mini|hochkant|Randolfo Pacciardi Randolfo Pacciardi (* 1. Januar 1899 in Giuncarico, Gavorrano, Provinz Grosseto, Toskana; † 14. April 1991 in Rom) war ein italienischer Antifaschist, Politiker der Partito Repubblicano Italiano (PRI) und in der Nachkriegszeit Verteidigungsminister der Italienischen Republik.

Leben Engagement in der PRI und Exil in der Schweiz Pacciardi absolvierte nach dem Schulbesuch ein Studium der Rechtswissenschaften. Für den jungen, ehrgeizigen Anwalt aus der Maremma war der ältere und politisch erfahrene Anwalt und Politiker Giovanni Conti Lehrer und Mentor zugleich.Am 15. Mai 1922 schrieb Conti an Agostino Ghisleri über seine Begegnung mit Pacciardi: Ich kenne ihn, seit er, ein Schüler in Grosseto, an meinen Konferenzen als Zuhörer teilnahm. Er war im Krieg ein mutiger Soldat, wurde mit drei Silbermedaillen geehrt und für die Goldmedaille vorgeschlagen. Nach dem Krieg hat er den Gymnasialabschluss gemacht und sich an der Universität eingeschrieben; im November wird er seinen Doktor in Rechtswissenschaften erlangen und ich werde aus ihm einen tüchtigen und ehrlichen Anwalt machen. Nun ist er seit sechs Monaten bei mir in der Kanzlei und macht seine ersten Erfahrungen. Ich halte viel von ihm und seine Seele ist rein. – Vgl. Antonluigi Aiazzi, Democrazia come Civiltà. Il carteggio Ghisleri-Conti 1905-1929, Milano 1977 (Editrice Politica Moderna), S. 355 Pacciardi begleitete Conti auf Wahltournee im Latium, in der Toskana und in Umbrien und verfasste Artikel für La Voce Repubblicana, die Tageszeitung der PRI, die Conti im Januar 1921 gegründet hatte.Paolo Palma, Randolfo Pacciardi. Profilo politico dell’ultimo mazziniano, Soveria Mannelli 2012 (Rubbettino), S. 117.

Nach Abschluss des Studiums nahm er eine Tätigkeit als Rechtsanwalt auf. Im Jahre 1923 gehörte er mit Gigino Battisti und Raffaele Rossetti zu den Gründern von Italia Libera, einer Vereinigung antifaschistischer Kriegsveteranen, die nach der Ermordung von Giacomo Matteotti Protestkundgebungen veranstaltete.Randolfo Pacciardi, Verso l’esilio. In: P. Ingusci, A. De Donno et al., Egidio Reale e il suo tempo, Firenze 1961 (La Nuova Italia), S. 96 Bis zur Auflösung der Vereinigung im Jahre 1925 blieb er deren Sekretär. In den 1920er Jahren war er als Nachfolger von Giovanni Conti zusammen mit Fernando Schiavetti und Ugo La Malfa Herausgeber von La Voce Repubblicana. Nach dem Verbot aller antifaschistischen Zeitungen musste auch La Voce Repubblicana im Jahre 1926 ihr Erscheinen einstellen.

