mini|Hauterscheinungen bei der Skin-Picking-Störung

Die Exkoriationsstörung oder Skin-Picking-Störung () ist eine Zwangsspektrumstörung, die durch das Skin-Picking, also durch ein wiederholtes Berühren, Quetschen und Kratzen von erkrankten oder gesunden Hautstellen aufgrund eines unwiderstehlichen Drangs gekennzeichnet ist. Das zwanghafte Bearbeiten der Haut mit den Fingernägeln, oder unter der Verwendung von Werkzeugen, kann zu erheblichen Gewebeschäden führen. Weitere Folgen sind Scham und Schuldgefühle sowie eine wachsende soziale Isolation. Sie wird dabei den Körperbezogenen repetitive Verhaltensstörungen zugeordnet.

Im deutschen Sprachraum ist ebenfalls der Fachbegriff Dermatillomanie üblich. Dieser Begriff stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus derma (= Haut), tillein (= rupfen) und mania (= Begeisterung, Wahnsinn). Ähnliche Bedeutung haben auch das englische skin picking sowie neurotic excoriations oder das französische acne excoriée. In der deutschsprachigen Selbsthilfeszene wird mittlerweile der Begriff Skin-Picking am häufigsten benutzt.

Geschichte und Prävalenz mini|Akne zählt zu den typischen Auslösern der Skin-Picking-Störung, wobei einzelne Entzündungsherde oft so lange bearbeitet werden, bis sich nach dem Abheilen Narben bilden Im Jahr 1875 beschrieb der englische Arzt Sir Erasmus Wilson erstmals neurotic excoriation, als eine nicht kontrollierbare Tätigkeit, die sich gegen die eigene Haut richtet und ihm zuerst als Symptom von Neurosepatienten aufgefallen war.J. E. Grant et al.: Perspectives. Skin Picking Disorder. American Journal of Psychiatry, Nov. 2012, Vol. 169, Iss. 11, pp 1143-1149 doi:10.1176/appi.ajp.2012.12040508 Das Verhalten, das er beschrieb, beinhaltete das Drücken, Reiben, Kratzen, Kneifen und Bearbeiten der Haut, bis diese sichtbare Schäden aufwies. Dabei waren sich die Betroffenen bewusst, dass sie sich selbst verletzten, konnten den Drang dies zu tun, jedoch nicht kontrollieren, obwohl viele von ihnen es bereits wiederholt versucht hatten.

Im Laufe der Zeit kamen im englischen Sprachbereich die Bezeichnungen psychogenic excoriation, pathological skin picking und compulsive skin picking hinzu, die auf den pathologischen bzw. zwanghaften Aspekt der Erkrankung hinweisen.

Der Krankheitsverlauf der mittlerweile als psychische Störung anerkannten Erkrankung ist phasenhaft und kann einen chronischen Verlauf aufweisen.Skin Picking Syndrome Pschyrembel Online, abgerufen am 2. April 2023

Die Erkrankung kann zu jeder Zeit auftreten, entwickelt sich jedoch besonders häufig in der späten Kindheit oder frühen Jugend, wie mehrere Untersuchungen belegen.C. A. Flessner, D. W. Woods: Phenomenological characteristics, social problems, and the economic impact associated with chronic skin picking. In: Behavior Modification. 2006, 30, S. 944–963.S. Wilhelm, N. J. Keuthen, T. Deckersbach, I. M. Engelhard, A. E. Forker, L. Baer, R. L. O’Sullivan, M. A. Jenike: Self-injurious skin picking: clinical characteristics and comorbidity. In: Journal of Clinical Psychiatry. 1999, 60, S. 454–459. Oft besteht am Anfang ein Zusammenhang mit Akne. Neben den seit dem Kindes- oder Jugendalter Betroffenen gibt es eine zweite Gruppe, bei denen behandlungsbedürftiges Skin Picking im Alter zwischen 30 und 45 Jahren auftritt.J. E. Grant, B. L. Odlaug: Update on pathological skin picking. In: Current Psychiatry Reports. 2010, 11, S. 283–288.

