mini|350px|Inschrift auf dem Titusbogen in Rom Die lateinische Epigraphik (aus ) ist eine historische Hilfswissenschaft, die sich mit dem Studium, der Erstellung von Verzeichnissen und der Übersetzung von antiken lateinischen Inschriften befasst. Damit ist sie ein Teilbereich der Inschriftenforschung (Epigraphik). Gegenstand sind im Wesentlichen alle originären lateinischen Schriftzeugnisse aus römischer Zeit, die auf dauerhaftem Material überliefert sind. Allerdings zählen auch Inschriften auf nicht beständigen Materialien, etwa Wachstafeln (tabulae ceratae) oder mit Tinte beschriebene Holztäfelchen, dazu, während Münzinschriften und Dokumente auf Papyrus oder Pergament eigenen Disziplinen vorbehalten sind.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 1.
Bedeutung, Geschichte und Publikation der Inschriften Lateinische Inschriften sind für die allseitige Erforschung römischer Lebenswelt und Geschichte von unschätzbarem Quellenwert. Zu den bekanntesten Beispielen gehören der Tatenbericht des Kaisers Augustus (Res gestae divi Augusti), der von Theodor Mommsen als „Königin der lateinischen Inschriften“ bezeichnet wurde, die Rede des Kaisers Claudius im Senat im Jahre 48 auf einer Bronzetafel aus Lyon; Wikisource; fr.WP: Table claudienne. sowie die Grabrede eines Witwers aus augusteischer Zeit, die sogenannte Laudatio Turiae. (Bilder).
Der exakte Zeitraum der lateinischen Epigraphik in der römischen Welt lässt sich nur regional genauer und damit unterschiedlich fassen. Die zeitlich umfassendste Erstreckung reicht von den frühesten Zeugnissen aus der Römischen Königszeit bis zum Jahre 711 n. Chr., dem Datum der arabischen Eroberung Spaniens als dem westlichsten Teil des Römischen Reiches, das somit auch das Ende der genuin römischen Epigraphik markiert.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 2.
Inschriften auf Stein finden sich auf zahlreichen Gebäuden, mit einem erklärenden oder kommentierenden Titulus. Zudem finden sich Inschriften auf Sockeln von Statuen, auf Sarkophagen (Epitaphe), auf Stelen, auf Meilensteinen (Miliaria) oder auf Bronzetafeln mit Gesetzestexten, z. B. die Tabula Clesiana.. Zur lateinischen Epigraphik gehört auch das Studium der römischen Namen, ihrer Abkürzungen und der Titulatur von Würdenträgern. Im Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche Inschriften entdeckt. Sie werden in Sammlungen wie dem Corpus Inscriptionum Latinarum zusammengefasst, neue Funde werden jährlich in L’Année épigraphique verzeichnet. Durchsuchbar ist der Bestand der bisher bekannten lateinischen Inschriften durch Internet-Datenbanken wie die Epigraphik-Datenbank Clauss-Slaby oder die Epigraphische Datenbank Heidelberg, die beide Mitte der 1980er Jahre entstanden.
Inschriftenklassen Instrumenta publica Als Instrumenta publica gelten alle die staatliche Gemeinschaft regelnden Dokumente. Dies betrifft zunächst hoheitliche Rechtsanordnungen wie Gesetze (leges), Senatsbeschlüsse (senatus consulta) und Kaiserrecht (constitutiones), dann Militärdiplome und schließlich Patronatstafeln zur Bestätigung der Aufnahme einer Gemeinde, eines Municipium oder Familienverbandes in die Klientel eines Patrons.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 31–43.
Kalender, Protokolle Inschriften mit Angaben zum römischen Kalender, insbesondere zu den dies fasti und nefasti, dienten der römischen Gesellschaft zur Orientierung im staatlichen, religiösen und wirtschaftlichen Leben. In diesen Bereich gehören auch die acta fratrum arvalium, die Sitzungsprotokolle der Arval-Priesterschaft, deren Mitglieder aus den höchsten Kreisen Roms ernannt wurden. Ein Beispiel dafür ist das carmen Arvale, ein Kultgesang aus archaischer Zeit, der in den Akten der Arval-Priesterschaft aus dem Jahre 218 n. Chr. als antiquarische Abschrift bewahrt wurde, die damals schon nicht mehr verstanden wurde.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 27–30.
