Markus Ambrosius von Brosenthal, auch Marcus Brosian (; * um 1530/35 in Neisse, Fürstentum Neisse; † nach 1592) war ein deutscher Humanist und Frühparacelsist, der als Schriftsteller, Heraldiker, Kartograph, (ab 1567) Montanunternehmer und (1581 bis 1592) Münzmeister tätig war.
Leben Markus Ambrosius von Brosenthal wurde in Neisse in eine deutschsprachigeVgl. Widmungsbrief an Konstantin Ferber vom 12. Mai 1566. In: Markus Ambrosius (Hrsg.): Ex libro de Nymphis, Sylvanis, Pygmaeis, Salamandris, & Gigantibus &c. Item Von der Massa auß welcher der Mensch geschaffen worden. Theophrasti Paracelsi Philosophi & Medici incomparabilis. Johannes Cruciger, Neisse 1566: „vns Deutschen“. Familie geboren. Sein Vater hieß vielleicht Silvester Ambrosius, denn 1557 immatrikulierte sich ein „Ambrosius Siluestri Nissensis dioc. Vratislauiensis“= Ambrosius, [Sohn des] Silvesters, aus Neisse in der Diözese Breslau.Adam Chmiel (Bearb.): Album studiosorum Universitatis Cracoviensis, Bd. III (Ab Anno 1551 ad annum 1601). Józef Filipowski, Krakau 1896, S. 26 (Digitalisat; djvu-Format bei Małopolskiego Towarzystwa Genealogicznego - Kleinpolnische Genealogische Gesellschaft). an der Universität Krakau.Vgl. Zygmunt Wdowiszewski: Marek Ambroży z Nissy i jego „Arma Regni Poloniae“ z 1562 r [= Markus Ambrosius von Neisse und seine „Arma Regni Poloniae“ von 1562]. In: Polskie Towarzystwo Heraldyczne 13 (1934), S. 166–170 und 177–186, bes. S. 179. Allerdings wäre dann der Vorname des Studenten – anders als in der Matrikel sonst immer üblich – nicht genannt. Gegen ein so spätes Studium spricht auch, dass der Arzt, Dichter und spätere Paracelsus-Herausgeber Adam Schröter (* um 1525; † um 1572)Vgl. Wilhelm Kühlmann: Art. Schröter, Adam. In: Walther Killy: Literaturlexikon, Bd. X. 2. Aufl. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2011, S. 596f. dem jugendlichen Markus Ambrosius bereits um 1552/53 ein Gedicht Ad modestum Iuvenum Marcum Ambrosium Silesium widmete.Elegiarum Liber Vnus. Item Epigrammatum Liber unus. o. O. o. J. [Łazarz Andrysowicz, Krakau ca. 1552/53], El. XIIII.Vgl. Wilhelm Kühlmann, Joachim Telle (Hrsg.): Corpus Paracelsisticum. Dokumente frühneuzeitlicher Naturphilosophie in Deutschland, Bd. II/3. (Frühe Neuzeit 170). Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2013, S. 95–174, bes. S. 95 und 97f (Google-Books; eingeschränkte Vorschau).
mini|Karte von Livland von Johannes Portantius bei Abraham Ortelius (1572) nach älteren Kartographierungen von Markus Ambrosius und Caspar Henneberg|250px Nach dem Studium hat sich Markus Ambrosius einige Zeit in Danzig,Vgl. Widmungsbrief zu Markus Ambrosius (Hrsg.): Meteora Theophrasti Paracelsi von Hohenheim, beider Artzney Doctoris. Johannes Cruciger, Neisse 1566. im Baltikum und seit etwa 1561 bis mindestens 1563Vgl. Widmungsbrief von Willem Silvius an Jakub Zalewski (Jacobus Zalevius). In: Klemens Janicki: Vitae regvm Polonorvm elegiaco carmine descriptae. Willem Silvius, Antwerpen 1563, bes. Blatt 2 „hoc biennio [= in diesen beiden Jahren]“ (Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek Wien), (Google-Books). in Antwerpen aufgehalten.
