Das Agnesviertel in Köln ist der nördlichste Teil des Stadtteils Neustadt-Nord und gehört zum Stadtbezirk Innenstadt. Es ist benannt nach der in neugotischem Stil errichteten Pfarrkirche St. Agnes, die zur Wende in das 20. Jahrhundert zentral in dem zuvor durch den Stadtbaumeister Stübben erschlossenen Vorstadtgelände auf dem Neusser Platz errichtet wurde. Das Bauwerk ist die zweitgrößte Kirche Kölns und wurde auf Wunsch seines Stifters Peter Joseph Roeckerath zur Erinnerung an seine verstorbene Frau Agnes der heiligen Agnes geweiht. miniatur|Neusser Straße mit Pfarrkirche St. Agnes, 1907 miniatur|Agnes Roekerath, 1846 bis 1890

Lage Wichtigste Straße im Agnesviertel ist die vom Ebertplatz in nördlicher Richtung verlaufende Neusser Straße, die das gesamte Viertel bis über die Innere Kanalstraße hinaus durchquert. Das Agnesviertel wird im Norden durch die Innere Kanalstraße, im Osten durch die Riehler Straße, im Süden durch Theodor-Heuss-Ring und Hansaring sowie im Westen durch den Bahndamm parallel der Krefelder-Straße begrenzt.

Topographie miniatur|Plan der entstehenden Neustadt-Nord 1883 Das vor seiner Entstehung nur spärlich bebaute und vorwiegend als Ackerland dienende Gelände des Viertels wird an seiner Ostseite vom Rhein begrenzt. Es weist keine natürlichen Anhöhen auf und wird von keinen Fließgewässern durchzogen.

Stadtauswärts schließen sich dem Agnesviertel jenseits der Inneren Kanalstraße die ihm vorgelagerten Stadtteile Nippes und Riehl an, die durch mehrere das Viertel durchziehende Radialstraßen mit der Innenstadt verbunden sind. Von diesen Straßen übernahm die Neusser Straße die Rolle der Hauptstraße und entwickelte sich zur bedeutendsten Geschäftsstraße. Die Abgrenzung zur Altstadt bildet die nördliche Ringstraße mit deren Teilstücken Theodor-Heuss-Ring und Hansaring und dem zwischen diesen gelegenen Ebertplatz, der zugleich der größte Verkehrsknotenpunkt des Viertels ist. Die Trasse der Eisenbahnlinie entlang der Krefelder Straße trennt das Viertel von der restlichen nördlichen Neustadt.

Innerhalb dieser Grenzen entwickelte sich ein Viertel, das an den älteren Straßenzügen seines Kerngebietes eine geschlossene, überwiegend von Wohnbauten bestandene Bauweise aufweist. Im Gegensatz hierzu, vorwiegend an der dem Rhein zugewandten Seite des Viertels, ist die Bebauung aufgelockert. Hier entstand eine Mischbauweise, in der sich, durchsetzt von viel „Grün“, Villengrundstücke, Hochhausbauten diverser Konzerne und Verwaltungsgebäude aneinanderreihen.

Entstehungsgeschichte miniatur|Halskette aus Gagatplättchen und einem vergoldeten Ring. Fundort: Neusser Straße

Römische Spuren Die Trasse der vormaligen nördlichen Heerstraße verlief über die Neusser Straße und setzte sich (in Höhe der heutigen Agneskirche) über die Niehler Straße als Limesstraße zwischen der niedergermanischen Metropole Colonia Claudia Ara Agrippinensium nach Novaesium, dem Legionslager Neuss, fort.Paul Clemen, Die Außenstraßen. In: Paul Clemen (Hrsg.): Das römische Köln. 1906, S. 247 ff.

An dieser vom Nordtor über die Marzellenstraße und den Eigelstein führenden Ausfallstraße befand sich wie im Süden und Westen vor der antiken Stadt ein langgestrecktes Gräberfeld, dessen Belegung überwiegend in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts erfolgte.Josef Klinkenberg, Die Gräberfelder der Nordseite. In: Paul Clemen (Hrsg.): Das römische Köln. 1906, S. 269 ff.

