Schloss Oranienhof war ein Barockschloss in Kreuznach im heutigen Landkreis Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz, das um 1669 durch Umbau des ehemaligen Pfalz-Simmerschen Fürstenhofes in der Neustadt errichtet und bereits 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg wieder zerstört wurde. Der Name Oranienhof, der zunächst die Witwenresidenz der Marie von Oranien-Nassau (1642–1688) an der heutigen Hochstraße bezeichnete, ging Ende des 17. Jahrhunderts auf das ehemalige Wirtschaftsgut des Schlosses über, das sich auf der gegenüberliegenden Naheseite auf dem Gelände des heutigen Oranienparks befand.Jörg Julius Reisek: Pfalzgräfin Marie von Oranien-Nassau-Simmern und der Pfalz-Simmersche Fürstenhof zu Kreuznach. In: Bad Kreuznacher Heimatblätter. Beilage Öffentlicher Anzeiger Heft 4, April (2020), S. 15–19.

Witwensitz der Marie von Oranien-Nassau in der Kreuznacher Neustadt 150px|mini|links|Prinzessin Marie von Oranien-Nassau, spätere Pfalzgräfin von Simmern, 1642 Marie von Oranien-Nassau, seit 1666 verheiratet mit Pfalzgraf Ludwig Heinrich von Simmern (1640–1674) auf der Kauzenburg, ließ den Pfalz-Simmerschen Fürstenhof zu ihrer Sommerresidenz Schloss Oranienhof umgestalten.Samuel Chappuzeau: Jetztlebendes Europae. Band III: Die Beschreibung einer Reyse in Teutschland … deß Jahres 1669. Johann Georg Schiele, Frankfurt am Main 1672, S. 119–121, vgl. S. 1 (Google-Books).In dem in der Literatur oft als Gründungsdatum genannten Jahr 1684 fand die endgültige Eigentumsübertragung an der Liegenschaft auf Marie von Oranien-Nassau statt.

Das älteste der Schlösser der Töchter des Hauses Oranien in Deutschland war Schloss Oranienburg, das Kurfürst Friedrich Wilhelm 1651/52 für seine Frau Luise Henriette von Oranien (1627–1667), die älteste der Schwestern, im brandenburgischen Bötzow (Oranienburg) hatte errichten lassen. Albertine Agnes von Oranien-Nassau (1634–1696), eine verheiratete Fürstin von Nassau-Diez, ließ kurz nach 1664 das Lustschloss Oranienwald (Oranjewoud) in Heerenveen und ab 1672 das Barockschloss Oranienstein in Dirstein bei Diez und die Schwester Henriette Catharina von Oranien-Nassau (1637–1708), verheiratete Fürstin von Anhalt-Dessau, ab 1681 Schloss Oranienbaum in der Wüstung Nischwitz (Oranienbaum) erbauen. mini|Barockportal in der Hochstraße 25 (Spolie), vermutlich ursprünglich aus Schloss Oranienhof|150px Den Umbau des Kreuznacher Fürstenhofes zum Schloss Oranienhof führte der Ingenieur und pfalz-simmerische Hofjunker Johann Rudolf Stürler (1647–1689) aus Bern durch, ein Sohn von Nikolaus Stürler, Freiherr von Belp (1621–1693), Berner Oberamtmann (Landvogt) von Grandson und Nyon. Johann Rudolf Stürler hatte am Athenaeum Illustre Bern studiertVgl. seine Disputation über den Herzschlag vom 5. August 1665; David Albinus (Wyss), Johann Rudolph Stürler: Disputatio philosophica de motu cordis. Georg Solleichner, Bern 1665, unpaginiert (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). Der Cartesianer David Wyss war seit 1662 Professor der Philosophie in Bern. und verfügte über gute technisch-mathematische Kenntnisse. Er war ein Bruder von Vinzenz Stürler (1662–1734) und starb „au milieu de sa carrière (= mitten in seiner Laufbahn)“ als Hauptmann – wahrscheinlich Kapitein der genie – in holländischen Diensten.Vgl. (Jean-)François Girard: Histoire abrégée des officiers suisses qui se sont distingués aux services étrangers dans des grades supérieurs, Bd. III. B. Louis Piller, Fribourg 1782, S. 117f (Google-Books); Berner Geschlechter (Online bei www.bernergeschlechter.ch, abgerufen am 24. Oktober 2014). Samuel Chappuzeau (1625–1701) ließ sich 1669 auf einer Reise durch die Stadt von Stürler bei Hofe einführen, besichtigte den „neuen Bau“ des Schlosses, dessen vorderer Teil zu dieser Zeit bereits vollendet war, und begleitete den Pfalzgrafen in die Reit-Schul (heute: Grundschule Hofgartenstraße 14).

