Der Begriff Hildegard-Medizin (auch Hildegardmedizin) wurde 1970 von dem Arzt Gottfried Hertzka eingeführt, der sich auf Schriften der im 12. Jahrhundert wirkenden Benediktinerin Hildegard von Bingen berief. Die Verbreitung des Begriffs, dessen Zusammenhang mit Hildegards Werken in weiten Teilen umstritten ist, konzentriert sich auf den deutschen Sprachraum, vor allem auf Österreich und Deutschland.
In einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2003 gaben drei Prozent der befragten Deutschen an, Hildegard-Medizin anzuwenden.Deutsche vertrauen alternativer Medizin. Stern-Online-Artikel (vom 7. Januar 2004), im gleichnamigen Printmedium erschienen im Heft 3/2004. Sie wird der traditionellen europäischen Medizin (TEM) zugerechnet und in manchen Kuranstalten angewandt.
Die sogenannte Hildegard-Medizin gilt in der Fachwelt überwiegend als modernes, kommerziell motiviertes Konstrukt ohne wissenschaftliche Grundlage. Historiker und Mediziner kritisieren anachronistische Zuschreibungen sowie eine fehlende quellenmäßige Absicherung; zudem fehlen belastbare klinische Wirksamkeitsnachweise.
mini|Hildegard von Bingen: Liber divinorum operum: Der Mensch und die vier Elemente – Feuer, Luft, Wasser, Erdkugel (von außen nach innen)
Historische Grundlage Die Hildegard zugeschriebenen Werke, die Hertzka als Grundlage verwendet, heißen Causae et curae (Ursachen und Behandlungen) und Physica. Der ursprüngliche Titel der Physica lautete Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum,Laurence Moulinier. Le manuscrit perdu à Strasbourg. Enquête sur l’œvre scientifique de Hildegarde (= Série Histoire Ancienne et Médiévale, Band 35). Publications de la Sorbonne, Paris 1995, S. 51–54. also Buch von den Feinheiten der verschiedenen Naturen der Geschöpfe. Hildegard von Bingen gibt an, darin visionäre, d. h. göttlich inspirierte Einsichten dargelegt zu haben.In der Einleitung zu ihrem Werk Liber vitae meritorum (Buch der Lebensverdienste) gibt Hildegard an: „Es war das erste Jahr, nachdem dieses Gesicht mir folgende Schriften zu erklären gegeben hatte: ‚Die Feinheiten der verschiedenen Naturen der Geschöpfe,…‘“. Hildegard von Bingen. Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste (Liber vitae meritorum). Übers. von Heinrich Schipperges. Otto Müller, Salzburg 1972, S. 27 (2. Auflage: 1985).
Sie beschreibt die Krankheitsentstehung entsprechend der antiken Vorstellung der Säftedyskrasie:
Den vier konstitutionsbedingten Säften, die bei Hildegard allerdings andere Namen tragen als in der von der Antike bis in die Neuzeit gängigen Humoralpathologie, entsprechen die vier Elemente, mit denen der Mensch untrennbar verbunden ist.
Authentizität Da die Originalhandschriften nicht erhalten sind und die Texte in Form von Abschriften der dritten Generation (13. bis 15. Jahrhundert)Hildegard von Bingen: Heilkunde. Das Buch von dem Grund und Wesen und der Heilung der Krankheiten. Übers. von Heinrich Schipperges. 3. Auflage. Otto Müller, Salzburg 1957, S. 40. auf uns gekommen sind, ist die überwiegend vertretene Auffassung, dass Physica und Causae et curae in der vorliegenden Form nicht vollständig von Hildegard stammen. Hertzka, der die Gesamtausgabe von Heinrich Schipperges und Peter Riethe unberücksichtigt ließ, eine kritische Analyse unterließ und falsche Übersetzungen verwendete,Tobias Niedenthal, Johannes Gottfried Mayer: Klostermedizin: Von Monte Cassino nach Bingen. 2019. behauptete dagegen, es handle sich um „einen auf weite Strecken praktisch unverfälschten Text“.Gottfried Hertzka: So heilt Gott. Die Medizin der hl. Hildegard von Bingen als neues Naturheilverfahren. Christiana, Stein am Rhein 1970 (15. Auflage: 1990, S. 34).