Am 16. Dezember 1926 sprach die Confino-Kommission in Rom ein „Verbannungs-Urteil“ gegen den „bekannten Antifaschisten“ Randolfo Pacciardi aus.Adriano Dal Pont, Simonetta Carolini: L’Italia al confino 1926-1943. Le ordinanze di assegnazione al confino emesse dalle Commissioni provinciali dal novembre 1926 al luglio 1943, Milano 1983 (La Pietra), Bd. IV, S. 1325–1326 Um sich der bevorstehenden Verhaftung zu entziehen, ging er gemeinsam mit Egidio Reale ins Exil in die Schweiz.Paolo Palma: Randolfo Pacciardi. Profilo politico dell’ultimo mazziniano. Rubbettino, Soveria Mannelli 2012, S. 119. Während Egidio Reale die Westschweiz vorzog, ließ sich Pacciardi in Lugano nieder, wo ihm Guglielmo Canevascini die Redaktion der „Libera Stampa“ anvertraute. Vom Kanton Tessin aus kämpfte er im Untergrund gegen das faschistische Regime weiter, sowohl publizistisch als auch durch die Organisation von und Teilnahme an konkreten Aktionen (z. B. der Flug von Giovanni Bassanesi und Gioacchino Dolci über Mailand). Über Lugano wurden Druckschriften nach Italien geschmuggelt, und von Lugano aus gelangten antifaschistische Kämpfer (z. B. Fernando de Rosa, Sandro Pertini, Luigi Delfini) mit falschen Papieren versehen nach Italien.Randolfo Pacciardi: Verso l’esilio. In: P. Ingusci, A. De Donno u. a.: Egidio Reale e il suo tempo. La Nuova Italia, Firenze 1961, S. 104–105 1933 wurde er vom Außenminister der Schweiz, Giuseppe Motta, ausgewiesen und ließ sich in Frankreich nieder.

Exil in Frankreich, Spanischer Bürgerkrieg und Zweiter Weltkrieg Im April 1933 wurde er als Nachfolger von Raffaele Rossetti erstmals Sekretär der von Benito Mussolini verbotenen Republikanischen Partei Italiens (PRI) und übte dieses Amt bis zu seiner Ablösung durch Giuseppe Chiostergi im März 1934 aus. Pacciardi, ein überzeugter Antifaschist, nahm 1937 als Kommandeur des Garibaldi-Bataillons am Spanischen Bürgerkrieg teil. Das Bataillon nahm u. a. an der Verteidigung von Madrid teil und vertrieb in Guadalajara die auf der Seite Francos kämpfenden italienischen Truppen. In der Schlacht am Jarama wurde er verwundet. Über seine Erfahrungen in Spanien verfasste er ein Buch, das ein Jahr später in der Schweiz herausgegeben wurde.Randolfo Pacciardi: Il Battaglione Garibaldi. Volontari italiani nella Spagna Repubblicana. Nuove Edizioni di Capolago, Lugano 1938. Im Sommer 1937 verließ er Spanien und kehrte nach Frankreich zurück.

Im selben Jahr begann er, die Republikanische Partei Italiens in Frankreich zu reorganisieren. Ende Jahr gründete er eine Wochenzeitung, La Giovine Italia, die zunächst in Paris und ab Herbst 1938 in Annemasse erschien. Er berief Ottavio Abbati nach Paris und vertraute ihm die Administration der Zeitung an, deren erste Nummer am 4. Dezember 1937 erschien. Die Zeitung verstand sich nicht als Partei-, sondern als antifaschistische Zeitung. Zu den Autoren, die regelmäßig Artikel für die Giovine Italia verfassten, gehörten Alberto Tarchiani, ehemals Chefredaktor der Tageszeitung Corriere della Sera und Gründungsmitglied von Giustizia e Libertà, der ehemalige Außenminister Carlo Sforza, ferner Egidio Reale und der Präsident der französischen Liga für Menschenrechte, Victor Basch. Die vierte Seite der Zeitung war in französischer Seite verfasst und wurde von Mario Pistocchi betreut, einem prominenten republikanischen Emigranten und Publizisten. Die meisten Artikel auf dieser Seite stammten von Pistocchi und Albert Bayet, einem französischen Soziologen und Publizisten.

Im Februar 1938 brach Pacciardi auf Einladung der italo-amerikanischen antifaschistischen Organisationen zu einer Vortragsreise in den Vereinigten Staaten auf, wo er über den Spanischen Bürgerkrieg und den Antifaschismus referierte. Die Reise diente der Herstellung von Kontakten und auch dem Fundraising, um die Herausgabe der Giovine Italia langfristig zu sichern. Während seiner Abwesenheit hatte Ottavio Abbati das Sekretariat der Republikanischen Partei inne.La Giovine Italia, 22. Januar 1938, S. 3 Nach seiner Rückkehr und anlässlich des VIII. Kongresses der Partei im Juni desselben Jahres wurde er gemeinsam mit Cipriano Facchinetti abermals PRI-Sekretär.Paolo Palma: Randolfo Pacciardi. Profilo politico dell’ultimo mazziniano.Rubbettino, Soveria Mannelli 2012, S. 125 Das Amt des PRI-Sekretärs übten er und Facchinetti bis zu ihrer Ablösung durch Mario Carrara (Mazzini-Society, New York) im Januar 1942 aus.

