Unter Erziehungsstilen versteht man in der Psychologie, Pädagogik und Soziologie charakteristische Bündel grundlegender Einstellungen und Verhaltensmuster, die Eltern, Lehrer und andere Erziehende bei ihrer Erziehungstätigkeit erkennen lassen.
Unterschieden werden müssen Erziehungsstile von Erziehungskonzepten und Erziehungsphilosophien. Erziehungskonzepten und -philosophien liegen explizit intentionale Elemente wie pädagogische Ziele, Normen, Leitbilder und Ideale zugrunde. Erziehungsstile dagegen setzen sich aus erzieherischen Grundhaltungen und darauf aufbauenden Verhaltenstendenzen zusammen, die nicht notwendigerweise reflektiert sind.Köhne (2003), S. 255. Zu den Psychologen, die „Erziehungsstil“ in diesem Sinne (und im deutschsprachigen Raum) definiert haben, zählen vor allem das Ehepaar Anne-Marie und Reinhard Tausch, aber auch Helmut Lukesch, Heinz Walter Krohne und Michael Hock.Klaus Schneewind: Konsequenzen der Elternschaft. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht. Band 30, 1983, S. 161–172; Helmut Lukesch: Erziehungsstil. In: D. Lenzen (Hrsg.): Enzyklopädische Erziehungswissenschaft. Band 1: Theorien und Grundbegriffe der Erziehung und Bildung. 2. Auflage. Stuttgart 1992, S. 403–405; Heinz Walter Krohne, Michael Hock: Elterliche Erziehung und Angstentwicklung des Kindes: Untersuchung über die Entwicklungsbedingungen von Ängstlichkeit und Angstbewältigung. Huber, Bern 1994; Heinz Walter Krohne, Michael Hock: Erziehungsstil . In: D. H. Rost (Hrsg.): Handwörterbuch pädagogischer Psychologie. Beltz, Weinheim 1998. Die christliche, marxistische oder antiautoritäre Erziehung sind Beispiele für Erziehungskonzepte. Eine autoritäre, autoritative, verwöhnende, permissive oder vernachlässigende Erziehung sind Beispiele für Erziehungsstile.
Weil Erziehungsstile auf elementaren menschlichen Einstellungen basieren, sind sie beim Einzelnen meist recht stabil. Ihrer individuellen Disposition und ihrem eigenen Aufwachsen entsprechend verhalten Eltern sich, wenn sie erziehen, entweder nachgiebig oder konsequent, anspruchslos oder fordernd, skeptisch oder optimistisch, aggressiv oder freundlich, abweisend oder responsiv, selbstbezogen oder empathisch. Erziehungsstile sind individuelle Bündel solcher Merkmale, die in einer gegebenen Kultur als besonders charakteristisch gelten.Köhne (2003), S. 254.
Die Erziehungsstilforschung ist ein Teilgebiet der Sozialisationsforschung.
Geschichte der Erziehungsstilforschung Typologische Konzepte (Quelle: Lukesch, H. (1975). Erziehungsstile. Pädagogische und psychologische Konzepte. Stuttgart: Kohlhammer. ISBN 3-17-002290-3.)
Vorläufer Die wissenschaftliche Erforschung von Erziehungsstilen begann im 20. Jahrhundert. 1930 erschien Alfred Adlers Lehrbuch der Kindererziehung, in dem er die individualpsychologischen Konzepte auf die kindliche Entwicklung und auf die Erziehung in Schule und Elternhaus anwandte. Er hob besonders die überstrenge, die verwöhnend-verzärtelnde und die vernachlässigende Erziehung als störend bei der Charakterbildung hervor.Alfred_Adler: Kindererziehung. (1930). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-596-26311-5, S. 9.Alfred Adler: Wozu leben wir? (1931). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-596-26708-0, S. 24. Eine in den 1920er Jahren von Ernst Vowinkel entworfene Lehrertypologie blieb weitgehend unbeachtet.Ernst Vowinkel: Pädagogische Typenlehre. Rösl & Co., München 1923.
