mini|hochkant=1.2|Andreas Kalbitz (2020) Andreas Edwin Kalbitz (* 17. November 1972 in München) ist ein rechtsextremer deutscher Politiker (parteilos, zuvor AfD, Die Republikaner und CSU). Er war von 2014 bis 2024 Mitglied des Brandenburger Landtages und von 2017 bis 2020 Fraktionsvorsitzender. Von 2017 bis zum Entzug der AfD-Mitgliedschaft im Mai 2020 war er Landesvorsitzender der AfD Brandenburg und Mitglied des Bundesvorstandes. Der Bundesvorstand schloss ihn aus der Partei aus, weil er in seinem Aufnahmeantrag seine Mitgliedschaft in der – seit 2009 verbotenen – neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend verheimlicht hatte.

Kalbitz gehörte dem Flügel, einem völkisch-nationalistischen Parteiflügel um Björn Höcke, an und war zum Teil gleichzeitig Mitglied in mehreren rechtsextremistischen und neonazistischen Vereinigungen bzw. war und ist ihnen verbunden. Im Februar 2020 wurde bekannt, dass er – neben Björn Höcke und Hans-Thomas Tillschneider – seit Beginn des Jahres 2020 vom Verfassungsschutz (Bundesamt für Verfassungsschutz und Landesverfassungsschutzbehörden) beobachtet wird.

Leben Frühe Jahre, Ausbildung und Beruf Als Schüler war Andreas Kalbitz in der Pennalen Burschenschaft Saxonia-Czernowitz zu München aktiv, einer schlagenden Schülerverbindung im ÖPR. Sein Leibbursch war Alexander Wolf. Von 1994 bis 2005 war Kalbitz Soldat auf Zeit als Fallschirmjäger. Laut Bundeswehr-Journal beendete er seine Laufbahn im Rang eines Oberfeldwebels. Danach begann er nach eigener Aussage ein Informatikstudium an der Fachhochschule Brandenburg. Nachforschungen der Märkischen Allgemeinen ergaben, dass er dort von 2005 bis 2007 eingeschrieben war, aber keine Prüfung ablegte. Folglich wurde er von der Hochschule zwangsexmatrikuliert. Kalbitz gibt in seinem Lebenslauf auf den Seiten des Landtags Brandenburg weiterhin „Studium der Informatik an der FH Brandenburg“ an, abgerufen am 15. Mai 2023 gab aber in einem Interview zu, „nie wirklich studiert“ zu haben, sondern nur „mal da“ gewesen zu sein und „mit einer Professorin gesprochen“ zu haben. An Namen könne er sich nicht mehr erinnern.

Nach eigenen Angaben absolvierte Kalbitz von 2006 bis 2008 eine Berufsausbildung zum Medienkaufmann Digital und Print. Von 2010 bis 2014 war er Geschäftsführer des Hörbuchverlages Edition Apollon in Königs Wusterhausen. Nach der Insolvenz des Verlags arbeitete er freiberuflich als IT-Berater; er war nach eigener Aussage „für Mercedes, BMW und andere große Unternehmen“ tätig.

Privates Kalbitz ist seit etwa 1994 mit einer Britin verheiratet. Das Paar hat drei Kinder.

Politische Karriere und politische Positionen Partei Parteipolitisch war er zunächst Mitglied der Jungen Union, wo er dem Bezirksverbandsausschuss angehörte, und der CSU. In der CSU war er Anfang der 1990er Jahre Landesdelegierter. In der Jungen Freiheit forderte er in dieser Zeit „einen rechten Aufbruch in der CDU/CSU“.Bernd Siegler: Scheinoffensive der CSU gegen Rechts. In: taz, Nr. 3840, 22. Oktober 1992, S. 5. Mit 21 Jahren trat er den damals vom Verfassungsschutz beobachteten und als rechtsextrem eingestuften Republikanern bei. Journalisten beschrieben ihn rückblickend als Vertreter einer „konservativen Neuerung“ in München.Barbara Junge, Julia Naumann, Holger Stark: RechtsSchreiber. Wie ein Netzwerk in Medien und Politik an der Restauration des Nationalen arbeitet. Elefanten-Press, Berlin 1997, ISBN 3-88520-621-8, S. 64.

Im März 2013 trat er der kurz zuvor gegründeten AfD bei. Er wurde unter anderem Mitglied des Kreisvorstands Dahme-Spreewald sowie Wahlkampfbeauftragter des Wahl- und Landkreises. Im März 2015 unterzeichnete er die von Björn Höcke und André Poggenburg initiierte Erfurter Resolution; beim sogenannten Kyffhäusertreffen im Juni 2015 trat er als Redner auf. Am 21. November 2015 wurde er zum ersten stellvertretenden Landesvorsitzenden der AfD Brandenburg gewählt. Im April 2017 wurde Kalbitz auf dem Landesparteitag als Nachfolger Alexander Gaulands zum Landesvorsitzenden der Brandenburger AfD gewählt.Andreas Kalbitz ist Gauland-Nachfolger in Brandenburg. Rundfunk Berlin-Brandenburg, 8. April 2017.

