Achille in Sciro ist ein Opern-Libretto, ein Dramma per musica in drei Akten von Pietro Metastasio. Es wurde von zahlreichen Komponisten vertont. Die erste Vertonung durch Antonio Caldara wurde am 13. Februar 1736 zur Hochzeit Maria Theresias mit Franz von Lothringen in Wien uraufgeführt.

Eine deutsche Übersetzung des Librettos von Johann Anton Koch erschien 1772 unter dem Namen Achilles in Scyro im vierten Band seiner unvollendet gebliebenen Gesamtausgabe Des Herrn Abt Peter Metastasio Kayserl. Königl. Hofpoetens Dramatische Gedichte.Johann Anton Koch: Des Herrn Abt Peter Metastasio Kayserl. Königl. Hofpoetens Dramatische Gedichte, aus dem Italiänischen übersetzt. Vierter Band. Krauß, Frankfurt und Leipzig 1772 als Digitalisat beim Münchener Digitalisierungszentrum.

Handlung

Das Libretto handelt von der Jugend des griechischen Helden Achille. Ihm wurde prophezeit, dass er im Trojanischen Krieg fallen werde. Um dies zu verhindern, schickte ihn seine Mutter, die Meeresnymphe Thetis, als Frau verkleidet zusammen mit seinem Freund Nearco an den Hof von König Licomede auf die Insel Sciro. Dort verliebte er sich in die Prinzessin Deidamia. Erst durch eine List des hier Ulisse genannten Odysseus kann er im Verlauf der Oper dazu gebracht werden, in den Krieg zu ziehen.

Die folgende Inhaltsangabe basiert auf dem Libretto der 1736 erschienenen Vertonung von Antonio Caldara.Libretto der Oper von Antonio Caldara, Wien 1736 als Volltext (italienisch) bei librettidopera.it, abgerufen am 25. September 2014.

Erster Akt

Auf dem Platz vor dem Bacchus-Tempel an der Küste der Insel Sciro feiern die Bacchantinnen ein Fest ihres Gottes. Unter ihnen befinden sich auch Deidamia und Pirra, der verkleidete Achille. Der Ritus wird von Trompetenklang unterbrochen, und alle schauen in Richtung Meer. Zwei Schiffe sind zu sehen. Auf den Schiffen befinden sich Soldaten. Nearco erkennt jedoch am Schiffsschmuck, dass sie freundliche Absichten haben. Achille würde die Schiffe gerne noch länger beobachten, aber Nearco rät ihm davon ab. Es könne auffallen, wenn er noch länger unbegleitet in Frauenkleidern hier bleibe. Außerdem werde in der Zwischenzeit Deidamia mit Teagene, dem Prinzen von Chalcis zusammentreffen, und König Licomedes wolle die beiden noch heute einander versprechen.

Nachdem Achille gegangen ist, macht sich Nearco Gedanken, wie er Achilles Identität weiterhin verbergen kann. Sobald er Kampfeslärm oder Trompeten hört, ist er nicht mehr zurückzuhalten. Außerdem weiß er noch nichts von der Prophezeiung, dass er für den Sieg gegen Troja unabdingbar ist und daher von ganz Griechenland gesucht wird. Die mit den Schiffen angekommenen Gäste Ulisse und Arcade kommen nun ans Ufer und werden von Nearco begrüßt. Er macht sich auf, sie dem König zu melden. Ulisse hat Nearco jedoch erkannt, da er ihm am Hof von Achilles Vater Peleus begegnet war. Er vermutet daher, auch Achille hier finden zu können.

In den Gemächern Deidamias bittet König Licomede sie, in den Garten zu gehen, um dort ihren zukünftigen Gemahl Teagene zu begrüßen. Er selbst werde von den griechischen Gesandten erwartet. Nachdem er gegangen ist, kommt Achille und macht ihr Vorwürfe wegen ihrer Verlobung mit Teagene. Sie versichert ihm jedoch, keinerlei Gefühle für diesen zu hegen. Sie will alles tun, um bei Achille bleiben zu können. In der Zwischenzeit solle er jedoch mehr auf seine Tarnung achten, um nicht erkannt zu werden. Er verspricht ihr, vorsichtig zu sein. Da erscheint Ulisse. Pirra (Achille) ist zornig über sein unbefugtes Eintreten ins Frauengemach. Ulisse wird sofort misstrauisch und verlangt zu wissen, wer sie ist. Deidamia nennt ihm den Namen Pirra. Ulisse entschuldigt sich damit, sich im Zimmer geirrt zu haben. Er wolle zum König, um ihn um Schiffe und Krieger für den bevorstehenden Krieg zu bitten.