Lewin, Lippitt und White; Glen H. Elder Als Begründer der Erziehungsstilforschung gilt der Sozialpsychologe Kurt Lewin, der Ende der 1930er Jahre in den USA gemeinsam mit Ronald Lippitt und Ralph K. White Feldexperimente zu den Wirkungen unterschiedlicher Führungsstile auf das Leistungsverhalten von Jugendgruppen durchführte. Die Forschergruppe unterschied dabei zwischen einem autoritären, einem demokratischen und einem Laissez-faire-Stil und begründete damit eine Tradition typologischer Konzepte, die bei der Klassifikation von Erziehungsstilen bis in die 1970er Jahre Standard blieb. Wegweisend war diese Studie auch, weil hier erstmals der Versuch unternommen wurde, eine Unterscheidung von Erziehungsstilen auch empirisch abzusichern.Kurt Lewin, Ronald Lippitt, Ralph K. White: Patterns of aggressive behavior in experimentally created “social climates”. (PDF; 1,5 MB). In: Journal of Social Psychology. Band 9, 1939, S. 10, S. 271–299, ; Kurt Lewin: Feldtheorie in den Sozialwissenschaften. Ausgewählte theoretische Schriften. Hans Huber Verlag, Bern 1963; Köhne (2003), S. 256.
Führungsstile nach Lewin / Lippitt / White Typ Charakteristik (Auswahl) Autoritär Gruppenleiter trifft alle Entscheidungen allein, hält zur Gruppe Distanz; Lob und Kritik erfolgen personenbezogen Demokratisch Entscheidungen werden vom Leiter und der Gruppe gemeinsam getroffen; Leiter diskutiert mit der Gruppe, unterstützt und ermutigt die Mitglieder; Lob und Kritik erfolgen sachbezogen und konstruktiv Laissez-faire Leiter macht keine Vorgaben und beteiligt sich nicht an Gruppenentscheidungen; Arbeitsergebnisse werden nicht kommentiert oder bewertet
Eine Kontrollstudie von K. Birth und G. Prillwitz bestätigte 1959 die Befunde von Lewin, Lippitt und White; die Autoren postulierten auch drei von Lewin u. a. nicht beschriebene Führungsstile: einen verdeckt autoritären, einen Trainer- und einen Kontroll-Stil.K. Birth, G. Prillwitz: Führungsstile und Gruppenverhalten. In: Zeitschrift für Psychologie. Band 163, 1959, S. 230–301; Köhne (2003), S. 258.
Glen H. Elder, der sich mit Erziehungsstilen beschäftigte, ergänzte 1962 einen autokratischen, einen egalitären, einen permissiven und einen missachtenden (ignoring) Elterntyp.Glen H. Elder: Structural Variations in the Child Rearing Relationship. In: Sociometry. Band 25, Heft 25, 1962, S. 241–262, (Abstract und Vorschau)
Spranger In der Traditionslinie der geisteswissenschaftlichen Pädagogik steht Eduard Sprangers Klassifikation von Erziehungsstilen. Spranger unterschied folgende Erziehungsstile:Eduard Spranger: Pädagogische Perspektiven. Heidelberg 1950; Harald Riedel: Erziehungsstile nach Spranger.
Erziehungsstile nach Spranger Typen Erläuterung weltnah (direkt) vs. isolierend (inselhaft) Wird das Kind den Belastungen der Wirklichkeit bereits früh ausgesetzt oder so lange wie möglich davon befreit? frei (liberal) vs. gebunden (autoritär) Wird dem Kind viel oder wenig Eigeninitiative zugestanden? individualitätsbezogen vs. uniformierend Wird die Individualität des Kindes berücksichtigt oder wird es dem Ganzen untergeordnet? vorgreifend vs. entwicklungsgetreu Wird die Kindheit als Durchgangsstadium aufgefasst oder wird nur gelehrt, was das Kind zur Zeit wirklich aufnehmen kann?
