Die uruguayische Literatur ist die spanischsprachige Literatur Uruguays. Die La-Plata-Region bildete bis etwa 1830/1840 eine kulturelle Einheit. Auch danach gab (und gibt es bis heute) enge Beziehungen zur argentinischen und natürlich auch zur spanischen Literatur. Ende des 19. Jahrhunderts machten sich auch französische Einflüsse bemerkbar. Die Literaturproduktion konzentrierte sich stets auf Montevideo. Aus dem Norden des Landes sind nur wenige Autoren bekannt geworden. Dort wird in der Grenzregion zu Brasilien Portuñol (Portunhol) gesprochen. Eine Literatur in indigenen Sprachen hat in Uruguay nie existiert.
Die Anfänge: Costumbrismo, Neoklassik, Romantik Zu den frühesten Formen der Literatur Argentiniens und Uruguays – ursprünglich ein 1828 durch englische „Vermittlung“ geschaffener Pufferstaat zwischen Argentinien und Brasilien – gehört die um 1810 geschaffene Gauchodichtung. Als ihr Begründer gilt Bartolomé Hidalgo (1788–1822), der Schöpfer des im ländlichen Dialekt verfassten Diálogo de dos gauchos: Trejo y Lucero. Auch städtische Autoren der La-Plata-Region bedienten sich der sog. Gauchosprache und kultivierten diese in Werken, die dem Costumbrismo zugerechnet werden können. Unter der Diktatur des Juan Manuel de Rosas in Argentinien flohen viele argentinische Literaten und Oppositionelle nach Montevideo oder veröffentlichten dort ihre Arbeiten.
Die Neoklassik wurde durch Arbeiten von Francisco Acuña de Figueroa (1791–1862), den Verfasser der Nationalhymne Uruguays und Paraguays, repräsentiert, die unspektakulär-mittelmäßige Phase der Romantik u. a. durch Adolfo Berro (1819–1841) und Juan Zorrilla de San Martín (1855–1931). Letzterer ist Verfasser des historischen Epos Tabaré (1888) über einen halbspanischen Indianerfürsten, das als Vorlage für Opern und für einen Film diente (Tabaré (1917)), sowie des Gedichts La epopeya de Artigas (1910) über den Nationalhelden Artigas.
Lautréamont, der französische Symbolist und Vorläufer des Surrealismus, wurde in 1846 Uruguay geboren, das er bereits 1859 verließ.
Realismus und Naturalismus mini|hochkant|Eduardo Acevedo Díaz Einen sozial-aufklärerischen Realismus vertrat der in seiner künstlerischen Wahrnehmung noch der Romantik verhaftete Romanautor und konservative Politiker Eduardo Acevedo Díaz (1871–1921), der die ersten (historischen) Romane und Erzählungen (El combate de la tapera, Buenos Aires 1892) Uruguays verfasste und – beeinflusst von Homer – die Figur des einheimischen Helden, des criollo de la pampa, schuf, so wie etwa gleichzeitig das in der bildenden Kunst der Maler Pedro Figari tat.Carlos Granés: Delirio Americano. Barcelona 2022, S. 75. Mit Diaz’ Werken vollzog sich der Übergang von der „Literatur in Uruguay“ zur „uruguayischen Literatur“.
Carlos Reyles begann sein Werk in den 1880er und 1890er Jahren als Realist mit naturalistischen Anklängen. Beba (1894, Faksimileausgabe 2009) ist eine ländliche Liebesgeschichte über Standesgrenzen hinweg. La raza de Cain (1900) ist demgegenüber psychologisch noch weiter verfeinert: darin setzt sich der Autor nach seinem Europaaufenthalt u. a. kritisch mit Schopenhauer und Nietzsche kritisch auseinander. Der spanischen Literatur sprach er ihre Vorbildfunktion ab; in Primitivo (1896) knüpft er an die französische Fin de Siècle-Literatur an.Michael Rössner (Hrsg.): Lateinamerikanische 1965 Literaturgeschichte. Stuttgart, Weimar 1995, S. 212.
Als einziger Repräsentant des entwickelten Naturalismus kann Javier de Viana gelten (1868–1926), der von 1904 bis 1918 im argentinischen Exil lebte und das Leben des Gaucho, einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts untergehenden Kultur, detailreich beschrieb. In den Dialogen seiner Romane benutzte er den Dialekt; eine präzise, fast naturwissenschaftliche Begrifflichkeit kennzeichnet seine Naturbeschreibungen.
