mini|Nathaniel Hawthorne, 1840 My Kinsman, Major Molineux ist eine 1828/29 entstandene Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Nathaniel Hawthorne, die erstmals 1832 in Samuel Goodrichs literarischem Almanach The Token anonym veröffentlicht und zwanzig Jahre später in den Sammelband The Snow-Image and Other Twice-Told Tales aufgenommen wurde.Siehe Peter Freese: Robin und seine vielen Verwandten: Zur Rezeptionsgeschichte von Nathaniel Hawthornes „My Kinsman, Major Molineux“. S. 12. Diese frühe Geschichte Hawthornes wurde in der Folgezeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wenig beachtet; seit ihrer Wiederentdeckung in den 1950er Jahren gehört sie jedoch zu den am häufigsten interpretierten und anthologisierten Erzählungen der amerikanischen Literatur.So liegen mittlerweile über achtzig Deutungsversuche vor. Vgl. zur Publikations- und Wirkungsgeschichte detailliert Peter Freese: Robin und seine vielen Verwandten . S. 12 ff. und Peter Freese: Text 1 und 2: Nathaniel Hawthorne, „My Kinsman, Major Molineux,“ and Benjamin Franklin, „Arriving in Philadelphia“. S. 109–125. Eine deutsche Übersetzung von Lore Krüger erschien 1980 unter dem Titel Mein Verwandter, der Major Molineux.

Der Protagonist der Geschichte, ein verarmter Junge vom Lande, kommt in einer Sommernacht in eine für ihn fremde, geheimnisvolle Stadt, um einen einflussreichen Verwandten aufzusuchen. Auf der beschwerlichen Suche nach seinem Verwandten wird er in verschiedenen Begegnungen mit Bewohnern dieser Stadt, die im historischen Detail als Boston zu erkennen ist,Vgl. z. B. Robert C. Grayson: The New England Sources of ’My Kinsman, Major Molineux‘. In: American Literature. 54, 1982, S. 545–559. Grayson zeigt in seiner Analyse, dass die in der Erzählung beschriebene Stadt bis in kleinste Details die geschichtliche Wirklichkeit Bostons um 1730 spiegelt. Siehe ebenso akribisch genau die Darstellung der historischen Parallelen bei Peter Freese: Text 1 und 2: Nathaniel Hawthorne, „My Kinsman, Major Molineux,“ and Benjamin Franklin, „Arriving in Philadelphia“. S. 128–132. immer wieder unbegreiflicherweise zurückgewiesen. Übermüdet und verwirrt erlebt er schließlich in einer Vermischung von Traum und Wirklichkeit, wie sein Verwandter geteert und gefedert auf einem Schinderkarren herangefahren und verspottet wird. Zunächst voller Mitleid und Entsetzen stimmt der Jugendliche sodann in einem Zustand verwirrender Erregung in das höhnische Gelächter des Pöbels ein.Peter Freese: Robin und seine vielen Verwandten: Zur Rezeptionsgeschichte von Nathaniel Hawthornes „My Kinsman, Major Molineux“. In: Klaus Lubbers (Hrsg.): Die englische und amerikanische Kurzgeschichte. S. 14 f.

Inhalt mini|Stadtplan Boston 1738 mini|Kupferstich: Boston zwischen 1723 und 1730 mini|First Town House Boston, im 17. Jhd. erbaut mini|Stich: Faneuil Hall, Boston, 1742 erbaut am Dock Square, dem ersten Aufenthaltsorts Robins

Den Anfang von My Kinsman bildet eine historiographische Einleitung, die den geschichtlichen Hintergrund liefert und das Geschehen auf etwa 1730 datiert. In dem dargebotenen historischen Bezugsrahmen weist der Erzähler auf die sich verschärfenden Spannungen zwischen den Statthaltern der englischen Krone und der Bevölkerung in den amerikanischen Kolonien hin, die wiederholt zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen die englischen Gouverneure führten.

Die Erzählung berichtet dann von dem knapp achtzehnjährigen Robin, der an einem mondhellen Sommerabend von einem unfreundlichen Fährmann als einziger Passagier nach Boston befördert wird. Die Überfahrt zu dieser unüblichen Zeit lässt der Fahrmann sich durch ein Sonderentgelt vergüten. Der Junge ist mit einem abgetragenen grauen Mantel und einem alten Dreispitz auf dem Kopf bekleidet; seine wenigen Habseligkeiten verwahrt er in einem Ranzen auf seinem Rücken und in seiner linken Hand hält er einen schweren Eichenknüppel zu seinem Schutz.