Ulisse ist die Ähnlichkeit Pirras mit Peleus aufgefallen. Auch seine Sprache und seine Blicke haben ihn verdächtig gemacht. Noch ist er sich aber nicht ganz sicher, dass es Achille ist. Arcade berichtet ihm, dass Nearco vor einem Jahr gemeinsam mit Pirra angekommen sei. Diese sei eine Freundin der Prinzessin Deidamia.

Im Palastgarten erwartet Deidamia Teagene. Achille versteckt sich dort, um das Gespräch zu beobachten. Licomede kommt und stellt ihr Teagene als zukünftigen Ehemann vor. Als Teagene ihr Komplimente macht, kann sich Achille nicht mehr zurückhalten und kommt aus seinem Versteck. Scherzhaft stellt ihn Licomede Teagene als seinen Rivalen vor, weil Pirra Deidamias ständige Begleiterin sei. Deidamia bittet Teagene, nicht von Liebe mit ihr zu sprechen, da sie daran nicht interessiert sei. Sie entfernt sich. Teagene ist verwirrt über diesen Empfang. Als er versucht, Deidamia zu folgen, wird er von Achille aufgehalten.

Zweiter Akt

In einer mit Herkules-Skulpturen ausgestatteten Loggia berichtet Arcade Ulisse, dass alle Vorbereitungen für seinen Plan getroffen wurden. Ihre Leute sollen einen Kampf simulieren, um Achille aus der Reserve zu locken. Ulisse weiß, dass dieser Waffenlärm nicht widerstehen kann. Sie sehen Pirra kommen und beschließen, ihr Verhalten zu beobachten. Während Arcade sich versteckt, tut Ulisse so, als wäre er völlig versunken in der Betrachtung der Statuen. Dabei vergleicht er Herkules auf verschiedene Weise mit Achille, während Arcade Pirras Reaktion beobachtet. Bevor es zu einer Entscheidung kommt, erscheint allerdings der König und holt sie zum Essen. Am nächsten Morgen möchte er ihnen die bereitgestellten Schiffe und Krieger vorführen.

Licomede bittet Achille, Deidamia von den Vorzügen Teagenes zu überzeugen.

Achille erzählt Nearco, wie sehr er sich inzwischen durch die Frauenkleidung erniedrigt fühlt. Nearco ist besorgt wegen Deidamia, die sofort unruhig wird, wenn Achille sie nur einen Moment allein lässt. Sie beschließen, zu ihr zu gehen. Nearco wundert sich über Achille. Bei Waffenlärm ist er kaum zu bändigen, aber sobald er an Deidamia denkt, beruhigt er sich sofort.

In einem großen Saal sitzen alle am gedeckten Tisch. Teagene fällt die Vertrautheit zwischen Deidamia und Pirra auf. Ulisse spricht vom bevorstehenden Kampf, an dem ganz Europa teilnehmen wird. Arcade beobachtet dabei Pirras Reaktionen. Pirra (Achille) ist tatsächlich aufgewühlt aufgestanden. Aber dann bittet Licomede sie um einen Vortrag auf der Leier.

Achilles Lied wird unterbrochen, als einige Leute aus Ulisses Gefolge Gastgeschenke aus Ithaka bringen. Darunter befindet sich auch eine prächtige Rüstung, die von Achille besonders bewundert wird. Deidamia kann ihn gerade noch rechtzeitig zur Vernunft bringen. Da ertönt von draußen Waffengeklirr. Der von Ulisse und Arcade vorgetäuschte Kampf zwischen ihren Leuten und den königlichen Wachen bringt Achille dazu, die Leier wegzuwerfen, die Rüstung zu ergreifen und sein Schwert zu ziehen. Nachdem er so enttarnt wurde, erzählt Ulisse ihm vom Auftrag der Griechen. Achille ist hin- und hergerissen zwischen seiner Kampfeslust und seiner Liebe zu Deidamia, die er nicht zurücklassen möchte. Schließlich zerreißt er seine Kleider und folgt Ulisse. Deidamia ist verzweifelt und bittet Nearco, Achille aufzuhalten. Dann wird sie von Teagene angesprochen, der wissen möchte, was mit ihr los ist. Sie kann es ihm aber noch nicht sagen. Teagene bezweifelt, dass sie wirklich bereit ist, ihn zu heiraten.

Dritter Akt

Ulisse und Achille bereiten sich auf die Abreise vor. Arcade kommt und drängt zur Eile. Ulisse teilt er heimlich mit, dass Deidamia auf dem Weg zu ihnen ist. Achille jedoch sagt er, er fürchte, der König könne versuchen, ihre Abreise zu verhindern. Da kommt Deidamia und macht Achille Vorwürfe. Achille erklärt ihr, dass sich seine Gefühle für sie nicht geändert haben, aber er müsse seiner Pflicht folgen. Ulisse drängt ihn, sich zu entscheiden und wirft ihm Feigheit vor. Deidamia fällt ihn Ohnmacht. Achille eilt zu ihr. Ulisse und Arcade verlassen ihn.