1900–1930: Regionalismo, Symbolismo, Modernismo, Avantgarde und Surrealismus Nach einer Phase von Bürgerkriegen kam es nach 1904 zu einer ersten kulturellen Blüte Uruguays. Die Theaterstücke von Florencio Sánchez (1875–1910), der als Gründervater des Theaters in der La Plata-Region gilt, behandeln soziale Probleme und werden aufgrund ihrer präzisen Beobachtungen regionaler und sozialer Milieus und Klassen bis heute gespielt. 1903 wurde sein erstes Stück M'hijo el dotor (Mein Sohn, der Doktor),Text des Stückes (spanisch, PDF) das in Uruguay spielt, aber in Buenos Aires uraufgeführt wurde, zu einem großen Erfolg.
Der Essay ArielDeutsche Übersetzung: Ariel, Mainz 1994. des Symbolisten José Enrique Rodó gilt als eines der wichtigsten und einflussreichsten literarischen Werke Uruguays. Im Jahr 1900 verfasst, zeigt es den Einfluss Henri Bergsons und handelt von der Möglichkeit, spirituelle Werte in einer Welt des materiellen und technischen Fortschritts und die lateinamerikanische Identität gegen die Dominanz externer Einflüsse zu verteidigen. Damit sind die Vereinigten Staaten und ihre imperialen Expansionsbestrebungen im Spanisch-Amerikanischen Krieg gemeint. Caliban und Ariel, zwei Figuren aus Shakespeares Der Sturm, repräsentieren dabei die gegensätzlichen Werte des Utilitarismus und Ästhetizismus.Zapata 1991, Einleitung, S. 14 f. Die von Rodó begründete Strömung wird als Arielismo bezeichnet; er bezieht sich dabei auch auf Gedanken des Brasilianers José Veríssimo. mini|hochkant|Delmira Agustini Die modernistische Lyrik wurde von Julio Herrera y Reissig (1875–1910) im Jahr 1900 nach Uruguay gebracht. Er veröffentlichte zu Lebzeiten nur einen Gedichtband und konnte nie von seinen literarischen Einkünften leben. So arbeitete er wie viele andere für Zeitungen, als Diplomat und in anderen staatlichen Positionen. Sein Nachlass wurde in fünf Bänden publiziert. Nach spätromantischen Anfängen bündeln sich bei ihm in surrealistischer Weise alle Themen des Fin de Siècle wie Erotik, Todesnähe, Dämmerung und Seelenlandschaften. Dabei geht er bis an die Grenze des Sprachvermögens.Michael Rössner: Lateinamerikanische Literaturgeschichte. 2. erw. Aufl. Stuttgart, Weimar 2002, S. 217. Als eine der bedeutendsten lateinamerikanischen Dichterinnen des Modernismo gilt Delmira Agustini (1886–1914), die wie Herrera y Reissig der Generación del 900 (Generation 1900) zugerechnet wird. Auch ihre Themen sind Erotik und Tod. Ebenfalls zu dieser Generation zählt María Eugenia Vaz Ferreira (1875–1924); ihre spätmodernistisch-metaphysischen Dichtungen, die die Perspektive einer urbanen Flaneurin erkennen lassen, wurden posthum veröffentlicht.
Durch den Ersten Weltkrieg wurde das Land von Europa abgeschnitten, öffnete sich jedoch nach dem Krieg rasch europäischen Einwanderern und amerikanischen Spracheinflüssen.Granés 2022, S. 85. Nach dem Krieg entwickelte sich in Uruguay wie fast überall in Lateinamerika der Cuento, die Kurzerzählung, die das Einmalige und Besondere hervorhebt und sich weniger durch einen dramatischen Höhepunkt als durch atmosphärische Dichte auszeichnet. In Uruguay verdrängte der Cuento weitgehend den Roman; denn es mangelte der Literatur Uruguays, einem durchweg gebildeten Land, in dem es kaum noch Indios, kein Öl oder andere Bodenschätze, kaum eine Armee und weniger Umstürze als anderswo in Lateinamerika gab, offenbar an dramatischen Konflikten, deren Darstellung die Form des Romans erfordert hätte, wie Mario Benedetti anmerkte.Zapata 1971, Einleitung, S. 10.
