Angst wurde als philosophischer Begriff durch Kierkegaard und im Gefolge in der Existenzphilosophie prominent. Er spielt jedoch schon seit der antiken Ethik eine Rolle. Während die Existenzphilosophie mit Kierkegaard streng zwischen Angst und Furcht unterscheidet, ist das in der antiken Ethik (und auch in der theologischen Tradition) nicht der Fall.

Aristoteles Nach Aristoteles ist nicht jede Angstform als pathologisch oder moralisch abzulehnen. Angst kann vielmehr zu situationsangemessenen Überlegungen führen. Mechanische Angstlosigkeit gilt ihm als Tumbheit, objektiv unbegründete Angst (z. B. vor einer Maus) als pathologisch.Otfried Höffe: Lexikon der Ethik. 7. Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56810-7: Angst

Stoa und Epikureismus Die antike Stoa sah wie die Epikureer Angst als künstliche Emotion an, der mit Gelassenheit (Ataraxie) zu begegnen sei. Die Epikureer strebten einen angstfreien Zustand an, indem sie zu zeigen versuchten, dass der Tod im Grunde den Menschen nichts angehe, weil er kein Ereignis des Lebens sei. Die Angst vor den Göttern sollte dadurch entmachtet werden, dass für die Auffassung argumentiert wurde, dass die Götter in einer abgetrennten Sphäre existierten und sich für die Sterblichen nicht interessierten.

Augustinus Augustinus bestimmt die Furcht (timor) „grundlegend als das Gefühl der Entfremdung von Gott“.David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2000 Er unterscheidet bei der Gottesfurcht (timor dei) den timor castus und den timor servilis. Timor castus wird wörtlich mit „keuscher Furcht“,David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2000 anders auch mit „heiliger Angst“Otfried Höffe: Lexikon der Ethik. 7. Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56810-7: Angst. übersetzt. Während timor castus in der Furcht vor der Trennung von dem Geliebten besteht und durch die (Gottes)liebe motiviert ist, gilt timor servilis (knechtliche Furcht) als bloße „Straffurcht“,David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2000 die einer knechtischen Haltung entspringt und durch die Weltliebe und nicht durch die „Liebe zu Gott oder zum Guten“ motiviert ist. Trotz der Abwertung der timor servilis wird ihr eine pädagogische Funktion im Sinne einer Vorbereitung auf die Liebe zugemessen, was eine Pädagogik der Angst im Christentum begünstigt haben soll.So Kurt Flasch, zitiert in: David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2010

Böhme, Schelling Das Thema der Angst wird erst wieder von Böhme und F. W. J. Schelling beachtet.Alois Halder: Philosophisches Wörterbuch. Herder, Freiburg i. Br. u. a. 2008: Angst.

Nach Jakob Böhme „urständet sich ein jedes Leben in der Angst“Böhme: Von der Menschwerdung Jesu Christi II. 4, § 1, zitiert nach Regenbogen/Meyer (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Meiner, Hamburg 2005: Angst. und ist kein Leben ohne Angst.

Hegel Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehört Angst zum notwendigen Übergang auf dem Weg des Bewusstseins zum Selbstbewusstsein. Die Überwindung der Angst werde durch Arbeit (im Sinne von Beruf, oder Arbeiten an sich selbst?) vollzogen.Anton Hügli, Poul Lübcke (Hrsg.): Philosophielexikon. 6. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-499-55689-0: Angst

Existenzphilosophie Im Anschluss an Søren Kierkegaard wird das Thema Angst zu einem Grundthema der Existenzphilosophie. So u. a. bei Martin Heidegger, Karl Jaspers, Jean-Paul Sartre und Peter Wust.

