Als Pseudo-Apuleius, Apuleius Platonicus oder Apuleius Barbarus wird der unbekannte Autor bzw. Kompilator eines illustrierten Kräuterbuches (Pseudo-Apuleius Herbarius) genannt, dessen ältestes erhaltenes Manuskript in lateinischer Sprache (Leiden, Ms. Voss Q. 9) aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammt und dessen Urtext im 4. Jahrhundert entstand. Er ist nicht identisch mit Apuleius von Madaura, dem aus Nordafrika stammenden römischen Dichter und Philosophen des 2. Jahrhunderts. In der medizinhistorischen Fachsprache bezeichnet „Pseudo-Apuleius“ je nach Kontext auch das über nahezu ein Jahrtausend weitgehend stabil tradierte Korpus aus dem Herbar (genannt auch Herbarium Apulei) und den regelmäßig mitüberlieferten Traktaten.
Pseudo-Apuleius Herbarius, auch De herbarum virtutibus (medicaminibus) Abbildungen
Vom 6. bis ins 15. Jahrhundert bewahrten die Pflanzen-Abbildungen in Pseudo-Apuleius-Herbarius-Ausgaben eine Grundcharakteristik, die sie als Sinnbilder von Pflanzengruppen, nicht als naturstudienhafte Abbildungen von Pflanzenarten im heutigen Sinn kennzeichneten. Inhalte des Pseudo-Apuleius fanden bezüglich der Heilpflanze trachontê („Drachenwurz“) Aufnahme in den Parzival des Wolfram von Eschenbach.Bernhard D. Haage: Zu „Mars oder Jupiter“ (789,5) im ‘Parzival’ Wolframs von Eschenbach. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/13, S. 189–205, hier: S. 191 f.; Arthur Groos: Wolframs Schlangenliste (‘Parzival’ 481) und Pseudo-Apuleius. In: Josef Domes u. a. (Hrsg.): Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung. Festschrift für Gundolf Keil zum 60. Geburtstag (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 585). Kümmerle, Göppingen 1994, ISBN 3-87452-829-4, S. 129–148; Howald/Sigerist (1927), S. 48.
Texte Medizin- und Kunsthistoriker sind sich einig, dass der Urtext (Archetyp) dieses Herbarius im 4. Jahrhundert entstand. Nach Sigerist (1930, S. 200), Hunger, Howald und BierbaumerPeter Bierbaumer: Der botanische Wortschatz des Altenglischen. 3 Bände. Band 2. Frankfurt am Main 1976, S. X. sowie Irmgard Müller speiste er sich aus lateinischen, nach Singer (1927, S. 37 f. und 43–47) und Felix BaumannFelix Andreas Baumann: Das Erbario Carrarese und die Bildtradition des Tractatus de herbis. Ein Beitrag zur Geschichte der Pflanzendarstellung im Übergang vom Spätmittelalter zur Frührenaissance. Bern 1974 (= Berner Schriften zur Kunst. Band 12), S. 15. aus griechischen Quellen. Ein großer Teil der Rezepte im Pseudo-Apuleius Herbarius stimmt mit Rezepten aus der Naturalis historia des PliniusKai Brodersen. Apuleius, Heilkräuterbuch / Herbarius, lateinisch und deutsch. Marix, Wiesbaden 2015, S. 111: Konkordanz zu Plinius‘ Naturalis Historia. bzw. der sogenannten Medicina Plinii überein. In – je nach Handschrift – 128 bis 131 Kapiteln wird je eine Pflanze behandelt. Nach der Nennung des Namens der Pflanze werden die Indikationen in Rezeptform abgehandelt. Im Gegensatz zu anderen Kräuterbüchern enthält der deshalb oft als Rezeptsammlung bezeichnete Text keine ausführlichen Beschreibungen der Pflanzen.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 155. Die Anzahl der Rezepte pro Kapitel schwankt zwischen 1 und 24. Den Abschluss bilden eine Synonymenliste und – bei den Texten der β-Klasse – erweiternde Zusätze (Interpolationen) aus der Materia Medica des Dioskurides. Inhalte aus Pseudo-Apuleius finden sich bei Marcellus Empiricus und Walahfrid StraboBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 19. wieder.
