Umaiya ibn Abī s-Salt (; gest. um 630 in at-Tā'if) war ein Dichter aus dem arabischen Stamm Thaqīf, der dem Islam ähnliche Ideen vertrat und den Hanīfen zugerechnet wird. Den prophetischen Führungsanspruch seines jüngeren Zeitgenossen Mohammed lehnte Umaiya ab, weil er sich selbst in der Rolle eines Propheten sah, allerdings war er für kurze Zeit bereit, sich Mohammed anzuschließen. Mohammed bewunderte umgekehrt die Gedichte Umaiyas, sah ihn jedoch als einen „Abgeirrten“ an.
Aufgrund seiner großen Bedeutung für die Vor- und Frühgeschichte des Islams ist Umaiya ibn Abī s-Salt seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein wichtiges Thema islamwissenschaftlicher und arabistischer Forschung. Vor allem die Authentizität der verschiedenen in Umaiyas Namen überlieferten religiösen Gedichte wurde sehr kontrovers diskutiert. Sie enthalten Anspielungen auf biblische Geschichten und weisen zahlreiche inhaltliche und sprachliche Übereinstimmungen mit dem Koran auf.
Leben Quellen Eine der wichtigsten Quellen zum Leben Umaiyas ist die „Geschichte der Stadt Damaskus“ von Ibn ʿAsākir (gest. 1176), die einen biographischen Eintrag zu ihm enthält, der in der modernen Druckausgabe 32 Seiten einnimmt. Ibn ʿAsākir behandelt Umaiya in seinem Buch, weil dieser auf einer Reise Damaskus besucht haben soll.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. S. 255. Ibn Kathīr (gest. 1373), der sich in seiner Weltchronik al-Bidāya wa-nihāya ebenfalls ausführlich mit Umaiya befasst, hat seine Informationen hauptsächlich aus Ibn ʿAsākirs Werk bezogen. Daneben sind als Quellen noch verschiedene andere Sammelwerke von Ibn Sallām al-Dschumahī (gest. 845/6), Ibn Qutaiba (gest. 882), Abū l-Faradsch al-Isfahānī (gest. 967) und ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (gest. 1682) von Bedeutung, die biographische Einträge zu Umaiya enthalten. Wie dem Fihrist von Ibn an-Nadīm zu entnehmen ist, hatte schon der im Hedschas wirkende Gelehrte az-Zubair ibn Bakkār (gest. 870) ein eigenständiges Werk zu den Nachrichten über Umaiya erstellt.Vgl. Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. Ed. Gustav Flügel. Leipzig 1871-72. S. 111, Z. 10. Digitalisat. Zwar ist dieses Werk selbst nicht erhalten, doch hat Abū l-Faradsch seine Angaben höchstwahrscheinlich diesem Werk entnommen. Er nennt an verschiedenen Stellen in seinem biographischen Eintrag az-Zubair als seine Quelle.Vgl. Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1975, S. 299f.
Eine weitere wichtige Quelle sind Umaiyas eigene Gedichte. Sie sind hier nach der Sammlung zitiert, die Friedrich Schulthess 1911 veröffentlichte. Zwar wird die Echtheit einiger Gedichte, die im Namen Umaiyas überliefert werden, bezweifelt, doch sind die in diesem Abschnitt zitierten Gedichte davon nicht betroffen.
Umaiyas Herkunft und familiäre Verhältnisse Umaiya lebte in der Stadt at-Tā'if, die etwa 100 Kilometer südöstlich von Mekka liegt, und gehörte dem Stamm Thaqīf an, der über diese Stadt herrschte. Schulthess‘ Sammlung enthält auch mehrere Gedichte Umaiyas, die der Verherrlichung von at-Tā'if und der Thaqīf dienen (Nr. I-IV, XIV).
Umaiyas Vater Abū s-Salt ʿAbdallāh ibn Abī Rabīʿa war Dichter und soll auf Saif ibn Dhī Yazan, den letzten himyaritischen Herrscher (gest. 597 n. Chr.), ein Lobgedicht verfasst haben.Vgl. Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. IV, S. 96 und Ibn Qutaiba: aš-Šiʿr. 1987, S. 461. Durch seine Mutter Ruqaiya, eine Tochter von ʿAbd Schams ibn ʿAbd Manāf, war Umaiya verwandtschaftlich ebenfalls mit der mekkanischen Aristokratie verbunden. Das schlägt sich auch in seiner Dichtung nieder. In einem seiner Gedichte (Nr. XXI) preist er Harb ibn Umaiya, den Enkel von ʿAbd Schams.
Umaiya hatte vier Söhne: ʿAmr, Rabīʿa, Wahb und al-Qāsim. Letztgenannter wurde später ebenfalls als Dichter tätig.Vgl. Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. IV, S. 96 und Ibn Qutaiba: aš-Šiʿr. 1987, S. 462. Außerdem wird in verschiedenen Berichten erwähnt, dass Umaiya zwei Töchter hatte.Vgl. Ibn Kathīr: al-Bidāya wa-n-nihāya. Bd. III, S. 283.
Der Kontakt zu dem Mekkaner Ibn Dschudʿān In Mekka pflegte Umaiya Umgang mit dem angesehenen und wohlhabenden Händler ʿAbdallāh ibn Dschudʿān aus dem quraischitischen Clan der Banū Taim.Vgl. bei Sprenger: Das Leben und die Lehre des Moḥammad. 1869, Bd. I, S. 76f. So soll er zugegen gewesen sein, als Ibn Dschudʿān bei einer öffentlichen Tafel die neue Süßspeise Fālūdh in Mekka einführte, die er in Persien kennengelernt hatte. Umaiya machte auf diese Gelegenheit ein Gedicht.Vgl. Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. VIII, S. 237. Bekannt ist auch die Geschichte über die „die beiden Zikaden von ʿĀd“ (ǧarādatā ʿĀd). Ibn Dschudʿān besaß zwei Sklavinnen, die schön sangen und die er deswegen so genannt hatte. Umaiya bewunderte sie, und um Ibn Dschudʿān dazu zu bringen, ihm die beiden Sklavinnen zu überlassen, trug er ihm ein Lobgedicht vor, in dem er seinen Wunsch andeutete. Ibn Dschudʿān schenkte ihm darauf tatsächlich eines der beiden Mädchen. Als er sie ihm zurückbrachte, weil die Leute ihn tadelten, dass er sie dem alten Mann weggenommen habe, obwohl er wüsste, dass jener sie zur Pflege bräuchte, drängte ihm Ibn Dschudʿān noch die andere auf.Vgl. Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. VIII, S. 235f.
Das Gedicht, das Umaiya Ibn Dschudʿān vortrug, um ihn dazu zu bringen, ihm die beiden Sklavinnen zu überlassen, hat Eingang in alle bedeutenden arabischen Anthologien gefunden. In der deutschen Übersetzung Friedrich Rückerts lauten die ersten Verse wie folgt: Soll meine Not ich sagen, oder gnügt mir das Schamgefühl vorm Armen, das dich schmückt? Samt Deinem Wißen um die Pflicht, indem du ein Ruhmsproß bist vom reinsten Stamm beglückt, Ein Freund, den weder Morgen weder Abend der angebornen schönen Art entrückt. Der Beni Teim Ruhmwerke sind dein Boden, darüber man als Himmel dich erblickt.Vgl. Friedrich Rückerts Werke: historisch-kritische Ausgabe; "Schweinfurter Edition". Werke 1846/1847, Bd. 3: Hamâsa, Teil 2. Wallstein, Göttingen, 2004. S. 922.
Ein weiteres Lobgedicht auf Ibn Dschudʿān (in Schulthess‘ Sammlung Nr. XIII) ist nach allgemeiner Auffassung als Elegie auf den Tod seines Gönners anzusehen.Vgl. Nöldeke: Umaija b. Abiṣ Ṣalt, 1912, S. 162. Umaiya soll mit Ibn Dschudʿān auch zusammen gezecht haben, bevor er dem Wein entsagte.Vgl. Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. VIII, S. 238f. Auf das lustige Leben, das der Dichter in früher Zeit geführt hat, nimmt möglicherweise auch der Schluss des Gedichtes Nr. XXV in Schulthess‘ Sammlung Bezug.Vgl. Nöldeke: Umaija b. Abiṣ Ṣalt, 1912, S. 162. Hier heißt es: „Darum vergib einem Knechte! Sieh, der Anfang seiner Sünde ist Trinken und Maisirspielen, mit Scherz verbunden.“
Religiöse Entwicklung Nach Ibn Sallām al-Dschumahī trat Umaiya irgendwann mit dem Hanīfen Zaid ibn ʿAmr in Verbindung, der, so Ibn Sallām, zusammen mit Waraqa ibn Naufal in der Zeit der Dschāhilīya nach Religion strebte.Vgl. Ibn Sallām al-Ǧumaḥī: Ṭabaqāt fuḥūl aš-šuʿarāʾ. S. 262f. Ibn Qutaiba berichtet, dass Umaiya „die vorangegangenen Bücher Gottes“ (al-mutaqaddima min kutub Allāh) las, zur Verehrung Allahs aufrief und den Götzendienst zu bekämpfen begann.Vgl. Ibn Qutaiba: aš-Šiʿr. 1987, S. 459. Abū l-Faradsch al-Isfahānī berichtet unter Berufung auf den mütterlichen Onkel von az-Zubair ibn Bakkār, dass sich Umaiya nach der Lektüre von Büchern zur Verehrung Gottes in Sacktuch (musūḥ) gekleidet habe. Er habe Abraham, Ismael und das Hanīfentum erwähnt, den Alkohol verboten, den Sinn des Götzendienstes bezweifelt und in der Suche nach Wahrheit das Fasten gehalten.Vgl. Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. IV, S. 97.
