mini|Baltische Wappen, ca. 1930, Autor: Baltische Gesellschaft in Deutschland e.V. mini|Glasfenster der Deutsch-Balten im Lüneburger Brömsehaus|alternativtext=Farbfotografie eines Glasfensters mit blauem und weißem Querstreifen, auf dem ein schwarz-weißes Wappen mit einem schwarzen Kreuz und der Aufschrift „In Treuen fest“ steht. Auf einer ausgerollten Pergamentrolle im unteren Fensterbereich steht „Die Deutschbalten 1973“. Die Deutsch-Balten (in der Fachliteratur Deutschbalten, teils auch Baltendeutsche, früher auch nur Balten) waren eine im Bereich des heutigen Estland und Lettland ansässige deutschsprachige Minderheit, die ab dem späten 12. Jahrhundert als eingewanderte Oberschicht großen Einfluss auf Religion, Kultur und Sprache der Letten und Esten hatte. Außerdem spielte der deutschbaltische Adel eine bedeutende Rolle in der Geschichte Russlands. Aus seinen Reihen kamen zahlreiche russische Minister, Politiker, Militärführer und Wissenschaftler. Die deutschsprachige Kaiserliche Universität Dorpat (in Dorpat, Gouvernement Livland, heute Tartu in Estland) hatte besonders im 19. Jahrhundert einen festen Platz im deutschen Kulturleben.

Die Deutsch-Balten stellten den Adel und den Großteil des Bürgertums und bis weit ins 19. Jahrhundert die Mehrzahl der Stadtbewohner in den russischen Ostseegouvernements Estland, Livland, Kurland. Obwohl die Staaten Estland, Lettland und Litauen heutzutage zum Baltikum gerechnet werden, gehörte die deutsche Minderheit in Litauen (Litauendeutsche) nicht zu den Deutsch-Balten.

Seit der hochmittelalterlichen Ostsiedlung sind die Deutsch-Balten zusammen mit den Siebenbürger Sachsen und Zipser Sachsen eine der ältesten deutschen Siedlergruppen in Ostmitteleuropa.Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen. In: Siebenbürgisches Kulturzentrum Schloss Horneck e. V.Friedrich Gottas: Gerufen! Die deutsche Ostsiedlungsbewegung im Mittelalter. Vorlesung vom 10. November 2003 im Rahmen der Ringvorlesung „Das Bild und die Geschichte Osteuropas im Mittelalter“.

Der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt schlug das Baltikum dem sowjetischen Einflussgebiet zu, im Zuge dessen beide Minderheiten zu ihrer Umsiedlung „Heim ins Reich“ in annektierte polnische Gebiete gedrängt wurden. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs mussten die verbliebenen Deutsch-Balten Richtung Westen fliehen und gingen in der dortigen Bevölkerung auf. Heute sind nur noch sehr wenige Deutschsprachige in den baltischen Ländern ansässig.

Begriff Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fühlten sich die in Kurland und Semgallen, in Livland und im Gouvernement Estland lebenden Deutschen als Kurländer, Livländer und Estländer, also vor allem derjenigen Landschaft verbunden, in der sie lebten.Māra Grudule: Vācbaltieši Latvijas un latviešu kultūras vēsturē. In: Jānis Stradiņš (Hrsg.): Latvieši un Latvija. Akademiski raksti, Bd. 4: Viktors Hausmanis, Maija Kūle (Red.) Latvijas kultūra, izglītiba, zinātne. Lettische Akademie der Wissenschaften, Riga 2013, ISBN 978-9934-8373-5-7, S. 207–230; deutsche Übersetzung: . In: Übersetzte Geschichte, Nordost-Institut, Lüneburg 2017. Erst nachdem 1795 auch das Herzogtum Kurland und Semgallen dem Russischen Kaiserreich zugefallen war und Kurländer, Livländer und Estländer im selben Staat lebten, entwickelten die drei Gruppen allmählich ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit. Als Mitte des 19. Jahrhunderts das gebildete Bürgertum neben dem Adel und den städtischen Beamten als politische Kraft auftrat, kam für sie die Bezeichnung Balten auf.Gert von Pistohlkors: Baltische Länder (= Deutsche Geschichte im Osten Europas). Durchges. und auf den neuesten Stand gebrachte Aufl. Siedler, Berlin 2002, ISBN 3-88680-774-6, S. 365. Diese wurde auch in Russland und Deutschland verwendet, meist ohne dabei die nicht deutschsprachige Bevölkerung etwa der Esten, Liven und Letten einzubeziehen. Der präzisere Ausdruck Deutschbalten setzte sich vor dem Ersten Weltkrieg durch.Gert von Pistohlkors: Baltische Länder. 2002, S. 29. Im Beamtendeutsch wurde zu dieser Zeit von Deutschrussen gesprochen.