Im Dezember 2017 wurde Kalbitz zu einem der sechs Beisitzer im AfD-Bundesvorstand gewählt.AfD wählt neuen Bundesvorstand. AfD, Pressemeldung, 4. Dezember 2017. Im Juni 2018 berichtete der Stern, dass Kalbitz ein möglicher Nachfolger Gaulands als Bundesvorsitzender der Partei sei. Kalbitz selbst äußerte, er habe Geduld und sehe sich auf einem politischen „Langstreckenlauf“. „Wo ich persönlich politisch innerhalb der AfD stehe, ist ja kein Geheimnis. Aber wir müssen den Ausgleich zwischen allen Kräften schaffen.“ Am 1. Dezember 2019 wurde Kalbitz mit 50,3 % zum zweiten AfD-Beisitzenden wiedergewählt.

Abgeordneter mini|Kalbitz auf einer Wahlkampfveranstaltung (2019) Bei den Kommunalwahlen in Brandenburg 2014 wurde Kalbitz in die Stadtverordnetenversammlung in Königs Wusterhausen gewähltRechtslastige Vergangenheit. In: Blick nach Rechts, 16. Oktober 2014. und ist dort seit Juni 2014 Fraktionsvorsitzender der AfD-Fraktion.

Bei der Landtagswahl in Brandenburg 2014 kandidierte er im Landtagswahlkreis Dahme-Spreewald II/Oder-Spree I als Direktkandidat und erreichte 10,4 %. Er zog über die Landesliste (Listenplatz 9) in den Landtag Brandenburg ein und war Mitglied im Ausschuss für Infrastruktur und Landesplanung (A10), dem Sonderausschuss BER sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kultur (A6). Von 2015 bis 2019 war er Mitglied des Beirates der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB).ILB: Archivversion der Seite Beirat der ILB vom 5. November 2016, abgerufen (im Original) am 2. Juni 2016. ILB: Beirat der ILB, Version von 2020, abgerufen am 20. August 2020.

Zunächst wurde Kalbitz stellvertretender Fraktionsvorsitzender und im November 2017 zum Nachfolger des in den Bundestag gewählten Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland gewählt.

Ferner war er Beauftragter der AfD-Fraktion für die Angelegenheiten der Sorben und Wenden sowie medienpolitischer Sprecher.

Kalbitz war Spitzenkandidat der AfD bei der Landtagswahl in Brandenburg von 2019. Die Alternative für Deutschland erhielt 23,5 % der Stimmen und zahlreiche Direktmandate. Kalbitz trat im Wahlkreis Dahme-Spreewald II/Oder-Spree I an, verpasste das Direktmandat jedoch deutlich.

Am 16. Dezember 2016 kritisierte der CDU-Abgeordnete Steeven Bretz die AfD in einer Rede scharf und äußerte, an deren Fraktionsmitglieder gerichtet: „Das Einzige, was Sie von Finanzen verstehen, ist Ihre persönliche Profitmaximierung“ sowie „AfD heißt für mich nur noch Abzocke für Deutschland“. Damit nahm er Bezug darauf, dass der AfD-Abgeordnete Alexander Gauland sein Landtagsmandat nach der von ihm angestrebten Wahl in den Bundestag zumindest übergangsweise behalten wollte. Andreas Kalbitz äußerte daraufhin gegenüber Bretz, seine Rede sei „Goebbels für Arme“ gewesen. Nachdem Kalbitz eine Bitte um Entschuldigung hierfür verweigerte („Ich kann mich bei Ihnen nicht für Ihre erbärmliche Rede entschuldigen“), schloss Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) Kalbitz von der weiteren Sitzung aus. Daraufhin verließ die gesamte restliche AfD-Fraktion aus Protest ebenfalls den Saal. Auch später verteidigte Kalbitz seine Äußerung und gab an, es habe sich um eine Überspitzung gehandelt, die man in der Politik aushalten müsse. Potsdamer Neueste Nachrichten, 16. Dezember 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.

Beim Kyffhäuser-Treffen des „Flügels“ 2018 rief Kalbitz: „Masseneinwanderung ist Messereinwanderung“, was vom Publikum mit „Abschieben, Abschieben“-Rufen beantwortet wurde.Maria Fiedler: Der Clinch mit dem „Flügel“: Welche Zukunft hat Meuthen in der AfD? www.tagesspiegel.de, 22. April 2020.

Kalbitz leugnet den menschengemachten KlimawandelMichael Sauerbier: Wie AfD-Kalbitz mal wieder die Fakten verdreht. BZ, 5. August 2018. und machte in einer Debattenrunde mit Jugendlichen Windkraftanlagen für das Vogelsterben verantwortlich. Weiter bezeichnete Kalbitz in dieser Runde die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg als „zopfgesichtiges Mondgesichtmädchen“.

Beim Wahlkampfauftakt der AfD vor der Brandenburger Landtagswahl 2019 sagte der aus Westdeutschland stammende Kalbitz: „Wir sind nicht 1989 in diesen Prozess eingetreten und die Menschen sind nicht auf die Straße gegangen, um das geliefert zu bekommen, was wir jetzt hier erdulden müssen.“ Dieser Gleichsetzung der politischen Verhältnisse in der DDR mit denen der heutigen Bundesrepublik widersprach der Historiker Patrice Poutrus. Er warf der AfD vor, mit diesem Versuch der Vereinnahmung der damaligen Wende in der DDR „von einer Anerkennung der Verfassungsordnung der Bundesrepublik weit entfernt“ zu sein.Patrick Gensing, Konstantin Kumpfmüller: Historische Vergleiche: Leben wir in einer „DDR 2.0“? www.tagesschau.de, 2. August 2019. In einer weiteren Wahlkampfrede im Oktober 2019 in Erfurt sprach Kalbitz von Deutschen, die sich „nachts nicht mehr auf die Straße trauen oder an Bahnhöfe, weil da nämlich irgendwelche jungen syrischen oder afghanischen Deserteure (…) rumlungern. Hinter denen das Kopftuchgeschwader mit Mehrfachkinderwagen.“ Mehr als eine „sinnentleerte, hirnlose, selbstzerstörerische Willkommenskultur“ brauche man, so Kalbitz, eine „konsequente Abschiebekultur“.Verfassungsschutzbericht 2019, S. 85. Im Juni 2020 sagte er, man habe in Deutschland „kein Problem mit strukturellem Rassismus“, sondern „mit struktureller Inländerfeindlichkeit“.Katja Bauer, Maria Fiedler: Die Methode AfD. Der Kampf der Rechten: Im Parlament, auf der Straße – und gegen sich selbst. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-608-98412-5, S. 16 2019 schrieb Kalbitz in seinem Grußwort zur im rechtsextremen Gerhard Hess Verlag erschienenen Schrift Was Juden zur AfD treibt, „im Zuge der massenhaften Zuwanderung vornehmlich moslemischer Migranten“ vollziehe sich ein „neue[s] ideologisch motivierte[s] Menschheitsbeglückungsexperiment“, das in einer Reihe mit „dem singulären Kulturbruch des Holocaust“ stehe.Nikolai Schreiter, Lars Rensmann: Codierte Feindbilder. Die AfD und der Antisemitismus vor und nach dem 7. Oktober. In: Olaf Glöckner, Günther Jikeli (Hrsg.): Antisemitismus in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023. Georg Olms, Baden-Baden 2025, S. 207–233, hier S. 219.

Seit Anfang des Jahres 2020 überwacht der Verfassungsschutz Kalbitz mit nachrichtendienstlichen Mitteln. Diese Beobachtung bezieht sich auf außerparlamentarische Aktivitäten, nicht auf die Arbeit im Parlament.Holger Stark: AfD: Zu radikal. www.zeit.de, 12. Februar 2020. Laut Bundeswehr-Journal hat ihn der Militärische Abschirmdienst für Reserveübungen gesperrt.

Bei der Landtagswahl 2024 gelang es ihm in zwei Wahlkreisen nicht, sich als Direktkandidat der AfD aufstellen zu lassen, und er schied aus dem Landtag aus.

Entzug der AfD-Mitgliedschaft Mitte April 2020 beschloss der Bundesvorstand der Partei, Kalbitz müsse „eine Liste der politischen Organisationen und Vereinigungen vorlegen, in denen er Mitglied gewesen ist oder zu denen er in Kontakt gestanden hat – mit Angaben von Jahreszahlen und Erklärung der Art der Verbindung“. Die Vorwürfe gegen ihn schadeten „dem Ansehen der AfD massiv“, hieß es in der Erklärung des 13-köpfigen Gremiums. Allerdings wurde der Beschluss des AfD-Bundesvorstands nur knapp gefasst, mit sieben Ja- bei vier Nein-Stimmen sowie zwei Enthaltungen.Sabine am Orde: Partei setzt Kalbitz unter Druck. taz.de, 18. April 2020.