Antwerpen: Publizistik im Livländischen Krieg Nach einer Notiz des flämischen Geographen Abraham Ortelius (1527–1598) hat Ambrosius in Antwerpen als Erster eine Karte von „Livonien“ (Livland, Kurland und Estland) gezeichnet, die zwar nicht selbstständig veröffentlicht wurde,„Marcus Ambrosius Nissensis, Liuoniam, Vicinasq[ue] Regiones, Antuerpiae, sed nondum edita“; Theatrum orbis terrarum. Aegidius Coppenius Diesth, Antwerpen 1570, unpaginiert (Digitalisat bei OpenLibrary). aber in zwei voneinander unabhängigen Nachzeichnungen in das „Theatrum orbis terrarum“Johann Koler, Nürnberg 1572 (Nachdruck Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007). von Ortelius (Bearbeitung von Johannes PortantiusAuch Jean Portant, Mathematiker, Astronom und Kartograf aus Gent.) und in den Atlas „Speculum orbis terrarum“Gérard de Jode, hrsg. von Daniel Keller. Lucas van Doetichum, Antwerpen 1578 (Nachdruck hrsg. von Raleigh Ashlin Skelton. s. n., Amsterdam 1965). des Gérard de Jode (* um 1508, † 1591) eingearbeitet worden ist.Vgl. Leo Bagrow (Bearb.): A. Ortelii Catalogus Cartographorum, Bd. I. (Petermanns Mitteilungen. Ergänzungsheft 199). Perthes, Gotha 1928 (Nachdruck: Acta Cartographica 27 (1981), S. 65–357), S. 27.
1562 veröffentlichte Markus Ambrosius in Antwerpen das Wappenbuch Arma Regni Poloniae [= Wappen des Königreichs Polen]. Als Quellen benutzte er die Chronik des Konstanzer KonzilsMichael Richard Buck (Hrsg.): Ulrich von Richentals Chronik des Constanzer Concils 1414 bis 1418. (Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart 158). H. Laupp, Tübingen 1882 (Digitalisat bei OpenLibrary). des Ulrich von Richental († 1437)Vgl. Владислав Крескентьевич Лукомский (Vladislav Kreskentʹevič Lukomskij): Герб как исторический источник [= Wappen als historische Quelle]. In: Краткие сообщения Института истории материальной культуры 17 (1947), S. 49–57. und eine Handschrift des Jan Długosz (1415–1480).Jan Długosz: Insignia seu clenodia regni Poloniae, hrsg. von Zygmunt Celichowski. Biblioteka Kórnicka, Posen (Poznań) 1885 (Digitalisat bei OpenLibrary).Vgl. Wilhelm Kühlmann, Joachim Telle (Hrsg.): Corpus Paracelsisticum. Dokumente frühneuzeitlicher Naturphilosophie in Deutschland, Bd. II/2. (Frühe Neuzeit 89). Max Niemeyer, Tübingen 2004, S. 550–561, bes. S. 550f. Die Wappen der autonom unter der polnischen Krone stehenden Gebiete des Königlichen Preußens sind nicht in dem Buch enthalten. Auf dem Frontispiz des Buches ist als Widmungsbild König Sigismund II. August von Polen (1520–1572) dargestellt.
Um 1563 schlug Markus Ambrosius in Antwerpen dem dortigen Buchdrucker Willem Silvius († 1580) die Gründung einer kyrillischen Druckerei („Ruthenia calcographia“) vor.Vgl. Michał Wiszniewski: Historya literatury polskiéj, Bd. VIII. Universitätsdruckerei Stanisław Gieszkowski, Krakau (Kraków) 1851, S. 439 (dort: „1565“) (Google-Books). Diese Schrift wurde zur Wiedergabe der ruthenischen Sprache im Großfürstentum Litauen verwendet. Ambrosius wirkte mit bei der Erstausgabe von Klemens Janickis (1516–1543) Vitae Regum Polonorum elegiaco carmino descriptae [= Lebensläufe der polnischen Könige, in einem elegischen Gedicht beschrieben], die Willem Silvius herausgab. Die Veröffentlichung, mit der eine polnisch-litauische königliche Ahnenreihe gewürdigt wurde, steht im Zusammenhang der Annäherung von Litauen und Polen in der Auseinandersetzung mit Russland im Livländischen Krieg, die 1569 zur Union von Lublin führte.Vgl. Linas Eriksonas: National Heroes and National Identities. Scotland, Norway and Lithuania. Peter Lang, Brüssel 2004, S. 255. Dieser Union gehörte dann auch das Königliche Preußen mit der Stadtrepublik Danzig an, der Ambrosius verbunden war.
