mini|Anton von Werner: Victoria – Die Vereinigung von Nord- und Süddeutschland, Saarbrücker Rathauszyklus, Historisches Museum Saar miniatur|Altes Rathaus Saarbrücken

Der Saarbrücker Rathauszyklus ist ein Gemäldezyklus des Malers Anton von Werner aus dem Jahr 1880. Er stellt Ereignisse und Personen der Schlacht bei Spichern und des Deutsch-Französischen Krieges dar. Das Auftragswerk für den neu errichteten Ratssaal am damaligen Rathaus von Saarbrücken, dem heutigen Alten Rathaus in Alt-Saarbrücken, war seit dessen Zerstörung im Oktober 1944 der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Im Jahr 2021 wurden die Gemälde in einer Sonderausstellung des Historischen Museums Saar präsentiert.

Vorgeschichte Als Frankreich am 19. Juli 1870 dem Norddeutschen Bund den Krieg erklärte, überschritten noch am gleichen Tag französische Truppen die preußische Grenze und nahmen Saarbrücken am 28. Juli unter Beschuss. Am 2. August drangen sie in die Stadt ein. Das Eintreffen preußischer Truppen veranlasste die Franzosen zum Rückzug auf die Spicherer Höhen. Dort wurden sie am 6. August in der Schlacht bei Spichern von den Preußen angegriffen.

Die am St. Johanner Bahnhof, dem heutigen Saarbrücker Hauptbahnhof, eintreffenden preußischen Truppen wurden von den Bürgern der Saarstädte tatkräftig unterstützt. Inmitten des Kampfgeschehens kümmerte sich die Saarbrücker Dienstmagd Katharine Weißgerber um die verwundeten Soldaten beider Nationen, wofür sie später vom preußischen König Wilhelm mit dem Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen ausgezeichnet wurde. Nachdem das Militärlazarett und die Kaserne von Saarbrücken mit Verwundeten überfüllt gewesen waren, wurden sie im städtischen Hospital versorgt, das von den Ärzten Dr. Hermann Jordan und Dr. Carl Schmidtborn geleitet wurde.A. Ruppersberg: Saarbrücker Kriegs-Chronik. S. 239–246. In den zeitgenössischen Schilderungen der Schlacht wurde die Erstürmung der Spicherer Höhen unter der Führung des Generals Bruno von François sehr oft über ihre strategische Bedeutung hinaus als Heldentat und der Tod des Generals als Heldentod dargestellt.

Am 8. August besuchte König Wilhelm samt Gefolge die Stadt. Die Ankunft verlief anders, als sie später auf dem Gemälde dargestellt werden sollte: Die Saarbrücker und St. Johanner Stadtverordneten wollten den von Homburg über St. Ingbert anreisenden König am 7. August 1870 an der St. Johanner Banngrenze empfangen, doch Wilhelm I. verspätete sich um einen Tag. Ein regelrechter Empfang mit Honoratioren und Fahnenschmuck fand nicht statt, da die verspätete Ankunft des Königs nicht offiziell angekündigt war. Mit König Wilhelm erschienen dessen Bruder, Prinz Carl, Großherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach, Prinz Luitpold von Bayern, Erbgroßherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin, Graf Bismarck, Helmuth Karl Bernhard von Moltke und Kriegsminister Albrecht von Roon sowie ein Gefolge von 900 Begleitpersonen. Selbst Friedrich Quien, bei dem der König logieren sollte, war bei der Ankunft Wilhelms nicht anwesend und musste von seinem Schwiegersohn, dem Bankier Gustav Schlachter, vertreten werden. Die Begleiter König Wilhelms wurden bei Saarbrücker Honoratioren untergebracht. Erst auf Gerüchte hin strömte die Menge am späten Nachmittag zur Ankunft des Königs zusammen.A. Ruppersberg: Saarbrücker Kriegs-Chronik. Kapitel XLVIII, Der König in Saarbrücken. S. 266–274.