Weihinschriften Auf Weihinschriften (tituli sacri) werden seit der römischen Frühzeit Tempel, Statuen, Altäre, aber auch Gebrauchsgegenstände wie Waffen, Gefäße oder bloße Votivtäfelchen einer oder mehreren Gottheiten zugeeignet. Dazu gehören auch die sogenannten Fluchtafeln (defixionum tabellae). Dies sind in der Regel dünne, meist aufgerollte Bleitafeln, oft mit einem Nagel durchbohrt. Auf ihren Innenseiten finden sich Verfluchungen von Personen (Dieben, Nebenbuhlern), auch von Tieren (Pferde beim Wagenrennen), oft verbunden mit kryptischen, magischen Zeichen. Die Texte sind anonym abgefasst, meist vergraben bewahrt und im Gegensatz zu Inschriften im Allgemeinen an keine „Öffentlichkeit“ gerichtet. Adressaten, wenn überhaupt genannt, sind vielmehr chthonische Götter wie Hekate oder die Götter der Unterwelt insgesamt.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 44–49.
Ehreninschriften Ehreninschriften (tituli honorarii) veröffentlichen Namen, Ämter und Ehrungen einer verstorbenen Persönlichkeit.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 50.
Bauinschriften mini|Pantheon (Rom) Die Bauinschriften zeichnen sich durch große Vielfalt aus. Dazu gehören zunächst die Inschriften auf öffentlichen und privaten Bauen (tituli operis publici et privati). Bekanntestes Beispiel für die Inschrift auf einem antiken Gebäude ist wohl jene vom Architrav des Pantheons in Rom:
M(arcus) Agrippa L(uci) f(ilius) co(n)s(ul) tertium fecit
Übersetzung: Marcus Agrippa, Sohn des Lucius, Konsul zum dritten Male, hat (es) bauen lassen.
Weitere Beispiele für Bauinschriften sind aber auch Meilensteine (Miliaria). Sie markierten an den viae publicae, den römischen Reichsstraßen, die Entfernung vom Ausgangspunkt einer Wegstrecke. Ferner werden auch die Grenzsteine der Stadt Rom (Termini) dazu gezählt.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 57–64.
Grabinschriften Grabinschriften (tituli sepulcrales) finden sich auf Aschenkisten und Urnen größerer Grabbauten, auf Kolumbarien, am häufigsten jedoch auf Stelen, sowohl an den Gräberstraßen Roms als auch in den Grabstätten provinzialer Städte oder auf den Friedhöfen der Kastelle längs des Limes.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 65. Dabei werden oft diverse Arten von Abkürzungen verwendet: Siglum – Abkürzungszeichen, bestehend aus einem Buchstaben wie L(ucius); Nota – Teile eines Wortes, wie aed(ilis), l(e)g(io), co(n)s(ul), oder Nummern: DDD NNNN; d(omini) n(ostri)(quattuor).
Beispiel einer Grabinschrift mini|Grabstein des Marcus Valerius Celerinus, Köln Erhalten hat sich die Inschrift auf dem Grabstein des Marcus Valerius Celerinus, den man in Köln gefunden hat und heute dort im Römisch-Germanischen Museum besichtigen kann. Auf der Inschrift ist folgender Text zu lesen:
M VAL CELERINVS PAPIRIA ASTIGI CIVES AGRIPPINE VETER LEG X G P F VIVOS FECIT SIBI ET MARCIAE PRO CVL VXORIDie Inschrift befindet sich heute im Römisch-Germanischen Museum in Köln, ein Foto der Inschrift ist hier zu finden.
Löst man die Abkürzungen der Inschrift auf, so erhält man folgenden Text. Zur besseren Übersicht wurden die Ergänzungen und die beiden Korrekturen bei CIVES und VIVOS kursiv und mit kleinen Buchstaben hinzugesetzt:
Marcus VALerius CELERINVS PAPIRIA ASTIGItanus CIViS AGRIPPINEnsis VETERanus LEGionis X Geminae Piae Fidelis VIVuS FECIT SIBI ET MARCIAE PRO CVLae VXORI
Übersetzung:
Marcus Valerius Celerinus aus dem Stimmbezirk (der tribus) Papiria, aus Astigi, Bürger Kölns, Veteran der zehnten Legion, der Zwillingslegion, der pflichtbewussten, treuen, fertigte (diesen Stein) zu Lebzeiten für sich und Marcia Procula, seine Ehefrau.