Der Medizintheoretiker Heinrich Schipperges sah in seiner Übersetzung der Causae et curae das astrologische Kapitel sowie einzelne offensichtliche Zusätze und Wiederholungen als unecht an und ließ sie aus. Schipperges weiter: „Daraus darf nicht geschlossen werden, dass weite Strecken oder die gesamte Textgebung unecht wären. Wir haben aus inneren und äußeren Kriterien genügend Beweisstücke für die Autorschaft Hildegards.“Hildegard von Bingen: Heilkunde. Das Buch von dem Grund und Wesen und der Heilung der Krankheiten. Übers. von Heinrich Schipperges. 3. Auflage. Otto Müller, Salzburg 1957, S. 42. Der Medizinhistoriker Klaus-Dietrich Fischer ist ebenfalls der Auffassung, dass „man die Authentizität der Hildegard zugeschriebenen naturkundlich-medizinischen Werke nicht in Abrede stellen (sollte, erg.), denn Hildegards Denkweise und ihr Sprachstil sind so eigentümlich, daß an der Verknüpfung mit den visionären Werken und den dort überlieferten Aussagen zu Anthropologie, Natur und Kosmos kein vernünftiger Zweifel bestehen kann.“Klaus-Dietrich Fischer: Mensch und Heilkunde bei Hildegard von Bingen. In: Ärzteblatt Rheinland-Pfalz. Ausgabe März 1998, S. 101–104, . Das vertritt auch Laurence Moulinier in ihrer Edition der Causae et curae: „[…] la manière et la matière du traité sont hildegardiennes dans leur grande majorité“.Laurence Moulinier (Hrsg.): Beate Hildegardis Cause et cure. Akademie, Berlin 2003, S. LXIV. (Deutsch: […] die Art und der Stoff des Werkes sind weit überwiegend hildegardisch.)
Historiker rechnen die Schriften auch nicht den sogenannten Visionsschriften zu, die göttlich inspiriert seien, sondern bezeichnen sie als natur- und heilkundliches Alltags- und Erfahrungswissen des Mittelalters.Irmgard Oepen: Lexikon der Parawissenschaften. 1999, Artikel Hildegard-Medizin. Der Pharmaziehistoriker Wolf-Dieter Müller-Jahncke urteilte:
Methoden der Hildegard-Medizin Dazu gehören Pflanzenheilkunde, Ernährungsregeln, Ausleitungsverfahren und Edelsteintherapie. Für die Herstellung eines Krebsmittels benötigte Hertzka „Rohstoffe vom Geier“, wofür er eine Abschusserlaubnis für diese Vögel erwirkte.Tobias Niedenthal: Klostermedizin: Von Monte Cassino nach Bingen. 2019.
Die Behandlung nach Hildegard von Bingen, wie sie von Hertzka und Strehlow vertreten wird, beruht auf Vorschriften über maßvolle und ausgewogene Ernährung. Hildegard hob Kräuter und Gewürze hervor, außerdem Dinkel, Sellerie, Edelkastanie und Fenchel. Hildegard: „Der Dinkel ist das beste Getreide, und er ist warm und fett und kräftig, und er ist milder als andere Getreidearten, und er bereitet dem der ihn ißt, rechtes Fleisch und rechtes Blut, und er macht frohen Sinn und Freude im Gemüt des Menschen.“Hildegard von Bingen: Heilkraft der Natur.›Physica‹. Das Buch von dem inneren Wesen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe. Übers. v. Marie-Louise Portmann. Hrsg. von der Basler Hildegard-Gesellschaft. Pattloch, Augsburg 1991, S. 45. Anwendung zahlreicher pflanzlicher Arzneien, Minerale, aber auch Edelsteine, manchmal unter Berücksichtigung der Mondphase. Ausleitungsverfahren wie Aderlass und Schröpfen, Fasten, Schwitzbäder. Geregelter Wechsel von Ruhe und Aktivität. Seelische Reinigung durch Liebe und Hoffnung, Musik, Gebet und Meditation.
In der Ernährungstherapie wird primär der Dinkel als universelles Lebens- und Heilmittel eingesetzt. Seine allgemeine Renaissance, sein Auftauchen in vielen Reformhäusern und seinen therapeutischen Einsatz bei chronischen Zivilisationserkrankungen verdankt der bei Hildegard allerdings nur beiläufig erwähnte Dinkel nicht zuletzt der „Hildegard-Bewegung“.