Kierkegaard Søren Kierkegaard, der in der Tradition des Augustinismus zu sehen ist, befasst sich mit dem Thema Angst vor allem in seiner Schrift Der Begriff Angst von 1844. Der menschliche Geist durchläuft in dieser Schrift verschiedene Erscheinungsformen. Kierkegaard unterscheidet zwischen den Zuständen der Unschuld, der Sünde und der Erlösung. Am Zustand der Unschuld klärt sich das Verhältnis von Angst und Nichts. Der Geist ist hier träumend gegenwärtig, d. h. er hat sich noch nicht als Geist erfasst, strebt aber dahin, in ein Verhältnis zu sich selbst zu treten. Dabei steht dieses Streben in einem ständigen Konflikt. Angst ist da gegeben, wo der Geist sich danach sehnt, sich selbst zu setzen und davor zugleich zurückschreckt. Der Geist empfindet sich als von seiner eigenen Wirklichkeit angezogen und abgestoßen zugleich. An einer Stelle wird das Ganze dieser Bewegung dialektischer Zweideutigkeit als Angst bezeichnet: „Angst ist eine sympathetische Antipathie und eine antipathetische Sympathie.“Sören Kierkegaard: Der Begriff Angst, übersetzt von Emanuel Hirsch. In Gesammelte Werke, Düsseldorf/Köln 1950ff., Bd. 5, S. 40 (Samlede Vaerker, Kopenhagen 1901–1906, Bd. 4, S. 313) Die Wirklichkeit seiner selbst ist dabei für den träumenden Geist wie ein Nichts. Der Geist ängstigt sich vor dem Nichts: „Des Geistes Möglichkeit zeigt sich fort und fort als eine Gestalt, die seine Möglichkeit lockt, ist jedoch entschwebt, sobald diese danach greift und ist ein Nichts, das nichts als ängsten kann.“ Als auf etwas Unbestimmtes gerichtet aber unterscheidet sich die Angst „von Furcht und ähnlichen Begriffen“. Furcht ist immer Furcht vor diesem oder jenem Bestimmten.

Die Angst bewirkt weiter, dass der Geist sich im Versuch, sich selbst zu setzen, am Ende selbst verfehlt. Dabei ist die Sünde für Kierkegaard ein misslungener Akt der Selbstsetzung des Geistes, bzw. der Freiheit. Auch auf der Ebene des der Sünde verfallenen Geistes lebt der Mensch wieder in Angst: „Die Sünde ist mit der Angst hineingekommen, aber die Sünde brachte wiederum die Angst mit sich“.Sören Kierkegaard: Der Begriff Angst. In Gesammelte Werke, Düsseldorf/Köln 1950ff., Bd. 5, S. 52 (Samlede Vaerker, Kopenhagen 1901–1906, Bd. 4, S. 324). „Einerseits ist das in sich Zusammenhängende (die Kontinuität) der Sünde die Möglichkeit, welche ängstigt; anderseits ist die Möglichkeit einer Erlösung wiederum ein Nichts, welches das Individuum so liebt wie fürchtet;“

In der Erlösung bzw. im Glauben sind Angst und Sünde aufgehoben. Um dahin zu gelangen, muss sich der Mensch zuvor (Der Begriff Angst, letztes Kapitel) durch die Angst „bilden“ lassen,Sören Kierkegaard: Der Begriff Angst. In Gesammelte Werke, Düsseldorf/Köln 1950ff., Bd. 5, S. 161ff (Samlede Vaerker, Kopenhagen 1901–1906, Bd. 4, S. 422). d. h. jede Möglichkeit des Schicksals und jede Möglichkeit der Schuld/Sünde als für sich selbst möglich erachten. Wer für sich selbst nicht einsieht, dass ihr jederzeit das schlimmste Unglück widerfahren kann, wer nicht einsieht, dass das Entsetzliche, das Verderben, die Vernichtung Tür an Tür wohnt mit einem jeden Menschen, kann Angst und Sünde nicht wahrhaft überwinden.

Heidegger

Martin Heidegger unterscheidet in Sein und Zeit (1927) drei verschiedene Weisen des In-der-Welt-seins: die Befindlichkeit, das Verstehen und die Rede. Die Befindlichkeit ist das Gestimmtsein. Der Mensch bzw. das Dasein ist immer gestimmt.Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 134. Die Angst aber wird als die „Grundbefindlichkeit“ bezeichnet, die sich radikal auf die Erfahrung des bloßen „Daß es ist“ des Daseins bezieht.Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 135. Sie vereinzelt das Dasein auf sein eigenstes In-der-Welt-sein,Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 187. d. h. die alltägliche Vertrautheit bricht in sich zusammenMartin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 189. und es erschließt sich dem Dasein die Bedrohlichkeit bzw. die Unheimlichkeit, das Nicht-zuhause-sein seines In-der-Welt-seins.Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 188. Dabei ist „das Wovor“ der Angst im Gegensatz zur Furcht völlig unbestimmt, „Nichts ist es [das Bedrohliche] und nirgends“.Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 186. In der Angst vor dem Tode enthüllt sich die Geworfenheit in den Tod, d. h. der Tod als eigenstes, unüberholbares Seinkönnen eines jeden Daseins.Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 251. Das in der Angst enthüllte Seinkönnen ermöglicht nach Heidegger ein Sichverstehen in seinem eigenen SeinkönnenMartin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 287. und damit die Wahl als das Sichentscheiden für ein Seinkönnen aus dem eigenen SelbstMartin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 268. bzw. die Entschlossenheit.Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 151979, ISBN 3-484-70122-6, S. 297.