Dipinti, Graffiti und Kleininschriften Schließlich sind jene Zeugnisse anzuführen, die von vornherein nicht für die Ewigkeit bestimmt waren, sondern dem Zufall der Überlieferung zu verdanken sind und uns so einen Einblick in den antiken Alltag gewähren. Dazu gehören Dipinti (tituli picti, oft in Form von Wahlaufrufen) und Graffiti (tituli scarifati), von denen die meisten in Pompeji, Herculaneum und Stabiae entdeckt wurden – der Städte, die im Jahre 79 n. Chr. im Aschenregen des Vesuv untergegangen waren.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 73–74.
Eine letzte Kategorie, zahlreich und vielfältig wie keine andere, wird als Kleininschriften (instrumentum domesticum) zusammengefasst und findet sich auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs gestempelt, eingeritzt oder aufgemalt.Manfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 76.
Übliche Abkürzungen (Auswahl) A= annus Jahr; asses Asse AN [XXXII semissis]= annorum [Triginta duorum semissis] im Alter von [32,5] Jahren AVG= Augustus; Augur B R P N= bono rei publicae natus zum Wohle des Staates geboren B T O Q= bene tua ossa quiescant mögen deine Knochen in Frieden ruhen B VIX= bene vixit hat gut gelebt CAES= Caesar COS(S)= Consule (Consulibus) im Jahre des Konsulats des … (und…) C V= clarissimus vir hochangesehener Mann DM= Dis Manibus den Göttern der Unterwelt (geweiht) F= Filius Sohn; Fastus; fecit, fecerunt Er/sie ließ(en) anfertigen H S E= Hic situs est Er liegt hier (begraben) ID= Idibus An den Iden (am 13./15.) I S= infra scriptus untenstehend I O M= Iovi Optimo Maximo dem besten und größten Jupiter KAL [IVL]= Kalendis [Iuliis] am 1. Juli L= Libertus Freigelassener (oder römischer Name Lucius) LEG [X]= Legionis [Decimae] der [zehnten] Legion MIL= Miles Soldat NON= Nonis An den Nonen (am 5./7.) Q= Quästor PRO(COS)= proconsul / pro consule Prokonsul/für den Konsul S C= Senatus consultum Senatsbeschluss STIP [XXV]= stipendiorum [Viginta quinque] Nach Kriegsjahren VET= Veteranus Veteran (pensionierter Soldat) V IL= Vir illustris hervorragender Mann V S [L] L M= Votum solvit [laetus] libens merito er/sie löste das Gelübde [froh,] gern und nach Gebühr ein
Namen (Häufige Abkürzungen)
Die gebräuchlichsten männlichen Vornamen:
A(ulus) C(aius) CN(aeus) D(ecimus) K(aeso) L(ucius) M’(anius) M(arcus) P(ublius) Q(uintus) S(purius) SER(vius) SEX(tus) T(itus) TIB(erius), auch TI abgekürztManfred G. Schmidt: Einführung in die lateinische Epigraphik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, S. 85–86.
Anmerkungen Name des Toten: meist im Nominativ oder Dativ Stifter: meist im Nominativ (eventuell mit Angabe der Beziehung zum Toten: z. B. frater) Filiation: z. B. M F: Sohn des Marcus Gesellschaftsstand: z. B. M. Terenti L: Freigelassener des Marcus Terentus Herkunft: meist im Ablativ: z. B. Ara (aus Köln), Bononia (aus Bonn) Beruf/militärischer Rang: z. B. miles, centurio, praefectus Dienstzeit: stipendiorum (XV) Alter: annorum (XXX) Weihung für eine Gottheit: im Dativ: z. B. Dis Manibus, IOM, Deae Fortunae, Deo Mithrae Weihe/Stiftungsformel: z. B. V S L L M/faciendum curavit/fecit Grabformel: z. B. Hic situs est, Hic iacet de suo/de suis: aus eigenem Vermögen
Beispiel eines epigraphischen Textes 780px
Inschrift auf dem Septimius-Severus-Bogen in Rom, 203 n. Chr.