Im neuen Kreuznacher Schloss Oranienhof, das deutlich einfacher als die anderen „Mutterhäuser“ ausfiel, wurden zunächst vier bis fünf Zimmer als Wohnung hergerichtet. Es erhielt einen „Blumen-Garten auff einem dicken Thurm, welcher in das Feld hineinsieht“, ein frühes Beispiel für einen barocken, technisch aufwändigen Dachgarten nördlich der Alpen.Vgl. Christian Schittich: Das flache Dach – eine Entwicklungsgeschichte. In: Klaus Sedlbauer u. a.: Flachdach Atlas. Kösel, München 2010, S. 8–21, bes. S. 12. Aus dem Nachlassinventar geht hervor, dass sich im Oranienhof ein Kabinett für Porzellan befand,Vgl. Ulrike Hammer. Kurfürstin Luise Henriette. (Studien zur Geschichte und Kultur Nordwesteuropas 4). Waxmann, Münster u. a. 2001, S. 74. das zu dieser Zeit noch sehr kostbar war und von der Niederländischen Ostindien-Kompanie aus China importiert wurde. 150px|mini|links|Johann Kasimir Kolb Graf von Wartenberg Von ihrem Mann Ludwig Heinrich von Pfalz-Simmern erhielt die Prinzessin 1672 seinen Anteil an der Liegenschaft zum Geschenk. Er stellte ihr darüber hinaus den Erwerb der anderen drei Fünftel in Aussicht. Kurfürst Karl II. von der Pfalz (1651–1685), dessen Vater Karl I. Ludwig (1617–1680) 1678 vorübergehend geplant hatte, „ihr Palais zu Kreuznach“ als Residenz für den damaligen Kurprinzen aufzukaufen,Vgl. Ludwig Häusser: Geschichte der Rheinischen Pfalz nach ihren politischen: kirchlichen und literarischen Verhältnissen, Bd. II. J. C. B. Mohr, Heidelberg 1845, S. 693; mit „Palais“ dürfte der pfalz-simmerische Hof gemeint sein. verglich sich 1682 mit Marie von Oranien über die kurpfälzischen Anteile am Oranienhof, der nach dem Tod von Pfalzgraf Ludwig Heinrich ihr Witwensitz geworden war.Urkunde vom 17. Dezember 1682; vgl. Wolfgang Stribrny: Die Kreuznacher Besitzungen des Preußischen Königshauses 1688–1748. In: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 31 (2005), bes. S. 258; Kopie von 1736 im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt (Gräflich Wartenbergsches Archiv (Kriegsverlust), 246); Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt (Z 44, A 7b, Nr. 67). Auch Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707) stimmte 1683/84 zu, dass das Anwesen als Allodialgut in den Alleinbesitz der Witwe überging.Vgl. Annelise Stemper (Bearb.): Die Medaillen der Pfalzgrafen und Kurfürsten bei Rhein, Bd. II Die Nebenlinien. Werner, Worms 1997, S. 644.

Marie von Oranien-Nassau vermachte Schloss Oranienhof mit allem Zubehör 1688 ihrem Kammerherrn und mutmaßlichen LebensgefährtenVgl. u. a. Briefe der Liselotte von der Pfalz vom 16. September 1700 und 25. Juni 1721; Eduard Bodemann (Hrsg.): Aus den Briefen der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans an die Kurfürstin Sophie von Hannover, Bd. I. Hahn, Hannover 1891, S. 415f (Google-Books; eingeschränkte Vorschau); Wilhelm Ludwig Holland (Hrsg.): Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans aus den Jahren 1721 und 1722. Laupp, Tübingen 1881, S. 160–164, bes. S. 161 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).Vgl. Eduard Vehse: Geschichte des preußischen Hofs und Adels und der preußischen Diplomatie, Bd. II. Hoffmann Campe, Hamburg 1851, S. 13f, u. a. Johann Kasimir Kolb von Wartenberg (1643–1712). Freiherr von Wartenberg plante zunächst, den Oranienhof als Burglehen an die Kurpfalz zu übertragen.Vgl. Landesarchiv Speyer (Bestand A 2 Kurpfalz, Akten, Lehnswesen, Sachakte 760 U, Nr. 1). Das Schloss, eine Vierflügelanlage, wurde jedoch bereits 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg von französischen Truppen geplündert und abgebrannt.

Wirtschaftsgut „Oranienhof“ auf dem Gelände der ehemaligen Schaffnerei St.-Peter 300px|mini|Chorfrauenstift St. Peter bzw. Oranienhof im Vordergrund der Zeichnung Crucenacum ad Navam von Theodor Gottfried Thum, um 1747 nach älteren Vorlagen Ungefähr 600 Meter südwestlich der Kreuznacher Altstadt nicht weit vom rechten Naheufer an der Stelle des heutigen Oranienparks, 1.250 Meter Luftlinie von Schloss Oranienhof in der Hochstraße entfernt, befand sich von etwa 1140 bis 1566/68 das Augustiner-Chorfrauenstift St. Peter .

