Bei der (Stadt-)Kirche in Pillkallen (der Ort hieß zwischen 1938 und 1946 „Schloßberg“) handelte es sich um ein Mitte des 18. Jahrhunderts errichtetes Bauwerk. Bis 1945 war sie evangelisches Gotteshaus für die Bevölkerung im Kirchspiel des heute Dobrowolsk genannten einst ostpreußischen Ortes in der heute russischen Oblast Kaliningrad, Gebiet Königsberg (Preußen).
Die Kirche gibt es heute nicht mehr.
Geographische Lage Das heutige Dobrowolsk – bis 1945 Hauptstadt des Kreises Pillkallen – liegt im Osten der Oblast Kaliningrad an den drei Regionalstraßen, die den Ort mit Krasnosnamensk (Lasdehnen, 1938 bis 1946 Haselberg) bzw. Gussew (Gumbinnen) (R 508/27A-027), mit der einstigen Ortsstelle Kutusowo (Schirwindt) an der Grenze nach Litauen (R 509/27A-013) sowie mit Nesterow (Stallupönen, 1938 bis 1946 Ebenrode) (R 510/27A-012) verbinden. Die Bahnstrecke Sowetsk–Nesterow, an der der Ort liegt, wird seit den ersten Nachkriegsjahren nicht mehr betrieben, ebenso wenig die Linien der Pillkaller Kleinbahn.
Der einstige Standort der Pillkaller Kirche befindet sich in der Ortsmitte auf dem Marktplatz an der Stelle, an der sich heute ein russisches Denkmal befindet.
Kirchengebäude Ein erstes Kirchengebäude gab es in Pillkallen wohl schon 1559. Aus dem Jahr stammte ein bis 1945 noch erhaltener Beichtstuhl mit Vergitterung, der als der früheste erhaltene protestantische Beichtstuhl Ostpreußens galtWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen, 1968, S. 110, Abb. 486–488. Er war eine Arbeit von Abraham Döring. Diese erste schlichte Fachwerkkirche wurde 1644 beim Durchzug von Schweden und Polen niedergebrannt, jedoch bis 1650 wieder aufgebaut.Die Pillkaller Kirche An dieser Kirche traten in der Folgezeit immer mehr Bauschäden auf, so dass ein Abriss unumgänglich war.
In den Jahren 1756 bis 1758 entstand als Nachfolgebau ein verputzter Feldsteinbau mit Sakristei im Osten und einem Halbkreisfenster im Ostgiebel im oberen ChorraumHistorische Aufnahme der Kirche vor dem Turmbau 1910. Erst im Jahre 1910 erfolgte die Errichtung des eingesetzten Turms mit einem spitzen DachHistorische Aufnahme der Kirche mit Turm nach 1910.
Der Kircheninnenraum war dreischiffig, nur das Mittelschiff war gewölbt. An der Süd-, West- und Nordseite waren Emporen eingezogen. Zur Innenausstattung gehörten wertvolle Holzschnitzereien, die noch aus der Vorgängerkirche stammten. Der Altar von 1649 und die Kanzel aus dem 17. Jahrhundert wurden nach 1758 zum Kanzelaltar vereinigt. Die Taufkammer und ein (zweiter) Beichtstuhl entstanden um 1650. Unter den Altargeräten befanden sich vorwiegend Stücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert.
Beim Umbau der Kirche anlässlich der Errichtung des Turms wurde 1910 eine Orgel erworben. Eine der Glocken, die 1706 von Jacob Hessing in Königsberg (Preußen) gegossen worden war, konnte den Zweiten Weltkrieg auf dem Hamburger Glockenfriedhof überleben. Sie trägt die Inschrift Gloria in excelsis deo - Ehre sei Gott in der Höhe und läutet jetzt in der Martin-Luther-Kirche in Bad Orb im Spessart. Dort erklingt sie zusammen mit einer Glocke gleicher Entstehungszeit, die aus der Kirche in Reichenstein (heute polnisch: Złoty Stok) in Schlesien stammt. mini|Luftbild von Pillkallen um 1930 mini|Schirwindter Straße in Pillkallen um 1930 mini|Russisches Denkmal am einstigen Standort der Pillkaller Kirche Deutsche Pioniere sprengten 1944 den Kirchturm, um den herannahenden Truppen der Roten Armee die Orientierung zu erschwerenPillkallen bei GenWiki. Die von den Kriegshandlungen zudem stark in Mitleidenschaft gezogene Kirche wurde nach 1945 abgetragen. Erhalten blieb das Taufbecken von 1651, das seinen Platz am ehemaligen Standort der Kirche gefunden hat. In der einstigen Memeler Straße unweit des ehemaligen Bahnhofs gibt es noch eine Steinplatte aus der Kirche mit der Inschrift Jesus Christus, gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit. Sonst erinnert nichts mehr an das altehrwürdige Gotteshaus, dessen Platz nun ein russisches Denkmal einnimmt.
Kirchengemeinde Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in Pillkallen (bis 1818 gab es hier auch eine evangelisch-reformierte Gemeinde) wurde kurz nach Einführung der Reformation in Ostpreußen gegründetWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 485. Im Jahre 1559 wurde der Ort Kirchdorf, dem ein weitflächiges Kirchspiel angegliedert wurde. Gehörte die Kirche in Pillkallen um 1785 auch noch zum Kirchenkreis Ragnit, so war sie dann bis 1945 in den Kirchenkreis Pillkallen (Schloßberg) innerhalb der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union integriert. Der stetig wachsenden Gemeinde in dem 1726 zur Stadt erhobenen Ort waren zunächst ein Pfarrer, ab 1763 ein zweiter und ab 1884 noch ein Hilfsprediger zugewiesenFriedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968, S. 110–111. Im Jahr 1925 zählte die Kirchengemeinde 10.012 Gemeindeglieder, die in 32 Kirchspielorten wohnten.