Beispiel: Kapitel 89, Herba Millefolium (nach der Edition von Howald und Sigerist 1927): Text nach Howald/Sigerist Übersetzung Herba millefolium Das Kraut „Tausendblatt“ [Millefolium wurde später meist als Achillea millefolium - Schafgarbe gedeutet.] 1. Ad dentium dolorem. Herbae millefolium radicem ieiunus conmanducet. 1. Zum Zahnschmerz. Die Wurzel des Krautes Millefolium soll nüchtern gekaut werden. 2. Ad uulnera de ferro facta. Herba millefolium cum axungia pistata et inposita uulnera purgat et sanat. 2. Zu Wunden, die durch Eisen zugefügt wurden. Wenn man das mit Fett zerstampfte Kraut Millefolium auflegt, so reinigt und heilt es Wunden. 3. Ad tumores. Herbam millefolium contusam cum butiro inpone. 3. Zu Geschwulsten. Lege das in Butter zerstossene Kraut Millefolium auf. 4. Ad urinae difficultatem. Herbae millefolium sucus cum aceto bibitur, mire sanat. 4. Zu Harnentleerungsstörungen. Der in Weinessig getrunkene Saft des Krautes Millefolium heilt wunderbar. Nomina herbae. A Graecis dicitur miriofillon, alii ambrosiam, alii ciliofillon, alii crisitis, Galli mulicandos, alii uigentia, Daci diodela, Itali millefolium, alii militaris, alii Achillion, alii supercilium Veneris, alii cereum siluaticum. Hanc herbam Achilles inuenit, unde ferro percussus sanabat, quae ob id Achillea uocatur... Die Namen des Krautes. Die Griechen nennen es miriofillon, andere ambrosia, andere ciliofillon, andere crisitis. Die Gallier (nennen es) mulicandos, andere vigentia. Die Dacer (nennen es) diodela. Die Italer (nennen es) millefolium, andere militaris, andere Achillion, andere supercilium Veneris, andere cereum silvaticum. Dieses Kraut hat Achilles entdeckt, weil es durch Eisen geschlagene Wunden heilte. Es wurde daher Achillea genannt... [Interpolationes ex Diosc.] Nascitur in palustris locis … [Erweiternde Zusätze aus der Materia Medica des Dioskurides] Es wächst an sumpfigen Stellen …
Manuskripte mini|Klassifizierung der Apuleius-Handschriften nach Howald / Sigerist 1927. mini|Vereinfachtes Schema nach Singer 1927 (mit Anlehnung an Howald / Sigerist). In den Pseudo-Apuleius-Codices des Mittelalters war der „Pseudo-Apuleius Herbarius“ mit anderen Werken kombiniert: „De herba vettonica“. Abhandlung über die Echte Betonie mit falscher Zuschreibung an Antonius Musa, den Leibarzt des römischen Kaisers Augustus. „De taxone liber“. Anonyme Abhandlung über die Verwendung des Dachses in der Medizin. „Pseudo-Apuleius Herbarius“. Sextus Placitus Papyrensis: „Liber medicinae ex animalibus“, basierend auf der Naturalis historia des Plinius.Druck: Sexti Placiti Papyriensis, de medicamentis ex animalibus, libellus. Johann Petri, Nürnberg 1538 (Digitalisat). A-Version mit 12 Kapiteln über Vierfüßler. B-Version mit 31 Kapiteln über Vierfüßler, Vögel, Reptilien, Spinnen, Insekten und Menschen. Pseudo-Dioskurides A-Version: „Curae herbarum“ (Kräuterbuch mit 64 Kapiteln und Dioskurides als Hauptquelle)Arsenio Ferraces Rodríguez: Problemas de edición y límites en la enmienda de recetarios de tradición difusael "De herbis femininis y las Curae herbarum". In: Ders.: Fito-zooterapia antigua y altomedieval: textos y doctrinas. Universidade da Coruña, 2009. S. 61–78 B-Version: „Ex herbis femininis“ (Kräuterbuch mit 71 Kapiteln und Dioskurides als Hauptquelle)H. F. Kästner (Hrsg.): Pseudo-Dioscorides de herbis femininis. In: Hermes. Zeitschrift für Classische Philologie. Band 31, 1896, S. 578–636 (Digitalisat); J. M. Riddle: „Dioscorides“. In: F. Q. Cranz, P. O. Kristeller (Hrsg.): Catalogus translationum et commentatorium, 4: Medieval and Renaissance Latin translations and commentaries. Washington DC 1980, S. 125–126. „Precatio terrae matris“ und „Precatio omnium herbarum“. Anrufung der Erdmutter und Anrufung aller Kräuter.In englischer Übersetzung nach dem Manuskript Harley 1585 (London, British Museum, 12. Jahrhundert) in: Singer 1927, S. 48. Dazu auch: Georg Swarzenski: Mittelalterliche Kopien einer antiken medizinischen Bilderhandschrift. In: Jahrbuch des kaiserlichen deutschen archäologischen Instituts. Band 17, 1902, S. 45–53 (Digitalisat). Aufgrund der wechselnden Zusammensetzung der Codices aus diesen Einzelwerken teilten Howald und Sigerist (1927, S. V-XVI) die Codices in drei Klassen (α, β und γ) auf. Danach enthält die α-Klasse die Teile 1, 2, 3, 4a und 5a oder 5b. - Außerdem längere und bessere Synonyme als in den Texten der β-Klasse. Die α-Klasse gilt als die Klasse mit der besten Textüberlieferung; enthält die β-Klasse die Teile 1, 2, 3, 4b, 5b und 6. - Außerdem erweiternde Zusätze im Text (Interpolationen). Die β-Klasse gilt als die Klasse mit der reichhaltigsten Illustration. In Bezug auf den Text ist sie der α-Klasse unterlegen; enthält die γ-Klasse die Teile 1, 2 und 6. Die γ-Klasse enthält die ältesten Handschriften.
Die Codices der β-Klasse und der γ-Klasse stammen nach Howald/Sigerist vom gleichen Urtext (Archetyp) ab. Auf der Grundlage der Illustrationen wies Grape-Albers (1977, S. 164–166) darauf hin, dass die Codices aller Klassen (α, β und γ) vom selben Archetyp abstammen müssen.