Kritik Allgemein Der Mystikforscher Josef Sudbrack fordert eine differenzierte Sicht des audio-visionären Geschehens bei Hildegard. So kritisiert er, dass Hildegards Worte zu einem zeitüberhobenen Wahrheitszeugnis von solch unbestreitbarer Qualität gemacht werden, wie es die Theologie nicht einmal den Worten des Neuen Testaments zuerkennt. Andererseits stellt er fest, dass die ernste Forschung seltsam zögert, dem Visionären in Hildegards Schrifttum rechten Raum zu gewähren.Josef Sudbrack. Hildegard von Bingen. Schau der kosmischen Ganzheit. Echter, Würzburg 1995, ISBN 3-429-01696-7, S. 11 f.
„Die Autorität dieser Hildegard-Medizin beruht auf der Annahme bzw. Voraussetzung, bei den uns überkommenen medizinischen Schriften Hildegards handele es sich um göttliche Offenbarung, also Gottes medizinische Botschaft für die leidende Menschheit (wobei an den christlichen Gott, speziell den von Katholiken verehrten, gedacht ist). Die zahlreichen beobachteten Heilungen erwiesen diese Annahme als zutreffend; auch im eher theoretischen Bereich der Physiologie und Pathologie seien erstaunliche Kenntnisse dargelegt, die unserer heutigen wissenschaftlichen Sicht z. T. entsprächen, z. T. über sie hinausgingen. Diesen Anspruch erhebt Hildegard selbst allerdings nicht.“Klaus-Dietrich Fischer: Mensch und Heilkunde bei Hildegard von Bingen. In: Moguntia medica. Das medizinische Mainz. Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. hrsg. von Franz Dumont u. a. Wiesbaden 2002, S. 23–35.
Die Medizinhistorikerin Irmgard Müller, die zu den natur- und heilkundlichen Schriften Hildegards publiziert hat, bezeichnet die sogenannte Hildegard-Medizin als nicht authentisch und nicht auf den Hildegard zugeschriebenen Schriften basierend. Zutreffend müsste sie daher eigentlich als „Hertzka-Medizin“ bezeichnet werden. Es handele sich um ein „therapeutisches Konstrukt profitbewußter Marktstrategen“.Irmgard Müller: Wie »authentisch« ist die Hildegardmedizin? Zur Rezeption des ›Liber simplicis medicinae‹ Hildegards von Bingen im Codex Bernensis 525. In: Edeltraud Forster (Hrsg.): Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten. Hrsg. von Edeltraud Forster und der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard, Eibingen. Freiburg/Basel/Wien 1997, S. 420–430.Charlotte Kerner: Wie könnt ihr Heilmittel geben, ohne eure Tugend dazu zu tun? In: Berliner Zeitung. 15. Juli 1998. Der Medizinhistoriker Heinrich Schipperges schrieb bereits zur sogenannten Hildegard-Medizin: „Die Versuche jedoch, eine durchaus berechtigte Naturheilkunde unter dem Namen ‚Hildegard-Medizin‘ in die ärztliche Praxis und den Bereich der Apotheke zu bringen, entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.“Heinrich Schipperges †: Hildegard von Bingen. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 594 f.; hier: S. 595.
Begleitend zu ihren Übersetzungen der medizinisch-naturkundlichen Werke Hildegards hat Ortrun Riha auf die Spannung zwischen mediävistischer Forschung und moderner „Hildegard-Medizin“ hingewiesen. Sie beschreibt Hildegard als eine der wenigen mittelalterlichen Gestalten, die in der Gegenwart intensiv und kommerziell vermarktet werden, und kritisiert anachronistische Zuschreibungen wie „Naturheilkundlerin“ oder „alternative Heilerin“. Anhand der Überlieferung von Causae et curae zeigt sie, dass populäre Vorstellungen einer einheitlichen, unmittelbar praktisch einsetzbaren „Hildegard-Medizin“ die komplexe Entstehungsgeschichte der Texte, ihren Kompilationscharakter und die Probleme der Zuschreibung an Hildegard ausblenden, und plädiert für eine quellenkritische Unterscheidung zwischen historischer Medizin und moderner Rezepttradition.Ortrun Riha: Reißende Flüsse, schäumende Töpfe. Die Bedeutung der Bilder in Hildegards von Bingen Causae et curae. In: Concilium medii aevi. Band 14, 2011, S. 223–237.