Amerikanische Psychologen schätzten die Prävalenz von Skin-Picking-Störung (2012) zwischen 1,4 und 5,4 Prozent der Bevölkerung. Auch in Brasilien sind bis zu 5,4 Prozent aller Erwachsenen betroffen.A. Xavier, C. Prati, M. Brandão et al.: Comorbidity of psychiatric and dermatologic disorders with skin picking disorder and validation of the Skin Picking Scale Revised for Brazilian Portuguese. Braz J Psychiatry. 2022 Oct 7;44(6):621-627. doi:10.47626/1516-4446-2021-2400, PMID 36683012

Die Dunkelziffer ist hoch; einige Studien gehen davon aus, dass nur bis zu 20 Prozent der Skin-Picking-Störung Betroffenen sich deswegen in Behandlung begeben.

Klassifikation ICD-11 Mit dem Inkrafttreten der ICD-11 im Jahr 2022 wurde die „Exkoriationsstörung“ (Code: 6B25.1) als eigenständige psychische Störung in den Unterabschnitt „Zwangsstörung oder verwandte Störungen“ aufgenommen. Um die Exkoriationsstörung zu diagnostizieren, müssen mindestens folgende Kriterien erfüllt sein:

Wiederkehrendes Picking auf der Haut. Erfolglose Versuche, das Picking zu stoppen oder zu verringern. Erhebliche Hautläsionen als Folge des Picking-Verhaltens. Die Symptome führen zu erheblichem Leidensdruck oder erheblichen Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.

DSM-5-TR Im seit 2022 gültigen DSM-5-TR wird die „Excoriation (Skin-Picking) Disorder“ ebenso wie in der ICD-11 der Kategorie „Zwangsstörung oder verwandte Störungen“ zugeordnet. Um diese zu diagnostizieren, sind folgende Kriterien zu beachten:

Wiederkehrendes Skin-Picking, das zu Hautläsionen führt. Wiederholte Versuche, diese zu verringern oder zu beenden. Das Skin-Picking verursacht klinisch signifikante Belastungen oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen. Die Störung ist nicht auf die physiologischen Wirkungen einer Substanz (z. B. Kokain) oder eine andere Erkrankung (z. B. Krätze) zurückzuführen. Die Störung lässt sich nicht besser durch Symptome einer anderen psychischen Störung erklären.

Symptomatik Von Skin-Picking betroffene Personen bearbeiten Pickel, Härchen oder Krusten, aber auch gesunde Hautstellen mit Fingern, Pinzetten, Nadeln oder anderen spitzen Gegenständen, sodass Wunden und Narben entstehen können. Dabei folgen Betroffene einem Impuls, dem sie kaum Widerstand entgegensetzen können. Diese Handlung führt zu einem Leidensdruck und Beeinträchtigungen in alltäglichen Lebensbereichen.T. Deckersbach, S. Wilhelm, N. J. Keuthen, L. Baer, M. A. Jenike: Cognitive-Behavior Therapy for Self-injurious Skin Picking. A Case Series. In: Behavior Modification. 2002, 26 (3), S. 361–377. Die Gründe für diese Handlungen sind unterschiedlich, meist wird jedoch Stress als Auslöser diskutiert.

Die Zeit, die pro Tag für das Bearbeiten der Haut aufgewendet wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und auch nicht jeden Tag gleich. Angaben reichen von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden für eine Skin-Picking-Episode. Die meisten Betroffenen berichten von mehreren Episoden pro Tag. Das können im Extremfall bis zu 150 Episoden am Tag sein.M. P. Twohig, D. W. Woods: Habit Reversal as a treatment for chronic skin picking in typically developing adult male siblings. In: Journal of Applied Behavior Analysis. 2001, 34, S. 217–220. Für die Schweregrad-Einschätzung hat sich die Skin Picking Scale Revised (SPS-R) bewährt, eine autorisierte Version wurde von Dr. Christina Gallinat ins Deutsche übertragen.

Bei Betroffenen, die täglich mehrere Stunden aufwenden, kann es zu Problemen im Beruf, mit der Schule oder im sozialen Bereich kommen, da sie sich durch ihr Verhalten verspäten, oder diese versäumen.

Ein weiteres Kriterium, nachdem der Schweregrad der Erkrankung sich unterteilen lässt, ist die Anzahl der Hautverletzungen und der betroffenen Stellen (engl. Picking Sites).E. P. Aydın, J. G. Kenar, İ. K. Altunay et al.: Clinical Characteristics and Comorbidities of Patients with Trichotillomania and Skin Picking Disorder Who Admitted to a Psychodermatology Outpatient Clinic: A Comparative Study . Turk Psikiyatri Derg. 2021 Summer;32(2):100-108. doi:10.5080/u25437, PMID 34392506

Bevor die Diagnose Skin-Picking-Störung final gestellt wird, ist abzuklären, dass das Verhalten nicht Symptom einer anderen Zwangsspektrumstörung (wie Körperdysmorphe Störung) ist, auf eine dermatologische Erkrankung zurückzuführen ist. Auch die Möglichkeit als Nebenwirkung von Arzneimitteln oder Drogen (wie Amphetamin) muss im Vorfeld abgeklärt werden.