In der Vorlesung Was ist Metaphysik? (1929) ist das Wovor der Angst nicht das In-der-Welt-sein als solches, sondern die Angst offenbart die Welt als das Seiende als Ganzes und das Nichts als etwas sich von der Welt Abhebendes.Martin Heidegger: Was ist Metaphysik? Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-465-03517-6, S. 28. Vgl. zum Unterschied des Angstverständnisses von „Sein und Zeit“ und „Was ist Metaphysik?“ Romano Pocai: Heideggers Theorie der Befindlichkeit: sein Denken zwischen 1927 und 1933 Freiburg (Breisgau), München: Alber 1996, ISBN 3-495-47835-3 Das Nichts ist hier das Unbestimmte schlechthin im Sinne des ganz Anderen als das Seiende. Dabei entschleiert sich in der Erschlossenheit des Nichts das SeinMartin Heidegger: Was ist Metaphysik? Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-465-03517-6, S. 45. bzw. das Nichts west als das Sein.Martin Heidegger: Was ist Metaphysik? Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-465-03517-6, S. 46.

In Sein und Zeit ängstet sich das Dasein vor der Geworfenheit, der Faktizität, im Grunde vor seiner Ohnmacht und läuft dann „entschlossen“ in den Tod voraus. In Was ist Metaphysik? ängstet sich das Dasein hingegen vor dem eigenen Entwerfen und also vor der existentialen Freiheit.Vgl. Romano Pocai: Heideggers Theorie der Befindlichkeit: sein Denken zwischen 1927 und 1933 Freiburg (Breisgau), München: Alber 1996, ISBN 3-495-47835-3.

Jaspers Für Jaspers folgt die Angst aus einem Scheitern in Grenzsituationen, die durchgestanden „ein unbegreifliches Vertrauen in den Grund aller Dinge“Zitiert nach Alois Halder: Philosophisches Wörterbuch. Herder, Freiburg i. Br. u. a. 2008: Angst. bewirke.

Wust Der christliche Existenzphilosoph Peter Wust sieht für den Menschen auf der Suche nach „Geborgenheit in der Ungeborgenheit“ in der Gottes- und Glaubensgewissheit als „homo religiosus“ einen Weg aus der existenziellen Angstkrise.Peter Wust: Ungewissheit und Wagnis. Der Mensch in der Philosophie. Neubearbeitete 9. Auflage. LIT-Verlag, Münster 2002, ISBN 3-8258-6066-3.

Literatur Søren Kierkegaard, Uta Eichler (Hrsg.): Der Begriff Angst. (Originaltitel: Begrebet angest. übersetzt von Gisela Perlet) (= Reclams Universal-Bibliothek. 8792). Stuttgart 1992, ISBN 3-15-008792-9. Peter Wust: Ungewissheit und Wagnis. Der Mensch in der Philosophie. Neubearbeitete 9. Auflage. LIT-Verlag, Münster 2002, ISBN 3-8258-6066-3. David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe, 4. Oktober 2010. Otfried Höffe: Lexikon der Ethik. 7. Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56810-7: Angst. Anton Hügli, Poul Lübcke (Hrsg.): Philosophielexikon. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-499-55689-0: Angst. Arnim Regenbogen, Uwe Meyer (Hrsg.): Wörterbuch der Philosophischen Begriffe. Meiner, Hamburg 2005, ISBN 3-7873-1738-4: Angst.

Jörg Disse: Philosophie der Angst: Kierkegaard und Heidegger im Vergleich, in: Kierkegaardiana 22 (2002), ISBN 87-7876-311-8, 64–88. Romano Pocai: Heideggers Theorie der Befindlichkeit: sein Denken zwischen 1927 und 1933. Freiburg (Breisgau), München: Alber 1996, ISBN 3-495-47835-3. Augustinus, Kurt Flasch (Hrsg.): Logik des Schreckens. 3. Auflage. Mainz: Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung 2012, ISBN 978-3-87162-078-2.

Einzelnachweise

Kategorie:Ethik (Philosophie) Kategorie:Existenzphilosophie Kategorie:Anthropologie