Die Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung sowie die nachfolgende restriktive Religionspolitik der Sowjetunion brachten das kirchliche Leben in dem inzwischen Dobrowolsk genannten Ort zum Erliegen.
Heute liegt er im Einzugsbereich der neu entstandenen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Babuschkino (Groß Degesen), die zur Propstei Kaliningrad (Königsberg) der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland gehört.
Kirchspielorte Bis 1945 gehörten zum Kirchspiel Pillkallen (Schloßberg) 32 Orte, Ortschaften und WohnplätzeEin * kennzeichnet einen Schulort:
Name Änderungsname1938 bis 1946 RussischerName Name Änderungsname1938 bis 1946 Russischer Name Grieben Gribanowo Pillkallen Schloßberg Dobrowolsk *Groß Rudszen1936–38: Groß Rudschen Mühlenhöhe Poltawskoje Puschinnen Grenzhöhe *Groß Tullen Reinkenwalde Tuschino Salten Losowoje Jutschen Weidenbruch Welikolukskoje Schaaren Scharen Schtschedrino Kallnehlischken Ebenhausen (Ostpr.) Ismailowo Scharkabude Friedfelde (Ostpr.) *Karczarningken ab 1929: Blumenfeld Schelesno-doroschnoje *Schwarpeln Schwarpen Kurschehlen Siedlerfelde Nowoselowo Stehlischken Stehlau *Kurschen Archangelskoje *Szameitkehmen1936–38: Schameitkehmen Lindenhaus Bolotnikowo Laschen *Treczaken Treufelde Lobinnen Loben Uszballen1936–38: Uschballen Eichbruch Luschskoje Neu Rudszen1936–38: Neu Rudschen Poltawskoje *Uszpiaunehlen1936–46: Uschpiaunehlen Fohlental Nowouralsk Ossienen Ossen *Uszpiaunen1936–38: Uschpiaunen Kiesdorf Nikitowka Paslöpen *Uszrudszen1936–38: Uschrudschen Talwiesen Schatilowo Petereithelen Schleswighöfen Lukaschowka *Werskepchen Schwarzwiesen *Petereitschen Petershausen Weszkallen1936–38: Weschkallen Forsthusen Grusdjewo Petzingken Hainort Pskowskoje Wiltauten Schatzhagen
Pfarrer An der Pillkaller Kirche amtierten bis 1945 als evangelische Pfarrer: Georg Musa, ab 1582 Nicolaus Musa, 1614/1630 Johann Lassenius, 1643/1651 Simon Stabbert, ab 1648 Ludwig Schleswich, ab 1662 Elias Boltz, 1678–1695 Georg Siegmundt, 1695 Christoph Sperber, 1695–1710 Georg Christoph Müllner, 1710–1725 Sigismund Liebe, 1725–1729 Friedrich Preuß, 1729–1733 Friedrich Wilhelm Haack, 1733–1754 Georg Wilhelm Gazali, 1755–1756 Theodor Gabriel Mielke, 1755–1762 Gottfried Schlemüller, 1763–1779 Reinhard Theodor Friederici, 1763–1766 Georg Adam Voigt, 1766–1779 Johann Samuel Hart, 1779–1796 Gottfried Stephan Rückward, 1797–1810 Johann Friedrich Pusch, 1800–1801 Christian Wanner, 1802–1804 Samuel Friedrich Wigandt, 1804–1811 Leopold Wermbter, 1811–1825 Christian Wilhelm Trosien, 1812–1817 Christian David Möhring, 1819–1832 Johann Chr. Krause, 1825–1857 Eduard Dodillet, 1832–1839 Gustav Adolf Leopold Hecht, 1839–1847 Karl Ludwig Holder, 1847–1861 David Peteaux, 1857–1861 Eduard Dodillet, 1861–1876Angehöriger des Corps Littuania Otto Reichel, 1862–1870 Eduard Th. Heinrich Küsel, 1871–1875 Gustav Otto Viktor Schulz, 1876–1884 Cölestin Gotthold Ebel, 1877–1891 Hermann Adolf Grunau, 1884–1885 Leberecht Richard Schwede, 1884–1888 August Wilhelm E.P. Vangehr, 1888–1893 Robert Eugen Zilius, 1893–1908 Franz Karl Hugo Gregor, 1893–1903 Alexander Zimmermann, 1902–1911 Karl Kohn, 1903–1911 Erich Thiel, 1909–1945 Wilhelm Gottl. A.S. Gemmel, 1910 Ernst Garmeister, 1911–1922 Paul Rohrmoser, 1922–1924 Walter Kowalewski, 1925–1928 Walter Horn, 1928–1945 Willi Dobinski, 1942–1943 Gustav Geduhn, bis 1945 NN. Kloevekorn, bis 1945
Verweise
Kategorie:Erbaut in den 1750er Jahren Kategorie:Feldsteinkirche Kategorie:Kirchengebäude (lutherisch) Kategorie:Kirchengebäude der Kirchenprovinz Ostpreußen Kategorie:Zerstört in den 1940er Jahren Kategorie:Zerstört im Zweiten Weltkrieg