Zwar lag das Bestattungszentrum der nördlichen Nekropole nahe dem Nordtor der römischen Stadtmauer auf dem Gelände rund um die spätere Kirche St. Ursula, jedoch fanden sich auch Spuren der Römer im Bereich des Agnesviertels. Beschrieben wurden schon zum Ende des 19. Jahrhunderts an der Neusser-Ecke Schillingstraße aufgefundene Skelettgräber mit Beigaben aus dem 3. Jahrhundert, deren Tote in südnördlicher Richtung liegend bestattet worden waren. Beim Bau der Agneskirche legte man mehrere Aschenkisten frei, davon eine, die zweiteilig gearbeitet worden war, die man nach der Fertigstellung der Kirche in den sie umgebenden Anlagen aufstellte. Bei diesen Grabungen fand man Ton- und Glaswaren; dagegen barg man an einer weiteren Fundstelle am Beginn der Neusser Straße die verwitterte Inschrift eines Grabmals. Eine weitere Beigabe kultischer Art war eine stark zerstörte Statue eines den Adler des Zeus tränkenden Ganymed, die in Richtung Nippes gefunden wurde. Eine Grabung am Neusser Wall (in Höhe der Kirche) brachte neben zwei Leuchtern aus Bronze das Exemplar eines Jagdhundes, eine rohe Statue des Herkules, eine bronzene Schreibfeder und eine durchscheinende Glasflasche zu Tage, die die Form eines Schweinchens hatte, dessen Konturen und Augen durch braune Glasfäden betont worden waren. Auch auf der heutigen Niehler Straße, der Fortsetzung der ehemaligen Heerstraße (hinter der Agneskirche), wurde man fündig. Man barg zwei lebensgroße männliche Porträtköpfe, die als Büsten Gräber geschmückt hatten, sowie Bruchstücke eines Grabmals.

Wie die nebenstehende Abbildung zeigt, befanden sich unter vielen geborgenen Dingen des täglichen Lebens auch Schmuckarbeiten in vielfältiger Form. Die Fülle der erhaltenen Informationen durch entzifferte Inschriften, der Deutung von Gebrauchsgegenständen, die Datierung der Materialien und Verarbeitungsformen vermittelten den Forschern ein Bild der Lebensumstände der damaligen Zeit. Einige dieser Objekte wurden in der Dauerausstellung des Römisch-Germanischen Museums in Köln präsentiert.

Vom Mittelalter zur Neuzeit miniatur|Kölner Schweid und Bischofsweg 17. Jahrhundert Die Feldfluren der frühen Stadt waren die der Ringmauer vorgelagerten, kaum besiedelten Flächen, die auch als Schweid bezeichnet wurden. Der überwiegende Teil der Angaben zu Orten, Bezeichnungen oder Vorkommnissen in den Gebieten dieser Randzonen belegen Einträge in den eigens für diese in den jeweiligen Bezirken geführten Schreinsbücher der insgesamt fünf ab dem 13. Jahrhundert gegründeten Bauerbänke, deren Mitglieder sich aus Grundbesitzern und Pächtern zusammensetzten. Die vor der Gründung einer solchen Organisation für den Bezirk Eigelstein (1391 durch den Rat gegründet, 1798 durch die französische Verwaltung aufgehoben)Adam Wrede, Band I, S. 94. zitierten Flureinträge wurden nach Keussen kirchlichen Urkunden, im Fall des Bezirks Eigelstein denen des Archives von St. Kunibert, entnommen.Hermann Keussen, Die Kölner Feldfluren, Bezirk Eigelstein. In: Hermann Keussen (Hrsg.): Topographie der Stadt Köln im Mittelalter. Band II, 1986, S. 315 u. 324 f.

Erste Erwähnung als „Artland“ Das heutige der Eigelsteintorburg und der damaligen Vorstadt Niederich vorgelagerte Gelände wurde bereits im Hochmittelalter als fruchtbares Ackerland (Artland, von den Stadtbewohnern und in den Quellen auch Wasserland genannt) bezeichnet, das offenbar zu großen Teilen Besitz des Stifts St. Kunibert war. So hieß es im Jahr 1227 in einer Urkunde: „3 iugera extra portam prope Egilsteine zahlen den Zehnten an S. Cunibert, ein Morgen wird in Weingarten verwandelt.“

Weitere Urkunden vermitteln Einzelheiten zu Gegebenheiten in dieser frühen Zeit des späteren Agnesviertels. So wurde 1336 die Gegend als „terra in campis apud Eygilsteyn“ bezeichnet und 1376 wurde ein Garten explizit in Verbindung mit der Torburg als Ortsangabe beschrieben als „terra arabilis extra portam Eygelsteine iuxta ortum Cristine“. 1404 beschrieb man das Gelände vor der Torburg als „Artland by ver Stynen garden, ind schiessent up den oeversten wech zu Mauwenhem wert“ (dem heutigen Stadtteil Köln-Mauenheim). 1415 wurde das Gelände als Wasserland bezeichnet, die Schreinseintragung lautete: „dat Wasserlant vur der Egelsteyns portzen by Stynen garden“. 1444 wurde der heutige Stadtteil Köln-Niehl erwähnt, es hieß (wohl den nördlichen Teil des Gebietes betreffend) „Artlant buyssen dem Egelsteyne … zo Nyele wert“.