Nach einer Gruppe verschiedener Überlieferungen, die Ibn ʿAsākir anführt,Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. S. 256–262. reiste Umaiya noch vor Mohammeds prophetischem Auftreten in Mekka mit seinem Verwandten Abū Sufyān ibn Harb zu Handelszwecken nach Syrien. Abū Sufyān, der in diesen Überlieferungen selbst zu Wort kommt, berichtet darin, dass Umaiya zu dieser Zeit bereits an eine Auferstehung der Toten, eine jenseitige Bestrafung der Sünden und die Unterteilung der Menschen in eine „Schar des Paradieses“ (farīq al-ǧanna) und eine „Schar des Höllenfeuers“ (farīq an-nār) glaubte.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. S. 261. Ibn Kathīr berichtet unter Berufung auf den andalusischen Gelehrten ʿAbd ar-Rahmān as-Suhailī (gest. 1185), dass Umaiya auch der erste war, der die Invokationsformel Bi-smi-ka Allāhumma („In Deinem Namen, o Allah“) verwendete,Zit. bei Ibn Kathīr: al-Bidāya wa-n-nihāya. Bd. III, S. 290. die auch im Islam neben der Basmala benutzt wird.
In verschiedenen Überlieferungen wird berichtet, dass Umaiya in den alten Schriften gelesen hatte, dass Gott in seiner Zeit einen Gesandten zu den Arabern schicken werde, und nun diesen Propheten erwartete.Vgl. bei Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. IV, S. 97. Ein Vers aus einem längeren Gedicht Umaiyas, das in verschiedenen Werken zitiert und als echt eingestuft wird,Vgl. Seidensticker: Authentizität. 2011, S. 56. zeigt, dass er tatsächlich in Erwartung eines Propheten war. Er lautet: a-lā nabīya la-nā min-nā fa-yuḫbira-nā mā buʿdu ġāyati-nā min raʾsi maǧrā-nā Haben wir keinen Propheten unter uns, der uns ansagen könnte, wieweit unser Endziel entfernt ist von unserem Ausgangspunkte? Schulthess: „Umayya b. Abi ṣ-Ṣalṭ“. 1911, Nr. XXXV, V. 3.
Nach einer Überlieferung, die Abū l-Faradsch unter Berufung auf az-Zuhrī (gest. 741/2) zitiert, soll Umaiya auch mit Abū Bakr, der wie Ibn Dschudʿān zum Clan der Banū Taim gehörte, über den zu erwartenden Gesandten gesprochen haben. Dabei soll er gesagt haben: „Die Nachricht ist rätselhaft (ʿamiya l-ḫabar). Hast Du etwas bemerkt?“ Auf die verneinende Antwort Abū Bakrs erwiderte er dann: „Ich habe ausfindig gemacht, dass er dieses Jahr hervortreten soll.“Vgl. bei Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. IV, S. 98 und die Übersetzung bei Sprenger: Das Leben und die Lehre des Moḥammad. 1869, Bd. I, S. 114. Nach den Berichten, die Ibn ʿAsākir über Umaiyas Reise mit seinem Verwandten Abū Sufyān ibn Harb anführt, erkundigte sich Umaiya auch in Syrien bei einem christlichen Gelehrten über „den Propheten, der erwartet wird“ (an-nabī allaḏī yuntaẓar).Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. S. 259.
Prophetische Ambitionen und Ablehnung Mohammeds In verschiedenen Überlieferungen wird berichtet, dass man Umaiya, als Mohammed in Mekka als Gottesgesandter auftrat, an seine eigenen religiösen Erwartungen erinnerte. Nach einem Bericht, den Abū l-Faradsch zitiert, sagte man zu ihm: „Der ist es doch, den du schon so lange erwartest und von dem du sprichst.“Abū l-Faraǧ: Kitāb al-Aġānī. Bd. IV, S. 97. Umaiya habe Mohammed jedoch beneidet und sei ungläubig geblieben, weil er gehofft hatte, selbst der erwartete Gesandte zu sein.Vgl. Ibn Qutaiba: aš-Šiʿr. 1987, S. 459. In dem Bericht, in dem Abū Sufyān zu Wort kommt, wird Umaiya mit der Aussage zitiert, dass er niemals an einen Gesandten außerhalb des Stammes Thaqīf geglaubt hätte.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. S. 260. Vielleicht trat Umaiya sogar selber offen als Prophet auf. Ibn ʿAsākir referiert am Anfang seines biographischen Eintrags über Umaiya die Auffassung, „dass er ein Prophet war“ (anna-hū kāna nabīyan).Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. S. 255.