Der zwar früher belegte, aber nur selten verwendete Begriff Baltendeutsche war zur Zeit des Nationalsozialismus im offiziellen Gebrauch in Analogie zu Volksdeutsche, Sudetendeutsche etc. und wurde in Lettland zuerst von der sogenannten „Bewegung“ Erhard Kroegers verwendet.Matthias Schröder: Deutschbaltische Offiziere im Zweiten Weltkrieg und ihre politischen Initiativen für General Vlasov. In: Michael Garleff (Hrsg.): Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich. Bd. 2. Hrsg. im Auftrag der Karl-Ernst-von-Baer-Stiftung in Verbindung mit der Baltischen Historischen Kommission. Böhlau, Köln 2008, ISBN 978-3-412-12299-7, S. 335–351, hier S. 348, Fußnote 12.Bernhard Böttcher: Gefallen für Volk und Heimat. Kriegerdenkmäler deutscher Minderheiten in Ostmitteleuropa während der Zwischenkriegszeit (= Studia Transylvanica. Bd. 39). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2009, ISBN 978-3-412-20313-9, S. 44 (zugl.: Diss., Univ. Jena, 2007). Trotzdem wurde auch „Deutschbalten“ weiterhin genutzt.Google Ngram Viewer: „deutschbalten, baltendeutsche, baltendeutscher, baltendeutschen“ 1880–1945 (Für weitere Schreibvarianten gab es nur ein Ergebnis; sie wurden daher von der Suche ausgeschlossen.)

Obwohl von sprachwissenschaftlicher Seite spätestens in den frühen 1970er Jahren empfohlen wurde, ihn nicht mehr zu verwenden,Der Ausdruck Baltendeutsche entspreche laut Wolfgang Laur (Baltisch und Balten. In: Beiträge zur Namenforschung. N. F. 7 (1972), S. 45–72) nicht den deutschen Sprachkonventionen, und er empfiehlt, das Wort trotz dessen großer Verbreitung nicht zu verwenden. wurde und wird „Baltendeutsche“ weiterhin in deutschsprachigen Medien benutzt.Google Ngram Viewer: „deutschbalten, baltendeutsche, baltendeutscher, baltendeutschen“ 1945–2000 (Für weitere Schreibvarianten gab es nur ein Ergebnis; sie wurden daher von der Suche ausgeschlossen.)Beispiele:

Geschichte Mittelalter mini|Das Baltikum im Jahr 1260|alternativtext=Farbige Grafikkarte des Baltikums aus dem Mittelalter mit seinen angrenzenden Ländern. Alle Bistümer und Bischofssitze sind farblich oder mit einem Kreuz markiert. Auch wichtige Schlachten in und um das Baltikum sind mit zwei sich kreuzenden Schwertern und der Jahreszahl markiert.

Die ersten Deutschen kamen ab dem Ende des 12. Jahrhunderts im Rahmen der Deutschen Ostsiedlung und der Eroberung des damals noch heidnischen Baltikums durch den Schwertbrüderorden ins Land. Der Schwertbrüderorden konnte das ganze Gebiet des heutigen Estlands und Lettlands (die späteren historischen Gebiete Kurland, Livland und Estland) unter seine Herrschaft bringen. Die meisten deutschen Siedler kamen aus den Gebieten des heutigen Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Westfalen. Im Unterschied zum südlich gelegenen Preußen (dem späteren Ostpreußen), das vom Deutschen Orden erobert wurde, kam es im Baltikum nicht zu einer flächendeckenden Ansiedlung deutscher Bauern. Das deutsche Bevölkerungselement blieb weitestgehend auf das Bürgertum in den Städten, die Großgrundbesitzer und die adlige und kirchliche Oberschicht des Landes beschränkt. So machten die Deutschsprachigen zwar nie mehr als 10 % der Bevölkerung aus, bildeten jedoch die größte Bevölkerungsgruppe in fast allen Städten des Baltikums, die durch die frühe Einführung des Magdeburger Rechts zu Wohlstand gelangten.Georg von Rauch: Geschichte der baltischen Staaten. 2., durchgesehene Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1977, ISBN 3-423-04297-4, S. 22–24.