Für die empirische Erziehungsstilforschung hatte Sprangers Klassifikation nur geringe Bedeutung. In noch stärkerem Maße gilt dies für die ganz am Schreibtisch entworfenen Klassifikationen von Hans Wollasch, Werner Linke und Johann Peter Ruppert.Hans Wollasch: Zur Typologie des Erziehers. In: W. Brezinka (Hrsg.): Erziehung als Beruf. Wien 1955; Werner Linke: Grundformen erzieherischen Handelns. In: H. W. Bähr, Th. Litt, N. Louvaris, H. Wenke (Hrsg.): Erziehung zur Menschlichkeit: Festschrift für Eduard Spranger. Niemeyer, Tübingen 1957, S. 291–305; Johann Peter Ruppert: Erzieherpersönlichkeit und Stilformen der Erziehung. Hogrefe, 1959; Köhne (2003), S. 255.
Baumrind In den 1940er Jahren entwickelte Alfred L. Baldwin noch heute angewandte Untersuchungsmethoden zur Analyse von Eltern-Kind-Interaktionen in den sogenannten Fels-Studien mittels Fragebögen und langfristigen Beobachtungen. Diese bildeten die Grundlage für die umfassenden Arbeiten von Diana Baumrind in den 1960er Jahren. Ihre Untersuchungen und Kategorisierungen von Erziehungsstilen haben die spätere Forschung stark beeinflusst. Baumrind unterschied zwischen einem autoritären, einem autoritativen und einem permissiven Typ elterlicher Kontrolle:Diana Baumrind, Allen E. Black: Socialization practices associated with dimensions of competence in preschool boys and girls. In: Child Development. Band 38, 1967, S. 291–327; Diana Baumrind: Child-care practices anteceding three patterns of preschool behavior. In: Genetic Psychology Monographs. Band 75, 1967, S. 43–88; Diana Baumrind: Current patterns of parental authority. In: Developmental Psychology Monograph. Band 4, Heft 1, Teil 2, 1971; Diana Baumrind: The development of instrumental competence through socialization. In: A. Pick (Hrsg.): Minnesota Symposium on Child Psychology. University of Minnesota Press, Minneapolis 1973, S. 3–46; Diana Baumrind: Some thoughts about childrearing. In: U. Bronfenbrenner, M. A. Mahoney (Hrsg.): Influences on human development. The Dryden Press, Hinsdale IL 1975, S. 270–282; Diana Baumrind: The influence of parenting style on adolescent competence and substance use. In: Journal of early adolescence. Band 11, Heft 1, 1991, S. 56–95.
Erziehungsstile nach Baumrind Typ Charakteristik (Auswahl) Autoritär Eltern fordern vom Kind primär Gehorsam; Bestrafungen sind das bevorzugte Erziehungsmittel; die Autonomie des Kindes kann beschränkt sein; verbaler Austausch durch Diskussionen ist selten; ein besorgtes und behütendes Verhalten ist ebenso möglich wie ein vernachlässigendes Autoritativ Eltern schätzen den autonomen und eigenen Willen des Kindes und berücksichtigen seine Interessen, die elterliche Sichtweise hat jedoch Vorrang und es wird Gehorsam erwartet; um sich durchzusetzen, verwenden die Eltern sowohl Argumente als auch ihre Macht; elterliche Entscheidungen werden diskutiert Permissiv Eltern akzeptieren das Verhalten des Kindes und schränken seine Handlungsspielräume und seine Autonomie nicht ein; sie sehen sich nicht als aktiv Handelnde, die für eine erzieherische Steuerung der Verhaltensentwicklung des Kindes verantwortlich sind; ein liebevolles und behütendes Verhalten ist ebenso möglich wie ein vernachlässigendes
Weitere In Deutschland entwickelte Christian Caselmann in den 1960er Jahren eine Typologie speziell für Lehrer; er unterschied logotrope (der Wissenschaft zugewandte) und paidotrope (dem Kind zugewandte), autoritative und mitmenschliche, wissenschaftlich-systematische, künstlerisch-organische und praktische Unterrichtsstile.Christian Caselmann: Wesensformen des Lehrers. Stuttgart 1964; Christian Caselmann: Differentielle Psychologie des Lehrers und Erziehers. In: K. Strunz (Hrsg.): Pädagogische Psychologie für Höhere Schulen. München/Basel 1967, S. 453–465.
Dimensionierte Konzepte