Fast einhundert Jahre nach der ersten Erwähnung des „Garten Christine“ wurde es 1474 als Besitz des Herrn Buytzen beurkundet und trug nun den Namen „by ver Stynen garden, et vocantur hern Buytzen landt“. 1482 verwies ein Eintrag auf die für die Stadtbewohner übliche Bezeichnung der Gegend, die das Artland als „dat Wasserlant“ bezeichneten. 1494 wurde ein Gelände als „bij frauwen Stijnen garden zor stede wert“ genannt, und mit einem Vermerk von 1497 enden die Schreinseinträge zur Feldflur vor dem Eigelstein. Dieser führt drei Morgen Artland an, genannt „der Berch buyssen der Eigelsteinsportzen“.

Markscheide Bischofsweg In diesem Vorland bildete der nördliche Teil des die Stadt umziehenden Bischofswegs im 15. Jahrhundert die landseitige Mark- oder Grenzscheide zwischen dem reichsstädtischen und kurkölnischen, also bischöflichen Gebiet. Zu dieser Zeit wurde der Weg als „des bischoffs straisse“ oder auch „des buschoffs wech“ bezeichnet. Er lag zur Landseite hin von der Ringmauer und begrenzte die städtischen Feldfluren vom nördlichen Bezirk Eigelstein bis zum Bezirk Severin im Süden.Adam Wrede: Neuer Kölnischer Sprachschatz. Band I, 1984, S. 80.

Alte Straßen- und Wegebezeichnungen An der Weggabelung der Straßen nach Nippes und dem alten linksrheinischen Merheim, dem heutigen Köln-Weidenpesch, sowie der heutigen Niehler Straße, die schnurgerade über den Weiler „Schorrenstein“ und weiter entlang des „Weidenpesch hofes“ nach „Niel“ an den Rhein führte (siehe Tranchotkarte), stand seit 1675 das Kevelaerkreuz genau dort, wo heute der Turm von St. Agnes steht.Hugo Poth: Die Pfarrkirche St. Agnes in Köln. Gedenkschrift zum fünfzigjährigen Bestehen 1952. Archiv der Pfarrgemeinde, S. 11.

Neuzeit und Zollgrenzen miniatur|Heutiger Gasthof „Zur alten Zollgrenze“ in Weidenpesch. Das 1698 errichtete Gebäude erinnert durch seinen Namen an die „Kurkölnische Zeit“ Westlich und nördlich des Bischofsweges war das Land vor dem Eigelstein im Wesentlichen von der im „kurkölnischen“ gelegenen Herrlichkeit Mauenheim umgeben, deren zumeist dem Stift St. Kunibert unterstehenden Liegenschaften in der Franzosenzeit von der Säkularisation betroffen waren. Bis zu dieser Zeit kam es zwischen der Stadt und dem Gebiet Kurkölns häufig zu kleineren und größeren Auseinandersetzungen.

Der Zoll zu „Merheim“, der in dem ehemals linksrheinischen Vorort postiert war und eine Gehstunde von den Kölner Stadtmauern entfernt lag, war von der Stadt Köln gepachtet worden und dann an das Eigelsteintor verlegt worden. Dies bedeutete, dass alle zwischen dem nördlichen Merheim (dem späteren Weidenpesch) und Köln liegende Höfe mit ihren Erzeugnissen, aber auch die Produktionen der in diesem Gebiet liegenden Ziegeleien der dortigen Lehmkaulen (1477 Land „up der alder Leymkule up der Neilrestraissen“), die in die Stadt transportiert wurden, von den Forderungen kurkölnischer Landzöllner befreit waren. Dennoch kam es häufig zu Übergriffen der Zöllner, die geltendes Recht verletzten und dadurch Klagen und gerichtliche Auseinandersetzungen auslösten.

Beispielgebend war ein 1740 begonnener jahrelanger Rechtsstreit wegen eines beschlagnahmten Pferdes und eines mit Ziegelsteinen beladenen Karrens, weil ein verlangter Zoll von vier Albus pro Karrenladung nicht gezahlt worden war. Die Steine waren für die St. Achatius zu St. Andreas bestimmt. Sie waren in einem Ziegelofen am Bischofsweg vor der Eigelsteinpforte, also auf stadtkölnischem Territorium gebrannt worden.