustände“, der sich mit der neurowissenschaftlichen Erforschung von Trance, Hypnose, Meditation und Halluzinationen befasste.
Vaitl starb am 10. Januar 2026 in Freiburg.Traueranzeige in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. Januar 2026, S. 6.
Wirken Von 1982 bis 1988 war Vaitl Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung (DGPA) sowie Präsident der Vereinigung europäischer Psychophysiologie-Gesellschaften (FEPS) (1994–1996). Er gehörte mehreren wissenschaftlichen Fachgesellschaften an: Fellow der International Organisation of Psychophysiology, Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft der Universität Frankfurt, Mitglied des Center for the Study of Emotion and Attention des National Institute of Mental Health (USA) an der Universität von Florida. Durch seine Forschung und akademische Lehre trug er zur biologischen Orientierung der deutschen Psychologie bei. Er war lange Jahre Fachgutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Zusammen mit Renate Frank entwickelte er 1983 ein Weiterbildungsprogramm für die Akkreditierung von angehenden Psychologischen Psychotherapeuten/Psychotherapeutinnen, das bundesweit als Modell für Postgraduiertenprogramme in der Verhaltenstherapie diente.
In folgenden Forschungsgebieten führte Vaitl klinisch relevante Grundlagenforschung durch und publizierte die Ergebnisse seiner Studien in renommierten Fachzeitschriften und Sammelwerken: Psychophysiologie des HerzkreislaufsystemsP. Grossmann, K. H. L. Janssen, D. Vaitl (Hrsg.): Cardiorespiratory and Cardiosomatic Psychophysiology. Plenum, New York 1986. Kardiovaskuläre Einflüsse auf das ZentralnervensystemD. Vaitl, R. Schandry (Hrsg.): From the heart to the brain. Lang, Frankfurt 1995. Neurobiologie der EmotionenNeurobiology of fear and disgust. In: International Journal of Psychophysiology, 57(1), S. 1–4, PMID 15935257.D. Vaitl: Neurobiologie der Emotionen. In: G. Schiepek: Neurobiologie der Psychotherapie. Schattauer, Stuttgart 2011. Veränderte BewusstseinszuständePsychobiology of altered states of consciousness. In: Psychological Bulletin, 131(1), S. 98–127, PMID 15631555.
Er wird als einer der Gründungsväter der Klinischen Psychophysiologie in Deutschland bezeichnet.
Ehrungen und Auszeichnungen 1982: Gründungspräsident und Präsident (bis 1988) der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung 1994: Präsident der Federation of the European Psychophysiological Societies (FEPS) 1997: Deutscher Psychologie PreisDeutscher Psychologie Preis – Frühere Preisträger. Abgerufen am 11. Oktober 2014. für seine Arbeiten in der klinisch relevanten psychophysiologischen Forschung und sein Engagement in der Weiterbildung von klinischen Psychologen/Psychologinnen 2001: Vorsitzender des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene 2007: Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendung (DGPA) 2013: Mitglied der European Academy of Sciences and Arts (Klasse Medizin). Gastprofessuren an der Universität Padua (1983 und 2000) und der Universität Turin (1993)
Schriften (Auswahl) Entspannungstechniken. In: L. J. Pongratz (Hrsg.): Klinische Psychologie. 2. Halbband. Hogrefe, Göttingen 1978, S. 2104–2143. Hypertonie (= Fortschritte der Psychotherapie. Band 13). Hogrefe, Göttingen 2001, ISBN 978-3-8017-1124-5. Meditation: Neurobiologische Grundlagen und klinische Anwendung. Steiner, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-515-10286-5. Veränderte Bewusstseinszustände: Grundlagen – Techniken – Phänomenologie. Schattauer, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-7945-2549-2. (mit F. Petermann): Entspannungsverfahren: Das Praxishandbuch. 5. Auflage. Beltz, Weinheim 2014, ISBN 978-3-621-28125-6. (mit G. Mayer, M. Schetsche, I. Schmied-Knittel): An den Grenzen der Erkenntnis. Handbuch der wissenschaftlichen Anomalistik. Schattauer, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-608-42922-0. Ganz normale Verrückte: Das Spektrum außergewöhnlicher Erfahrungen. Steiner, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-515-12730-1. (Hrsg.): An den Grenzen unseres Wissens. Von der Faszination des Paranormalen. Herder, Freiburg i. Br. 2020, ISBN 978-3-451-38737-1.
Weblinks
Website Dieter Vaitl an der Universität Gießen, Bender Institute of Neuroimaging, mit ausführlichem Lebenslauf und vollständiger Publikationsliste (mehr als 200 Bücher, Zeitschriftenbeiträge und Buchkapitel).
Literatur Alfons O. Hamm; Rudolf Stark: Nachruf auf Prof. Dr. phil. Dieter Vaitl (27.03.1940–10.01.2026). In: Psychologische Rundschau, 2026, 77 (3), S. 177–179.
Einzelnachweise
Kategorie:Psychologe Kategorie:Neurowissenschaftler Kategorie:Hochschullehrer (Justus-Liebig-Universität Gießen) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Münster) Kategorie:Sachbuchautor Kategorie:Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste Kategorie:Absolvent der Päpstlichen Universität Gregoriana Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1940 Kategorie:Gestorben 2026 Kategorie:Mann