Komorbidität und Folgen Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die überdurchschnittlich oft gemeinsam mit der Skin-Picking-Störung auftreten, wobei die Angabe in den Klammern die prozentual von Skin-Picking Betroffenen beziffert; Depressionen (12,5-48 Prozent beziehungsweise 32-37 Prozent) Substanzabhängigkeiten (incl. der Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen und Alkoholkrankheit; 14-36 Prozent) Angststörungen (8-23 Prozent) Generalisierte Angststörungen (12,5 - 48 Prozent) Onychophagie Dermatophagie Tourette-Syndrom und Ticstörungen (Selbstverletzendes Verhalten/Autoaggression)Kirsten R. Müller-Vahl: Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2024, ISBN 978-3-95466-793-2, S. 94.Kirsten R. Müller-Vahl: Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2024, ISBN 978-3-95466-793-2, S. 47.Kirsten R. Müller-Vahl: Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2024, ISBN 978-3-95466-793-2, S. 105.Julia Behrendt (2008): Zusammenhänge zwischen Zwangsstörungen und Ticstörungen in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Inanspruchnahmepopulation. (PDF; 710 kB) Inaugural-DissertationKieron O' Conner, Julie Leclerc : Tic Disorders and Tourette Syndrome. In Obsessive-Compulsive-Disorder. Subtypes and Spectrum Disorders. New York 2008.Bunmi O. Olatunji u. a.: Tic-related Obsessive Compulsive Disorder. In Obsessive-Compulsive-Disorder: Subtypes and Spectrum Disorder. New York 2008. Autismus und ADHSChristian Fischer, Paul Probst: Zwangsphänomene bei Asperger-Syndrom und High-functioning-Autismus. In: Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie. Band 54, Nr. 4, 2006, S. 277–292, doi:10.1024/1661-4747.54.4.277.Anholt GE, Cath DC, van Oppen P, Eikelenboom M, Smit JH, van Megan H et al. (May 2010). "Autism and ADHD symptoms in patients with OCD: are they. assoziated with specific OC symptom dimensions or OC symptom severity?" Journal of Autism and Developmental Disorders. 40 (5): 580-589. doi:10.1007/s10803-009-0922-1 PMC 2855859. PMID 20039111.

Ein Teil der Überschneidungen mit den oben genannten Krankheitsbildern haben sowohl Skin-Picking als auch Trichotillomanie gemeinsam.

Zu den körperlichen Folgen des Skin-Pickings gehört, dass die betroffenen Hautstellen häufig nicht verheilen können, sodass es zu Entzündungen, Problemen bei der Wundheilung durch erneutes Skin-Picking sowie immer stärkere Verletzungen und letztlich zur Bildung von Narben kommt.

Skin-Picking Betroffene leiden aufgrund der Narben, Wunden oder roten Stellen oftmals unter großen Scham- und Schuldgefühlen und versuchen, die betroffenen Stellen zu verbergen oder sie vermeiden den Kontakt zu anderen. Dies kann bis zur sozialen Isolation und somit einem erheblichen Verlust an Lebensqualität führen.T. Deckersbach, S. Wilhelm, N. J. Keuthen, L. Baer, M. A. Jenike: Cognitive-Behavior Therapy for Self-injurious Skin Picking. A Case Series. In: Behavior Modification. 2002, 26 (3), S. 361–377.

Therapiemöglichkeiten Die Erkrankung ist bisher nur unzureichend erforscht und auch unter Fachleuten noch wenig bekannt. In einer Meta-Analyse von 2024 wurden verschiedenen Behandlungsansätze geprüft und der Einsatz von kognitiver Verhaltenstherapie und Achtsamkeit und Akzeptanz-basierte behaviourale Ansätze als besonders wirksam bei der Behandlung der Skin-Picking-Störung beschrieben.T. Deckersbach, S. Wilhelm, N. J. Keuthen, L. Baer, M. A. Jenike: Cognitive-Behavior Therapy for Self-injurious Skin Picking. A Case Series. In: Behavior Modification. 2002, 26 (3), S. 361–377.