Geschichte des Zyklus Erste Planungen Am 11. Oktober 1870, zwei Monate nach der Schlacht von Spichern, wandte sich der Direktor des Saarbrücker Gymnasiums Wilhelm Hollenberg, der zuvor viele Jahre am Joachimthalschen Gymnasium gelehrt hatte und deswegen wahrscheinlich über Kontakte nach Berlin verfügte, in einem Brief an den preußischen Kultusminister Heinrich von Mühler und schlug darin vor, die jüngste Geschichte seines Schulgebäudes, das während der Schlacht als Lazarett gedient hatte und beschädigt worden war, mit einem patriotischen Bilderzyklus zu ehren. Der Minister erkannte in dieser Idee das staatliche Interesse und erweiterte sie dahingehend, der Stadt Saarbrücken aus Dankbarkeit für die Unterstützung in der Schlacht von Spichern und im Krieg 1870/1871 auf Kosten des preußischen Kulturfonds einen patriotischen Bilderzyklus zu schenken.B. Holtz: Preußens Kunstpolitik in der Provinz. S. 248–249. Als Standort wählte er den im Krieg stark zerstörten Bahnhof in der Saarbrücker Nachbarstadt St. Johann (heute Saarbrücken Hauptbahnhof), wofür der zuständige preußische Handelsminister Heinrich Friedrich von Itzenplitz sein Einverständnis erklärte. Als Bildmotiv sah der Kultusminister den Auszug König Wilhelms mit seinen Generalen aus dem Bahnhof unter dem Jubel der örtlichen Bevölkerung vor.

Mühler wandte sich für die künstlerische Ausführung an den Maler Anton von Werner. In einem ministeriellen Erlass vom 10. Dezember 1870 forderte er ihn nachdrücklich auf, die „historische Treue“ zu wahren, „denn bei einem historischen Gemälde aus der Gegenwart wird es mehr als in anderen Fällen der historischen Treue, namentlich auch rücksichtlich der Personen, welche an dem Ereignis teil hatten, bedürfen“.Anton von Werner: Erlebnisse und Eindrücke 1870–1890. Berlin 1913, S. 173.B. Holtz: Preußens Kunstpolitik in der Provinz. S. 250. Werner lebte zu dieser Zeit in Karlsruhe und wollte sogleich nach Saarbrücken reisen. Er folgte jedoch im Januar 1871 einem Ruf des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm in sein Hauptquartier nach Versailles. Erst vor Ort erfuhr Werner, dass er die Kaiserproklamation malen solle. Den umfangreichen Auftrag zu erfüllen, war bis zur Fertigstellung der ersten Fassung des Gemäldes Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871) im Jahr 1877 seine Hauptbeschäftigung.

Erste Zeichnungen zur Anbringung von Wandbildern im St. Johanner Bahnhofsgebäude datieren vom Jahr 1872. Sie legten mit der Erstürmung der Spicherer Höhen und der Ankunft König Wilhelms I. in Saarbrücken bereits die Themen der ausgeführten Hauptbilder fest.Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Rep. 92 Nl A.v. Werner, Zeichnungen, Mappe 10, Blatt 16. Die Stadt Saarbrücken hatte allerdings zunächst angemeldet, dass es eher ihren Vorstellungen entspräche, wenn die Begrüßung Wilhelms I. als Kaiser durch eine Abordnung rheinischer Städte auf dem Bahnhof in St. Johann am 16. März 1871 zur Darstellung gebracht worden wäre.

Planungen für den Rathaussaal miniatur|Rückwärtige Ansicht vom Nanteser Platz aus mit dem heutigen Parkplatz, dem ehemaligen Standort des Ratssaales mini|Anton von Werners Entwurf zur Wanddekoration mit dem „Victoria“-Gemälde

Nachdem eine Anbringung der Gemälde im Bahnhof verworfen und auch der vorübergehend favorisierte Standort im Neubau der Gewerbeschule nicht realisiert worden war, erging am 13. März 1874 aus dem Berliner Ministerium an die Stadtverwaltung Saarbrückens eine Anfrage, ob in der Nähe von Saarbrücken die Aufstellung eines auf die Kriegsereignisse sich beziehenden Kunstwerks möglich sei.

Um sich die in Aussicht gestellten Monumentalgemälde für die Stadt selbst zu sichern, beschloss die Stadtverordnetenversammlung umgehend, ein an das Saarbrücker Rathaus am Saarbrücker Schlossplatz unmittelbar angrenzendes Wohnhaus abzureißen und an dessen Stelle einen neuen Sitzungssaal zu bauen und diesen mit den Bildern auszuschmücken. Nachdem dieser Saarbrücker Plan in Berlin gutgeheißen worden war, ließ die Stadt Saarbrücken durch ihren Kommunalbaumeister Benzel einen neuen Ratssaal wie geplant errichten. Der Saal befand sich im ersten Geschoss des Anbaus und war 86 m2 groß.Kl. Holländer: Das Spichern-Museum in Saarbrücken. S. 212.

Im Jahr 1875 legte Werner dem preußischen Kultusministerium kleine getuschte Entwürfe zu den Gemälden wie zur Ausgestaltung des neuen Saarbrücker Ratssaales vor. Für die Raumgestaltung gewann Werner die renommierten Berliner Architekten Heinrich Joseph Kayser und Karl von Großheim, die im Architektenteam Kayser & von Großheim vor allem im großbürgerlichen Villenbau im Stil der Neorenaissance tätig waren. Zum Büro gehörten unter anderem auch die Architekten Julius Graebner und Albert Gessner.