Herausgabe paracelsischer Schriften in Neisse Aus der Zeit zwischen 1564 und 1567 sind einige Manuskripte mit Werken des Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim genannt Paracelsus (* um 1493; † 1541) erhalten, die sich heute in Bibliotheken in Görlitz, Wolfenbüttel, Erlangen oder München befinden und von ihrem Abschreiber mit dem Monogramm „M. B.“ unterzeichnet wurden.Kurt Goldammer (Bearb.): Theophrast von Hohenheim genannt Paracelsus. Sämtliche Werke, Supplement Religiöse und soziale Schriften in Kurzfassungen. Franz Steiner, Wiesbaden 1973, bes. S. XLIV–XLVI. Es dürfte sich hierbei um „M[arcus] B[rosian]“ = Markus Ambrosius von Brosenthal handeln.Kurt Goldammer (Bearb.): Theophrast von Hohenheim genannt Paracelsus. Sämtliche Werke, Supplement Religiöse und soziale Schriften in Kurzfassungen. Franz Steiner, Wiesbaden 1973, S. XLIV–XLVI, vermutet hinter „M. B.“ den „M[agister] B[artholomaeus]“ (Bartholomäus Scultetus). 1566 gab Ambrosius in Neisse in der Offizin von Johannes Cruciger († verm. 1585) zwei Paracelsus-Drucke heraus. Die Erstherausgaben des Liber de nymphis mit De massa und der Meteora widmete er beide dem Danziger Bürgermeister Constantin Ferber (1520–1588)Vgl. als seinem „Forderer“ (Mäzen). Der Arzt Laurentius Span von Spanow (1529/30–1575)Auch Vavřinec Špán. aus Saaz (Žatec), ein gekrönter Dichter, erhielt von Markus Ambrosius ungedruckte Manuskripte des Paracelsus zu lesen, darunter die Schrift De urinarum et pulsuum judicis libellus, deren Herausgabe ihm Ambrosius gestattete.Karl Sudhoff: Bibliographia Paracelsica. Besprechung der unter Hohenheims Namen 1527–1893 erschienenen Druckschriften. Georg Reimer, Berlin 1894 (Neudruck: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1958), S. 123 (; 300 kB, der Universitätsbibliothek der TU Braunschweig). Span gab 1566 dieses Werk über Harnschau und Pulsdiagnose, eine Basler Vorlesung des Paracelsus von 1527, mit einer Widmung an Vratislav von Pernstein in Neisse heraus.De Vrinarvm Ac Pvlsvvm Ivdiciis Libellvs, Avthore Theophrasto Bombastio. Johannes Cruciger, Neisse 1566 (2. Aufl. Arnold Birckmann Erben, Köln 1568 (Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek Wien); 3. Aufl. Samuel Emmel, Straßburg 1568 (Google-Books)).
Veröffentlichung der „Geschichte der Osmanen“ Markus Ambrosius von Brosenthal (Marcus Brosian) veröffentlichte 1567 unter dem Titel Chronica Oder Acta von der Türckischen Tyrannen herkommen vnd gefürten Kriegen eine deutsche Übersetzung der Schrift Taʾrīḫ-i āl-i ʿOṯmān (= Geschichte der Osmanen) des Muhyiddin Ibn-Alaeddin Ali El-Cemali (Muḥyi ʾd-Dīn Meḥmed b. ʿAlāʾ ad-Dīn ʿAlī al-Ǧamālīʾ; Mollâ Çelebî),Richter in Adrianopel, vollendete die Schrift 1550. die der Komtur der Johanniterkommende Glatz Hans Caudir († 1579) aus dem Türkischen angefertigt hatte. Ambrosius widmete seine Ausgabe den Herzögen Georg II. von Brieg (1523–1586) und Heinrich XI. von Liegnitz (1539–1588) als Neujahrsgabe.„Datum zur Neis den 22. tag Decembris, Anno 1566“.
Georg II. von Brieg hatte 1562 das Alaun- und Kupferwasser-Bergwerk und -Siedewerk bei Wohlau (Wołów) auf dem „Kuppertham“ erworben. Am 9. April 1567 erhielten Markus Ambrosius und Konsorten von dem Herzog einen „Muthzettel“ (bergrechtlichen Bewilligungsbrief) für den Abbau von „Rauchmineralien auf Salpeter, Alaun, Salz und wasserlei= welcherlei. Art Gott der Allmächtige jetzt und künftiglich daraus zu machen verleihen möchte“ im Fürstentum Wohlau.Konrad Wutke: Die Bergbauunternehmungen Herzog Georg II. von Brieg, 1547–1586. In: Silesica. Festschrift für Colmar Grünhagen. Emil Morgenstern, Emil Wohlfart, Breslau 1898, S. 280–320, bes. S. 308–311 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Die in der Formulierung anklingende Suche nach neuen Verfahren der Transmutation zeigt alchemo-paracelsistisches Gedankengut.Vgl. z. B. Alchemistische Traktate und Rezepte, um 1580/86; Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 434, bes. Blätter 19–41) mit dem Wappen der Herzöge von Brieg und Liegnitz als Wasserzeichen (Digitalisat der Universitätsbibliothek Heidelberg); vgl. Joachim Telle: „Vom Stein der Weisen“. Eine alchemoparacelsistische Lehrdichtung des 16. Jahrhunderts. In: ders. (Hrsg.): Analecta Paracelsica. Studien zum Nachleben Theophrast von Hohenheims im deutschen Kulturgebiet der frühen Neuzeit. (Heidelberger Studien zur Naturkunde der frühen Neuzeit 4). Steiner, Stuttgart 1994, S. 167–212, bes. S. 193f.