Als jüngster Sohn einer armen Pfarrersfamilie ist Robin vom Land in die Stadt gekommen, um seinen wohlhabenden Verwandten, den kinderlosen Major Molineux, zu besuchen und mit dessen Unterstützung, die er zuvor seinen Verwandten angeboten hatte, sein Glück zu machen. Auf der Suche nach dem Haus seines Onkels stößt der Neuankömmling mit seiner Frage nach dem Weg jedoch seltsamerweise immer wieder auf Hohn und spöttisches Gelächter.

Ein alter Mann mit einem polierten Stock droht ihm voller Wut und Verärgerung mit dem Hinweis auf seine Autorität eine Bestrafung am nächsten Morgen an; zwei Barbierjungen, die den Vorfall interessiert beobachten, reagieren mit rohem Gelächter. Ein Gastwirt, der ihn zunächst freundlich begrüßt, bezichtigt ihn sodann unter dem allgemeinen Gelächter der anwesenden Gäste, ein entlaufener Diener zu sein und verspricht demjenigen eine Belohnung, der ihn in einem der Gefängnisse der Provinz unterbringt. Eine verlogene Prostituierte in einem scharlachfarbenen Unterrock versucht ihn mit der falschen Behauptung, die Haushälterin des Majors zu sein, in ihr Haus zu locken; ein Nachtwächter verscheucht ihn mit der nochmaligen Androhung einer Bestrafung von der Straße. Eine kleine Gruppe von Männern spricht in einer für Robin unverständlichen Sprache und bleibt ihm ebenso wie der Nachtwächter die Antwort auf seine Frage nach dem Weg zur Wohnung des Majors schuldig. Ein geheimnisvoller Fremder mit feurigen Augen, einer doppelten Ausbuchtung auf der Stirn und einem schwarzroten höllischen Antlitz prophezeit ihm die in Kürze bevorstehende Ankunft des Majors.

Als Robin durch das Fenster einer verlassenen Kirche blickt, erblickt er im Mondschein die aufgeschlagenen Seiten einer großen Bibel. In einer traumhaften Vorstellung sieht er seine Familie, die sich vor dem Haus unter einem Baum zu einer gemeinsamen Andacht versammelt hat und währenddessen an ihn denkt und ihn vermisst. Nach dem Gebet verschließt seine Schwester jedoch die Haustür, bevor Robin der Familie ins Haus folgen kann. Er fühlt sich einsam und ausgeschlossen.

Kurz danach setzt sich ein freundlicher Fremder zu ihm auf die Stufen der Treppe und leistet ihm Gesellschaft. Der Unbekannte, dem Robin von seinem Anliegen berichtet, zeigt sich zuversichtlich, dass Major Molineux in wenigen Minuten vorbeikommen werde. Robins Aufmerksamkeit wird auf eine lärmende Menschenmenge gelenkt, die, angeführt von einem militärisch gekleideten Reiter mit einem gezogenen Schwert, in einem grellroten Lichtschein von Mondstrahlen und Fackeln mit Trompetengeschmetter näher kommt. Das grimmige, buntscheckige Äußere des Anführers mit seinem martialisch gefärbten rot-schwarzen Gesicht und die wilden Gestalten, die ihm in indianischer Aufmachung folgen, verleihen dem Aufmarsch ein unwirkliches, fabelhaftes Aussehen wie in einem Fiebertraum.

Unter dem Geschrei und Gelächter der Menge wird ein Karren herangezogen, auf dem Robins Onkel sitzt, geteert und gefedert. Trotz des physischen Schmerzes und der unerträglichen Demütigung durch die Schmähungen der Menschenmenge versucht Major Molineux, dessen große majestätischer Gestalt von seiner Standhaftigkeit zeugt, das Zittern und Beben seines Körpers zu unterdrücken, um seinen Stolz und seine Würde zu bewahren. Als der Blick des Jungen ihn trifft, scheint dies ihm die größte Qual zu bereiten.

Robin ist anfangs voller Mitleid und Entsetzen; die gespenstische Situation und mehr als alles andere die Erkenntnis der Lächerlichkeit der ganzen Szene lösen jedoch bald eine verwirrende Erregung in ihm aus und versetzen ihn in eine Art geistiger Trunkenheit. In seiner Verwirrung hört er das schallende Gelächter der Menschenmenge und nimmt die Personen wahr, denen er zuvor begegnet ist. Das ansteckende Gelächter erfasst Robin; er lacht brüllend auf, am lautesten von allen, so dass es durch die Straßen dröhnt.