In den meist von Deutschen gegründeten großen Städten, die sich oft der Hanse anschlossen (z. B. Riga, Reval/Tallinn, Dorpat/Tartu, Libau/Liepāja, Mitau/Jelgava, Dünaburg/Daugavpils), blieb das deutsche Bürgertum politisch und kulturell bis weit ins 19. Jahrhundert hinein tonangebend, sowohl unter schwedischer als auch unter russischer Oberherrschaft. Im Mittelalter stellte die deutschstämmige Ritterschaft die Oberschicht gegenüber der lange Zeit leibeigenen einheimischen Bauernschaft.

Die Geschichte der Deutschen in Litauen verlief anders, weshalb sie nicht zu den Deutsch-Balten gezählt werden. Zur ersten deutschen Ansiedlung in Litauen kam es nicht infolge einer Eroberung durch einen geistlichen Ritterorden, sondern auf Initiative der litauischen Fürsten Mindaugas und Gediminas. Sie beschränkte sich auf die Städte Vilnius, Trakai und Kaunas. Das gotische Stadtbild des spätmittelalterlichen Kaunas, wo die Hanse 1440 ein Kontor eröffnete, ging auf sie zurück. Im 16. Jahrhundert luden litauische Magnaten, die sich der Reformation in Polen-Litauen angeschlossen hatten, protestantische Deutsche zur Ansiedlung auf ihrem Besitz ein. Die dritte und größte Einwanderungswelle erfolgte im 19. Jahrhundert durch Einwanderung armer Landwirte aus Ostpreußen, die in Grenznähe neue Gemeinden gründeten, und den Zuzug Arbeitssuchender aus dem übrigen Deutschland in die größeren Städte Litauens.Harry Stossun: Deutsche aus Litauen. In: Detlef Brandes (Hrsg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Böhlau, Wien, Köln, Weimar 2010, ISBN 978-3-205-78407-4, S. 158–160.

Frühe Neuzeit mini|Karte der russischen Ostseeprovinzen Ende des 19. Jahrhunderts|alternativtext=Farbige Landkarte mit dem Titel „Russische Ostsee-Provinzen Livland, Estland und Kurland“. Alle Städte, Seen und Meere sind eingetragen. Die Landesgrenzen sind gelb umrandet. Der Rahmen besteht aus Maßstäben.

Im Verlauf der Reformation nahmen die Deutsch-Balten wie auch die estnische und lettische Bevölkerung ganz überwiegend den lutherischen Glauben an. Nach dem Zerfall der Reste des Deutschordensstaates im 16. Jahrhundert geriet das Baltikum zunächst unter die Herrschaft benachbarter Staaten (Polen-Litauen, Schweden, Dänemark). Der deutschbaltische Adel konnte jedoch unter den verschiedenen Herrschern seine Privilegien weitgehend bewahren. Nach dem Großen Nordischen Krieg 1721 kamen Estland und der größte Teil Livlands mit Ausnahme von Polnisch-Livland, das bei Polen-Litauen verblieb, unter russische Herrschaft. Im Verlauf der Ersten Polnischen Teilungen 1772 kam auch Polnisch-Livland zu Russland, infolge der Dritten Polnischen Teilungen schließlich das Herzogtum Kurland und Semgallen.

Die Deutsch-Balten konnten sich insgesamt mit der russischen Herrschaft gut arrangieren und die deutschbaltischen Ritterschaften behaupteten einen Großteil ihrer althergebrachten Rechte. Der deutschbaltische Adel erlangte großes Gewicht in der Politik und im Militärwesen Russlands. Zahlreiche Generäle, Admiräle und hohe politische Beamte im Zarenreich waren deutschbaltischer Abkunft. deutschbaltische Pfarrer waren im späten 18. und im frühen 19. Jahrhundert die Vorkämpfer der Volksaufklärung, einer Bewegung, die im Zuge der Aufklärung errungene Fortschritte, neues Wissen und neue Sichtweisen der ländlichen, zumeist bäuerlichen Bevölkerung vermittelte, unter anderem durch die Übersetzungen von Büchern und Volkskalendern ins Lettische und Estnische.Pauls Daija: Apgaismības starpnieki. Vācbaltiešu mācītāji latviešu rakstniecībā 1815–1848. Latvijas Nacionālā bibliotēka, Riga 2025, ISBN 978-9934-610-66-0 (lettisch).

In den größeren Städten der Ostseegouvernements, vor allem in Riga, gingen viele Kinder und Enkel der Kaufmannsfamilien, die sich dort niedergelassen hatten, durch Heirat im deutschbaltischen Bürgertum auf, bei den englischen und schottischen Familien meist in dritter Generation, in den Familien skandinavischer Herkunft oft schon in der zweiten Generation.Wilhelm Lenz: Die Entwicklung Rigas zur Großstadt. Holzner, Kitzingen am Main 1954, S. 6.