Nach einer Begutachtung durch die Preußische Landeskunstkommission erhielt Werner im Oktober 1875 seine Entwürfe vom preußischen Kultusminister Adalbert Falk zurück. Er wurde beauftragt, zwei größere farbige Zeichnungen anzufertigen. Die Kosten für die Ausführung sollten 65.000 Mark nicht übersteigen.B. Holtz: Preußens Kunstpolitik in der Provinz. S. 254. Werner reiste in den Jahren 1876 und 1878 nach Saarbrücken, um vor Ort mit Augenzeugen zu sprechen, das Gelände zu erkunden und eine große Anzahl von Skizzen anzufertigen. Zahlreiche Einwohner aus Saarbrücken und St. Johann wurden dabei von Werner skizziert.

Der Gemäldezyklus mini|Anton von Werner: Sturm auf den Spicherer Berg, Saarbrücker Rathauszyklus, Historisches Museum Saar miniatur|Farbskizze zu „Ankunft König Wilhelms I. in Saarbrücken“ mit der in der endgültigen Fassung getilgten Darstellung von Katharine Weißgerber (Deutsches Historisches Museum)

Im Jahr 1877 stellte Werner den Entwurf zum gesamten Zyklus als Farbskizzen vor. Im Gesamtzusammenhang wollte Werner Saarbrücker Heimatgeschichte als Teil der deutschen Nationalgeschichte darstellen, die Tapferkeit des deutschen Soldaten rühmen und die Vereinigung der deutschen Stämme feiern. So stellt der Wandbilderzyklus mit den Hauptbildern den von Bruno von François angeführten Sturm auf den Roten Berg, die Ankunft König Wilhelms am 9. August 1870 in Saarbrücken (die, so wie dargestellt, historisch nicht stattgefunden hatte) und die Victoria als Allegorie auf die Einigung der deutschen Stämme dar. Den ersten beiden Hauptbildern sind Großporträts von Helmuth von Moltke, Otto von Bismarck, Kronprinz Friedrich Wilhelm und Prinz Friedrich Karl zugeordnet.

Bis es zur Ausführung der Wernerschen Pläne kam, mussten auf Drängen der Landeskunstkommission zahlreiche Änderungen an Werners Entwürfen vorgenommen werden. Die Kommission vermisste auf den Gemäldeentwürfen einen ernsteren Charakter, „welche die Darstellung dieser vaterländischen Stoffe und historischen Persönlichkeiten, besonders an einer geschichtlich so bedeutsamen Stätte forderten“.Anton von Werner: Erlebnisse und Eindrücke 1870–1890. Berlin 1913, S. 198.

Werner hatte in den beiden Hauptbildern, in bewusster Abwendung von der idealistischen Monumentalmalerei Wilhelm von Kaulbachs volksnahe Motive mit starkem Lokalkolorit eingestreut, die für die Saarbrücker und St. Johanner Bürger der damaligen Zeit sofort erkennbar gewesen waren. Besonders das Bild von der Ankunft des preußischen Königs war Werner trotz der monumentalen Ausmaße geradezu zu einem Genrebild geraten. Werner beabsichtigte offensichtlich, ein Stimmungsbild der gesamten Bevölkerung der beiden Saarstädte, von der Dienstmagd bis hin zu den Stadthonoratioren, vereint in der euphorischen Jubellaune bei der Ankunft des preußischen Königs, einzufangen. Die Dargestellten tragen individuelle Züge.

Die Szene mit der Ankunft König Wilhelms, die sich in dieser Form nicht abgespielt hat, findet an der Alten Brücke auf der St. Johanner Seite statt. Sandsäcke und Fässer zeugen noch von den kurz zuvor stattgefundenen Kampfhandlungen. Im Hintergrund ist die Schlosskirche zu erkennen. Das Haus mit fahnengeschmücktem Rundturm auf der anderen Saarseite hinter der Kutsche ist das Absteigequartier des Königs. Im Mittelgrund des Bildes erhebt sich der König grußentbietend in seiner Kutsche und wird von Bürgermeister Johann Carl Schmidtborn willkommen geheißen. Neben dem König sitzt sein Flügeladjutant Oberstleutnant Armand von Lucadou.

mini|Adolph von Menzel: Abreise König Wilhelms I. zur Armee am 31. Juli 1870 mini|Anton von Werner im Gespräch mit Adolph von Menzel, Berlin um 1895