Nachdem der Spuk vorüber ist, möchte der verstörte Robin nach Hause zurückkehren und fragt den freundlichen Fremden nach dem Weg zur Fähre. Dieser rät ihm jedoch zu bleiben und ohne die Hilfe des Major Molineux seinen Weg in der Welt zu machen.

Werkzusammenhang und literaturgeschichtliche Bedeutung Nach dem Abschluss seiner Ausbildung am Bowdoin College in Maine und der Rückkehr nach Salem wandte sich Hawthorne ab 1825 der Schriftstellerei zu, war jedoch mit seinen ersten literarischen Versuchen, der kurzen Romanze Fanshave (1828) und der ersten Sammlung von Erzählungen Seven Tales of My Native Land, derart unzufrieden, dass er sämtliche Manuskripte zerstörte. Ab 1830 erscheinen allerdings verschiedene historische Skizzen und allegorischen Erzählungen Hawthornes über das Leben im kolonialen Neuengland anonym in Neuengland-Magazinen, Zeitungen und Geschenkbänden.Siehe Peter Freese: Text 1 und 2: Nathaniel Hawthorne, „My Kinsman, Major Molineux,“ and Benjamin Franklin, „Arriving in Philadelphia“. S. 89.

My Kinsman, Major Molineux gehört zu dieser Gruppe der frühen Erzählungen Hawthornes, die vermutlich um 1828/29 entstanden. Die Kurzgeschichte wurde erstmals 1832 ebenfalls anonym in dem als Geschenkband vertriebenen Bostoner Almanach The Token von Samuel Griswold Goodrich unter dem Titel My Uncle Molineux veröffentlicht; als Verfasser wurde lediglich „the author of «Sights from a Steeple»“ genannt. Zeitgenössischen Leser und Kritiker zeigten sich offensichtlich wenig beeindruckt von der Erzählung; die einzigen überlieferten Kommentare zu der Veröffentlichung der Geschichte in The Token finden sich in Goodrichs Bemerkungen in seinen Briefen an Hawthorne.Vgl. Peter Freese: Über Schwierigkeiten des Erwachsenenwerden. S. 209 f., Peter Freese: Text 1 und 2: Nathaniel Hawthorne, „My Kinsman, Major Molineux,“ and Benjamin Franklin, „Arriving in Philadelphia“. S. 89, und Peter Freese: Robin und seine vielen Verwandten. S. 12.

Hawthorne selber schien offenbar der Erzählung zunächst ebenso wenig eine größere Bedeutung beizumessen; als er 1837 verschiedene seiner zerstreuten frühen Erzählungen als Sammelband mit dem Titel Twice Told Tales unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, verzichtete er auf eine Aufnahme von My Kinsman, Major Molineux. Erst zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung nahm Hawthorne die Erzählung 1852 in seine Anthologie The Snow-Image and other Twice Told Tales auf, ohne damit allerdings viel Aufmerksamkeit auf Seiten der zeitgenössischen Leser, Kritiker oder Autoren zu erzielen. In einer der wenigen erhaltenen Rezensionen zu The Snow-Image äußert sich E. A. Duyckinck 1852 missbilligend über My Kinsman, Major Molineux und kritisiert das Bild der geteerten und gefederten Erscheinung von Robins Verwandten als äußert lahmen und wenig wirkungsvollen Abschluss („Most lame and impotent conclusion“).Zitiert nach Peter Freese: Text 1 und 2: Nathaniel Hawthorne, „My Kinsman, Major Molineux,“ and Benjamin Franklin, „Arriving in Philadelphia“. S. 90. Siehe auch Peter Freese: Robin und seine vielen Verwandten. S. 12. Einzig Hawthornes früherer Klassenkamerad am Bowdoin College, der Schriftsteller und Lyriker Henry Wadsworth Longfellow erwähnt beiläufig in seinen Tales of a Wayward Inn (1863–1874, gesammelt 1886) „the great Major Molineux,/Whom Hawthorne has immortal made“ (dt. „den großen Major Molineux, den Hawthorne unsterblich gemacht hat“), wofür Hawthorne sich überschwänglich bedankte.Vgl. die Angaben und Belege bei Peter Freese: Text 1 und 2: Nathaniel Hawthorne, „My Kinsman, Major Molineux,“ and Benjamin Franklin, „Arriving in Philadelphia“. S. 90, und Peter Freese: Robin und seine vielen Verwandten. S. 12. Longfellows Zitat wurde diesen Quellen entnommen.