Nachdem Deidamia aufgewacht ist, bemerkt Achille, dass Ulisse fort ist. Nearco kommt und berichtet, dass er auf dem Weg zum König sei, um ihm Pirras wahre Identität zu offenbaren. Auch Teagene habe inzwischen die Wahrheit herausgefunden und befinde sich schon beim König. Achille macht sich ebenfalls auf dem Weg dorthin. Nearco weiß jetzt, dass sein Auftrag fehlgeschlagen ist und überlegt sich, wie er Thetis dies mitteilen kann.

Achille findet Teagene beim König. Dieser erklärt sich freiwillig bereit, auf Deidamia zu verzichten und bittet Licomede, sie mit Achille zu vermählen. Licomede ist froh, in dem berühmten Achille einen so tapferen Schwiegersohn gefunden zu haben. Nun kommen auch Ulisse und Deidamia. Licomede teilt ihr seine Entscheidung mit. Achille soll mit Ulisse in den Krieg ziehen und nach seiner Rückkehr Deidamia heiraten.

Zum Ende der Oper steigen die allegorischen Figuren Ruhm, Liebe und Zeit in einer Wolke vom Himmel herab und besingen mit ihrem Gefolge ein Loblied auf das glückliche Paar. In einer Analogie wird auch dem Brautpaar Maria Theresia und Franz von Lothringen gehuldigt, deren Hochzeit der Anlass des Werkes war.

Geschichte

Metastasio verwendete mehrere Vorlagen für sein Libretto. Dazu gehören das dritte Buch der Bibliotheke des Apollodor, das neunte Buch der Mythologiae, sive explicationis fabularum libri decem von Natale Conti, Nr. 96 der Fabulae von Hyginus und das erste Buch der Achilleis von Publius Papinius Statius. Außerdem hat die Handlung starke Ähnlichkeiten mit dem 1664 entstandenen Libretto L’Achille in Sciro von Ippolito Bentivoglio, das 1663 von Giovanni Legrenzi vertont worden war. Das lässt vermuten, dass Metastasio unter Zeitdruck stand und dass letzteres als direkte Vorlage nutzte.

Das Werk trägt den Untertitel „dramma immaginato“. Dieser dürfte gewählt worden sein, weil die Handlung keinen echten dramatischen Konflikt hat, der Held durchgängig in Frauenkleidern auftritt und einige übernatürliche Ereignisse stattfinden. Deshalb und wegen des festlichen Anlasses, dem aufwändigen von Antonio und Giuseppe Galli-Bibiena erstellten Bühnenbild und der Verwendung des Chores kann es formal auch als Serenata bzw. festa teatrale bezeichnet werden.

Der Text war nur wenig populär. Dennoch gab es bis ins 19. Jahrhundert hinein viele weitere Fassungen und Aufführungen. 1737 wurde mit Domenico Sarros Vertonung das Teatro San Carlo in Neapel eingeweiht, wo später auch einige andere Fassungen uraufgeführt wurden. Jommellis Version für Wien aus dem Jahr 1749 wurde von Metastasio besonderes gelobt. Die letzte bekannte Vertonung stammt von Pietro Antonio Coppola aus dem Jahr 1825. Sie wurde noch 1832 in Neapel aufgeführt.

Eine anonyme deutschsprachige Bearbeitung als Schauspiel erschien 1761 in Nürnberg unter dem Namen Achilles in der Insul Scyrus.Achilles in der Insul Scyrus. Ein Schauspiel. Verlag Johann Paul Krauß, Nürnberg 1761. Digitalisat bei Google Books.

Dieses Libretto spielt eine bedeutende Rolle in zwei Romanen, in denen jeweils ein Komponist eine Oper komponiert, deren Titelpartie von seinem Schüler bzw. seiner Schülerin in Rom aufgeführt wird. Im 1795 erschienenen dreibändigen Roman Hildegard von Hohenthal von Wilhelm Heinse handelt es sich dabei um eine junge Sängerin, die als Mann verkleidet nach Rom kommt und dort als vermeintlicher Kastrat große Erfolge erzielt.Daniel Fuhrimann: Herzohren für die Tonkunst. Opern- und Konzertpublikum in der deutschen Literatur des langen 19. Jahrhunderts. Rombach Druck- und Verlagshaus, 2005, ISBN 3-7930-9435-9, S. 136 ff.Johann Jakob Wilhelm Heinse: Hildegard von Hohenthal als Volltext bei Zeno.org. In Cry to Heaven von 1982 (deutsch: Falsetto, 1998) von Anne Rice ist es ein junger Kastraten-Sänger, der damit seine Karriere beginnt.

Vertonungen

Folgende Komponisten legten dieses Libretto einer meist gleichnamigen Oper zugrunde: