Dactylioceras ist eine durch mittelgroße, sehr entwickelte (evolute) Gehäuse gekennzeichnete Gattung aus der ausgestorbenen Gruppe der Ammoniten. Sie ist dem Toarcium, einer chronostratigraphischen Stufe des Unterjura, zuzuordnen, abgerufen am 21. September 2012.Sepkoski's Online Genus Database, abgerufen am 21. September 2014. und gilt als Leitfossil.

Erstbeschreibung und Etymologie Die Gattung Dactylioceras wurde erstmals 1867 durch den Zoologen und Paläontologen Alpheus Hyatt als eigene Untergruppe der Ammoniten abgetrennt., bezugnehmend auf: A.Hyatt,The fossil cephalopods of the Museum of Comparative Zoology. In: Bulletin of The Museum of Comparative Zoology, vol. 3, S. 59–111, Cambridge, Mass. 1872. Geschichtliche Darstellungen und Beschreibungen gehen bis ins ausgehende 16. Jahrhundert zurück, so beispielsweise bei Johann Bauhin.

Der Name des Ammoniten leitet sich aus den griechischen Begriffen δάκτυλος (dáktylos) „Finger“ und κέρας (kéras) „Horn“ ab. „Finger“ nimmt auf die fingerartige Verzweigung der Rippen Bezug.

Morphologie Die morphologische Beschreibung des Phragmokons ist flachscheibig serpentikon bis kadikon mit sehr langsamer Windungszunahme. Die Gehäusegröße eines Dactylioceras reicht von 25 mm bis zu 150 mm, überschreitet aber nur selten 100 mm. Die dünnwandige Schale ist nur selten erhalten. Als Form dominiert eine evolute Gestalt (N = 0,52 bis 0,60) mit querovalem bis hochovalem Windungsquerschnitt. Die Umgangswand ist in der Regel systematisch ausgebildet und lässt sich in zahlreiche Abschnitte unterteilen. An die von der Naht senkrecht oder steil aufsteigende Nabelfläche schließt sich bei den meisten Formen eine ausgeprägte Nabelkante an. Die daran anschließende Flanke reicht bis zur Externkante, wobei die tatsächliche Formung je nach Art unterschiedlich ausgeprägt ist.

Die Normalskulptur wird aus gegabelten Rippen, Einfachrippen und Schaltrippen gebildet, die ohne Unterbrechung bis zur Externkante verlaufen und in so genannte Rippenspaltpunkte, je nach Art auch mit ausgebildeten, kleinen Knoten, münden, die sich in der Regel an der Außenkante der Flanke befinden. Der Interkostalraum zwischen den Rippen beträgt häufig das 1,5- bis 2fache der Rippenbreite. Der tatsächliche Rippenverlauf ist ein wesentliches Merkmal zur Taxonomie.

Aptychen sind bei der Gattung Dactylioceras nicht bekannt. Weder Einschnürungen noch Mündungsapophysen sind ausgebildet.

Das Subgenus Dactylioceras (Eodactylites) zeichnet sich durch stark gespreizt stehende Externrippen aus, ihr Windungsquerschnitt ist quadratisch bis rechteckig mit aufgesetztem Dach. Das Subgenus Dactylioceras (Orthodactylites) besitzt keine gespreizten Externrippen und ihr Windungsquerschnitt ist rundlich, die Skulptur insgesamt wesentlich feiner. Kennzeichnend für das Subgenus Dactylioceras (Dactylioceras) ist ihr differenziertes, scharfes und regelmäßiges Berippungsmuster. Ihre Flankenrippen sind erheblich kräftiger als die Externrippen ausgebildet und verlaufen rectoradiat bzw. proradiat, die Externrippen hingegen proklin. Die Berippungsdichte ist in der Regel lockerer als bei Dactylioceras (Orthodactylites).

Lebensweise Dactylioceras war eine räuberische Ammonitengattung, die ihrer Beute wahrscheinlich auf dem Meeresboden nachstellte. Massensterben sind in ihr recht gängig und es wird angenommen, dass sich derartige Ereignisse unmittelbar nach dem Schlüpfen zutrugen. Die toten Gehäuse wurden hierbei zu Schillbänken am Rand des Jurameeres zusammengespült. Experimente in Strömungstanks gaben zu erkennen, dass Dactylioceras sehr wahrscheinlich nur ein langsamer Schwimmer war. Die Gattung hielt sich vorwiegend in Kalkmeeren im flachen bis tieferen Subtidal auf, wurde aber auch über der Schelframpe und über Untermeeresfächern angetroffen. In Bezug auf Veränderungen im Sauerstoff- und Salzgehalt des Meerwassers dürfte die Gattung Dactylioceras nur eine geringe Toleranz besessen haben (meso- bis steno-oxybiont und meso- bis steno-halin).

Taxonomie mini|300px|Dactylioceras commune aus Yorkshire

Zur Taxonomie der Familie der Dactylioceratidae gab Reinhard Schmidt-Effing 1972 einen geschichtlichen Überblick, in dem er darstellte, dass die Systematik der in Frage kommenden Fossilien seit Alpheus Hyatt vor allem durch J. Buckman, William Joscelyn Arkell und Otto Heinrich Schindewolf einer beständigen Änderung unterzogen wurde. Diese Tatsache spiegelt sich in einer sehr hohen Anzahl von Synonymen wider (siehe weiter unten).

Untergattungen und Arten Axel von Hillebrandt und Reinhard Schmidt-Effing gaben 1981 folgende Einteilung an: Genus: Dactylioceras , 1867 Typusart: Ammonites communis , 1815 Subgenus: Dactylioceras (Eodactylites) , 1972 Typus-Art: Dactylioceras pseudocommune , 1935 (umstritten) Dactylioceras (Eodactylites) holandrei , 1844 Dactylioceras (Eodactylites) mirabile , 1935 Dactylioceras (Eodactylites) perplicatum , 1935 Dactylioceras (Eodactylites) polymorphum , 1935 Dactylioceras (Eodactylites) pseudocommune , 1935 Dactylioceras (Eodactylites) simplex , 1935 Dactylioceras (Eodactylites) triangulum , 1966 Subgenus: Dactylioceras (Iranodactylites) , 2000 Typus-Art: Dactylioceras (Iranodactylites) ketevanae , 2000 Subgenus: Dactylioceras (Orthodactylites) , 1926 Typus-Art: Orthodactylites directus , 1926 Dactylioceras (Orthodactylites) anguinum , 1818 Dactylioceras (Orthodactylites) attenuatum , 1855 Dactylioceras (Orthodactylites) circumactum , 1968 Dactylioceras (Orthodactylites) crassifactum , 1855 Dactylioceras (Orthodactylites) crassiusculosum , 1855 Dactylioceras (Orthodactylites) directum , 1926 Dactylioceras (Orthodactylites) ernsti , 1968 Dactylioceras (Orthodactylites) gracile , 1843 Dactylioceras (Orthodactylites) helianthoides , 1904 Dactylioceras (Orthodactylites) hispanum , 1972 Dactylioceras (Orthodactylites) hoelderi , 1981 – n.sp (benannt nach Helmut Hölder) Dactylioceras (Orthodactylites) semiannulatum , 1978 Dactylioceras (Orthodactylites) semicelatoides , 1957 Dactylioceras (Orthodactylites) semicelatum , 1843 Dactylioceras (Orthodactylites) sp. (nicht bestimmbare Fragmente von Río Manflas in Chile) Dactylioceras (Orthodactylites) tenuicostatum , 1822 Dactylioceras (Orthodactylites) tenuicostatum chilense n.ssp. Dactylioceras (Orthodactylites) toxophorum , 1927 Dactylioceras (Orthodactylites) wunnenbergi , 1968 Subgenus: Dactylioceras (Dactylioceras) , 1867 Typus-Art: Dactylioceras communis , 1815

Weitere Systematiken benennen unter Einbeziehung von 1843 und 1855 zusätzliche Spezies.

mini|300px|Dactylioceras commune aus dem Posidonienschiefer von Holzmaden, Durchmesser 8 Zentimeter. Der Phragmokon wird von kleinen Mikrokonchen begleitet (unten links).

Von dem Subgenus Dactylioceras (Dactylioceras) sind folgende Taxa bekannt: Dactylioceras absimile , 1968 Dactylioceras alpestre , 1980 Dactylioceras amplum , 1968 Dactylioceras anguiforme , 1928 Dactylioceras anguinum Dactylioceras annuliferum , 1855 Dactylioceras arcus , 1926 Dactylioceras athleticum , 1855 Dactylioceras clevelandicum , 1973 Dactylioceras commune , 1815 Dactylioceras comptum , 1968 Dactylioceras consimile , 1926 Dactylioceras crassescens , 1855 Dactylioceras crassiusculum , 1855 Dactylioceras crassulum , 1843 Dactylioceras crosbeyi , 1843 Dactylioceras densicostatum , 1957 Dactylioceras eickenbergi: Synonym von Nodicoeloceras eickenbergi Dactylioceras kanense , 1930 Dactylioceras lamellosum , 1957 Dactylioceras laticostatum , 2014 Dactylioceras mastodontoides , 1957 Dactylioceras morioni , 1906 Dactylioceras mite , 1927 Dactylioceras mucroddactyliforme , 1957 Dactylioceras noviomagense , 1957 Dactylioceras obliquecostatum , 1957 Dactylioceras peloritanum , 1935 Dactylioceras percostatum , 1935 Dactylioceras perplicatum , 1935 Dactylioceras podragosum , 1957 Dactylioceras praepositum , 1927 Dactylioceras pseudocrassoides , 1957 Dactylioceras pseudosemicelatum , 1957 Dactylioceras rothpletzi , 1922 Dactylioceras rotticum , 1922 Dactylioceras sp. Dactylioceras stresherense , 1963 Dactylioceras subholandrei , 1935 Dactylioceras suntarense , 1957 Dactylioceras tardosensis , 2014 Dactylioceras tauromenense , 1935 Dactylioceras temperatum , 1927 Dactylioceras triangulum , 1966 Dactylioceras vermis Als Schwestertaxa fungieren Catacoeloceras, Collina, Nodicoeloceras, Peronoceras, Porpoceras, Reynesoceras, Septimaniceras und Zugodactylites.

Folgende Synonyme sind von der Gattung Dactylioceras mittlerweile etabliert: Anguidactylites , 1926 Arcidactylites , 1926 Athlodactylites , 1927 Curvidactylites , 1927 Dactylioceras (Eodactylites) , 1972 Eodactylites , 1972 Koinodactylites , 1927 Leptodactylites , 1926 Microdactylites Nomodactylites , 1927 Parvidactylites , 1927 Peridactylites , 1926 Planicoeloceras , 2001 Rakusites , 1971 Simplidactylites , 1927 Toxodactylites , 1926 Vermidactylites , 1926 Xeinodactylites , 1926

Phylogenese mini|400px|Dactylioceras semicelatum aus Hondelage

Nach H. Frebold (1922) soll die Gattung Dactylioceras über Prodactylioceras direkt von den Lytoceratinae abstammen. Diese Hypothese wird aber von Paläontologen wie Otto Heinrich Schindewolf nicht akzeptiert. Laut Braga Alarcon (1983) gehen die ersten unbestimmbaren Vertreter der Gattung Dactylioceras bis ins mittlere Domerium zurück und dürften sich aus der Schwestergattung Reynesoceras abgespalten haben. Auch dies ist umstritten.

Schmidt-Effing (1972) sieht das Subgenus Dactylioceras (Eodactylites) im höheren Domerium aus der Gattung Coeloderoceras abgeleitet, die ihrerseits über die Gattung Coeloceras aus den Psiloceratoidea hervorgegangen war. Die Familie Dactylioceratidae wurzelt somit seiner Meinung nach mit Coeloderoceras (und möglicherweise mit Coeloceras) in Formen um Microderoceras, wobei die Abspaltung von Microderoceras bereits während der Obtusum-Zone im Oberen Sinemurium innerhalb der mediterranen Faunenprovinz erfolgt sein dürfte.

Aus Dactylioceras (Eodactylites) entwickelten sich dann sukzessive Dactylioceras (Orthodactylites) und Dactylioceras (Dactylioceras).

Laut Otto Schindewolf sind sämtliche nachliassischen Ammonitina von den Dactylioceratidae abgeleitet.

Leitfossil Die Gattung Dactylioceras ist Leitfossil des unteren Toarciums in der nach Dactylioceras (Orthodactylites) tenuicostatum benannten Tenuicostatum-Zone sowie in der etwas höher gelegenen Bifrons-Zone (nach Hildoceras bifrons). Die dazwischenliegende Serpentinum-Zone, nach Hildoceras serpentinum, führt zwar ebenfalls Vertreter der Gattung Dactylioceras, ihre Subzonen werden aber nach anderen Ammonitengattungen bezeichnet.

Die Tenuicostatum-Zone besteht aus vier Subzonen (vom Hangenden zum Liegenden): Semicelatum-Subzone nach Dactylioceras semicelatum Tenuicostatum-Subzone nach Dactylioceras (Orthodactylites) tenuicostatum Clevelandicum-Subzone nach Dactylioceras clevelandicum Paltum-Subzone nach Protogrammoceras paltum Die Clevelandicum-Subzone unterteilt sich in zwei Biozonen mit den Horizonten Dactylioceras crosbeyi im Liegenden und Dactylioceras clevelandicum im Hangenden. Die Tenuicostatum-Subzone mit Dactylioceras (Orthodactylites) tenuicostatum wird nicht weiter unterteilt. Die Semicelatum-Subzone besteht ebenfalls aus zwei Biozonen mit den Horizonten Dactylioceras semicelatum an der Basis und Tiltoniceras antiquum im Top.

Die Bifrons-Zone wird aus drei Subzonen aufgebaut (vom Hangenden zum Liegenden): Crassum-Subzone nach Catacoeloceras crassum Fibulatum-Subzone nach Peronoceras fibulatum Commune-Subzone nach Dactylioceras commune Die Commune-Subzone gliedert sich ihrerseits in drei Biozonen mit den Horizonten Ovaticeras ovatum an der Basis, gefolgt von Dactylioceras commune und darüber Dactylioceras athleticum.

Lithologische Bezeichnung