Auch wenn die Avantgarde nicht so ausgeprägt war wie in Argentinien, fand der Futurismus nach dem Ersten Weltkrieg einige Anhänger in Uruguay. Zu seinen wichtigsten Vertretern zählt der in Peru geborene Juan Parra del Riego (1894–1925) mit seinem Werk Polirritmos (1922, Neuausgabe 1969). Als politischer Autor, Essayist und Dichter (Los himnos, 1927) trat in der Zwischenkriegszeit der Begründer der sozialistischen Partei Uruguays, der Rechtsanwalt Emilio Frugoni (1880–1969) hervor. mini|hochkant|Juana de Ibarbourou Die als Juana de América bekannt gewordene Juana de Ibarbourou (1892–1979) war eine Vertreterin einer modernistisch-melancholischen Poesie, insbesondere der Naturlyrik und einer femininen Liebeslyrik. Seit den 1930er Jahren zeigen ihre Arbeiten surrealistische Einflüsse und trägt pessistische Züge. Der in Uruguay geborene Lyriker und Linguist Jules Supervielle (1884–1960) lebte überwiegend in Frankreich und publizierte in französischer Sprache. Er spielte mit klassischen französischen und spanischen Versformen; einige seiner schwer zu übersetzenden, bei allem Assoziationsreichtum aber verständlichen Gedichte wurden von Paul Celan ins Deutsche übertragen. Seine teils surrealistischen Kurzgeschichten behandeln Fragen der Identität und der Kindheit (L'enfant de la haute mer, 1931).
1930–1945: Die pessimistische Generación del centenario mini|hochkant|Horacio Quiroga (1900) Die Weltwirtschaftskrise stürzte die Mittelschichten in Armut und das Land in tiefen Pessimismus, der auch in der Weiterentwicklung des Cuento seinen Ausdruck fand. Da sich der Buchmarkt in Uruguay als sehr eng erwies, waren immer mehr Autoren darauf angewiesen, in Argentinien zu publizieren oder dorthin auszuwandern. Dazu zählt der bedeutende Erzähler Horacio Quiroga (1878–1937), der eigentlich noch der Generation 1900 zugehörte, eine Zeitlang in Paris lebte und zunächst mit der Sprache experimentierte. Später schrieb er im naturalistischen Stil von Edgar Allan Poe beeinflusste phantastisch-detailreiche Geschichten über die Wildnis und das Reich der Tiere am Río Paraná, die ihn zum Vorläufer einer lateinamerikanischen Science-Fiction-Dichtung machten. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in Argentinien. Quiroga ist neben dem noch von der Romantik beeinflussten Argentinier Leopoldo Lugones (1874–1938) der erste einer Reihe von Literaten, die das Phantastisch-Absurde in die Erzählkunst des La Plata-Raums einführen; der Fantasy-Autor Felisberto Hernández (1902–1964) und Giselda ZaniG. Zani (oft auch „Gisela Zani“ genannt): La Cárcel De Aire. Montevideo 1938. folgen darin ihm und dem Argentinier Jorge Luis Borges.Rössner 2002, S. 361. Für diese Autoren ist nicht die Norm das Interessante, sondern die excepción, die Ausnahme, das Unwahrscheinliche.
Der Pessimismus der zwischen etwa 1895 und 1910 geborenen Autoren trat in den Cuentos und Romanen der 1930er Jahre hervor und wurde auch in der Lyrik deutlich. Man nannte diese Autoren die Generation von 1930 oder Generación del centenario nach der Hundertjahrfeier der uruguayischen Verfassung, obwohl sie sich meist nicht einmal persönlich kannten und während der Diktatur von Gabriel Terra 1931 bis 1938 nur in kleinen Gruppen wirkten. Dazu zählten der durch seine Erzählung Raza ciega („Blinde Rasse“, 1926) bekannt gewordene Francisco Espínola (1901–1973), ferner der Erzähler Juan José Morosoli (1899–1957), der Dramatiker und Erzähler Justino Zavala Muniz (1898–1968) und der Lyriker Líber Falco (1906–1955). Diese Autoren und auch die christlichen Lyrikerinnen Esther de Cáceres (1903–1971) und Juana de Ibarbourou (1892–1979) vertraten einen Regionalismo oder criollismo (Kreolismus), der sich wieder traditionellen ästhetischen Modellen der Jahrhundertwende zuwandte; er fand auch in der Malerei und Musik einen Niederschlag. Der auf einer Rinderfarm aufgewachsene Enrique Amorim (1900–1960) schilderte in seiner Prosa das Leben der Gauchos und Landarbeiter in der Pampa (El Paisano Aguilar, 1934) und den Elendsvierteln Montevideos. Ein weiteres spätes Werk der postnaturalistischen Gaucholiteratur ist El gaucho Florido (1932) von Carlos Reyles, das den Niedergang der Lebensweise der Gauchos spiegelte. mini|Das 1930 erbaute Estadio Centenario in Montevideo (Zustand 2021)