1939 gründete Pacciardi mit anderen Antifaschisten (Lionello Venturi, Giuseppe Antonio Borgese, Gaetano Salvemini, Michele Cantarella, Aldo Garosci, Carlo Sforza, Alberto Tarchiani, Max Ascoli u. a.) die Mazzini-Society, die sich im Gegensatz zu anderen Giustizia e Libertà-Gruppierungen gegen die Monarchie und gegen das Abkommen aussprach, das GL-Vertreter in Toulouse mit sozialistischen und kommunistischen Widerstandskämpfern unterzeichnet hatten.

Flucht aus Frankreich Nach der deutschen Besetzung von Paris 1940 ließ sich Pacciardi in Marseille nieder. Die Lage der politischen Emigranten wurde immer prekärer; aus ganz Frankreich strömten jüdische Flüchtlinge und politisch Verfolgte nach Südfrankreich, von wo sie sich nach Übersee zu retten hofften. Pacciardi war unmittelbar gefährdet, denn sein Name erschien auf einer Liste von 123 in Frankreich lebenden „gefährlichen Subversiven“, die die faschistische Polizei den deutschen Besatzungsbehörden übermittelt hatte.Elisa Signori, Républicains et giellistes en France entre guerre d’Espagne et Résistance, in: Pierre Milza, Denis Peschanski (Hrsg.): Exils et Migration. Italiens et Espagnols en France (1938-1946). 1995; S. 563–564 Ihm drohte die Verhaftung und die Überstellung nach Italien. In Marseille begannen Pacciardi und Emilio Lussu die Ausreise ihrer Gefolgsleute (PRI bzw. Giustizia e Libertà) aus Frankreich zu organisieren. Sie nahmen Kontakt mit dem Centre Américain de Secours unter Varian Fry auf, der beide Unternehmen finanziell unterstützte. Während es unter Lussus Führung den Militanten von Giustizia e Libertà gelang, Frankreich zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen, scheiterten Pacciardis Fluchtpläne an der mangelhaften Planung und an einem allzu sorglosen Umgang desselben mit Geld."What had been lacking were places to hide in once the refugee had arrived in Africa, and some way of moving them on to Lisbon or Gibraltar from there. For these, we turned to the two Italians, Lussu and Pacciardi. Since most of the Italians felt they couldn’t go through Spain safely, no matter what papers or disguises they had, Lussu and Pacciardi had been working on schemes to get their men across to Africa, and thence to Gibraltar or Lisbon. Their ideas on how to do this differed radically. Lussu, the more cautious of the two, sought and found genuine safe conducts from Marseille to Oran or Algiers, and then sent his people on to Casablanca by an underground railway which he had built up by remote control from Marseille. Pacciardi stowed his people away for the Mediterranean crossing, hid them in Oran, and was planning to put them all on a big fishing boat which was to take them to Gibraltar". (Varian Fry, Surrender on demand, New York 1945 (Random House), S. 189–190). Pacciardi vermochte Varian Fry nicht zu beeindrucken. "To me he seemed somewhat naive and even a trifle swashbuckling, but I knew that the people back in New York had great confidence in him.", S. 109 Im November 1941 bestieg Pacciardi in Casablanca den portugiesischen Frachter Serpa Pinto und ließ seine politischen Freunde, darunter Ottavio Abbati, in Oran mittellos zurück.Das Debakel der Fluchtverbindung über Oran und das Scheitern der Zusammenarbeit zwischen Pacciardi und dem Centre Américain de Secours in Marseille sind beschrieben in: Anne Klein: Flüchtlingspolitik und Flüchtlingshilfe 1940–1942. Das Varian-Fry-Komitee in Marseille und New York. Berlin 2007, S. 354–355

Exil in New York und Rückkehr nach Rom