Das Kloster wurde 1566/68 aufgehoben und verlassen. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 gehörte das Klostergut – wie das Oberamt Kreuznach insgesamt – zu Pfalz-Simmern-Kaiserslautern, zu der Kurpfalz und zu der Markgrafschaft Baden-Baden.Vgl. Regest der Schenkungsurkunde von Pfalzgraf Ludwig Heinrich an seine Frau Marie von Oranien vom 15. Juli 1672 (Kriegsverlust); Hessisches Staatsarchiv Darmstadt (Gräflich Wartenbergsches Archiv, 226). Marie von Oranien-Nassau ließ einen Teil des verlassenen Klosters zu einer Holländerei umgestalten. Im Mustergut der Meierei wurden „etlicheD. h. „mehr als“. 20 melkende Kühe“ gehalten. Die Prinzessin unterhielt dort auch eine „Menage zu ihrer Lust“. Ein dortiges Lustschlösschen wurde wegen der Kriegsläufe nicht fertiggestellt.

Der zum Kloster gehörende Nonnenwald (oberhalb des heutigen Nachtigallenwegs) wurde in Oranienwald oder Oranienwäldchen umbenannt,Vgl. Erhard Hirsch: Kulturgeschichtliche Beziehungen Mitteldeutschlands zur „Niederländischen Bewegung“ des 17. Jahrhunderts und ihr Weiterwirken auf den Dessau-Wörlitzer Kulturkreis. In: Arina Völker, Burchard Thaler (Hrsg.): Die Entwicklung des medizinhistorischen Unterrichts (Wissenschaftliche Beiträge der Martin-Luther-Universität Halle 6 = E Pädagogische Beiträge 43). Abteilung Wissenschaftspublizistik der Martin-Luther-Universität, Halle/Saale 1982, S. 112–146, bes. S. 117. und auch die Flurnamen Oranienberg, Oranienhardt, im Oranienhof, Oranienwiese (unterhalb des Kauzenbergs an der Nahe) und die Oranienstraße erinnern noch an die Prinzessin von Oranien.Vgl. Willi Wagner: Die Wittelsbacher der Linie Pfalz-Simmern. (Schriftenreihe des Hunsrücker Geschichtsvereins 34). Hunsrücker Geschichtsverein, Simmern 2003, S. 286f.

Nach der Zerstörung des Schlosses an der Hochstraße 1689 ging der Name „Oranienhof“ auf die Liegenschaft der Schafferei St.-Peter über, die bald ebenfalls zerfiel. Steine des ehemaligen Klosters bzw. des Wirtschaftshofes scheinen 1698–1700 für den Bau der lutherischen Wilhelmskirche verwendet worden zu sein.Vgl. Gotthelf Huyssen: Die Heidenmauer und das christliche Kreuznach. In: ders.: Zur christlichen Alterthumskunde in ihrem Verhältniß zur heidnischen. Vorträge und Studien. J. H. Maurer / Fr. Wohlleben, Kreuznach 1870, S. 347. 1698 beschwerte sich das Presbyterium der reformierten Gemeinde beim Oberamt, weil „auf dem Oranienhof sonntags allerhand Volk sich versammle und Mutwillen treibe“.Vgl. Albert Rosenkranz: Pfarrer Wolfgang Christoph Sixt und das Kreuznacher Simultaneum. In: Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes (1957), S. 33–69, bes. S. 57. 1707 wurden die Besitzungen der Kolb von Wartenberg von Kaiser Joseph I. zur reichsunmittelbaren Reichsgrafschaft erhoben.Regest einer Urkunde vom 17. Dezember 1707; Hessisches Staatsarchiv Darmstadt (Gräflich Wartenbergsches Archiv (Kriegsverlust), 329). Der Oranienhof gehörte als Exklave zum wartenbergischen Amt Sembach. mini|links|Oranier Hof auf einer Carte topographique du Canton du Creutznach (Ausschnitt), um 1805/10|250px mini|links|Oranienhof in der Topographischen Aufnahme der Rheinlande durch Jean Joseph Tranchot, Bl. 212 (Ausschnitt), 1811/12|250px mini|links|Oranienhof (vorne), rechts dahinter der Hotel-Neubau, im Hintergrund links das Gymnasium; Carl Schlickum, Henry Winkles: Kreuznach (Ausschnitt), vor 1838|250px mini|links|Perspektivische Darstellung von Kursaal, Oranienhof und Hotel Rheinstein (später Hôtel de l'Europe) vor der Kreuznacher Altstadt (v. l. n. r.); Stahlstich von Peter Borniger (Ausschnitt), 1843|250px